Medizinerausbildung: Heilen – Heulen – Helfen?

22. Februar 2017

Die kritischen Stimmen und Klagen über den Gesundheitszustand der Jungmediziner werden immer lauter. Ein ernstzunehmendes Phänomen oder bloß „Jammern auf hohem Niveau“? US-Forscher sehen Handlungsbedarf auf mehreren Ebenen und nennen konkrete Lösungsansätze.

Die Debatte um die mentale Gesundheit von Medizinstudenten und Ärzten ist nicht neu. Stecker et al. beschrieben schon in den 1930er Jahren „neurotische Entwicklungen“ bei Medizinstudenten in höheren Semestern. Dennoch hat die Problematik in den vergangenen Jahrzehnten im Universitäts- und Arbeitsleben eher wenig Aufmerksamkeit erfahren.

Seit einiger Zeit aber wird in den USA das Thema „Mental Health“ von Medizinern wieder kontrovers diskutiert und rückt vermehrt auch in den Fokus wissenschaftlicher Publikationen. So werteten Dyrbye et al. insgesamt 40 Studien aus, die in den USA und Kanada publiziert wurden und sich mit dem Thema „Depression und Angst bei Medizinstudenten“ auseinandergesetzt haben. Dabei konnten sie nachweisen, dass die Jungmediziner ein signifikant höheres Level an psychischer Belastung im Vergleich zu ihren Altersgenossen und der Gesamtbevölkerung aufweisen, mit hoher Prävalenz für Depressionen und Ängste. Um eine präzise Aussage über die Ursachen der psychischen Leiden zu treffen, war die Datenlage jedoch nicht ausreichend.

Alles auszuhalten ist nicht ehrenwert

Dass es bislang so wenige Lösungsansätze zur Verbesserung der Arbeits- und Studienkonditionen gibt, war für die Forscher der University of Michigan Grund genug, um konstruktiv an das Problem heranzugehen: In ihrem Artikel „Healing Medicine’s Future“ untersuchten sie, inwiefern das an Perfektion orientierte Selbstbild der Mediziner und das Ideal von „Göttern in Weiß“ zur Entstehung von Burnout und Depressionen beiträgt.

Außerdem widmeten sie sich der Frage, wie es gelingen kann, die medizinische Ausbildung der jungen Generation so zu gestalten, dass deren Gesundheit nicht länger vernachlässigt wird. Sie plädieren für ein Umdenken: Das psychische Wohlbefinden des medizinischen Nachwuchses solle stärker in den Mittelpunkt rücken, ein offener Umgang mit Schwächen und die Bereitschaft, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen, müsse gefördert werden. Sie gingen sogar noch einen Schritt weiter und warfen die Frage auf: Wenn die Ausbildungskonditionen negative Folgen für die mentale Gesundheit der Jungmediziner haben und wenn man bedenkt, dass es eine Heilkunst ist, die sie praktizieren, ist es dann ethisch vertretbar, den Status quo und das eigene Leid zu ignorieren?

Handlungs- und Interventionsbedarf sehen sie auf diversen Ebenen: Beginnend bei Innovationen im Gesundheitssystem über Reformen in Lehre und Arbeitswelt mit konkreten Ausbildungsprogrammen zur Förderung eines Klimas der Offenheit und Selbstfürsorge an den Universitäten und Kliniken bis hin zur Korrektur der eigenen Einstellung zu Gesundheit und Fehlbarkeit eines jeden Medizinstudenten bzw. Mediziners.

Alarmierende Daten

Einer der größten Vorzüge des Arztberufes: er ist in hohem Maße sinnstiftend. So urteilten rund 80 Prozent der Teilnehmer einer Befragung des Marburger Bundes. Wieso kommt es im scheinbaren Widerspruch dazu dennoch zu immer lauter werdenden kritischen Stimmen und Klagen über den Gesundheitszustand der Helfer?

Eine Untersuchung von Brazeau et al. an sechs medizinischen Fakultäten in den USA zeigte, dass Mediziner im Vergleich zu gleichaltrigen Studenten anderer Studiengänge „gesünder“ ins Studium starten (höhere Punktwerte bezüglich Lebensqualität, niedrigere in Bezug auf Depressionen etc.). Dies würde tatsächlich die Vermutung nahelegen, dass die Ausbildung selbst zur Verschlechterung der psychischen Gesundheit der Absolventen beitrage, so die Schlussfolgerung der Autoren. Als Ursachen werden seitens der Studenten unter anderem hoher Druck, finanzielle Schwierigkeiten und inadäquate Umgangsformen sowie die zunehmende Entwicklung eines „professionellen Zynismus“ genannt, so Dyrbye et al.

