Bulimie – das Kotz-Duell

10. November 2010
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Hemmungslose Völlerei ohne verheerende Folgen für die Figur - das klingt zunächst erstrebenswert. Die Bulimia nervosa hat aber nichts mit spätrömischer Federkielmanier zu tun, sondern ist eine psychische Erkrankung, die mit hohem Leidensdruck bei den Betroffenen verbunden ist.

Was ist eigentlich eine Bulimie?

Die Bulimie (Bulimia nervosa) ist eine Essstörung, die durch wiederkehrende Essanfälle gekennzeichnet ist. Der Begriff Bulimie bedeutet sinngemäß Ochsenhunger. Das Wort nervosa deutet auf die psychische Komponente der Bulimie hin. Umgangssprachlich nennt man dieses Krankheitsbild häufig auch Ess-Brech-Sucht.

Während einer für Bulimie typischen Essattacke verzehren die Betroffenen große Mengen meist hochkalorischer Nahrungsmittel. Da die Betroffenen sich stark mit ihrem Gewicht beschäftigen und große Angst vor Gewichtszunahme haben, erbrechen sie nach dem Essen häufig oder nehmen Abführmittel ein. Zwischen den Essattacken versuchen die Betroffenen, eine Diät einzuhalten oder ganz zu fasten. Das Gewicht liegt bei Menschen mit Bulimie in der Regel im unteren Normbereich, häufig zeigen sich auf Grund des Nährstoffverlustes aber Zeichen der Mangelernährung.

Die Bulimie tritt in zwei unterschiedlichen Erscheinungsformen auf. Beim Purging-Typ erbrechen die Betroffenen nach den Essattacken oder nehmen Abführmittel ein. Auch exzessiver Sport ist möglich. Beim Nicht-purging-Typ liegen Essattacken ohne Erbrechen oder andere Maßnahmen vor. Hier werden die Essattacken durch anschließendes strenges Fasten ausgeglichen. Der Purging-Typ ist weitaus häufiger.

Wie häufig kommt eine Bulimie vor?

Die Bulimie findet sich mit größerer Häufigkeit bei Frauen als bei Männern, obwohl der Anteil der essgestörten Männer in den letzten Jahren stetig zugenommen hat.
Auffällig ist, dass die Bulimie vor allem in der Mittel- und Oberschicht auftritt. In der weiblichen Bevölkerung findet sich in der Altersgruppe zwischen 18 und 35 Jahren bei etwa 2,5 Prozent eine Bulimie. Bei der Hälfte der Betroffenen liegt eine anorektische Bulimie vor – dies bedeutet, der Bulimie ging eine Magersucht (Anorexia nervosa) voraus. Etwa 80 Prozent aller Betroffenen sind zum Zeitpunkt der Erstmanifestation jünger als 22 Jahre alt. Etwa sechs Prozent der weiblichen Teenager geben in Studien an, dass sie erbrechen und Abführmittel einnehmen, um Gewicht zu verlieren.

Woran erkennt man eine Bulimie?

Bei der Bulimie ist die Abgrenzung zu anderen Essstörungen nicht immer einfach. Der Unterschied zur Magersucht (weitere Infos), einer weiteren typischen Essstörung, ist oft schwierig zu erkennen: Gemeinsam ist beiden Essstörungen die extreme Angst vor einer Gewichtszunahme. Bei der Bulimie sowie bei der Magersucht können die Betroffenen einen Gewichtsverlust oder das Halten des Gewichts herbeiführen, indem sie hungern beziehungsweise Diät halten und erbrechen oder Abführmittel einnehmen. Während jedoch bei der Magersucht Untergewicht durch verminderte Nahrungsaufnahme im Vordergrund steht, ist das Hauptmerkmal der Bulimie das wiederholte Auftreten von Essattacken. Magersucht und Bulimie unterscheiden sich außerdem durch das Körpergewicht der Betroffenen: Von einer Magersucht spricht man erst ab einem bestimmten Untergewicht, während das Gewicht bei der Bulimie in der Regel im unteren Normbereich liegt.

Die seltene Bulimie ohne Erbrechen (Nicht-purging-Typ) lässt sich per Definition von der sogenannten Binge-Eating-Störung abgrenzen, bei der Essanfälle in Verbindung mit Übergewicht auftreten, da keine „Gegenmaßnahmen“ getroffen werden.

