Bisphenol A: Plastik macht dick

1. März 2017
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Die allgegenwärtige Chemikalie Bisphenol A kann dick machen. Neurowissenschaftler haben nun herausgefunden, warum. BPA stört offenbar den Stoffwechsel des „Sättigungshormons“ Leptin. Doch entscheidend ist der Zeitpunkt der BPA-Exposition.

Bisphenol A (BPA) ist in der industrialisierten Welt nahezu allgegenwärtig. Es kommt beispielsweise in Plastikverpackungen, in Konservendosen und in der Beschichtung von Kassenzetteln vor. Im Zuge von Populationsstudien konnte BPA – oder Derivate der Substanz – bei 90 Prozent aller Teilnehmer im Urin nachgewiesen werden.

BPA wirkt wie Östrogen

Schon seit vielen Jahren ist bekannt, dass BPA ähnlich wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen wirkt und damit bereits in geringen Dosen den menschlichen Hormonhaushalt empfindlich beeinflussen kann. Die Substanz gilt als schwacher Agonist der klassischen, nuklearen Östrogen-Rezeptoren und als relativ starker Agonist des Östrogen-empfindlichen Membranrezeptors GPR30. Doch auch andere nuklearen Rezeptoren beeinflusst BPA agonistisch oder antagonistisch. 2013 berichtete DocChek, dass BPA den Zahnschmelz nachhaltig und irreversibel schädigen kann. Auch ein höheres Risiko für Autismus, gestörte Wachstumsprozesse und Übergewicht wurde bereits mit BPA in Verbindung gebracht.

 

Zeitpunkt der Exposition offenbar entscheidend

Wissenschaftler vermuten, dass der Entwicklungsstatus zum Zeitpunkt der BPA-Exposition maßgeblich für den Grad der Veränderungen im betreffenden Organismus ist. Zahlreiche Studien an Nagern hatten bereits gezeigt, dass eine frühe Exposition mit BPA das Körpergewicht, den Glukose– und den Leberstoffwechsel beeinflusst. Auch beim Menschen ist die pränatale Phase eine besonders sensible Zeit für das heranwachsende Kind, in der Umwelteinflüsse bereits in geringen Dosen weitreichende Auswirkungen haben können.

Wer häufig mit Thermopapier von Kassenbons in Berührung kommt, hat nachweislich mehr BPA im Urin. Foto: Lkawer, gemeinfrei.

Wer häufig mit Thermopapier von Kassenbons in Berührung kommt, hat nachweislich mehr BPA im Urin. Foto: Lkawer, gemeinfrei.

Hohe BPA Konzentrationen der Mutter macht Kinder dick

Eine Kohorten-Studie1 an 369 Mutter-Kind-Paaren aus New York City, die 2016 in „Environmental Health Perspectives“ veröffentlich wurde, zeigte: Je höher die  BPA-Konzentration während der Schwangerschaft im Körper der Mutter war, desto dicker waren die Kinder mit 7 Jahren. Basis der Studie war ein Urintest der Schwangeren im dritten Trimester der Schwangerschaft auf BPA, sowie Urintests der Kinder zwischen 3 und 5 Jahren. Zwischen dem 5. und 7. Lebensjahr der Kinder erfassten die Forscher Größe, Gewicht und Fettmasse der Kinder. Mädchen waren von der Erhöhung des Fettmasseindex (Körperfettmasse im Verhältnis zur Körpergröße) durch BPA besonders betroffen.

Die BPA-Belastung, der die Kinder nach der Geburt ausgesetzt waren, schien hingegen keinen Einfluss auf das Körpervolumen der Kinder zu haben, denn die Wissenschaftler konnten in dieser Studie keine Korrelation zwischen dem BPA-Gehalt im Urin der Kinder und dem Grad des Übergewichts feststellen. „Die vorgeburtliche Exposition mit BPA könnte ein Grund dafür sein, dass immer mehr Kinder schon in jungen Jahren mit Übergewicht zu kämpfen haben“, schlossen die Forscher aus ihren Studiendaten.