Eine großangelegte Multi-Center-Studie aus den USA deutet laut West et al. darauf hin, dass sich dieser Trend im Berufsleben fortsetzt: 51,5 Prozent der rund 16.000 befragten Assistenzärzte der Inneren Medizin gaben dort an, an Burnout-Symptomen zu leiden. Im ersten Jahr der Assistenzzeit ist nach einer Metaanalyse von Mata et al. ein besonders starker Anstieg depressiver Symptomatik um rund 15,8 Prozent zu verzeichnen. Die jungen Ärzte beklagen laut verschiedener Untersuchungen Überstunden, Nachtdienste und Unzufriedenheit mit dem Job sowie mangelnde Autonomie.

Ein rein US-amerikanisches Phänomen?

Die Problematik ist nicht allein auf den nordamerikanischen Raum begrenzt, wie eine Meta-Analyse von Rotenstein et al. nahelegt: basierend auf Daten aus 195 Studien aus über 40 Ländern lag dabei die geschätzte Prävalenz depressiver Symptome unter Medizinstudenten bei 27, 2 Prozent, nur 15,7 Prozent der Betroffenen nahmen psychiatrische Hilfe in Anspruch. 24 Querschnittsstudien aus 15 Ländern ergaben, dass 11,1 Prozent der studierenden Mediziner Suizidgedanken haben. Die Untersuchung zeigte aber einige Limitationen, sodass weitere evidenzbasierte Analysen zum Thema zukünftig nötig sein werden.

DocCheck startete Ende des vergangenen Jahres eine Umfrage unter rund 500 deutschen Medizinstudenten und wollte wissen, ob das Studium ihre Psyche belaste: 54 Prozent antworteten mit ja. Auf dieser Grundlage ist es zwar nicht möglich, eine repräsentative Aussage über die Situation in Deutschland zu treffen. Interessant waren die hitzige Diskussion und die Reaktionen auf die Umfrage und die Kommentare der Studenten aber allemal. Neben Zustimmung kommt dort auch viel Kritik an der „Jammer-Einstellung“ zum Ausdruck: „Ich muss ehrlich sagen, wenn den Studenten das Studium schon zu ‚hart‘ ist, dann haben sie nicht den richtigen Charakter für den Job, den sie hinterher machen sollten. Denn da wird noch einiges mehr abverlangt. Ob das hingegen so in Ordnung ist, sei dahin gestellt.“ Aus einer solchen Stellungnahme sprechen Realitätssinn und Erfahrung, aber auch Zweifel am Status quo klingen an.

Raus aus der „Durchpower-Einstellung“

Zurück zu den Autoren des Healing Medicine’s Future“-Artikels: Sie haben ihre ganz eigene Theorie, wie das Selbstbild vom unfehlbaren Arzt in den Köpfen des Medizinernachwuchses entstehen könnte. Was es bedeute, ein „guter“ Arzt zu sein, sei nämlich nicht klar definiert. Ebenso wenig existiere „der eine Weg“ zur Formung und Vermittlung einer „professionellen ärztlichen Identität“. Dennoch entwickle jeder Student im Laufe der Ausbildung eine Idee vom Verhalten und Sein des idealen Mediziners. In ihrer Klinik seien sie besonders häufig mit folgenden, tief verwurzelten Glaubenssätzen unter den Assistenten konfrontiert, denen die Forscher eine bedeutsame Rolle bei der Entstehung psychischer Erkrankungen zuschreiben.

Eine der vorherrschenden Annahmen ist scheinbar, dass die eigenen Sorgen und Nöte während der Ausbildung still geduldet werden sollten. Auch bei physischer oder emotionaler Überlastung dürfe nicht nachgegeben werden, man solle „durchpowern“, sonst stehe zu befürchten, von den Kollegen oder Vorgesetzten als schwach und wehleidig wahrgenommen zu werden. Denn der Arzt gelte nach wie vor als natürlich resilient, diese „Widerstandskraft“ und Stärke sei dann häufig auch essentieller Bestandteil des Selbstbildes und eine Quelle des Stolzes für die Mediziner. Vor dem Hintergrund einer stressigen Alltagsrealität gerieten sie aber in zunehmenden Konflikt mit genau dieser Einstellung, die sie aus den Augen verlieren ließe, dass auch Ärzte vulnerabel und „menschlich“ seien, genau wie die zu behandelnden Patienten.

