Asthma fatale

31. Januar 2017
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Jede dritte Asthmadiagnose bei Erwachsenen ist falsch, so lautet das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung. Der Studienleiter und Pneumologe kritisiert: „Asthma ist nicht so schwer zu diagnostizieren, aber Ärzte müssen die richtigen Tests machen.“

Irren sich die Experten? Laut Global Asthma Report 2014 der Global Asthma Network (GAN) Steering Group leiden weltweit 330 Millionen Menschen an Asthma bronchiale. Die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Global Initiative for Asthma sprechen von 230 beziehungsweise 300 Millionen Patienten. Diese Zahlen könnten viel zu hoch gegriffen sein, schreibt Dr.  Shawn Aaron, University of Ottawa, in einer aktuellen Arbeit.

Diagnosen auf dem Prüfstand

„Wir haben 701 Erwachsene, bei denen Asthma in den letzten fünf Jahren diagnostiziert worden war, rekrutiert“, sagt Aaron. Letztlich konnten Daten zu 613 Personen berücksichtigt werden. Von ihnen nahmen 86,6 Prozent zu Beginn der Studie Asthmamedikamente ein, etwa inhalierbare Kortikosteroide und/oder Leukotrienantagonisten. „Wir brachten alle Teilnehmer in unsere Labore und führten umfangreiche Lungenfunktionstests durch“, erklärt der Forscher. Falls die Ärzte keine Hinweise auf das Krankheitsbild fanden, baten sie Patienten, ihre Asthmamedikamente abzusetzen. Dann folgten Provokationstests, um das Krankheitsbild zu bestätigen oder zu widerlegen.

 

Als Voraussetzungen für Asthma wurde gesehen, dass sich die Einsekundenkapazität (FEV1) nach Gabe von Bronchodilatatoren um 12 oder mehr Prozent verbesserte, der exspiratorische Spitzenfluss um mehr als 10 Prozent schwankte oder ein Methacholin-Provokationstest positiv ausfiel. Pneumologen fahndeten gleichzeitig nach anderen Ursachen für Symptome.

Shawn Aaron

Shawn Aaron © thinkottawamedicine.ca

„Letztlich fanden wir heraus, dass 33 Prozent aller Teilnehmer nicht an Asthma leiden und damit auch keine Medikation benötigen“, berichtet Aaron. Selbst zwölf Monate nach dem ersten Untersuchungsdurchgang fehlten bei 181 Personen labordiagnostische oder klinische Hinweise auf die Erkrankung.

„Ärzte müssen die richtigen Tests machen“

Um eine Erklärung ist Aaron nicht verlegen: „Einerseits diagnostizieren Allgemeinmediziner bei manchen Patienten Asthma falsch. Andererseits hatten manche Patienten vielleicht Asthma, befinden sich jetzt aber in Remission.“ Und nicht zuletzt gehen viele Krankheiten mit Husten oder Atemnot einher. Hier reicht das Spektrum von einer Refluxösophagitis oder einer allergischen Rhinitis bis hin zur dekompensierten Herzinsuffizienz oder zur Lungenembolie.

„Wir fanden heraus, dass zwei Prozent unserer zufällig ausgewählten Patienten schwere Herz- oder Lungenerkrankungen hatten, die fälschlich mit Asthma diagnostiziert worden waren“, ergänzt der Wissenschaftler. Ärzte fanden bei Studienteilnehmern Ischämien, subglottische Stenosen, interstitielle Lungenerkrankungen, pulmonale Hypertonien und weitere Krankheitsbilder.

Bleibt als Kritik: „Asthma ist nicht so schwer zu diagnostizieren, aber Ärzte müssen die richtigen Tests machen“, schreibt Shawn Aaron. Er fordert vor allem Lungenfunktionsprüfungen. Dabei sollte das Gesamtvolumen der ein- und ausgeatmeten Luft (Vitalkapazität, VC) und das innerhalb von einer Sekunde forciert ausgeatmete Volumen (FEV1) bestimmt werden.

Leiden Erwachsene nicht – oder nicht mehr – an Asthma, machen Medikamente keinen Sinn mehr. Aaron verweist auf etliche Nebenwirkungen, die ohne Notwendigkeit in Kauf genommen würden, aber auch auf hohe Kosten.