In Milchflaschen für Babys wurde BPA im Jahr 2011 verboten. Von Simplicius , CC BY-SA 3.0.

In Milchflaschen für Babys wurde BPA im Jahr 2011 verboten. Von Simplicius , CC BY-SA 3.0.

Leptin sendet Sättigungssignal

Ein weiteres Wissenschaftlerteam hat nun erste Hinweise2 gefunden, warum BPA dick macht. Die Studie erschien in der Zeitschrift „Endocrinology“. Übergewicht entsteht, wenn der Körper mehr Nahrung aufnimmt, als er benötigt. Normalerweise sendet das auch als „Sättigungshormon“ bezeichnete Leptin ein Signal an den Hypothalamus, wenn die Fettspeicher des Körpers ausreichend gefüllt sind. Weil der Körper dann keine weitere Nahrung mehr aufnehmen muss, zügelt Leptin den Appetit. Bei stark übergewichtigen Menschen funktioniert diese Kaskade häufig nicht mehr richtig. Wissenschaftler vermuten, dass der Fehler in der Kommunikation zwischen Hormon und Gehirn liegt, denn die Appetitzentren im Gehirn nehmen das Sättigungssignal nicht mehr wahr und die Betroffenen essen weiter, obwohl der Körper längst keine Nahrung mehr benötigt.

BPA-Fütterungsversuche an trächtigen Mäusen

Um zu prüfen, ob auch BPA über Leptin die Sättigungszentren im Gehirn beeinflusst, setzten die Wissenschaftler den Stoff der Nahrung von trächtigen Mäusen zu. Die Menge an BPA entsprach einer Konzentration, die von den zuständigen Behörden als unbedenklich eingestuft wird. Die ebenfalls trächtigen Kontroll-Mäuse erhielten dasselbe Futter ohne BPA oder mit der östrogen-ähnlichen Substanz Diethylstilbestrol (DES). Als die Mäusebabys geboren waren, untersuchten die Forscher im Blut und im Gehirn der Tiere, wie sie auf Leptin reagierten.

Das Ergebnis: Die jungen Mäuse aus den BPA-belasteten Muttertieren reagierten kaum auf das injizierte Leptin, das bei unbelasteten jungen Mäusen zu einem Sättigungsgefühl führte. Die vorbelasteten Mäuse verloren während des Versuchs weniger Gewicht als unbelastete Jungtiere.

In einem nächsten Schritt untersuchte das Team, warum der Leptin-Stoffwechsel bei diesen Tieren gestört war. Der Grund für das fehlende Sättigungsgefühl ist offenbar ein fehlender Leptin-Schub, den junge Mäuse normalerweise kurz nach der Geburt erfahren. Bleibt dieser Schub aus oder tritt wie bei den Versuchsmäusen verspätet auf, ist der Hypothalamus für Leptin-Signale nicht mehr voll empfänglich.

BPA verändert Schaltkreise im Hypothalamus

„Unsere Studie macht deutlich, dass Bisphenol A bei Mäusen Übergewicht auslösen kann, indem es die Schaltkreise im Hypothalamus verändert, die das Fressverhalten und die Energiebalance der Tiere steuern“, so Studienleiter Alfonso Abizaid von der Carleton University in Ottawa, Kanada. „Sind die Tiere BPA ausgesetzt, verändert sich ihre Neurobiologie dauerhaft, sodass sie auch als ausgewachsene Tiere dick bleiben.“

Das Gehirn der BPA-belasteten Tiere hatte sich auch physisch verändert. So waren die Regionen im Hypothalamus, die den Energiehaushalt steuern, weniger dicht strukturiert als bei unbelasteten Tieren. Entsprechend waren diese Regionen auch weniger aktiv.