In der „Ethikfalle“?

Psychiater Dr. Bernhard Mäulen hat sich als Leiter des Instituts für Ärztegesundheit in Villingen Schwenningen eingehend mit dem Thema befasst und schildert einen ähnlichen Trend: „Die meisten Mediziner überspielen ihre Probleme. Klappe halten und durch – das hat Tradition in der Medizin“, sagt er. Wird diese Haltung in der Ausbildung vermittelt? Dazu sagt eine Assistenzärztin aus Leipzig: „Nicht direkt, aber es werden stets hohe Erwartungen gestellt und eigene Arbeitsunfähigkeit, Krankheit sowie persönliche Schwierigkeiten haben wenig Raum. Ich denke, das ist generell ein Problem von sozialen Berufen: anderen soll geholfen werden, da kann man selbst keine eigenen Probleme haben.“ Hans-Jörg Freese vom Marburger Bund bezeichnet dieses Phänomen als „Ethikfalle“: „Die Ärzte werden ausgenutzt, weil man weiß, sie lassen die Patienten nicht im Stich.“

Online-basierte kognitive Verhaltenstherapie

Die Forscher der Universität Michigan vermuten, dass vor allem die Sorge der Studenten, sich zu „outen“ und dann stigmatisiert zu werden, sehr groß sei. Sie selbst betreiben eine Abteilung für psychische Gesundheit für Studenten und Assistenzärzte und bieten diesen Erstevaluationen, die sie nicht dokumentieren, sowie Folgetermine in der Klinik an. Da sich die Hemmungen, klassisch psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, nicht vollends abbauen lassen werden, plädieren sie auch für kreative Alternativen zur klinischen Behandlung: Dabei könnte die vermehrte Nutzung digitaler Angebote in Zukunft eine bedeutende Rolle spielen.

Mit sogenannten „Telemental Health“-Programmen wird es möglich, Hilfe privat und vom heimischen Computer aus in Anspruch zu nehmen. Eine solche online-basierte kognitive Verhaltenstherapie sei den Autoren zufolge in der Prävention suizidaler Absichten bei Assistenten der Inneren Medizin erfolgreich angewendet worden. Kognitive, behaviorale und achtsamkeitsbasierte Interventionen zeigten sich generell als vielversprechend bei der Reduzierung von Ängsten, Depressionen und Burnout bei Medizinern.

Wirksamkeit von „Wellness-Programmen“

Was in Deutschland womöglich noch die Assoziation mit einem „Spa-Urlaub“ weckt, wird in den USA als eine dringend notwendige Reaktion auf die erhöhten Burnout-Raten unter den Jungmedizinern betrachtet. Dort sind in den letzten Jahren mehrere „Wellness-Programme“ etabliert worden, deren Wirksamkeit in der kommenden Zeit systematisch evaluiert werden muss.

Die American Medical Association (AMA), die größte Standesvertretung für Ärzte und Medizinstudenten in den USA, die aktuell eine Vorreiterrolle im Bemühen um die Gesundheit der Helfer einnimmt, hat einen sorgfältig ausgearbeiteten Leitfaden zur erfolgreichen Gestaltung solcher Programme veröffentlicht. Dieser soll die konkrete Umsetzung ihrer Vision eines Klimas der Selbstfürsorge und gegenseitigen Unterstützung im Klinikalltag ermöglichen. In ihren Augen führt eine stärkere Fokussierung aller Mediziner auf das Thema Wellness zu einem „gesünderen“ institutionellen Klima, einem höheren Engagement von Seiten der Assistenten, vermehrter kollegialer Unterstützung und einer verbesserten Patientenversorgung.