Fehldiagnosen bei Kindern

Zu ähnlichen Resultaten kommt Ingrid Looijmans-van den Akker aus Utrecht, auch bei Kindern. Sie nahm Daten von 4.960 niederländischen Kindern retrospektiv unter ihre Lupe. Alle kleinen Patienten waren zwischen sechs und 18 Jahren alt. Allgemeinmediziner hatten bei 546 von ihnen Asthma diagnostiziert. Weitere 106 Kinder wurden aufgrund ihrer Medikation eingeschlossen, so dass der Forscherin Daten von 652 Personen vorlagen.

Lediglich in 16,1 Prozent aller Fälle wurde Asthma per Spirometrie bestätigt. Bei weiteren 23,2 Prozent deuteten die Symptome zumindest auf die Erkrankung hin, ohne dass ein Beweis erbracht worden war. Und bei 53,5 Prozent hält Looijmans-van den Akker Asthma für unwahrscheinlich. Von Fehldiagnosen spricht die Forscherin bei 7,2 Prozent. Auch sie kritisiert, zu wenige Asthmadiagnosen würden durch Lungenfunktionstests bestätigt. Ähnliche Erkenntnisse gibt es aus Deutschland.

Keine ärztlichen Fehler

Warum Allgemeinmediziner oder Kinderärzte ihre Patienten nicht zum Facharzt schicken, ist unklar. Weder Shawn Aaron noch Ingrid Looijmans-van den Akker nahmen Kontakt mit den behandelnden Kollegen auf. Da ihre Untersuchungen in zwei unterschiedlichen Gesundheitssystemen durchgeführt worden sind, lässt sich annehmen, dass es sich um keine landestypischen Besonderheiten handelt.

In einer Stellungnahme gibt die Deutsche Atemwegsliga mehrere Erklärungen. „Es gibt keinen Goldstandard für die Asthmadiagnose“, schreiben Experten. Patienten könnten lange Zeit symptomfrei sein, um nach Allergenkontakt einen bedrohlichen Anfall zu entwickeln. Untersuchungen beim Facharzt bringen wenig: „Der Metacholin-Provokationstest hat eine schlechte Spezifität aber eine ausgezeichnete Sensitivität“, heißt es weiter. Und nicht zuletzt sei eine sichere Diagnose bei Kindern vor dem fünften oder sechsten Lebensjahr praktisch unmöglich.

Ihr Fazit: „In den meisten Fällen handelt es sich also nicht um ärztliche Fehler, es liegt in der Natur des Asthmas. Die Publikationen sollten zum Anlass genommen werden, jeden Asthmapatienten von Zeit zu Zeit auf die Notwendigkeit (Überdiagnose?) und Dosierung einer laufenden Asthmamedikation zu überprüfen und die Therapie bei Asthmakontrolle zu reduzieren.“

86 Wertungen (4.02 ø)
Forschung, Pharmazie

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12 Kommentare:

Kathrin Maahs
Kathrin Maahs

Das bestätigt voll und ganz meine klinischen Beobachtungen.

#12 |
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Gast
Gast

Ich vermute mal Dr. Shawn Aaron hat diese wenigen 300 Millionen alle selbst nachuntersucht.

#11 |
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Nichtmedizinische Berufe

Der Fehler liegt IMHO dann nicht an der Diagnoseerrhebung, der Fehler liegt wohl darin, dass keiner ab und zu mal kontrolliert, ob der Patient ein Medikament überhaupt noch benötigt. Ich verstehe auch die Ärzte, weshalb sollte man bei einem Menschen, der “gut eingestellt” ist, durch einen Ausschleich-oder Absetzversuch einen Anfall provozieren?
Aber durch diese Praxis des Immerweiterlaufenlassens kommt es gerade bei älteren Menschen schnell zu einer ausufernden Polypharmazie.

#10 |
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Unklare Diagnosen, unklare Befunderhebungen. Also eine große Dunkelziffer! Aber die elektronische Gesundheitskarte muß her, um jederzeit auf die exakten Diagnosen der Patienten zugreifen zu können. Irrglaube? Wundermärchen!

