Multiple Choice: Ein Kreuz mit dem Kreuzen

26. Juni 2013
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Egal ob in Vorklinik, Physikum, Klinik oder Staatsexamen - an Multiple-Choice-Fragen kommt im Medizinstudium keiner vorbei. Sie entscheiden über Wohl und Wehe des Studenten. Wir zeigen Euch, wie Ihr im Kreuzdschungel den Überblick behalten könnt.

Kann man sich etwas Schlimmeres vorstellen? Der Tag des Examens ist gekommen, tausende medizinische Fakten schwirren einem durch den Kopf und man wartet nur noch darauf, dass die Kreuzprüfung endlich vorüber ist. Irgendwann erfolgt die Ansage, dass man in Kürze den Antwortbogen abgeben muss. Doch da sind leider noch einige Aufgaben, bei denen man sich nicht entscheiden kann. Ist es nun A oder E, B, C oder gar D? Auf einmal erscheint einem alles plausibel. Man tippt blind auf irgendeinen Buchstaben, denn die Prüfungszeit ist fast um. Im Nachhinein erkennt man, dass man sich in der Hektik doch glatt so manches Mal vom Fragesteller hat hereinlegen lassen.

Zeit ist Gold

Das richtige Zeitmanagement in einer MC-Prüfung ist das A und O. Man sollte sich vorab einen vernünftigen Zeitplan für die Prüfung überlegen. Am besten ist es, sich Zeitmarken zu setzen. So habt Ihr ständig die Kontrolle über die Prüfung und könnt im Notfall das Arbeitstempo erhöhen oder Euch entspannen. Für das zweite Staatsexamen bietet sich z. B. die folgende Zeitaufteilung an: man muss über drei Tage jeweils 107 Fragen in 5 Stunden beantworten. Zu Beginn hat man dabei etwa 50 Einzelfragen und anschließend noch vier Fälle mit jeweils ca. 13 Fragen, die man zu diesen beantworten muss. Es bietet sich also an, nach 45 Minuten die ersten 25 und nach 90 Minuten alle 50 Einzelfragen bearbeitet zu haben. Dann bleiben pro Fall nochmals 45 Minuten. Ein erfolgreiches Zeitmanagement umfasst aber nicht nur die Prüfungszeit, sondern auch die Wochen und Monate davor. Es nützt auch nichts, wenn man die kleinen Fächer alle gut beherrscht, aber bei den großen Fächern Lücken aufweist.

Pausen für den Prüfungserfolg

In der Vorbereitung sollte man bestenfalls nicht mehr als fünf Lerntage pro Woche einplanen und sich die letzten zwei Wochen vor der Prüfung für die Bearbeitung von Altklausuren oder Altexamina reservieren. Der Lernumfang lässt sich je nach Art des Fachs und der eigenen Vorkenntnisse einteilen. Am Besten lernt man die Fächer tageweise, beispielsweise studiert man dann vormittags ein Lehrbuch und nachmittags kreuzt man die entsprechenden Fragen dazu. Verplant man von vorneherein nicht mehr als acht Stunden pro Tag und lässt sich das Wochenende frei, kann man auf diese als Ersatztermine ausweichen. Wichtig ist es auch, beim Beantworten der MC-Fragen einen klaren Kopf zu bewahren, um die gut getarnten Falschaussagen zu entlarven und die Verwechslungsgefahr von Negativ-Fragen (Was trifft nicht zu?) mit Positiv-Fragen (Was trifft zu?) zu minimieren.

Aber auch während der Prüfung sollte man auf regelmäßige Pausen achten. In den ersten paar Minuten ist der Erholungswert am größten, nach fünf bis maximal zehn Minuten nimmt er nicht weiter zu. Deswegen genügt auch eine kurze Pause, um sich Entspannung zu verschaffen. Dies haben die Forscher bereits 1974 in einer Studie nachgewiesen und als sogenannte „Kurzpausenregel“ der Arbeitsstrukturierung festgehalten.

