Arthroseschmerz: Die Oops-Studie

24. Februar 2017
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Das hat sich Tedec-Meiji Farma bestimmt anders vorgestellt! Das spanische Unternehmen sponserte eine Studie, um die Wirksamkeit ihres Präparates zu untersuchen. Das Ergebnis: Das Placebo lindert Arthroseschmerzen besser als das Nahrungsergänzungsmittel.

Ein Risikofaktor für Arthrose ist, neben dem höheren Lebensalter und dem weiblichen Geschlecht, auch Übergewicht. Mithilfe einer geeigneten Ernährung sollen die Betroffenen dieses wieder normalisieren und dadurch ihre Gelenke entlasten. Zudem erhalten sie gegen ihre Beschwerden Antirheumatika, evt. Glukokortikoide sowie eine physikalische Therapie. Auch das Bewegungsmanagement hat seinen festen Platz in der Arthrosetherapie. All diese Maßnahmen wirken jedoch nur symptomatisch.

Glucosamin und Chondroitinsulfat

Die therapeutische Lücke und der hohe Leidensdruck der Betroffenen sind vermutlich der Grund, weswegen sich „Knorpelschutzmittel“ wie Glucosamin und Chondroitinsulfat immer noch großer Beliebtheit erfreuen. Glucosamin ist ein wichtiger Baustein des Knorpels, der als Tablette die Regenerierung des Knorpels unterstützen soll. Chondroitinsulfat wird normalerweise von Chondroblasten gebildet und erhöht die Widerstandsfähigkeit des Knorpels.

Als Beleg für die Wirksamkeit dieser beiden Präparate wird häufig die Untersuchung der Wissenschaftler um Prof. Marc Hochberg zitiert. Dieser hatte Anfang 2016 in einer doppelverblindeten Studie die Wirksamkeit der Glucosamin/Chondroitinsulfat-Kombination mit der von Celecoxib verglichen. Teilgenommen hatten etwa 600 Patienten mit Osteoarthritis und moderaten bis starken Schmerzen.

Die Leute erhielten entweder dreimal täglich ein Präparat mit 400 mg Chondroitinsulfat und 500 mg Glucosamin oder jeden Tag 200 mg Celecoxib. Sechs Monate später war die Schmerzintensität in beiden Gruppen um etwa 50 Prozent gesunken. Finanziert wurde die Studie von den Pharmaunternehmen Bioiberica und Pfizer, welche unter anderem die Medikamente kostenlos zu Verfügung gestellt und an der Auswertung der Daten teilgenommen hatten. Allerdings gab es an der Veröffentlichung starke Kritik. Zum einem weil der Placeboarm fehlte, zum anderen aufgrund des Studiendesigns.

Unsichere Datenlage

Das Thema „Nahrungsergänzungsmittel bei Arthrose“ wurde auch beim Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie im Jahr 2014 diskutiert. Viele Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln würden nämlich den Menschen mit Arthrose versprechen, dass diese die Schmerzen in den Gelenken lindern oder einem Verschleiß vorbeugen könnten. Diese angebliche Wirkung sei jedoch in Studien nur in geringem Maße belegt. „Viele Medikamente, die einer Arthrose vorbeugen oder ihr Fortschreiten verhindern sollen, liegen nur knapp über oder auf dem Niveau eines Placebo-Effekts“, so der niedergelassene Facharzt für Orthopädie/Unfallchirurgie und für physikalische/rehabilitative Medizin, Dr. Uwe de Jager. Auch für Nahrungsergänzungsmittel wie Chondroitinsulfat, Muschelextrakte, acetyliertes Hydroxyprolin, Heilpflanzen oder homöopathische Mittel sei die Wirkung nicht ausreichend nachgewiesen. Lediglich bei Glucosamin sei die Datenlage etwas besser.

Überzeugt von der Wirkung

Doch wie sieht es mit der Wirksamkeit und Sicherheit einer Kombination aus Glucosamin und Chondroitinsulfat? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, holte sich das Team um Jorge Roman-Blas von der Madrider Fundación Jimenez Diáz das spanische Unternehmen Tedec-Meiji Farma an Bord. Diese Firma war so überzeugt von der Wirksamkeit ihres Präparates, dass sie die Studie finanzierte und die Medikamente sponserte.