Was sind die Ursachen?

Die einer Bulimie zugrunde liegenden Ursachen sind in der Regel schwer zu erfassen, da sie nicht an einer einzigen Begebenheit, Eigenschaft oder einem Erlebnis festzumachen sind. Die Bulimie ist eine multifaktoriell ausgelöste Erkrankung – das bedeutet, sie entsteht aus dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren heraus. Dabei handelt es sich meist um eine Kombination psychologischer, biologischer, familiärer, genetischer, sozialer und umgebungsbedingter Faktoren.

Belastende Ereignisse als Auslöser
In vielen Fällen gehen belastende Ereignisse, zum Beispiel der Tod eines Angehörigen oder besondere, überfordernde Leistungssituationen, einer Bulimie voraus. Auch traumatische Erlebnisse in der Kindheit und Jugend, wie sexueller oder körperlicher Missbrauch, können die Bulimie mit verursachen. Das bei einer bestehenden Bulimie veränderte Essverhalten wird im Laufe der Erkrankung angelernt, so dass die Bulimie auch dann bestehen bleibt, wenn die auslösenden Faktoren nicht mehr vorhanden sind.

Gesellschaftliche Faktoren
Gesellschaftliche Faktoren können eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Bulimie spielen: In der westlichen Welt herrscht ein gesellschaftliches Schlankheitsideal vor, das insbesondere für Frauen gilt. Die Konfrontation mit diesem Ideal findet Tag für Tag statt, beispielsweise in der Werbung. Etwa 20 Prozent aller Frauen machen daher regelmäßig eine Diät. Führt sie zum gewünschten Erfolg, hat dies häufig positive Konsequenzen, wie Komplimente oder Respekt. Gewichtskontrolle und Schlanksein können somit zu einer essentiellen Quelle des Selbstwertgefühls werden. Daher sind gerade junge Frauen, die während der Pubertät bezüglich ihres Körpers unsicher sind, besonders anfällig für Essstörungen, wenn sie versuchen, ihr Gewicht dem Schönheitsideal anzupassen.

Familiäre Faktoren
Auch familiäre Einflüsse können von Belang sein: Häufig sind bestimmte Auffälligkeiten in der Familienstruktur der Betroffenen zu finden. Menschen mit Bulimie wachsen meist sehr behütet auf. In den Familien herrscht in der Regel ein erhöhter Leistungsdruck, Konflikte werden hingegen selten angesprochen und gelöst. Ob diese Faktoren eine ursächliche Rolle bei der Entstehung der Bulimie spielen, ist umstritten.

Biologische Faktoren
Biologische Faktoren können ebenfalls an der Entstehung einer Bulimie beteiligt sein: Die erhöhten Risikozahlen für nahe Verwandte von Menschen mit Essstörungen weisen auf mögliche genetische Ursachen einer Bulimie hin. Ist bei eineiigen Zwillingen einer von betroffen, hat der andere beispielsweise ein sehr viel höheres Risiko, auch eine Bulimie zu entwickeln, als andere Geschwister.

Wie genau äußert sich eine Bulimie?

Die für Bulimie ganz typischen Symptome sind wiederholt auftretende Essanfälle. Während dieser Anfälle nehmen die Betroffenen in kurzer Zeit riesige Nahrungsmengen zu sich, ohne die Nahrungsaufnahme kontrollieren zu können. Meist sind dies kohlenhydrat– und kalorienreiche Speisen wie Gebäck, Schokolade, Kartoffelchips, Eiscreme oder Pudding. Oft werden „verbotene“ Nahrungsmittel verschlungen, die unter Nicht-Essanfall-Bedingungen nicht verzehrt werden dürfen, da sie als „Dickmacher“ gelten. Im Moment des Essanfalls wird Nahrung häufig als vermeintlicher Trostspender empfunden. Es wird versucht, durch Essen eine innere Leere zu füllen, die kein herkömmlicher Hunger ist. Viel mehr handelt es sich um eine Art seelischen Hungerzustand, der durch noch soviel Essen nicht zu stillen ist – das Essen macht nicht satt. So kann die Kalorienaufnahme bei einem solchen Essanfall gut bis zu 10.000 Kalorien betragen, ohne dass subjektive Sättigung erfolgt. Limitierender Faktor ist dabei eher die Magendehnung. Die Essattacken treten in der Regel mehrmals wöchentlich, in schweren Fällen sogar mehrmals täglich auf. Damit ihr enormer Verbrauch an Nahrungsmitteln nicht auffällt, gehen die Betroffenen häufig in viele verschiedene Supermärkte, in denen sie jeweils nur eine kleine Mengen einkaufen. Um den enormen Nahrungsverbrauch zu finanzieren, sind auch Ladendiebstähle nicht selten.