Eines der bereits in der Erprobung befindlichen Modelle ist das Vanderbilt-Medical-School-Wellness-Programm. Der Schwerpunkt liegt bei diesem innovativen Ansatz vor allem auf der frühzeitigen Prävention psychischer Erkrankungen. Das Programm besteht aus drei Komponenten, von denen man sich ein erhöhtes Wohlbefinden der Teilnehmer verspricht: Zum einen wurden Mentorenprogramme eingeführt, die zu einer Vertiefung der Beziehungen zwischen den Studenten unterschiedlicher Semester sowie zwischen Studierenden und der Fakultät beitragen sollen. Diese beinhalten Beratungsangebote zu u. a. akademischen- und Karrierefragen, Hinweise zu Gesundheit und Selbstfürsorge oder einfach die Möglichkeit zu offenen Gesprächen und Austausch. Den zweiten Teil des Programmes bildet eine studentische „Wellness- Initiative“ mit dem Ziel der Steigerung des Eigenengagements und der Partizipation anderer Kommilitonen – einschließlich diverser Aktivitäten wie Erlernen eines guten Zeitmanagements, Ernährung, Yoga, Meditation oder Kunsttherapien.

Der dritte Teilbereich beruht auf einer ungewöhnlichen Curriculumsergänzung um Themen wie persönliches Wachstum, Selbstreflektion und professionelle Entwicklung der Studierenden in Form von Workshops. Dies solle den Studenten helfen, ihre Fähigkeiten, Werte und Überzeugen besser zu ergründen und diese Erkenntnisse für ihre persönliche und berufliche Laufbahn zu nutzen. Denn die Entwicklung der persönlichen Identität komme neben dem fordernden Medizinstudium häufig zu kurz. Langzeitergebnisse zur Wirksamkeit des „Vanderbilt-Modells“ stehen zwar noch aus, aber eine hohe Teilnehmerzahl und -zufriedenheit sprechen für sich. Das studentische Wohlbefinden wird in diesem Programm zu einem Maßstab für die Qualität der universitären Ausbildung.

Offenen Umgang mit Schwächen vorleben

Psychiater Dr. Bernhard Mäulen beobachtet schon lange: „Ärzte sind denkbar schlecht darin, sich Hilfe zu holen, und die Patientenrolle anzunehmen, fällt vielen Kollegen schwer. Das kann daran liegen, dass es nicht genügend Rollenvorbilder gibt.“ Der pflegliche, gesunde Umgang mit den eigenen Bedürfnissen sollte aber idealerweise Voraussetzung einer medizinischen Tätigkeit sein.  Denn wie soll man glaubhaft etwas vermitteln, authentisch wirken und handeln, wenn dieselben Grundsätze nicht auch für die eigene Person gelten?

Auch die Autoren von „Healing Medicine’s Future“ sprechen sich für einen anderen Umgang der Helfer mit den eigenen Problemen aus und betonen die Bedeutung, die die Gestaltung des Klimas der modernen medizinischen Ausbildung für das Wohlergehen zukünftiger Generationen junger Mediziner haben wird. Sie plädieren für vermehrte Selbstfürsorge im Sinne von frühzeitigem Erkennen und Anerkennen von Schwierigkeiten und dem Mut, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Es sei kein Zeichen von Schwäche, offen über Fehler und die eigenen Grenzen zu sprechen, im Gegenteil: erst dann können wirkliches Helfen und Wachsen der Persönlichkeit beginnen und diese Grenzen auch überwunden werden. Die Initiativen zur Destigmatisierung müssten vor allem schon früh an den Universitäten und von Dozenten gefördert und idealerweise vorgelebt werden. Dr. Robert Wah, ehemaliger Präsident der AMA, bringt die Thematik auf den Punkt: „Der wichtigste Patient, für den wir zu Sorgen haben, ist der, den wir im Spiegel sehen.“

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Medizin, Studium

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5 Kommentare:

Uni
Uni

Es sollte definitiv eine Reformation des Medizinstudiums und der Arbeitsbedingungen der Ärzte geben.
Ich bin selbst momentan im PJ und merke deutlich, an mir selbst, an anderen Studenten, aber auch an den jungen Assistenzärzten, wie sehr das Studium und die Arbeit an die Substanz geht. Hier ein paar Erfahrungen und Meinungen meinerseits (Uni in einer Karnevalshochburg):

