“Kompass Gesundheitspolitik”: Wilder Wettbewerb?

4. Januar 2013
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Gesetzliche Krankenversicherungen hüten milliardenschwere Schätze. Das hindert Gesundheitsökonomen noch lange nicht daran, neue Einsparpotenziale zu identifizieren. Die Frage ist, zu welchem Preis – werden etablierte Versorgungsstrukturen ohne Not gefährdet?

Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht neue, abenteuerliche Zahlen veröffentlicht werden. Waren Reserven gesetzlicher Krankenkassen bis Mitte des Jahres auf 21,8 Milliarden Euro gestiegen, setzt sich diese Entwicklung nahezu ungebremst fort. Ersatz- und Ortskrankenkassen sowie die Knappschaft haben seitdem mindestens eine weitere Milliarde Euro gebunkert. Im Gesundheitsfonds selbst werden bis Ende des Jahres rund zwölf Milliarden Euro zu finden sein, vermuten Experten des Schätzerkreises. Trotzdem werden Wissenschaftler nicht müde, das Gesundheitssystem nach zusätzlichen Einsparmöglichkeiten zu durchforsten.

Weitere 19 Milliarden Euro

Jetzt hat die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) Ergebnisse einer neuen Studie des IfG – Instituts für Gesundheitsökonomik präsentiert. Hinter dem vbw selbst stehen über 100 Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände sowie 34 Einzelunternehmen mit insgesamt mehr als 3,3 Millionen Beschäftigten – eine ernst zu nehmende Größe im Markt. Das Gutachten bescheinigt dem deutschen Gesundheitssystem momentan eine gute Leistungsfähigkeit, bezweifelt aber, dass der demographische Wandel mit etablierten Strukturen zu bewältigen ist. Vielmehr befürchten die Autoren Ineffizienzen sowie Über- und Unterversorgung. Um das zu vermeiden, schnüren sie ein Bündel mit 40 Einzelmaßnahmen – inklusive 19 Milliarden Euro Einsparpotenzial.

Nur keine Regulation

Die Arbeit kritisiert staatliche Eingriffe jeder Art auf Industrie, Großhandel und Apotheken. Entsprechende Maßnahmen führten zur Einschränkung des unternehmerischen Handelns. Pharmazeutische Hersteller haben noch recht große Freiräume, obwohl Preise im Rahmen des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes einer strengeren Kontrolle unterliegen. Letztlich bestimmt die frühe Nutzenbewertung Möglichkeiten, Preise im Dialog mit dem GKV-Spitzenverband zu gestalten. Beim Großhandel wiederum hätten sich “oligopolistische Strukturen” etabliert. Apotheken profitieren zwar von der Niederlassungsfreiheit, heißt es anerkennend in dem Gutachten. Allerdings stoßen Reglementierungen wie das Fremdbesitzverbot sauer auf. Der Mehrbesitz ist ebenfalls staatlich eingeschränkt, mehr als drei Filialen zusätzlich zur Hauptapotheke gibt es nicht.

Entwicklung hin zur Kette

“Es drängt sich die Frage auf, ob die Freiberuflichkeit des Apothekers nicht auch dann gewahrt bleibt, wenn ein Apotheker vier oder fünf Filialen besitzt”, lautet jetzt die Überlegung. Mittelfristig stellt das Papier außerdem infrage, ob ein Fremdbesitzverbot noch zeitgemäß ist. Tatsächlich haben immer mehr Kollegen Schwierigkeiten, ihre Apotheke vor dem Ruhestand zu veräußern, das zeigten Untersuchungen des Kölner Instituts für Handelsforschung. Im September rechneten 62 Prozent der Befragten mit Problemen bei der Nachfolge oder hatten akut Schwierigkeiten.

Ob eine Aufhebung des Fremdbesitzverbotes die Verkaufschancen von Apotheken an wenig lukrativen Standorten steigern könnte, mag aber niemand so recht glauben. Doch es gibt nicht nur Schelte: Als Innovationen bewerten Wissenschaftler neue Vertriebswege wie den Versandhandel oder die individuelle Verblisterung. Patienten wiederum können uneingeschränkt zwischen Apotheken im Inland oder im europäischen Ausland wählen – seit der 16. AMG-Novelle sind “Holland-Boni” ohnehin passé. Trotzdem hat das aktuelle System seine Tücken.

