Krebsentstehung: Chlamydien unter Verdacht

24. Juni 2013
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Neben verschiedenen Viren kann auch das Magenbakterium Helicobacter pylori Krebs auslösen. Wissenschaftler vermuten jedoch, dass Helicobacter nur die Spitze des Eisbergs ist. Sie haben nun einen weiteren Hinweis darauf gefunden, dass Chlamydien Krebs auslösen könnten.

Im Verlauf ihrer Vermehrung hinterlassen die Erreger immense Schäden im Genom ihrer Wirtszellen. Diese Schäden an der DNA werden nur ungenau repariert. So stellen sich in kurzer Zeit zahlreiche Mutationen im Erbgut ein. Darüber hinaus verhindern die Erreger, dass mutierte Zellen absterben. Stattdessen regen sie sie zu weiterem Wachstum an – der erste Schritt zur Krebszelle. Die Ergebnisse der Wissenschaftler könnten helfen, manchen Krebsformen durch geeignete Impfungen vorzubeugen oder sie noch früher zu behandeln.

Chlamydia trachomatis ist eines der weltweit häufigsten sexuell übertragbaren Bakterien. Jedes Jahr stecken sich 90 Millionen Menschen mit den Erregern neu an. Sie dringen in Schleimhautzellen ein und programmieren ihre Wirtszellen so um, dass sie sich in ihnen vermehren oder darin längere Zeit überleben können. Chlamydien können in ihren Wirtszellen in ein Ruhestadium übergehen und so für das Immunsystem unsichtbar bleiben. Die Folge sind monate- oder jahrelange chronische Infektionen, ohne das Auftreten akuter Krankheitssymptome.

Forscher des Berliner Max-Planck-Instituts haben beobachtet, dass die DNA-Moleküle infizierter Zellen mehr Brüche aufweisen als das Erbgut gesunder Zellen. Normalerweise aktivieren Zellen bei Schäden an ihrer DNA das zelleigene Reparatursystem. Es verbindet die gebrochenen DNA-Stränge wieder miteinander, ohne dass der genetische Code verändert wird. Lassen sich die Schäden auf diese Weise nicht beheben, aktivieren die Zellen einen Selbstzerstörungsmechanismus – sie begehen also förmlich Selbstmord. „Chlamydien beeinträchtigen die zelleigene Reparaturmaschinerie, indem sie verhindern, dass bestimmte Reparaturenzyme an der geschädigten DNA andocken können. Infizierte Zellen reparieren Schäden deshalb fehlerhaft, so dass die Wirts-DNA mit der Zeit immer mehr Mutationen anhäuft“, erklärt Cindrilla Chumduri vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie.

Chlamydien (grün) im Inneren einer menschlichen Wirtszelle (rot). © MPI für Infektionsbiologie/V. Brinkmann

Trotzdem sterben die mit Chlamydien infizierten Zellen nicht ab, sondern wachsen einfach weiter – eine Folge von Wachstumssignalen, die die Bakterien an ihre Wirtszellen senden. „Für die Chlamydien ist es überlebenswichtig, den programmierten Zelltod zu verhindern, denn dabei würden sie ja mit zugrunde gehen. Den Preis dafür zahlt die Zelle: Sie kann dadurch Schädigungen davontragen und zur Krebszelle werden“, sagt Chumduri.

Schrittmacher der Krebsentstehung

Die Studie der Max-Planck-Wissenschaftler zeigt, wie Chlamydien zum Schrittmacher der Krebsentstehung werden können. „Die im Reagenzglas erzielten Ergebnisse müssen zwar noch im lebenden Organismus bestätigt werden. Für die Krebsvorbeugung sind aber solche Erkenntnisse von großer Bedeutung, denn sind die Zusammenhänge zwischen Infektion und Krebsentstehung erst einmal gesichert, wie im Fall des Magenerregers Helicobacter pylori, so ließen sich auch andere Krebsarten durch Impfung verhindern oder mit der Gabe von Antibiotika frühzeitig behandeln“, sagt der Leiter der Studiengruppe, Thomas F. Meyer.