Primärer Endpunkt der Studie sollte die Veränderung der Schmerzintensität auf der visuellen Analogskala (VAS) sein. Diese Einschätzung ist jedoch subjektiv, weswegen man für eine aussagekräftige Studie einen Placeboarm benötigt. Für die Interpretation der Daten wurde zudem ein unabhängiges Expertengremium betraut.

Bereits nach sechs Monaten beendet

An der randomisierten, kontrollierten Doppelblindstudie hatten etwa 160 Menschen mit einer Arthrose des Kniegelenks und mäßigen bis starken Schmerzen teilgenommen. Sie erhielten täglich entweder 1.200 mg Chondroitinsulfat und 1500 mg Glucosaminsulfat oder ein Placebo. Die durchschnittliche Schmerzintensität betrug auf einer 100 mm breiten VAS zu Studienbeginn 62 mm. Nach sechsmonatiger Behandlung gaben die Teilnehmer der Glucosamin/Chondroitinsulfat-Gruppe an, dass ihre Schmerzen um etwa 12 mm oder 19 Prozent gesunken seien. In der Placebogruppe betrug der Rückgang 20,5 mm oder 33 Prozent. Da dieser Unterschied signifikant war, wurde die Studie – obwohl auf zwölf Monate angelegt – bereits nach dieser Zwischenanalyse beendet.

Nicht die erste Studie

Die spanischen Wissenschaftler sind nicht die ersten, die in ihrer Studie die „Nicht-Überlegenheit der Glucosamin/Chondroitinsulfat-Kombination“ nachgewiesen haben. Vor zwei Jahren veröffentlichte beispielsweise Kate Lapane von der University of Massachusetts Medical School in Worcester ein 4-Jahres-Follow-up. Diesem zufolge soll sich die Einnahme des Nahrungsergänzungsmittels nicht signifikant auf die Arthroseschmerzen auswirken. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch schon eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2010. Dieser zufolge war weder bei der Schmerzintensität noch in den radiologischen Befunden eine positive Wirkung zu erkennen.

Dass jedoch sogar das Placebo signifikant besser wirkte als die Glucosamin/Chondroitinsulfat-Kombination, dürfte das Team um Jorge Roman-Blas ziemlich überrascht haben. Als Erklärung für dieses unerwartete Ergebnis geben die Autoren an, dass die Menschen der Glucosamin/Chondroitinsulfat-Gruppe häufiger unter gastrointestinalen Nebenwirkungen wie Diarrhö, Schmerzen im Oberbauch und Obstipation gelitten hätten. Dadurch hätten sie ihre Schmerzen im Knie schlimmer bewertet als der Placeboarm. Im Vergleich zu früheren Studien wäre zudem der Effekt der Medikamente in beiden Gruppen geringer ausgefallen. Daher vermuten die Autoren, „dass Glucosamin die Absorption von Chondroitinsulfat beeinträchtigen könnte“. Ihre Empfehlung: weitere Untersuchungen.

116 Wertungen (4.45 ø)

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16 Kommentare:

J. Pieper
J. Pieper

Ich findebsolche Studien gerade für Kinder sehr wichtig, diese sprechen oft besser auf Therapien mit Homöopathika an als Erwachsene, die doch mehr über Wirkungen und Nebenwirkungen nachdenken. Arthrose und Arthritossind mittlerweile keine “Altenprobleme” mehr. Um so wichtiger ist es eben, die nicht so aggressiven Mittel für Kinder zu erforschen, da diese noch ihr ganzes Leben mit Medikamenten und Therapien umgehen müssen, um klar zu kommen. Dazu sollte man nie vergessen, dass diese Studien nur dann Sinn machen, wenn alle sich komplett an die kombinierten Therapiemaßnahmen halten und ehrlich sind bei der Auswertung. Aus dem Umkreis weiss ich, dass viele ihren Ärzten gegenüber nicht komplett ehrlich sind, wenn es um die Frage der konsequenten Einhaltung der auferlegten Therapie geht (beginnt schon beim Thema Bewegung und Ernährung). Wird dies innerhalb dieser Studien auch einbezogen?
Ich sehe daher Aussagen bezüglich der Wirksamkeit einer Therapie, wie in dieseß Fall, eher kritisch an. Studien mit Tieren sind da denke ich viel ehrlicher und haben einen weit höheren Aussagewert.

