Luftverschmutzung: Dem Diesel sei Dank

7. Februar 2017

Das Umweltbundesamt spricht von den niedrigsten Feinstaub-Messwerten. Ihre Euphorie hält sich allerdings in Grenzen: Die Belastung mit Stickstoffdioxid bleibt auf hohem Niveau. Aus medizinischer Sicht sind die Grenzwerte umstritten.

Ende Januar veröffentlichte Andrea Minkos vom Umweltbundesamt den Bericht zur Luftqualität 2016. Grund zum Aufatmen besteht beim Thema Feinstaub (PM10): Nur eine Messstelle, nämlich Stuttgart-Neckartor, überschritt die zulässigen Tagesmittelwerte häufiger als vom Gesetzgeber erlaubt.

Die Grenze liegt beim Tagesmittelwert von 50 µg/m³ an 35 Tagen. 377 Stationen meldeten niedrigere Zahlen. Damit ist 2016 das Jahr mit der niedrigsten Feinstaubbelastung seit dem Millennium. Ob der Erfolg tatsächlich auf Maßnahmen zur Luftreinhaltung zurückzuführen ist, bleibt offen. Auch das Wetter hat einen Beitrag geleistet, um Partikel abzutransportieren.

Diesel-Autos fallen besonders negativ auf

NOX

Beim Thema Stickstoffdioxid sehen UBA-Experten deutlich schwärzer. Rund 57 Prozent aller verkehrsnahen Messstationen hatten den Grenzwert von 40 µg/m³ im Jahresmittel überschritten. Langfristige Daten zeigen nur einen leicht abnehmenden Trend. Die flächendeckende Einhaltung gesetzlich vorgeschriebener Grenzwerte ist in weite Ferne gerückt. „Seit Jahrzehnten gefährdet Stickstoffdioxid unsere Gesundheit“, sagt Maria Krautzberger, Präsidentin des UBA. „Schuld sind in den Städten vor allem alte Diesel-Autos.“

Luftqualität 2016 Stickstoffdioxid weiter Schadstoff Nummer 1 UmweltbundesamtDas International Council on Clean Transportation (ICCT) gibt in einer aktuellen Studie auch Neuwagen schlechte Noten. Unter realen Bedingungen stoßen selbst Diesel-PKW der Schadstoffklasse Euro 6 mehr Stickoxide aus als neue Lastwagen oder Busse.

Die NOx-Emissionen der betrachteten Personenwagen sei „sogar um einen Faktor zehn höher als die vergleichbaren Werte für Nutzfahrzeuge“, schreibt ICCT-Studienautorin Rachel Muncrief. Bei Nutzfahrzeugen sind bereits seit 2013 mobile Messgeräte Pflicht, daher die gegenüber den oft präparierten Labor-Pkw akkurateren Daten.

Nicht nur Stickoxide stellen ein Problem in Städten dar. UBA-Forscher kritisieren, dass selbst im wechselhaften Sommer 2016 rund 21 Prozent aller Messstationen über der Ozon-Obergrenze lagen. An lediglich 25 Tagen im Jahr darf der gemittelte Acht-Stunden-Wert von 120 µg/m3 überschritten werden. Gearbeitet wird mit einem Drei-Jahres-Mittelwert. Dieser Trend wird sich laut UBA-Forschungsprojekt KLENOS (Klima Energie Ozon Staub) weiter fortsetzen. Wissenschaftler erwarten, dass es bis 2050 etwa 30 Prozent mehr Überschreitungstage geben wird. Sie raten, die Emission relevanter Verbindungen wie Stickstoffdioxid und Lösungsmittel einzuschränken – nicht ohne Grund.

Grenzwertige Grenzwerte

Die gesundheitlichen Folgen aller Schadstoffe sind erheblich. Laut Schätzungen der Europäischen Umweltagentur EEA sterben allein in Europa mehr als eine halbe Million Menschen pro Jahr vorzeitig aufgrund der Luftverschmutzung. Weltweit rechnet die WHO mit sieben Millionen Opfern. Im Mittelpunkt stehen Schlaganfälle (34 Prozent), ischämische Herzerkrankungen (26 Prozent), chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen (COPD; 11 Prozent), Lungenkarzinome (6 Prozent) und akute Erkrankungen der unteren Atemwege (3 Prozent).

