Statine: Bye Thrombosen, hi Gedächtnisstörung

31. Januar 2017
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HMG-CoA-Reduktasehemmer gelten bei Herstellern nach wie vor als Verkaufsschlager. Jetzt zeigen Forscher, dass die Wirkstoffe Thromboserisiken verringern. Allerdings gibt es auch Anhaltspunkte, dass die Einnahme für kognitive Störungen verantwortlich sein könnte.

Statine gehören zu den am häufigsten eingesetzten Medikamenten. Die Verord­nungszahlen steigen mit dem Alter der Patienten. In den USA nehmen schätzungsweise 40 Prozent aller Senioren entsprechende Pharmaka ein. Forscher fanden wünschenswerte Effekte, aber auch störende Nebenwirkungen dieser Arzneistoffe.

Weniger Thrombosen

Setor K. Kunutsor von der School of Clinical Sciences, University of Bristol, untersuchte über Metaanalysen eine Hypothese. Statine sollen Patienten vor venösen Thromboembolien schützen, inklusive (tiefer) Beinvenenthrombosen und Lungenembolien. Die Vermutung ist nicht neu, die Evidenz war bislang aber fraglich.

Im Rahmen einer Literaturrecherche wertete er unter anderem Daten von MEDLINE, Embase, Web of Science und der Cochrane Library aus. Dabei fand er 13 Kohortenstudien mit 3.148.259 Teilnehmern und 23 randomisierte, kontrollierte Studien (RCTs) mit 118.464 Teilnehmern.

Bei Observationsstudien verringerte sich das Risiko venöser Thromboembolien um 25 Prozent verglichen mit Patienten ohne Statin. In RCTs errechnete Kunutsor einen Rückgang um 15 Prozent verglichen mit Placebo oder keiner Pharmakotherapie. Subgruppenanalysen zeigten Unterschiede je nach Wirkstoff. Rosuvastatin reduzierte das Risiko am stärksten. Bei Lungenembolien versagten alle Statine. Jetzt fordert Kunutsor weitere Untersuchungen, um seine Aussagen zu verifizieren.

Pille mit Folgen

Ob sich daraus eine konkrete Empfehlung ableiten lässt, ist fraglich. Brian L. Strom von der Rutgers University aus Newark, New Jersey, fand Anhaltspunkte, dass Statine die kognitive Leistung beeinträchtigen. Im ersten Monat der Therapie kam es vier Mal häufiger zu akuten Gedächtnisstörungen als bei Personen ohne Statintherapie. Andere Lipidsenker führen zu ähnlichen Problemen, was wissenschaftlich neue Fragen aufwirft.

Steven Black vom Cincinnati Children’s Hospital Medical Center weist auf ein anderes Problem hin. HMG-CoA-Reduktasehemmer scheinen auch das Immunsystem zu beeinflussen. Nahmen Senioren Statine ein, hatten sie um 38 bis 67 Prozent niedrigere Titer gegen drei Bestandteile saisonaler Influenza-Impfstoffe. Zu ähnlichen Erkenntnissen kam Saad B. Omer von der Emory University in Atlanta, Georgia. Ein Bias lässt sich nicht gänzlich ausschließen. Anhaltspunkte für Effekte auf das Immunsystem bleiben trotzdem bestehen. Benötigen Patienten Arzneistoffe zur Antikoagulation, kommen Statine derzeit nicht infrage.

32 Wertungen (3.53 ø)
Forschung, Pharmazie

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4 Kommentare:

Der letzte Satz kann eigentlich nur heißen, daß Statine nicht als Ersatz für Antikoagulanzien eingesetzt werden können.
In dem Satz steht “benötigen”, nicht wenn sie “bekommen”. Das ist der feine Unterschied.

#4 |
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Bei Antikoagulation kommen Stadien nicht in Frage? Worauf fußt diese Behauptung? Patient mit KHK (Statin-Indikation) und VHF (Indikation zur Antikoagulation) sind nun wahrlich keine Seltenheit…
Ein bißchen Quellenangabe bei einem Wust von Behauptungen schadet nicht. So ist das hier Bild-Zeitungs-Niveau.

#3 |
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Dr. Wolfgang Riethmüller
Dr. Wolfgang Riethmüller

Wie ist der letzte Satz zu interpretieren?
Soll das heißen, dass Statine nicht als Antikoagulantien in Frage kommen? Oder dass Statine nicht als Comedikation in Frage Kommen, wenn Antikoagulantien (auch Aspirin?) zeitgleich eingenommen werden?
So wie geschrieben ist, ist der Satz eindeutig zweideutig.

Wolfgang Riethmüller, Apotheker i. R.

#2 |
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Ergotherapeut

Was ist das kleinere Übel? Beziehungsweise der höhere Benefit? Eine u.U. nur marginale Merkfähigkeitsstörung bzw. Abrufhemmung, die sich ggf. mit Hirnleistungstraining restituieren lässt, oder das signifikante Absenken des Risikos Re-Infarkt der z.B. ACM ?

#1 |
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