Ein häufiges Anzeichen für Bulimie ist die so genannte Körperschema-Störung: Die Betroffenen nehmen sich selbst als dicker wahr, als sie wirklich sind. Menschen mit Bulimie beschäftigen sich andauernd und übertrieben mit ihrem Gewicht. Ihre Figur ist ganz entscheidend für ihr Selbstwertgefühl. Deshalb erleben bulimische Menschen die nach der Essattacke befürchtete Gewichtszunahme als äußerst bedrohlich – die meisten greifen zu Maßnahmen der Gewichtskontrolle. Dazu führen sie meist Erbrechen herbei oder nehmen große Mengen Abführmittel ein. Infolgedessen kommt es mit der Zeit zu körperlichen Schäden.

Körperliche Schäden

Durch das Erbrechen entwickelt sich Karies, außerdem kommt es zu Zahnschmelzabbau. Manchmal ist bei der Bulimie eine Schwellung der Speicheldrüsen zu beobachten. Das häufige Erbrechen kann zu einer Ösophagitis oder einer einem Barrtt-Ösophagus führen. Auch geplatzte Mägen kommen immer wieder vor. Durch die Abführ- oder harntreibenden Mittel kann es zu Nebenwirkungen im Magen-Darm-Bereich (Krämpfe, chronische Obstipation) sowie an der Nierenfunktion (Elektolytentgleisungen) kommen.
Die sich bei der Bulimie abwechselnden Essanfälle und Diäten können zu starken Gewichtsschwankungen führen. Im Durchschnitt bleibt das Gewicht jedoch im Normalbereich. Trotzdem treten bei der Bulimie Symptome der Mangelernährung auf. Es kommt zu Veränderungen im Vitamin- oder Elektrolythaushalt. Durch Kaliummangel können in ausgeprägten Fällen Herzrhythmusstörungen entstehen. Die Fehlernährung bei der Bulimie führt außerdem zu hormonellen (ausbleibende Menstruation, Unfruchtbarkeit, Haarausfall) und Stoffwechselveränderungen, die den Energieverbrauch herabsetzen. Unter diesen Bedingungen nehmen die Betroffenen bei normaler Kalorienzufuhr kurzfristig an Gewicht zu. Da sie nun versuchen, ihr Gewicht verstärkt zu kontrollieren, entsteht ein Teufelskreis, der für Bulimie typisch ist.

Bei bis zu 50% der Bulimiker zeigen sich depressive Symptome. Im Zusammenhang mit den Ess- und Brechanfällen treten Stimmungslabilität, Schuldgefühle und Selbstmordgedanken auf. Essanfälle bedingen Selbstvorwürfe – die Betroffenen sind der Meinung, sich selbst nicht ausreichend unter Kontrolle zu haben. Das Gefühl der Erleichterung nach dem Erbrechen ist von kurzer Dauer und wird von Niedergeschlagenheit abgelöst. Das gestörte Essverhalten bei Bulimie geht häufig mit einem veränderten Sozialverhalten einher. Die Betroffenen ziehen sich von Freunden und Familie zurück und verlieren zunehmend das Interesse an anderen Dingen. Diese Isolierung kann den Mangel an Selbstwertgefühl verstärken, was die Betroffenen wiederum motiviert, durch die Gewichtskontrolle ein vermeintlich attraktiveres Äußeres zu erreichen.

Wie kann man eine Bulimie behandeln?