#16 |
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Naturwissenschaftlerin

Vielleicht ist die Studie für den Hersteller gar nicht soooooo negativ – hätte sich eine Wirkung des Präparats gegen die Symptome der Arthrose gezeigt, müsste es streng genommen als Arzneimittel zugelassen werden… Nahrungsergänzungsmittel dürfen per gesetzlicher Definition nicht der Behandlung, Heilung oder Linderung von Erkrankungen dienen.

#15 |
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Das Problem ist, dass ich nach über 30 Jahre klinische Erfahrungen mit auch Homöopathika (Viscum mali+Art.genu z.B.), Glucosamine, NRSA, COX2, Akupunktur und Fkt.training festgestellt habe auf Dauer sind Patienten die sich nur mit der Schulmedizin behandeln lassen die Verlierer und das sture festhalten an vorallem den schulmefizinischem Ansatz ist mit lebenslimitierenden Nw gepflastert. Anders herum habe ich eine Vielzahl von Patienten, welche mit der Op Indikation Knie oder Hüftersatz kamen inzwischen schon seit Jahren immernoch mit dem Original unterwegs sind. Die Laufstrecke mit NRS kleiner 3-4 ist länger als die der TEP- Träger. Nur dass bedeutet sich um die Patienten zu kümmern, zu korrigieren zu motivieren. Das gibt das Kassengesundheitswesen absolut nicht her , aber es gibt Patienten die Zahlen dafür und dann kommt man auch mit 20 15 Patienten täglich gut zurecht. Allerdings eben kein Modell im Kundenversorgungs-Gewinnsinn.
Unabhängig davon glaube ich nur an meine selbstgefaelschten Studien. An diesen Dingen ist immer etwas oberfauel.

#14 |
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JA,
früher wurden definitiv mehr Knochen ausgekocht für die Suppe.
Baustoffe für Knorpel-Nachbildung und Aufbau grundsätzlich

das war auch gut so.

Was außer Acht gelassen wird:

Die Darmkulturen bei Arthrose sind i.d.R. stark beschädigt.
Stress, Alleinsein, Kontaktlosigkeit,
Chemotherapie und Antibiotika schädigen die Darmflora.

Studien dazu: Sänger in Frankfurt- Singen erhöht das IgA
Milchsäurestudie Dresden – gegen Muskelschwäche bei Parkinson
Studien von Allergosan: Darmwiederaufbau – auch bei Sportlern-
OmniBiotic Power – und

der Körper regeneriert wieder anders
der Körper erfährt wieder besseres Zusammenspiel Stoffwechsel- DarmBakterien- Knochenhaut-
Stichwort: Oxidativer Stress,
Stichwort: Stille Entzündung

und was noch außer ACHT gelassen ist:
welchen Vit. D- Wert haben die Personen der Arthrose Studien ?

So betrachtet kann eine Studie nicht wirklich beurteilt werden.
Wie war die Compliance der Teilnehmer?
Wie viel Cortison/ und COX-Hemmer waren dennoch im Spiel?

Vitamin D, Omega Fettsäuren, Probiotik nicht berücksichtigt. Wenn die aber stimmen, kommen Mittel wie Rubax Gelenk-Nahrung und Mitbewerber schon an. Gott sei Dank!
Danke fürs Lesen.

#13 |
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$DrXFeelgood$
$DrXFeelgood$

@Hermann Horneck: Klar gibt es auch bei Tieren einen Placebo-Effekt. Das ist in der Veterinärmedizin seit Jahrzehnten hinlänglich bekannt und in etlichen Studien untersucht.