1. Keine Möglichkeit eines Arztbesuches während des Studiums:
Seit der Umgestaltung des hiesigen Curriculums zu einem Modellstudiengangs sind alle Tage mit Pflichtveranstaltungen belegt, sogar sogenannte “Kompetenzpunkte” müssen gesammelt werden, indem man sich als Student in der Freizeit “freiwillig” um soziale Maßnahmen (ehrenamtliche Tätigkeiten, studentische Hilfskraft, etc.) bemüht. Dass aufgrund der hohen Studentenzahlen und der eigentlich guten Idee, möglichst kleine Unterrichtsgruppen (am besten am Patientenbett) zu haben, viele Pflichtkurse entstehen und damit der reine Uni-Tag eines Medizinstudenten locker bis 16Uhr (oft auch gerne 18Uhr) geht und man dann noch diese Kompetenzpunkte “freiwillig” sammeln muss, nimmt schon viel Zeit. Da man aber auch noch verpflichtet ist, nicht nur die Themen des Tages, sondern auch darüber hinaus weiterführende Themen eigenständig zu erarbeiten oder Patientenvorstellungen (ebenfalls Pflichtaufgabe) vorzubereiten, da zu wenig Zeit für so etwas während des Unterrichts ist, minimiert die Freizeit der Studenten weiter (von Pendlern und Leuten mit Familie oder Nebenjob fange ich erst gar nicht an). Zum Teil kommt es dann so weit, dass vor Beginn eines Semesters sogar die Fehlklausel (80 oder 85% Anwesenheitspflicht) mehr oder weniger ignoriert wird, da die einzelnen Blöcke innerhalb eines Semesters erfüllt werden müssen und dazu tägliche Anwesenheit und Aufgaben verpflichtend sind (so vorher per Mail mit uns Studenten kommuniziert, man sollte sich sogar am Anfang des Semesters melden, wenn man in dessen Verlauf krank wird, damit man dann am Anfang eine Lösung finden kann – kein Witz!)
Wie kann ich mir denn da bitte noch die Zeit nehmen, selber krank zu sein bzw. mich von Krankheiten erholen, wenn ich nicht einen einzigen Tag fehlen darf oder auch zur Prophylaxe (Zahnarzt, Gynäkologe, etc.) einen Arzt aufsuchen kann? Auch wenn ich mir noch so große Mühe gebe und vielleicht das Lernen ohne große Probleme schaffe, kann ich mich nie zu 100% vor einem grippalen Infekt oder anderen Dingen schützen, die mich ans Bett fesseln. Vollkommen undurchdacht meiner Meinung nach. Hier wird direkt die “Ich darf nicht krank werden”- Einstellung aufgebaut.

2. Finanzierung
Uns wurde, angesprochen auf Nebenjobs (und im gleiche Atemzug auch Kinderbetreuung, etc.) immer wieder gesagt, dass das Medizinstudium ein Vollzeitstudium ist. Bei dem Umfang und den heute z.T. absurden Ansprüchen (auch seitens des IMPP) von Prüfern und Uni ist das nur sinnvoll.
Eine Kombination mit einer studentischen Hilfskraftstelle bietet sich an (Kompetenzpunkte auch gesammelt). Man kann dabei sein Wissen auffrischen, das Unterrichten lernen und verdient dabei was dazu. Alles gut soweit.
Doch ist die Frage, wie so etwas laufen soll, wenn aufgrund des hohen Zeitaufwandes für das Lernen diese Hilfsarbeit mehr zur Belastung wird und selbst beginnt, ein Stressfaktor zu werden (man muss sich schließlich auch vorbereiten, etc.). Im PJ wird sogar die Möglichkeit genommen, weiter als studentische Hilfskraft zu arbeiten. In Düsseldorf hat man, anders als in anderen Städten, das große Glück, für das PJ bezahlt zu werden. Zwar entspricht der Stundenlohn in keiner Weise der Arbeit die man leistet (s.u.), aber es ist immerhin etwas. Um einen Nebenjob oder einen Kredit kommt man aber nicht rum, wenn man Kosten für Wohnung, Versicherung (z.B. Krankenversicherung), Essen, Studiengebühren, GEZ etc. hat – allein mit diesen Grundkosten (ohne Handy/ Internet, ohne Lehrbücher oder mal etwas besonderem) reichen die knapp 600 Euro im Monat nicht aus. Streiken – geht nicht, weil egal aus welchem Grund: wenn man fehlt, geht ein Urlaubstag verloren und die braucht man ja zum Lernen.
Bleibt also fast nur noch der Kredit. Es gibt genügend Anbieter für solch einen, allerdings (ich habe so einen Kredit) ist es auch ein beklemmendes Gefühl einen großen Berg an Schulden (20.000 Euro und mehr) aufzubauen und mit diesem dann in den Job zu starten. Zumal man z.T. nur so lange ausbezahlt wird, wie man alle Prüfungen ohne Fehlversuche besteht (14 Semester ist die maximale Auszahlzeit, bei 13 Semestern Regelstudium).
Natürlich kann man auch von den (vielleicht) wohlhabenden Eltern finanziert werden, jedoch hat (hoffentlich) nicht jeder reiche Eltern als Medizinstudent, sondern das Studium steht jedem offen.