Originalpublikation:

Chlamydia infection promotes host DNA damage and proliferation but impairs the DNA damage response
Thomas F. Meyer et al.; Cell Host & Microbe, doi: 10.1016/j.chom.2013.05.010; 2013

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5 Kommentare:

Heilpraktikerin Ingrid Hölzer
Heilpraktikerin Ingrid Hölzer

Stimme dem Kommentar von Thorsten Walter uneingeschränkt zu, es geht um das Immunsystem was Unterstützung braucht.
Also Aufklärung in dieser Richtung wäre das Wichtigste.

#5 |
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Dipl. Biol. Thorsten Walter
Dipl. Biol. Thorsten Walter

“Die moderne Schulmedizin könnte ohne unser Vertrauen überhaupt nicht existieren; denn sie ist weder eine Kunst noch eine Wissenschaft. Die Schulmedizin ist eine Religion. Allgemein versteht man unter Religion einen organisierten Versuch, mit den verwirrenden und mysteriösen Dingen, die in uns und um uns herum vor sich gehen, fertig zu werden. Zu fürchten ist das Schlimmste. Der Gott, der im Tempel der Schulmedizin haust, ist der Tod.”
Aus „Soziologie“ von Eugen Rosenstock-Huessy

#4 |
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Dipl. Biol. Thorsten Walter
Dipl. Biol. Thorsten Walter

“Die Mikrobe ist nichts, das Milieu ist alles.” Wann hört die Medizinwirtschaft endlich auf, nach Profitmöglichkeiten zu foschen anstatt den Körper, seine Funktionen und Bedürfnisse zu kapieren!?
Ein starkes Immunsystem kann jede der Millionen täglich entstehenden Krebszellen erkennen und bekämpfen und auch die “Viren” und Bakterien sind kein Problem, wenn das Immunsystem alle benötigten Hilfsmittel zur Verfügung hat. Somit sollte die Immunstärkung an oberster Stelle stehen und nicht die Entwicklung neuer Kriegswaffen auf dem Körper-Schlachtfeld. Die Evolution hat in Millionen von Jahres ein perfektes System herausgebildet, dessen Teil der Mensch ist, und es ist Nonsens, zu denken, die Natur habe als einziges Ziel, den Körper des Menschen zu zerstören. Es ist allein unsere “moderne”, krebsfördernde Lebensweise, die diese Auswüchse mit sich bringt.

#3 |
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Dr. rer. nat Ralf Hertle
Dr. rer. nat Ralf Hertle

Mit solchen Ergebnissen sollten eigentlich die Erkenntnisse von Dr. Alfons Weber oder Prof. Enderlein neuen Auftrieb bekommen. Wobei ja schon Publikationen des MPI aus den 50er Jahren von ungewöhnlichen Partikeln im Blut berichten, welche von Weber als Krebs-Parasiten identifiziert worden sind. Mal sehen inwieweit die Pharmalobby Forschungen in diese Richtung zuläßt.

Die Forschungsgruppe um T.F. Meyer hat schon zu Tübinger Zeiten die Infektion durch Helicobacter und Neisseria intensiv untersucht und Hinweise auf DNA-Schädigungen durch die Infektion festgestellt (pers. Mitteilung). Nur das zu beweisen war schwierig. Und da liegt das große Problem: zu beweisen, daß tatsächlich im kompletten Organismus (und nicht nur im Zellkulturmodell) die Infektion ursächlich mit der Krebsentstehung in Zusammenhang gebracht werden kann. Zumindest die ersten Schritte werden gemacht.

Seien wir mal zuversichtlich. Vielen Dank für den Artikel.

#2 |
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Elionore Wittmann
Elionore Wittmann

Sehr interessant.
Wer weiß, bei wie vielen Erregern das Krebsrisiko auch erhöht ist?!
H. Schwesinger

#1 |
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