Binge Eating: Wenn Eva zum Pac-Man wird

18. November 2010
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Leidet die Seele, kommt der Hunger: Binge Eating-Patienten werden von unkontrollierbaren Essanfällen heimgesucht. Besonders schwierig: Neben dem psychischen Druck drohen Folgeerkrankungen aufgrund der Gewichtszunahme.

Mehrmals in der Woche kommt es über sie: Binge Eating-Patienten schlingen Essen in sich hinein: Daher der Name – das englische „binge eating“ bedeutet soviel wie „exzessives Essgelage“. Die Betroffenen bevorzugen dabei Lebensmittel mit einem hohen Anteil an Kohlenhydraten und Fetten. Gegessen wird oftmals im stillen Kämmerlein, ohne eigene Kontrolle. Das geht so lange, bis der Magen schmerzt. Dann kommen die Schuldgefühle. Im Gegensatz zur Bulimie wird aber kein Erbrechen herbei geführt, und auch übermäßig Sport treiben die Binge Eating-Patienten nicht. Das Ergebnis: Man nimmt schnell zu, und parallel wächst der seelische Druck immer weiter. Zudem steigen die Risiken für Diabetes bzw. das metabolische Syndrom, für Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Ein Krankheitsbild wird modern

Binge Eating wurde in der psychologischen Fachliteratur bereits 1959 beschrieben. Dennoch begann erst in den letzten Jahren die systematische Erforschung. Einer der Auslöser war sicher die Empfehlung der American Psychiatric Association, Binge Eating als eigenständige Essstörung zu klassifizieren.

Neue Untersuchungen in den USA haben ergeben, dass schätzungsweise zwei Prozent aller Einwohner an Binge Eating leiden. Unter adipösen Patienten liegt der Wert sogar bei vier bis neun Prozent und in Therapiegruppen zur Gewichtsreduktion sind annähernd 30 bis 40 Prozent der Teilnehmer betroffen. Fachleute erwarten, dass die Diagnose in Zukunft noch häufiger gestellt werden könnte, sollte das Augenmerk durch intensivere Forschung und entsprechende Fachveröffentlichungen stärker darauf gerichtet werden.

Frauen leiden 1,5-mal häufiger an der Binge Eating Disorder als Männer, aber im Gegensatz zur Bulimie oder Anorexie wird das scheinbar „starke Geschlecht“ hier nicht verschont. Auch sind Menschen aller Altersgruppen betroffen. Entsprechende Studien brachten an den Tag, dass das Risiko vor allem in den Lebensphasen zwischen 20 und 30 Jahren sowie zwischen 40 und 50 Jahren relativ hoch ist. Für Kinder und Jugendliche liegen jedoch keine detaillierten Zahlen vor. Und Heranwachsende, die nur einen Teil der Symptome zeigen, entwickeln im Erwachsenenalter oft das Vollbild einer Binge Eating Disorder.

Übergewicht: Ist Binge Eating mit im Spiel?

Hinter starkem Übergewicht kann sich eine Binge Eating-Störung verstecken. Fachleute schätzen, dass bis zu 45 Prozent der erwachsenen Adipösen betroffen sind – von einer hohen Dunkelziffer ist auszugehen: „Periodisch wiederkehrende Essattacken werden geheim gehalten und bleiben deshalb unerkannt“, weiß Prof. Dr. Heinrich Wernze von der Uni Würzburg. Ein Test kann bei der Anamnese Abhilfe schaffen: Werden etwa Fragen zum raschen Sättigungsgefühl beim Essen verneint, aber der unkontrollierbare Drang, Nahrung aufzunehmen, angekreuzt, so läuten die Alarmglocken. Besonders bei übergewichtigen Kindern sollten Pädiater deshalb genau hinsehen, noch dazu, weil Kinder und Jugendliche oftmals nicht alle Kriterien der Binge Eating Disorder erfüllen.

Night Eating Syndrome: Nachteulen am Kühlschrank

Insbesondere bei jungen Patienten beobachten Fachärzte außerdem das Night Eating Syndrome: Nächtlicher Heißhunger führt den Nachwuchs an den Kühlschrank. Die Essattacken sind weitaus schwächer ausgeprägt als beim Binge Eating – genaue Zahlen fehlen noch. Die Erkenntnis der Psychologen: Sollten also bei übergewichtigen Kindern Schlafstörungen zu Protokoll gegeben werden, verbirgt sich dahinter möglicherweise das Night Eating Syndrome.

Therapie: persönlich oder online?