Kampf dem Kartell

Bereits jetzt beherrschen wenige, große GKVen den Markt. Ihnen stehen als Verhandlungspartner bei Rabattverträgen ebenfalls nur eine handvoll Hersteller beziehungsweise Konsortien gegenüber. Auf lange Sicht verringert diese Eigendynamik mögliche Einsparungen – gerade kleinere Pharmafirmen bleiben bei Ausschreibungen unberücksichtigt, allein schon wegen der geforderten Liefervolumina. Auf europäischer Ebene verzerren Rx-Boni, verschiedene Mehrwertsteuersätze und Regularien zur Preisbindung den Wettbewerb noch zusätzlich. Die Konsequenz: Politiker wollen Versicherungen künftig dem Wettbewerbsrecht unterstellen, zumindest versucht das Schwarz-Gelb im Bundestag. Der Bundesrat hat die heikle Thematik jetzt an einen Vermittlungsausschuss verwiesen. Sollte das Gesetz spruchreif werden, müssten sich Apotheken und Ärzte stärker als bisher auf Konkurrenz bei der Versorgung gefasst machen. Patienten bekämen einen deutlich besseren Zugang zum europäischen Markt.

Qualitätswettbewerb als Kostentreiber

Doch zurück zur Situation vor Ort: Versicherte erhalten Rx-Präparate über Apotheken ihrer Wahl. Eine Bindung auf gesetzlicher Basis existiert nicht, und Preise für verschreibungspflichtige Medikamente sind ohnehin gleich. Mehr und mehr Kunden schätzen die fundierte Beratung. “Heute fokussieren sich Patienten bei der Auswahl des Leistungserbringers auf die Qualität, weshalb zwischen den Leistungserbringern ausschließlich ein kostentreibender Qualitätswettbewerb stattfindet”, monieren die Forscher. Sie fordern einen generellen Preis-Leistungs-Wettbewerb im Gesundheitswesen, und zwar nicht nur bei Krankenkassen. Auch Großhandelsspannen stellen sie infrage. Ihr Gegenvorschlag: allgemeine Richtwerte definieren, wobei Grossisten selbst je nach Marktposition und Verhandlungsgeschick zusätzliche Rabatte gewähren dürften.

Dein Patient – mein Patient

Bei Apotheken steht als Forderung im Raum, das prozentuale Vergütungssystem durch Dienstleistungsgebühren zu ersetzen. Krankenkassen könnten dann Jahr für Jahr einen entsprechenden Obolus aushandeln. Mittelfristig fordern Ökonomen eine Umstellung auf Richtpreise für Rx-Präparate. Apotheken hätten die Möglichkeit, mit Herstellern oder Großhändlern selbst zu verhandeln und Rabatte an Patienten weiterzugeben. Ansonsten sollte das Leistungsspektrum jenseits von OTC- und Rx-Präparaten erweitert werden. Um wirklich Einsparungen zu erzielen, sieht der “Kompass Gesundheitspolitik” vor, Patienten künftig prozentual an Arzneimittelkosten zu beteiligen. Webportale, die momentan bereits Preise von OTCs vergleichen, gäben eine wichtige Hilfestellung. Damit übertragen Ökonomen die “Entscheidungskompetenz zur Wahl der günstigsten Apotheke” zumindest teilweise an Versicherte. Momentan schafft das System eher Anreize für Großpackungen, das ergab eine aktuelle Studie von IMS Health.

Mehr Freiheit – wirklich wünschenswert?

Das Fazit: Forscher setzen mit zahlreichen Einzelaspekten auf die Selbstregulationskraft von Märkten zu Gunsten niedriger Preise. Anstelle staatlicher Eingriffe stehen ökonomische Mechanismen im Mittelpunkt. Sollten einzelne Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden, was zurzeit fraglich ist, liefe das aktuellen Zielen zuwider. Momentan versuchen Politiker zumindest ansatzweise, Kollegen in unterversorgten Regionen zu unterstützen – Stichwort Notdienstpauschale. Gerade kleine Landapotheken haben mit Sicherheit nicht die beste Verhandlungsposition gegenüber Herstellern, Großhändlern oder Versicherungen, um sich in einem hoch kompetitiven System zu behaupten.

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Medizin, Pharmazie

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2 Kommentare:

Apothekerin

wann kommt denn mal jemand drauf, einfach die krankheiten einzusparen ?
das ist die defintiv absolute sparmaßnahme.
nur noch privatzahler für vorsorge-mittel.
und nichts mehr auf kasse.
fertig.

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Klaus Stadler
Klaus Stadler

Der Markt soll`s richten, Metro & Co fressen den Markt. Wollen Sie eine Flächen deckende Versorgung geht es nur mit Verlusten. Lassen Sie BWLer ran, hat die Fläche verloren.

#1 |
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