Immer der Reihe nach

Leider ist es bei MC-Fragen mit der bloßen Beherrschung des Stoffes nicht getan. Während die Art der Fragestellung manche eifrigen Studenten gerade wegen ihres umfassenden Wissens zu unnötig komplizierten Gedankengängen und Falschantworten verleitet, können andere ihre fachlichen Defizite ausgleichen, indem sie bestimmte Eigenheiten des Multiple-Choice-Verfahrens gewinnbringend ausnutzen. Dazu muss man bestimmte Tipps und Tricks kennen, die wir Euch im Artikelverlauf näher vorstellen.

Einen wichtigen Ratschlag hat Julius Mayer, Regensburger Medizinstudent im 8. Semester und Mentor für Physikumskandidaten: „Man sollte die Prüfungsaufgaben grundsätzlich immer der Reihe nach durcharbeiten. Man darf sich nicht dazu verleiten lassen, die Fragen seines Lieblingsfaches zuerst zu beantworten oder erstmal nur Antworten zu kreuzen, die man ganz sicher beherrscht. Denn das Herausfiltern von Fragen – unter welchen Gesichtspunkten auch immer – kostet wertvolle Zeit, die später fehlt. Und jede Frage, die aus Zeitnot nicht oder nur oberflächlich beantwortet werden kann, bringt Punktabzug. Außerdem lässt die Konzentration im Laufe des Examens nach und da bringt es nichts, schwierige Aufgaben nach hinten zu verschieben. Man kann sie später mit hoher Wahrscheinlichkeit noch schlechter lösen. Es ist viel abwechslungsreicher für den Geist, Fragen mit wechselnden Schwierigkeitsstufen zu beantworten, so bleibt man wach und schnell.“

„Blick hinter die Kulissen“

Habt Ihr Euch schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie die MC-Fragen eigentlich zustande kommen? Wahrscheinlich eher nicht, denn schließlich müsst Ihr sie ja beantworten und nicht stellen. Wer das Verfahren aber kennt, kann den Spieß umdrehen und daraus wichtige Vorteile ziehen. Deshalb ist es lohnenswert, einen „Blick hinter die Kulissen“ zu werfen. Wir haben die wichtigsten Tipps und Tricks in folgenden Tabellen zusammengefasst:

Unbeabsichtigte, inhaltliche Lösungshinweise

Art des Lösungshinweises Erklärung Beispiel
Überdeterminierung der richtigen Antwort Der häufigste „Fehler“, der den Fragenautoren beim Erstellen von MC-Prüfungen unterläuft, ist, die richtige Antwort in sehr langen, komplizierten Sätzen wiederzugeben. Sie wollen sich inhaltlich absichern und überdeterminieren die korrekte Antwort mit relativierenden Aussagen wie „in der Regel“ oder listen Ausnahmen von der Regel sowie weitere Spezifikationen auf. Als inflammatorisches Mammakarzinom wird bezeichnet:A. der Morbus Paget

B. ein Sarkom der Brustdrüse

C. ein undifferenziertes Karzinom der Brustdrüse mit Ausbreitung in kutane Lymphbahnen

D. ein medulläres Mammakarzinom

E. ein duktales Mammakarzinom mit Sekretstau

Richtige Antwort: C

Quelle: 2. Staatsexamen 2000

Absolute Aussagen Da es in der Medizin nichts gibt, was es nicht gibt, sind Fragenautoren bestrebt, die Lösung mit „meistens“, „üblicherweise“, „kann“, „häufig“, „selten“ oder „in der Regel“ zu relativieren, während die nicht zutreffenden Wahlantworten mit absoluten Aussagen wie „immer“, „niemals“, „ausschließlich“, „alle“, „nie“, „nur“, „sicher“, etc. als eindeutig falsch gekennzeichnet werden Für die brusterhaltende Mammakarzinom-Therapie gilt:A. Sie ist nur bei Östrogen-Rezeptor positivem Tumor möglich.