Gute Behandlungserfolge erzielen Psychologen mit der kognitiven Verhaltenstherapie. Das Ziel: Patienten lernen, ihr Essverhalten selbst zu normalisieren und ihr Gewicht durch eine reguläre Nahrungsaufnahme ohne Diät zu verringern. Sie üben auch, sich an Gefühlen wie Sättigung oder Hunger zu orientieren und machen die Erfahrung, ihre Mahlzeiten zu genießen. Eine weitere Säule, die Bewegungstherapie, hilft zudem, ein gutes Körpergefühl zu entwickeln und überflüssige Pfunde zu reduzieren.

„Die Therapie in Einzelsitzungen ist allerdings sehr zeit- und arbeitsintensiv und wird noch nicht flächendeckend angeboten“, gibt die Diplompsychologin Sarah Weber von der Ruhr Universität Bochum zu bedenken. Mit der INTERBED-Studie, also Internet-basierter, angeleiteter Selbsthilfe unter anderem für übergewichtige Patienten mit der Binge-Eating-Störung, soll Abhilfe geschaffen werden. Wagner: „Wenn sich herausstellt, dass das Internet-gestützte Angebot ebenso gut wirkt, wäre es eine echte Alternative oder eine Übergangslösung für Patienten, die auf einen Therapieplatz warten“.

Das Studiendesign: Während die Gruppe der konventionellen Einzeltherapie innerhalb von vier Monaten in den Genuss von 20 Einzelsitzungen kommt, rufen die Patienten der Internetgruppe vor allem psychotherapeutische Einheiten über ein Online-Portal ab. Dort stehen Inhalte zur Ernährung, zur eigenen Wahrnehmung des Körpers sowie zum konstruktiven Umgang mit Stress und mit Essimpulsen zur Verfügung. Zudem kommunizieren Probanden einmal wöchentlich per E-Mail mit Therapeuten.

Ein anderes Selbsthilfe-Modell erprobten Psychologen des Krankenversicherers Kaiser Permanente, der Wesleyan University und der Rutgers University, USA. Deren verhaltenstherapeutisch ausgerichtetes Programm hilft Patienten mit Binge-Eating-Störung, ihre Heißhungeranfälle selbst zu kontrollieren. Zu Beginn bekamen die Teilnehmer der Behandlungsgruppe eingehende Informationen zu ihrem Leiden und zum eigenen konstruktiven Umgang damit. Auch nahmen sie zwölf Wochen lang an insgesamt acht Sitzungen teil, in denen ein Therapeut die Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie erklärte und Anleitungen zur Selbsthilfe gab. Nach Ende des Programms hatten immerhin 63,5 Prozent der Behandlungsgruppe keine Essattacken mehr, in der Kontrollgruppe lag der Wert bei lediglich 28,3 Prozent. Die Ergebnisse hielten über ein Jahr mehr oder weniger konstant an.

Um den Erfolg aber nachhaltig zu sichern, raten Fachleute, den Problemen, die einer Essstörung zu Grunde liegen, auf den Grund zu gehen. Je nach Vorgeschichte kann neben anderen Verfahren der Psychotherapie auch eine Behandlung mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI), trizyklischen Antidepressiva oder Topiramat Abhilfe verschaffen.

Forschung: Den Ursachen auf der Spur

Als Auslöser für Binge Eating Disorder gelten physische und psychische Faktoren. „Generell muss man sagen, dass genetische Mechanismen bisher am schlechtesten untersucht sind“, so Dr. Simone Munsch vom Institut für Psychologie der Uni Basel. Nun existieren erste Hinweise auf eine familiäre Häufung unabhängig vom Körpergewicht – mögliche Anhaltspunkte für die Forschung. Munsch: „Es hat sich aber herausgestellt, dass Betroffene besonders anfällig für seelische Störungen wie Depressionen oder Angstzustände sind“. Forscher sehen außerdem belastende Ereignisse, Ärger, Langeweile oder eine grundlegende Unzufriedenheit als mögliche Auslöser.

Weitere Triggerfaktoren sind möglicherweise Diäten. Momentan diskutieren Psychologen, ob frustrierende Ergebnisse bei ständig neuen, in Summe aber erfolgloser Diäten Essstörung forcieren können. Damit hätte der Jojo-Effekt mancher Abspeckprogramme, also die teilweise starke Gewichtszunahme nach einer Diät, auch seelische Folgen. Und mit der eigenen Figur nicht im Reinen, führt dieser Frust zu neuerlichen Essanfällen – ein Teufelskreislauf.