#9 |
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Andrea Kockmann
Andrea Kockmann

Hmm… hat man jetzt festgestellt, dass die Inhalatoren zwar sehr gut wirken, aber teuer sind und muss jetzt mit einer Studie aufwarten, dass die Doks Schuld sind? Es sind noch viel zu viele Asthmatiker unerkannt unterwegs und es sind viel zu viele Asthmatiker schlecht bis gar nicht behandelt. Einmal weil Erklärungen fehlen, warum man jetzt die Medikamente nehmen muss und vor allem WIE und zum Zweiten, weil viele mit ihren Beschwerden gar nicht erst beim Arzt auflaufen und an Trainingsmangel und Co denken.

#8 |
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Gast
Gast

Nach meiner Erfahrung in der Pädiatrie wird die Diagnose Asthma eher vermieder und den Kinder die damit notwendige Behandlung vorenthalten.Die Eltern lieben diese Diagnose nicht und die Ärzte müssen viel erklären, also nennt man es nur Bronchitis. Das hört sich nicht so schlimm an. Schlechte Situation !

#7 |
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Martha Magiera-Fischer
Martha Magiera-Fischer

*Berit Kiehn* Im Galopp den Arzt wechseln.

#6 |
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Arzthelferin

Andersrum hatte ich es:

Nach praktisch schon immer bestehendem Heuschnupfen eines Nachts plötzlich Atembeschwerden.

Da ich damals nicht zum Arzt wollte habe ich es hinausgezögert bis ich eines weiteren Abends wieder keine Luft bekam.

Der Arzt hörte mir fünf Minuten zu und gab mir dann, wie ich heute weiss,
ein Cortisonspray dass zur Prophylaxe verwendet wird. Dazu die Erklärung es solle sich um ein Notfallspray handeln.

Das es bei einem weiteren Anfall nicht wirkte erklärt sich von selbst.

#5 |
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Dr. Hermann Grötschel
Dr. Hermann Grötschel

In der Vergangenheit (und vielleicht auch noch jetzt?) wurde bei Sportlern bisweilen mit der Diagnose Asthma Doping verschleiert. Könnte da nicht etwa zum Teil Medikamentenmißbrauch vorliegen?

#4 |
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Gast
Gast

Na ja, vielleicht reichen ja einfach nur bei 1/3 der Patienten 5 Jahre medikamentöse Therapie (und ggf. Allergenkarenz) um die klinisch nachweisbaren Parameter in den Normbereich zu therapieren, wäre ja toll. Das würde allerdings nicht bedeuten dass die initiale Diagnose falsch war, das könnte auch -wie bereits im Artikel erwähnt- auf eine Remission hindeuten.
Auch ein Nachweis von Herzerkrankungen oder anderen Lungenerkrankungen bei den vermeintlichen Asthmapatienten ist nicht ungewöhnlich, siehe Asthma cardiale oder COPD > hier hat die “fälschliche Asthmatherapie” mit Bronchodilatatoren wohl zu einer deutlichen Verbesserung der Symptomatik geführt, wodurch sich der anbehandlende Arzt wohl seine Verdachtsdiagnose “Asthma” bestätigt sah. Und die Moral von der Geschicht: unklare Dyspnoe sollte immer sowohl kardiologisch als auch lungenfachärztlich abgeklärt werden (ggf. ergänzend HNO und Allergologe)

#3 |
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Weitere medizinische Berufe

Folke Peters, genau so ist es. Ich hatte von meiner Hausärztin immer ein Medikament bekommen, was mir sehr gut half. Nach einem Umzug sollte ich dem Pneumologen beweisen, dass ich bisher das Medikament genommen hätte. Meine Lungenfunktion wäre mit 100% viel zu gut. Bitte????? Ich mache tgl. Atemgymnastik, habe lange im Chor gesungen usw. Seitdem ich die Medis nicht bekommen, huste ich mich durchs Leben. Aber ist ja alles eingebildet – ha, ha

#2 |
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MD Folke Peters
MD Folke Peters

Na toll, jetzt sind also 1/3 der Asthmadiagnosen fälschlich gestellt…
Im klinischen Alltag kommt es mir genau umgekehrt vor: viel zu viele Asthmadiagnosen sind entweder nicht gestellt worden und genauso werden viel zu viele Asthmatiker nicht oder unzureichend behandelt.

#1 |
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