B. In der Regel sollte sie mit einer nachfolgenden Bestrahlung des ipsilateralen Drüsenparenchyms kombiniert werden.

C. Sie muss stets mit einer adjuvanten Polychemotherapie kombiniert werden.

D. Sie ist ausschließlich bei postmenopausalen Patientinnen möglich.

E. Sie erfordert zwingend den Verzicht auf die axilläre Lymphonodektomie.

Richtige Antwort: B (die Antwort ist zudem überdeterminiert)

Quelle: 2. Staatsexamen 2000

Inhaltswiederholung in Frage und Antwort Worte oder Inhalte aus Stamm oder Frage, die sich in den Wahlantworten wiederfinden, können Hinweise auf die richtige Wahlantwort liefern Ein 58-jähriger Mann mit starkem Alkoholabusus und einer längeren psychiatrischen Vorgeschichte ist verwirrt und aufgewühlt. Er spricht davon, die Welt als unreal wahrzunehmen. Dieses Symptom nennt man:A. Depersonalisation

B. Entgleisung

C. Derealisation

D. fokales Erinnerungsdefizit

E. Angstsignal

Richtige Antwort: C

„Känguru-Effekt“ bei Negativfragen Bei Negativfragen ist oft die Ausnahme die „richtige“ Antwort. Dabei ist es gar nicht so einfach, eine Ausnahme zu finden, die sich nicht von vorneherein so deutlich abhebt, dass banale Sachkenntnisse zur Lösung ausreichen. Was kommt als Komplikation einer Adnexitis am wenigsten in Betracht?A. Endometriose

B. Douglas-Abszess

C. Pyosalpinx

D. Tuboovarialabszess

E. Pelveoperitonitis

Richtige Antwort: A (Die Endometriose ragt als einzige Nicht-Entzündung hervor)

Quelle: 2. Staatsexamen 2000

Logische Lösungshinweise

Art des Lösungshinweises Erklärung Beispiel
Gruppenbildung Der testerfahrene Student schließt in nebenstehendem Beispiel die beiden Wahlantworten D und E aus, da sie nicht zur gleichen Antwortkategorie gehören. Er nimmt daher an, dass der Fragenautor die letzten beiden Antworten in Ermangelung weiterer sinnvoller Antwortalternativen hinzugefügt hat. Bei Thyreotoxikose…A. ist der T3 Spiegel erhöht

B. ist der T3 Spiegel unverändert

C. ist der T3 Spiegel erniedrigt

D. sind die Patienten normalerweise jünger als 30 Jahre

E. zeigen die Patienten ein hypoaktives Zustandsbild

Richtige Antwort: A

Kombinationsantworten Durch schlichtes Auszählen der Häufigkeiten der Antworten und Kombination der häufigsten Aussagen innerhalb einer Antwortmöglichkeit, kann man Kombinationsantworten oftmals richtig erraten. Die Flagge von Burundi enthält folgende Farben:A. rot, weiß, grün

B. rot, blau, orange

C. rot, weiß, orange

D. rot, rosa, grün

E. weiß, gelb, grün

Richtige Antwort: A

Lösungsweg: Rot kommt viermal in den Antwortmöglichkeiten vor, weiß und grün dreimal, orange zweimal und gelb und blau einmal. Schreibt man sich nun die Häufigkeit einer Farbe über die Antwortmöglichkeit und addiert anschließend die Häufigkeiten der Farben, kommt man auf:

A: 4 + 3 + 3 = 10

B: 4 + 1 + 2 = 7

C: 4 + 3 + 2 = 9

D: 4 + 1 + 3 = 8

E: 3 + 1 + 3 = 7

Da bei Antwort A die genannten Farben die größte Summe liefern, muss sie die richtige Lösung sein.

Grammatikalische Lösungshinweise Von grammatikalischen Lösungshinweisen spricht man, wenn Frage und Wahlantwortalternative keinen sinnvollen Satz ergeben. Ein 60-jähriger Alkoholabhängiger mit status epilepticus wird von der Polizei zu Ihnen in die Notaufnahme gebracht. Die Luftwege des Patienten sind frei. Was ist der wichtigste erste Therapieschritt ? Die intravenöse Gabe von…A. Untersuchung der Cerebrospinalflüssigkeit

B. Glycose mit Vitamin B1

C. CT-Scan des Kopfes

D. Phenytoin

E. Diazepam

Hier kann man A und C mit Sicherheit ausschließen.