Bei einer Bulimie kann die Therapie in der Regel ambulant erfolgen. Eine stationäre Behandlung ist erst dann nötig, wenn medizinische Komplikationen auftreten, die Betroffenen psychisch stark belastet oder gar suizidal sind, oder die ambulante Behandlung unwirksam ist.

Die Therapie der Bulimie besteht zum einen darin, körperliche Beschwerden oder Veränderungen (z.B. Elektrolytstörungen) zu beheben. Zum anderen zielt die Therapie darauf ab, den Auslöser der Essstörung zu behandeln. Da anzunehmen ist, dass eine Bulimie eine tiefer liegende psychische Ursache hat, liegt der Schwerpunkt der Behandlung auf tiefenpsychologischer und/oder verhaltenstherapeutischer Psychotherapie.

Ein wichtiges Ziel der Langzeittherapie bei Bulimie besteht darin, das Essverhalten nachhaltig zu ändern und den gesunden Umgang mit Nahrungsmitteln neu zu erlernen. Dabei ist nicht nur auf eine ausreichende Kalorienzufuhr zu achten, sondern auch auf eine angemessene Nahrungszusammensetzung und zeitliche Verteilung der Nahrungsaufnahme. Häufig ist es beim Ernährungsmanagement erforderlich, die von Bulimie Betroffenen stark zu kontrollieren, da diese sich zwar oft scheinbar auf die Umstellung der Ernährung einlassen, aus Angst vor einer Gewichtszunahme aber heimlich doch Gewichts reduzierende Maßnahmen ergreifen. Es ist daher Erfolg versprechend, Belohnungen für das Einhalten der Therapie zu entwickeln.

Bei einer Bulimie kommen zur Behandlung auch kognitiv-verhaltenstherapeutische Methoden zum Einsatz. Im Laufe ihrer Essstörung haben bulimische Menschen aufgrund ihrer Angst vor der Gewichtszunahme Gewichts regulierende Maßnahmen als eine Art der Problemlösung anerkannt. Nun sollen sie lernen, auch ohne schlechtes Gewissen Nahrung zu sich zu nehmen und nicht durch Abführmittel oder Erbrechen in den normalen Verdauungsprozess einzugreifen. Darüber hinaus ist es für Bulimiker wichtig zu lernen, sich nicht nur über ihr Gewicht zu definieren, sondern sich mit jeder Figur als liebenswert und wertvoll zu erleben. Gemeinsam mit dem Therapeuten gilt es, alle positiven Eigenschaften der Betroffenen, die nichts mit Schlankheit zu tun haben, zu erarbeiten und zu verinnerlichen.

Medikamente spielen bei der Behandlung der Bulimie eine untergeordnete Rolle. In manchen Fällen kommen jedoch trizyklische oder serotonerge Antidepressiva und Monoaminoxidase-Hemmer zum Einsatz. Der Hauptgrund für eine medikamentöse Therapie bei der Bulimie ist eine depressive Symptomatik oder die Prophylaxe eines Rückfalls. Dabei führten bisher vor allem serotonerge Antidepressiva (SSRIs) zu guten Ergebnissen.

Wie ist der Verlauf der Erkrankung?

Im Durchschnitt besteht die Bulimie bereits fünf Jahre, ehe der erste Behandlungsversuch erfolgt. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Betroffenen häufig aus Scham versuchen, ihre Essstörung zu verheimlichen. Nach einer stationären Therapie in einem Fachzentrum zeigen fünf Jahre später etwa 50 Prozent der Bulimiker eine deutliche Besserung und 20 Prozent eine teilweise Besserung. Bei den übrigen 40 Prozent bleibt ein Behandlungserfolg aus. Ein solcher chronischer Verlauf der Bulimie kommt besonders bei zusätzlichen weiteren psychischen Störungen (depressive Symptome, Angst- oder Zwangstörungen) vor. Die Sterblichkeit ist bei der Bulimie gering und liegt bei einem Prozent in einem Beobachtungszeitraum von fünf Jahren.

Trotzdem kann es nach jahrelanger Bulimie zu körperlichen und seelischen Folgeschäden kommen. Nicht zu vernachlässigen ist auch der mögliche soziale Abstieg durch Isolation und Verschuldung.

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Allgemein

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1 Kommentar:

Studentin der Humanmedizin

PS: Vom Titel muss ich mich distanzieren.

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