Bei Wissenschaftlern sind Grenzwerte generell umstritten. Viele Experten gehen von einer linearen Dosis-Wirkungs-Beziehung aus. Das bedeutet, es gibt keine Untergrenze (kein No Observed Adverse Effect Level, NOAEL) für schädliche Effekte.

grenzwerte

Die WHO publiziert Richtwerte aufgrund wissenschaftlicher Daten. Rechtlich verbindlich sind die Empfehlungen aber nicht. Quelle: Science Media Center

Aktuellstes Beispiel aus einer Vielzahl an Veröffentlichungen ist eine chinesische Metaanalyse. Tao Liu vom Provincial Institute of Public Health in Guangdong wertete 17 Studien aus. Insgesamt stellte er Daten von 108.000 Hypertonie-Patienten und 220.000 Kontrollen gegenüber. Er zeigt, dass unterschiedliche Moleküle den Blutdruck kurzfristig, aber auch langfristig erhöhen.

Studien zum kurzfristigen Einfluss befassten sich vor allem mit Schwefeldioxid (Odds Ratio von 1,046 pro Anstieg um 10 µg/m3) und Feinstaub (PM2,5: 1,069,  PM10: 1,024). Bei der langfristigen Exposition mit Stickstoffdioxid waren es 1,034 pro 10 µg/m3 und 1,054 für den gleichen Anstieg von PM10-Feinstaub. Der jeweilige Anstieg des Risikos war gering, aber statistisch signifikant.

Ein Jahr früher zeigte Anoop Shah von der University of Edinburgh, dass Gase und Partikel kurzfristig zu mehr Herzinfarkten führen. Seine Metaanalyse basiert auf 2.748 Artikeln, von denen letztlich 94 berücksichtigt wurden. Als relatives Risiko (RR) gibt er für Kohlenmonoxid 1.015 pro 1 ppm, und für Stickstoffdioxid 1.014 pro 10 ppb an. Ähnliche Effekte fand der bei Feinstaub der Klasse PM2.5 (1.011 pro 10 μg/m3) und PM10 (1.003 per 10 µg/m3). Langzeiteffekte sind ebenfalls bekannt.

Bewirken Fahrverbote Wunder?

Damit ist – wie so oft – die Politik am Zuge. Alle relevanten Schadstoffe stehen mit dem Straßenverkehr in Zusammenhang. Fahrverbote sind nicht populär, schaffen jedoch schnell Abhilfe. Das hat Oslo Anfang 2017 gezeigt: Aufgrund einer Smogsituation wurden Dieselfahrzeuge kurzerhand ausgesperrt. Gerade beim Thema Feinstaub sind Verbrennungsmotoren aber nur ein Aspekt von vielen. Mehr und mehr kleine Partikel kommen beispielsweise auch aus privaten Kaminen, in denen Holzscheite verbrannt werden.

20 Wertungen (3.05 ø)

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13 Kommentare:

Gast
Gast

@#12 ja, VW-Diesel, sind unbestritten die besten. Aber Abgase von Holzöfen (nicht alten) sind auch hervorragend.

#13 |
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Arzt
Arzt

#8 Holzrauch ist selbstverständlich giftiger als die Abgase eines modernen (nicht alten) VW-Diesel, unbestritten der Beste.

#12 |
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Seit Jahren warte ich auf eine Untersuchung der durch Abgase verursachten Erkrankungen von Berufskraftfahrern, die ja täglich 10-12 Stunden auf den Straßen unterwegs sind. Es dürfte wohl anzunehmen sein, daß die Konzentration von Schadstoffen um die Straßen herum besonders hoch sein dürfte. Oder gibt es einen Grund, solche Untersuchungen in der Schublade zu verstecken?
Die Luftreinheit derzeit ist auf jeden Fall unvergleichlich besser als vor 50 Jahren und nicht schlechter, als es manche Journalisten glauben, die keine 30 Jahre alt sind.
Verfasser: Gast

#11 |
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Apothekerin

Mir ist schleierhaft wieso die Verantwortlichen im VW-Betrugsskandal (Winterkorn und Co.) immer noch frei rumlaufen bzw. noch auf ihrem Posten sitzen. Kleinste Angestellte wurden wegen Vergehen um Werte in Centbeträgen verurteilt und entlassen (Schlecker). Die Manager von VW haben lieber betrogen, anstatt die Forschung und Entwicklung im eigenen Land voranzutreiben. Wir werden eine neue Maut bekommen und dann wird es plötzlich heißen die schadstoffarmen Fahrzeuge fahren billiger und schon müssen alle die Elektroautos mit den schlechten deutschen Batterien kaufen (USA ist uns um Längen voraus), um noch erschwinglich zu fahren. Die deutschen Autobauer haben dann ein großes Problem, wenn alle in den USA bestellen. So kann auch Gerechtigkeit siegen.

#10 |
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Susanne Müller-Borwitzky
Susanne Müller-Borwitzky

Problematisch sind eher die Containerschiffe. Die “10” größten Containerschiffe blasen soviel Dreck in die Luft wie der gesamte Autoverkehr der Erde. Und wie viel Containerschiffe sind es Weltweit?
Es wäre viel leichter, kostengünstiger und effektiver die Containerschiffe entsprechend umweltfreundlich auszubauen.
Aber dann würden sich natürlich wie Übersee Waren alle etwas verteuern und die Politiker hätten kein so spektakuläres Thema, von dem sich alle betroffen fühlen.