#12 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

ich erinnere an 15.4.14 Doc ch
Eine Studie attestiert nun einem Nahrungsergänzungsmittel ( Glucoseamin ), die Lebenserwartung alternder Mäuse um etwa zehn Prozent verlängert zu haben. Die Forscher sehen das Nahrungsergänzungsmittel zudem als mögliche zukünftige Alternative zu kohlenhydratreduzierten Diäten.
Vielleicht sollte mehr in diese Richtung gedacht werden bei der Beurteilung

#11 |
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Gast
Gast

#8
Sie haben natürlich recht, dennoch darf Werbung lügen, das weiß man auch. Die Erkenntnis, dass Chondroitin und Glucosamine nicht helfen, frustriert ja auch, weil man sich so gerne beruhigt, man tue etwas, um die Arthrose einzudämmen. Ich finde es schöner, etwas Unwirksames zu kaufen als keine Hoffnung zu haben. Deshalb die Gesichtscreme. Aber: was für unser Fach gilt, gilt für andere nicht. Wo bleibt die Evidenzbasierte Gesetzgebung? Wenn nur Vorschrift würde, was nachweislich wirkt, gäbe es viel weniger Gesetze.

#10 |
  1
Medizinjournalist

Ist ja auch ein Ergebnis, wenn auch mit einigen validen Kritikpunkten an der Methodik, die andere schon genannt haben. Aber gut, dass die Studie dennoch publiziert wurde und nicht – wie manch andere – in der Schublade verschwand.

#9 |
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Dr. med Heinz Laprell
Dr. med Heinz Laprell

Wie würden wohl Salben mit NSAR Präparaten abschneiden? Die Werbeausgaben dürften in die Millionen gehen und die Menschen werden aktiv belogen: Die Salbe wirke direkt am Ort und “geht nicht durch den Magen”. Damit wird suggeriert, dass die Nebenwirkungen der NSAR durch Auflösung des Medikaments im Magen entstehen. Im Bereich der Schulmedizin werden die Regeln zur Aufklärung immer strenger, muss man da nicht auch an die Werbung strengere Anforderungen stellen? Die Pharmaunternehmen verdienen Abermillionen für Versprechen, die nicht wissenschaftlicht untermauert sind. Oder heiligt der Placeboeffekt die Mittel?

#8 |
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frau Danielle Feigenbaum
frau Danielle Feigenbaum

Teufelskralle kann ich sehr empfehlen!

#7 |
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Hermann Horneck
Hermann Horneck

Ich weiß von einem Tierarzt, der einem gelenklahmen Hund Glucosamine verabreichte. Die Mobilität des Tieres hat sich in der Folge wesentlich verbessert. M.E. Gibt es bei Tieren keinen Placeboeffekt. Vielleicht sollte man die Studie mal mit Tieren machen. Tiere lügen nicht! :-)))

#6 |
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Selbstst. Apothekerin

Ich habe vor ein paar Wochen mal versucht, statt 2 nur noch eine Dona 750 Tbl. (750 mg Glucosaminhemisulfat) zu nehmen gegen meine Gelenkschmerzen. Nach einer Woche bin ich reumütig zu der Normaldosierung zurückgekehrt.

#5 |
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Dr. med. Walter Hauf
Dr. med. Walter Hauf

Auch diese Studie dürfte das Papier nicht wert sein. Bei der Bestimmung des Schmerzes nach VAS wird die aktuelle “Stimmungslage” des Patienten nicht berücksichtigt. Einfaches Beispiel: Der Verliebte kennt keinen Schmerz…
Also nicht immer so absolutistisch. In zwei Jahren ist doch alles wieder gaaaanz anders.

#4 |
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Dr. med.vet. Stefan Gabriel
Dr. med.vet. Stefan Gabriel

Hmmm!
Schmerz ist ja auch nicht unbedingt der geeignete Parameter, um eine Gelenksfunktion zu beurteilen… Am eigenen Knie weiß ich die Wirksamkeit von Chondroitin und Glucosaminpräparaten zu schätzen. Beim Skilaufen und beim Kraxeln im Gebirge gibts beides unterstützend. Hatte es letztens vergessen und mein “Placeboversuch” war sehr unangenehm! Sicher machts auch die Dosis. Bei akuten GElenksproblemen gehen wir Tierärzte sehr hochdosiert daran. M-D Probleme kenne ich in diesem Zusammenhang überhaupt nicht.

#3 |
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Dr. P. Wijnen
Dr. P. Wijnen

Solche Studien sollten im algemeinen öfter publiciert werden und nicht nur die “Erfolgreiche”.

#2 |
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Gast
Gast

Haha:)

#1 |
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