77 Wertungen (4.1 ø)
Medizin

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7 Kommentare:

Renate Stoltenburg
Renate Stoltenburg

Na doll! Symptome erster und zweiter Ordnung kann man großartig mit Diagnosen verwechseln. Hauptsache die Psyche stimmt. Sorry, ich liege etwas tiefer, nämlich beim Insulinzyklus. Den kann man sich anfüttern, aber das ist selten. Ursache ist meistens ein gestörter
n i c h t d i a b e t i s c h e r Insulinstoffwechsel. Da gibt es über 50 organische Ursachen für! – Nachzulesen bei
http://www.hypoglycaemie-bayern.de oder Arbeitskreis Unterzucker
Unterzucker-Selbsthilfe Bayern.

#7 |
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Dr. Dipl.-Psych. Karl-Heinz Grimm
Dr. Dipl.-Psych. Karl-Heinz Grimm

Hier scheint ja das Feld freigegeben zu sein für alle möglichen Vorurteile und Projektionen auf die jeweils andere feindlich erlebte Berufsgruppe.Welch ein Niveau!
Weder dazu noch zum Wert von Doktortiteln unterrschiedlicher Fakultäten will ich mich einlassen und verweise nur auf die Nationale Versogungsleitlinie ‘Unipolare Depression’ (S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression.

#6 |
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Benno Mertens
Benno Mertens

Die Komorbidität von Essstörungen mit Depressionen ist bekannt, weshalb ich der Empfehlung zu Antidepressiva folgen kann. SSRI ja, aber Trizyklika? Darunter kommt es bei den meisten Patienten eher zu einer Gewichtszunahme; und Topiramat wäre off label use: um nur Einige NW zu nennen: Veränderung der diabetischen Stoffwechsellage, metabolische Azidose und Depressivität(!). Vielleicht doch eher die Psychotherapie ;-)?

#5 |
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Dr. Christian Messer
Dr. Christian Messer

Wenn man das Übergewicht unkontollierbar halten möchte, dann sind Antidepressiva durchaus angezeigt. Es profitiert nun mal wieder allein die Pharmaindustrie auf Kosten der Patienten. Der Vorschlag einer Anttidepressiva-Behandlung bei Adipositas und Binge-Eating ist unverständlich, trifft aber den Zeitgeist der Psychiatrisierung der Gesellschaft.

#4 |
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Ich kann mich Dr. Tremblau nur anschliessen mit einem: Warum muss es ein entweder oder sein? Sowohl militante Psychologen wie auch ebensolche Ärzte verschenken das Potential einer interdisziplinären Zusammenarbeit. Gerade in der Neurologie finden sich doch die Schnittstellen die beiderlei Zugänge wieder zu einem konstruktiven Ziehen an einem Strang vereinen. Dass es sowohl zweifelhafte Psychologen wie auch zweifelhafte Mediziner gibt ist leider täglich Brot. Lassen Sie uns die Chancen nutzen, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln ergeben um die selben Ziele zu erreichen.

#3 |
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Wilfried Bucher
Wilfried Bucher

Ich kann Herrn Tremblau nur zustimmen. Im Bereich Essstören tummeln sich Heerscharen von Psychologen, die besser auf einer Esoterikmesse aufgehoben wären und bedeutungsschwanger gegen jede Art von Medikamenten polemisieren. Da finden sich selbst Universitätskliniken die lieber eine lange und in vielen Fällen erfolglose Psychoanalyse betreiben und sich keinen Deut um Evidenz kümmern. Das Ganze erinnert mich an die Magenprobleme, die nach vielen Jahren unnötiger Psychotherapie zum Leidwesen der Zunft durch Antibiotika verschwanden. Bis die Hirnstoffwechselstörungen zweifelsfrei zu diagnostizieren sind müssen die Betroffenen noch einiges an obskurer Therapie ertragen.

#2 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Die psychischen Störungen werden von einer starken Gruppe
von Wissenschaftern und neuropychiatrischen Praktikern
für Symptome einer Hirnstoffwechselstörung gehalten.-
Ebenfalls wird eine große Zahl von nichtärztlichen
psychologischer Therapeuten f+r begrenzt fähig gehalten
eine echte depressive Erkrankung zu erkennen. Die Therapie
sollte auf keinen Fall entweder Psychotherapie oder
Pharmakotherapie lauten sondern ist gemeinsam erfolgreicher. Übershenes Suicidriskio ist jedenfalls
schlimmer als die medikamentösen Nebenwirkungen, die oft
auch gegenüber schlimmeren Unverträglichkeiten verschiedener Therapien überschätzt werden.Das Hinzuziehen der netteren Psychologen namentlich durch Juristen,Philosophen und TV-Leute gegenüber den bösen
Psy

#1 |
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