Direkt auf den Menschen übertragen lassen sich die Studienergebnisse zwar nicht, sie verdeutlichen jedoch, wie BPA Übergewicht fördern kann. Abizaid dazu: „Da BPA auch beim Menschen bereits mit Übergewicht in Verbindung gebracht wurde, könnte der Stoff hier auf ähnliche Weise wirken und zu Übergewicht und Stoffwechsel-Störungen führen.“

Frankreich: BPA-Verbots-Vorreiter

Seit März 2011 dürfen europaweit keine Babytrinkflaschen aus BPA-haltigem Kunststoff mehr verkauft werden. Während die Die EU Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nach Auswertung neuer Studien im Januar 2015 den Grenzwert für die als unbedenklich geltende tägliche Aufnahme von Bisphenol A durch den Menschen von bisher 50 Mikrogramm auf 4 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag gesenkt hat, hat Frankreich die Verwendung von BPA zu diesem Zeitpunkt generell verboten. In Deutschland ist ein generelles BPA-Verbot bisher nicht in Sicht.

 

Quellen:

1 Bisphenol A and Adiposity in an Inner-City Birth Cohort. Environ Health Perspect. 2016 Oct;124(10):1644-1650.

2 Perinatal Exposure to Low-Dose Bisphenol-A (BPA) Disrupts the Structural and Functional Development of the Hypothalamic Feeding Circuitry. Endocrinology en.2016-1718.

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20 Kommentare:

Hartmut Wahl
Hartmut Wahl

@doc#16: aber vitte mit holzgriff ;)

#20 |
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Gast
Gast

#17 wer’s glaubt wird selig. Das war einmal, die Zahlen retten sich durch intensivmedizinsche Betreuung. In 20 Jahren dürften Sie das auch mitbekommen, da bin ich ganz beruhigt.

#19 |
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Dr. med. Dipl.-Chem. Herbert Lichtnecker
Dr. med. Dipl.-Chem. Herbert Lichtnecker

Böse Vermischnung von gesicherten Erkenntnissen und gefühlten Vermutungen. Kausalitätsdenken in dem Artikel entspricht dem des Auftretens von Störchen in einer Region und einer Erhöhung der Geburtenrate…..

#18 |
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Gast
Gast

@Horst Rieth

Genau, es ist alles so schrecklich vergiftet, darum steigt auch die Lebenserwartung immer weiter an.

#17 |
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Dr. med. Ursula M. Schleicher
Dr. med. Ursula M. Schleicher

ad 2#: Wenn man ein Messer hat, kann man die Tomaten vielleicht auch selbst in Stücke schneiden, braucht dann zum Einkaufen nur einen Stoffbeutel.

#16 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

Es ist schon herrlich in dieser Welt zu leben, ein großes Abenteuer im großen Versuchslabor der Chemiegiganten zum Wohle der Menschheit. Glyphosat, Bisphenol A, Asbest, Amalgame, Acrylate, ………….. Wechselwirkungen, Synergien NOCH unbekannt.
Wenn wir uns nicht gewaltsam vernichten, dann eben schleichend vergiften.
Irgendwie werden wir es schon schaffen. : )

#15 |
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Gast
Gast

Ich frage mich warum BPA dann großzügig in der Zahnmedizin verwendet wird, zb in dem Kleber bzw Zement Bifix zum fixieren von Kronen,welche ja über viele Jahre im Mund verweilen…
Kein Wunder also dass Wie im Artikel beschrieben der Zahnschmelz zerstört wird.

#14 |
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Gast
Gast

Zumindest der Absatz dass dadurch vermehrt Autismus entstehe klingt doch etwas nach Aluhut-Propaganda.

#13 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

danke

#12 |
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@9
Herr Dr. Stute,

gemeint sind die Konsequenzen, die von der Politik und den maßgeblichen Stellen gezogen worden sind. Ein BA-Verbot für Schnuller und Babyfläschchen – das war´s. Gegenüber dem flächendeckenden Einsatz von BA ist das zu wenig. Ich hoffe, ich konnte das Mißverständnis ausräumen.