3. Gleichberechtigung
Als Student wird man natürlich immer dazu ermutigt, Verantwortung zu übernehmen, hat aber immer noch den Arzt auf Station, an den man sich wenden kann, falls man sich unsicher ist. Man ist schließlich noch kein fertiger Arzt und kennt auch den Stationsalltag kaum. Leider wissen das nur sehr selten Patienten und Pflegekräfte, die einen in die Verantwortung nehmen und (trotz mehrmaligem Bekunden, dass man noch nicht Arzt ist) dich mit Fragen löchern und mit “das müsstet ihr im Studium doch gemacht haben, was lernt ihr denn sonst die ganze Zeit” bombardiert.
Es gibt aber auch positive Ausnahmen – zum Glück -, aber auch dieser Verantwortungs-Druck kann belastend sein, man fühlt sich der Situation nicht gewachsen und durch die o.g. Art der Behandlung wird man verunsichert und verliert an Selbstvertrauen. Es kommen sogar – nicht selten – Zweifel am Studium auf. Dann noch die teils ganz frischen Jungärzte zu sehen, die dann diese Situationen meistern müssen, aber selbst gerade mal 3-6 Monate weiter sind als wir, macht da nicht gerade Freude auf das Berufsleben.

Weiterhin sind (zumindest hier) PJler (und z.T. auch Studenten/ Famulanten) wirklich essentiell für den reibungslosen Ablauf einer Station. Dabei handelt es sich v.a. um einfache Dinge, für die in anderen Einrichtungen Pfleger oder speziell geschultes Personal verantwortlich sind: Blutentnahmen, Verbandswechsel, Haken halten im OP. Für all diese Dinge – bei denen der Lerneffekt nach den ersten Malen fast gegen 0 geht – kriegen andere Kräfte im Krankenhaus den Mindestlohn (meist mehr) gezahlt und benötigen keine 5 Jahre Studium zuvor. Wenn man denn eine Vergütung für das PJ oder andere Tätigkeiten bekommt, dann liegt man im besten Fall bei circa 4 Euro pro Stunden, wenn (und das ist ganz oft nicht die Regel), die geplanten 35 Stunden pro Woche eingehalten werden. Da es aber eine pauschale Vergütung gibt und man meist mehr als 40 Stunden arbeitet, sinkt der Stundenlohn deutlich.
Man fragt sich dann, warum andere mehr für die gleiche Arbeit bekommen, obwohl diese genau so gut ist. Mit mehr Geld könnte man sich den Nebenjob oder den Kredit zumindest für dieses eine Jahr sparen. Diese ganzen “einfachen” (bitte nicht falsch verstehen) Tätigkeiten bringen mich leider nicht voran, man regt sich selbst auf über diesen Ablauf, will man doch lernen, wie man Menschen hilft und nicht nur schlecht bezahlte Hilfsarbeiten übernehmen.

Ich könnte noch mehr Punkte aufzählen, u.a. wie selbstverständlich Überstunden erwartet undspezielle Kenntnisse vorrausgesetzt werden oder wie man nebenher noch ein Sozialleben führen oder Fortbildungen oder Doktorarbeiten wahrnehmen will, aber das wird einfach zu viel an dieser Stelle.

Allein die oben genannten Punkte sind jeder für sich, aber gerade auch alle zusammen in der Lage die psychische Gesundheit der Studierenden zu gefährden und den Sinn des Studiums und seiner eigenen Leistungsfähigkeit zu hinterfragen. Ich kann nicht für die Jungassistenzärzte sprechen, aber aus meiner Erfahrung würde ich sagen, dass noch mehr Punkte bei Ihnen zusammenkommen würden (v.a. die größere Verantwortung und Arbeitszeiten). Da ist es nur – für mich jedenfalls – verständlich, dass viele an einem Burn-out leiden. Es muss sich was ändern, um auch unsere Ärzte (und natürlich auch Pflegekräfte, etc.) zu schützen, schließlich vertrauen wir Ihnen, die auch nur Menschen sind und Ruhe und Kraft für den Job brauchen, das wohl wichtigste von uns an: unsere Gesundheit und unser Leben!