Schwarz-Weiß-Fragen Wenn zwei Antwortoptionen genau das Gegenteil voneinander behaupten, ist sehr häufig eine dieser beiden Antwortmöglichkeiten korrekt. Welche Aussage zur Behandlung von Epilepsien ist korrekt?A. Valproat wird zur Behandlung von Epilepsien eingesetzt

B. Carbamazepin wird zur Behandlung des Status epilepticus eingesetzt

C. Valproat wird nicht zur Behandlung von Epilepsien eingesetzt

D. Diazepam wird zur Behandlung von juvenilen Absencen eingesetzt

Es können nur A oder C richtig sein, in diesem Fall ist die richtige Antwort A.

Statistische Lösungshinweise Häufig werden die richtigen Antworten an die Position C oder D gesetzt. Physikumsrelevant könnte sein, dass in den MC-Fragen zu Anatomie, Histologie und Chemie – statistisch gesehen – bisher C der häufigste Lösungsbuchstabe war, in den Physikfragen hingegen D.

Kreuzen, Kreuzen, Kreuzen

Die Erfolgsstrategie für MC-Prüfungen lautet also: Kreuzen, Kreuzen, Kreuzen. Beschäftige Dich mit Multiple-Choice-Prüfungen, so viel es geht, damit Dir die Fragestellungen in Fleisch und Blut übergehen und Du jeden Versuch, Dich aufs Glatteis zu führen, enttarnen kannst. Bereite Dich außerdem fachlich gut vor und lerne mit einem Lernplan, sodass du nicht in Zeitnot gerätst, bevor das Examen überhaupt angefangen hat. Optimiere Dein Zeitmanagement und stelle Dir schon vor der Prüfung einen individuellen Ablauf zusammen. Am Tag der Prüfung heißt es dann, ruhigbleiben und Nerven behalten. Mach genügend Pausen, schau zu den gegebenen Zeitmarken auf die Uhr, lass dich aber nicht stressen, denn jeder nervöse Gedanke ist nur verschenkte Zeit. Simuliere vorher zu Hause die Prüfungssituation, damit dich nichts aus der Ruhe bringen kann. Und zu Guter Letzt: Beherzige die genannten Tipps, so kann die Prüfung nur gelingen.

94 Wertungen (4.84 ø)

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4 Kommentare:

Robert
Robert

Ich schreibe jetzt im August wie Susanne Physikum.
Finde deinen Artikel sehr nützlich, vor allem mit den übersichtlichen
Tabellen. ;)

#4 |
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Prima Artikel mit Nützlichkeitsfaktor ;-). Schreibe im September die allseits beliebte Statistik-Klausur in Psychologie. Allerdings ist es ein Mix aus MC- und numerischen Fragen. Beim riesigen Stoffumfang und den netten Gemeinheiten der empirischen Sozialforschung kann es vielleicht der für das “Durchkommen” entscheidende Punkt sein, der noch durch eine Ausnutzung der “Schwächen” der MC-Fragestellung erreicht wird. Manches hat man intuitiv schon angenommen, der Artikel ist allerdings eine schöne Systematisierung, damit man, wenn schon erforderlich, dann wenigstens qualifiziert raten kann ;-).

Wenngleich natürlich auch die “Gegenseite” nicht schläft: in unserem Falle alles Statistik-Prof(i)s, die die Aufgaben genauestens und immer wieder auf inhaltliche Schwächen in der Fragestellung prüfen und die Punktegrenzen so legen, dass ein Bestehen durch überwiegendes Raten statistisch sehr unwahrscheinlich wird.

#3 |
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Susanne
Susanne

Sehr cooler Artikel. Was es alles für Tricks und Tipps gibt, die ich noch nicht kannte ;)
Das hat mir wirklich nochmal weitergeholfen, da ich bald Physikum schreiben werde.
Vielen Dank!

#2 |
  0

Sehr schön recherchierter Artikel. Ich bin mit der Thematik dieses Artikels häufiger befasst und finde insbesondere die Erkenntnisse aus dem PDF der UniWien sehr schön herausgearbeitet.

Ich arbeite an der Examens-Lernsoftware AMBOSS mit, in der wir diese und viele andere Strategien zum Kreuzen eingeflochten haben. Für Vorträge, die wir für die Studenten in verschiedenen Städten halten, werde ich mich gerne für einige Ergänzungen aus deinem Artikel nähren. Hut ab! Weiter so!
[Kommentar von der Redaktion gekürzt]

#1 |
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