#11 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

durch Plastikflaschen wird außerdem auch ANTIMON freigesetzt

#10 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

Bisphenol A wird nicht direkt bei Füllungen und Versiegelungen der Zähne eingesetzt, dafür aber Bisphenol A basierende Stoffe wie Bisphenol A-Glycidylmethacrylat (Bis-GMA) und Bisphenol A- Dimethacrylat (Bis-DMA). so wird B . A im Mund ständig freigesetzt . Generell sind die zahnfarbenen, lichthärtenden Füllungsmaterialien genauso kritisch zu sehen wie Amalgam – nur auf einer anderen Störungsebene.

Herr Boxberger : ? endogene Disruptoren – nicht nur B. A – blockieren die Hormonrezeptoren u. das soll vernachlässigbar sein , wo die Hormonrezeptoren wegen der Einnahme nicht bioidentischer Hormone sowieso schon nicht optimal funktionieren . ?

#9 |
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Alles schon lange bekannt:

https://pagewizz.com/bisphenol-a-die-umstrittene-massenchemikalie-33745/

Konsequenzen: vernachlässigbar.

#8 |
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Gast
Gast

Es ist allerdings auch nicht sicher auszuschließen, dass das, was in den Plastikflaschen drin ist, und da,s was auf dem Kassenzettel drauf steht, dick und krank macht.

#7 |
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Gast
Gast

@#4 Was bitte hat denn das ärztliche Personal damit zu tun?

#6 |
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Und : WIE GEFÄHRLICH SIND PLASTIKFLASCHEN?
Zwei Drittel aller gekauften Wasserflaschen in Deutschland sind PET-Flaschen. Es heißt, aus dem Plastik gelangen schädliche Substanzen ins Getränk:

http://www.fitforfun.de/abnehmen/gesund-essen/pet-flaschen-wie-gefaehrlich-sind-plastikflaschen_aid_11235.html

#5 |
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Gast
Gast

Wir danken hiermit unserer “Gesundheitseinrichtung” und dem ärztlichem Personal, die, obwohl Bisphenol A in etlichen Ländern aus gesundheitlichen Gründen verboten, dies bei uns belassen …
Warum wohl?

#4 |
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Dr. med. lars Qvick
Dr. med. lars Qvick

plastik wieder

#3 |
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Dr. med. Susanne Bihlmaier
Dr. med. Susanne Bihlmaier

Bisphenol A findet sich u.a. in der “schön-appetitlichen”, weißen Innenauskleidung selbst von Biokonserven (so bestätigte mir Alnatura auf meine Anfrage bei Tomatenstücken in der Dose). Weil der Verbraucher das fleckig-graue Innenleben der nicht ausgekleideteten Konserven nicht mag… Deutlich teurere Tomatenstücke im Glas dagegen sind schwer zu finden, gibt es fast nur von kleinen “Bio-aus-Liebe-Produzenten”. Hier hält der Verbraucher eine Macht in Händen, die er nützen kann- so er denn weiß, wo überall dieser Stoff drin ist und so er bereit ist, dafür zu zahlen. “Billige Nahrungsmittel kommen unsrer Gesundheit teuer zu stehen”- wie war.

#2 |
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GastX
GastX

Ja, prinzipiell schon lange bekannt als EINE Problematik der Kunststoffe – und trotzdem werden mehr und mehr Kunststoffe produziert und verwendet. Wenn BPA verboten wird, werden alternativ andere Stoffe in Kunststoffen verwendet, bei denen die Risiken noch weniger bekannt sind. Nach meiner Ansicht sollten wir darauf achten weniger Kunststoffe als Verpackungen, Mikropartikel in Zahncremes, Milchfläschen, Kinder-Fahradanhängern, Kleidung etc. zu kaufen.

#1 |
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