#5 |
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Student der Humanmedizin
Student der Humanmedizin

Alles richtig! Eine gründliche Reform des Medizinstudiums sowie eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowohl in deutschen Kliniken als auch im niedergelassenen Bereich sind längst überfällig.
Das wird diejenigen, die es ändern könnten, aber erst interessieren, wenn die Zustände extreme Ausmaße annehmen. Wie immer.

#4 |
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Ich sitze gerade in einem sehr schönen Hotel in Bensberg und unterstützte auf Kosten einer internationalen Unternehmensberatung junge Consultants im Hinblick auf den Erhalt ihrer physischen und psychischen Gesundheit einschließlich der Betrachtung persönlicher Potenziale und der Möglichkeiten der konstruktiven Beeinflussung von Rahmenbedingungen. Derartige Programme sind auch für diverse Versicherungsunternehmen, Autohersteller oder Großbäckereien durchaus üblich.
Krankenhäuser und Gesundheitsunternehmen sind im Hinblick auf derartige Angebote für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Regel äußerst zurückhaltend. Ich selbst bin seit 35 Jahren Psychiater und Psychosomatiker und habe mich immer schon gefragt, warum die Kolleginnen und Kollegen sich häufig so viel gefallen lassen und einfach nur arbeiten, arbeiten, arbeiten. Im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung an einem klassischen Mittwochnachmittag für niedergelassene Kollegen und Kolleginnen schliefen in der hinteren Reihe mehrere ein, was hoffentlich nicht an nur meinem Vortragsangebot lag, sondern am allgemeinen Erschöpfungszustand. Erwähnt sei auch, dass nicht wenige motivierte und sehr begabte junge Mediziner überlegen, ob sie überhaupt noch in das klassische Gesundheitssystem einsteigen – übrigens auch im Hinblick auf die Verdienstmöglichkeiten zum Beispiel im niedergelassenen Bereich. Das alles sollte alarmieren.
Ich erlaube mir auch die Bemerkung, dass ich grundsätzlich wirklich nichts gegen kognitive Verhaltenstherapie habe. Ich halte es aber für absurd, nicht selten völlig inadäquate Arbeitsbedingungen, paramilitärische Führungskonzepte ohne echte Wertschätzung, persönliche Gestaltungsmöglichkeiten und differenzierte Personalentwicklung durch irgendwelche Therapien bewältigen zu wollen. In einer Zeit der konsequenten Psychologisierung sämtlicher Lebensbereiche – möglichst mit ICD-10 Bezug – wäre eine stärkere Betrachtung der Rahmenbedingungen unter Einbeziehung eigener Positionen sicherlich sinnvoller.

#3 |
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Gast
Gast

Ich bin aktuell Student in höherem Semester, vorher habe ich Vollzeit als Krankenpfleger gearbeitet.
Psychisch belastet fühle ich mich nicht, meine Lebensqualität ist denke ich gleich oder höher.
Was mir in erster Linie etwas Bedenken macht sind die Arbeitsbedingungen nach der Uni.
Zehn-Stunden-Tage scheinen meiner Erfahrung aus Famulaturen / Praktika ja Normalität zu sein für junge Assistenten – DAS wird eine deftige Reduktion der Lebensqualität sein…

#2 |
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Paul Rahden
Paul Rahden

Die Studien und Befragungen decken einen Großteil der Belastungen und Ansprüche, die heutzutage an junge Mediziner und Ärzte gestellt werden auf. Doch bin ich ein wenig irritiert, dass als Lösung oftmals das “Inanspruchnehmen” von Hilfsprogrammen genannt wird. Diese Konsequenz erschließt sich mir nur zum Teil. Wenn die Ursachen “hoher Druck, finanzielle Schwierigkeiten und inadäquate Umgangsformen” sind, wieso ist der Lösungsansatz denn nicht an diesen Stellen angebracht? Sollten wir nicht lieber die Personalpolitik im Gesundheitswesen überdenken, die Umgangsformen hinterfragen und an denen arbeiten und das derzeitige Lehrsystem, welches umgangssprachlich häufig als Bulimie-Lernen bezeichnet wird, überdenken?
Es geht nicht darum im Nachhinein Schadensbegrenzung durch psychoedukative Hilfe am PC zu betreiben, sondern grundlegend die Ursache zu bekämpfen.

Aber der Schritt hierfür würde natürlich Geld kosten und mehr als eine politische Amtszeit in Anspruch nehmen. Das wäre natürlich untragbar.

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