Gruß

Holger

#9 |
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Gast
Gast

@#7 Nein. Die Verbrennung von Holz in Privathaushalten hat eine andere Qualität – von der Toxizität her gesehen und von den Partikeln, die z.B. nicht mit Dieselruß oder freigesetzten Katalysator-Metallen gleichgesetzt werden kann. Diese wirken fatal, wenn sie eingeatmet werden, nicht harmlose Holz-Abgase.

#8 |
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Gast
Gast

Das größte Problem ist die “CO 2 neutrale” Verbrennung von Holz in Privathaushalten.
Hier wird richtig Dreck in die Umwelt geblasen ohne jegliche Filter.

#7 |
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DON
DON

@ #5: “zu den neuen Lastwagen?!” Ich kenne mich mit Lastwagen nicht aus. Ich kenne nur die Abgaswolken, insbesondere, wenn sie anfahren – bei der Müllabfuhr, bei Bussen und anderen nicht privaten Fahrzeugen. Wehe dem, der neben dem Auspuff steht, wenn der Fahre Gas gibt …

#6 |
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Gast
Gast

Frage an DON: zählt das Müllfahrzeug, das Sie ansprechen, zu den neuen Lastwagen?!
Bei dem Gastkommentar vorn 20:22h beschleichen mich Zweifel, ob der Autor die Aussage gelesen hat, was Rachel Muncrief als Ergebnis der ICCT-Studie mitteilt.

#5 |
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Gast
Gast

Mit etwas Physik kann man den Blödsinn der LKW-PKW-Vergleiche verstehen.
Die LKW-Motoren haben schlechtere Verbrennung (und keine Katalysatoren), liefern also wesentlich mehr “Feinstaub” und das wirklich giftige CO, Kohlenmonoxyd. Der moderne VW-Turbo-Diesel (Weltmeister) hat nicht nur einen Katalysator (=kein Feinstaub) sondern auch eine deutlich bessere Verbrennung =Oxydation, damit werden die Abgase praktisch ungiftig, kein CO mehr, nur noch das harmlose CO2 und die Oxydation ist so gut, dass nicht nur der Dieseltreibstoff komplett verbrannt wird, sondern auch ein sehr kleiner Teil der begleitenden Luft oxydiert wird, die zu über 70% bekanntlich aus Stickstoff N2 besteht, im ppb-Bereich.
Das schafft auch kein (subventionierter!!!) Erdgasmotor, der etwa das 10-fache an dem giftigen CO erzeugt.
Der moderne PKW Diesel ist also der beste, das gefällt nur unseren US-Freunden nicht, da müssen wir natürlich ja sagen.

#4 |
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Gast
Gast

NO2 lag in Deutschland schon bei max. 90 µg/m³ (Frankfurt 1976-90) und ist kontinuierlich auf 40 gesunken, trotz Verkehrszunahme; die Geruchsschwelle liegt bei 900 µg/m³. Die bodennahe Halbwertszeit wird mit einem Tag angegeben. (Verbindung mit H2O und Abregnen)
“Alte Dieselautos” (ohne Katalysator) sind dagegen eher für den Feinstaub verantwortlich.
Hier liegt der max. EU-Grenzwert Innenstadt bei 50mg/m³; in der Wohnung ohne Rauch oder Kerzen in Deutschland durchschnittlich bei 60mg/m³, mit Teppichboden niedriger.
Die “Krankheitsbedeutung” für den Menschen ist mehr als umstritten,
Politiker wollen das aber unbedingt hören, dann liefert man halt Statistiken.

#3 |
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DON
DON

“Unter realen Bedingungen stoßen selbst Diesel-PKW der Schadstoffklasse Euro 6 mehr Stickoxide aus als neue Lastwagen oder Busse.”: cool, dann können wir doch alle mit Lastwagen zur Arbeit fahren und belasten die Umwelt weniger. Ich wusste gar nicht, dass das, was aus dem Müllwagenauspuff kommt und meine Hauswand schwärzt, wenn der Müll abgeholt wird, so umweltfeundlich ist …

#2 |
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Gast
Gast

Anstatt z.B. mit einer gewissen Vorlaufzeit die Neuzulassung von Dieselfahrzeugen zu verbieten etc. reagiert man dann lieber mit Fahrverboten für schon gekaufte Wägen.
Trifft dann vor allem diejenigen mit dem kleinen Geldbeutel, die tendenziell eher ältete Fahrzeuge besitzen und sich auch nicht mal eben ein neues kaufen können…

#1 |
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