Wie Humanmedizin, nur mit Hörnern

1. Dezember 2010
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Im Präpkurs lernen Humanmedizinstudenten den zukünftigen Patienten "hautnah" kennen. Bei Veterinärmedizinern ist das nicht anders - nur haben sie eben verschiedenste Tiere auf dem Seziertisch. Wir geben einen Einblick in den Präpkurs der Vetmeds.

Bei der Einführungsveranstaltung für Veterinärmedizin antwortete eine ehemalige Mathestudentin auf die Frage, warum sie nun ausgerechnet Veterinärmedizin studiere: „Weil ich sehr großes Interesse an der Medizin habe und die Humanmedizin für mich einfach zu viele Spezies ausschließt.“

Genau diese Diversität der Arten macht sich zum ersten Mal im zweiten Studienjahr der Vetmeduni Vienna bemerkbar mit der Anatomie, Physiologie und Histologie unserer Haus- und Nutztiere. Einen auch für Humanmediziner interessanten Einblick in den veterinärmedizinischen Präparationskurs gibt uns zu diesem Thema Professor Alexander Probst, Anatomieprofessor der Vetmeduni Vienna.

Greifen wir gleich das Thema der Einleitung auf: Herr Professor Probst, warum wählten Sie das Studium der Veterinärmedizin?

Prof. Probst: Für mich stand auf jeden Fall fest, dass es ein Studium mit einer medizinischen Richtung sein muss. Entscheidend waren damals diverse Medienberichte über Veterinärmedizin. Außerdem interessierten mich die Berufsaussichten der Studienrichtung Veterinärmedizin. Im Gegensatz zu Humanmedizin waren diese in der Veterinärmedizin sehr breit gefächert. Wobei man dazu sagen muss, dass mein Berufswunsch bis zum 16. Lebensjahr ausdrücklich im Bereich der EDV oder Petrochemie lag, Veterinärmedizin war eine drastische Richtungsänderung.

Im Vergleich zu anderen veterinärmedizinischen Wissenschaften wie Genetik und Immunologie ist die Anatomie ja eher eine “abgeschlossene“ Wissenschaft- wie bleibt diese trotzdem spannend?

Prof. Probst: In dem sie zunehmend als klinisch angewandte Anatomie mit Fokus auf die Forschung durchgeführt wird. Außerdem wird die Anatomie in der Lehre nicht mehr als streng isoliertes Fach angesehen, sondern in Form einer funktionellen Propädeutik im Kontext mit der Physiologie und Histologie gelehrt. Der dritte Grund, warum Anatomie spannend bleibt, ist, dass das Verständnis eines Lehrbuches -welcher Fachrichtung auch immer- ohne anatomische Grundlagen wirklich schwer ist.

Der Anatomiekurs konfrontiert Veterinärstudenten im zweiten Studienjahr zum ersten Mal mit „berufsspezifischen“ Belastungen wie den Umgang mit toten Tieren, eventuellen Geruchsbelästigungen und nicht zu vernachlässigen- enormen Lernstoff. Ist für Sie das zweite Studienjahr ein Scheidepunkt, ob man für dieses Studium geeignet ist?

Prof. Probst: Das zweite Studienjahr verlangt vom Studierenden nicht nur das Erlernen morphologischer Kenntnisse, sondern auch das gleichzeitige Verstehen der dadurch bedingten funktionellen Grundlagen. Wie soll zum Beispiel die physiologische Herzfunktion verstanden werden, wenn man nicht einmal die unterschiedlichen Klappensysteme im Herzen gesehen, und das nicht-nervale Erregungs- Bildungs- und Leitungssystem verstanden hat.
Das zweite Jahr ist daher definitiv ein Scheidepunkt. Denn wenn dieses Verständnis nicht erarbeitet werden kann, ist dies meiner Meinung nach ein Indiz, dass der Studierende Mängel im medizinisch-logischen Denken aufweist und nicht im Stande ist mehrere Fachdisziplinen übergreifend zu lernen, beziehungsweise in einer Prüfungssituation zu einer Frage fachübergreifend Stellung zu nehmen.

Bleiben wir beim Thema Lernen: welche anatomischen Inhalte bereiten Studenten Ihrer Erfahrung nach die meisten Schwierigkeiten?

Prof. Probst: Das Nervensystem, insbesonders das zentrale Nervensystem. Schwierigkeiten bereiten hier das Fehlen eines räumlichen Verständnisses, die Bahnenlehre und die vegetative Steuerung des gesamten Körpers. Die Arthrologie verursacht zumeist auch Probleme, einerseits wie beim ZNS durch das Fehlen des räumlichen Verständnisses, andererseits durch den Mangel an Wissen über physikalische Grundlagen und Gesetzmäßigkeiten.

Problemorientiertes und fachübergreifendes Lernen ist auch in der Medizin immer häufiger erwünscht. Wäre eine kombinierte Lehre von Anatomie mit Fächern wie der Chirurgie nicht sinnvoller?

Prof. Probst: Klinische Fächer benötigen prinzipiell einmal eine fundamentale Basis in der anatomischen Ausbildung. Diese ist im zweiten Studienjahr durchaus als geeignet anzusehen. Eine erweiterte fachspezifische anatomische Ausbildung wäre durchaus wünschenswert. Dazu müsste allerdings eine wesentlich bessere Vernetzung zwischen den Lehrenden der Vorklinik und Klinik vorhanden sein. „Doppelkonferenzen“ zwischen einem Anatomen und einem Kliniker sind derzeit an der Vetmeduni Vienna eher unwahrscheinlich.

Hat die Anatomie in der tierärztlichen Ausbildung Ihrer Meinung nach den Stellenwert, den sie verdient, oder sollte mehr Zeit- und Fachaufwand während des Studiums dafür betrieben werden?

Prof. Probst: Prinzipiell ja. Allerdings ist an der Vetmeduni Vienna derzeit ein Trend erkennbar, der weg von der veterinärmedizinischen Lehre hin zu einer „fachfremden“ Ausbildung geht. Aufgabe des Studiums sollte es nach wie vor sein, angehende Tierärzte auszubilden und nicht Forscher in spezialisierten Fachrichtungen. Es wird teilweise Wissen vermittelt, das in der Praxis für die Berufsausübung eines Tierarztes nur einen sehr begrenzten Nutzen hat.

Was ist für Sie interessanter: Lehre oder Forschung?

Prof. Probst: Eigentlich im Verhältnis 1:1.

Zum Thema Präparation: das exotischste Tier, dass Sie je „unter dem Messer hatten“?

Prof. Probst: Der Gepard, ein Zootier aus dem Tierpark Herberstein.

Eine Kollegin von mir meinte, es gäbe für sie keine „hübscheren“ Organe als Katzennieren, die aufgrund der oberflächlichen Venae capsulares eine Netzstruktur erhalten. Was ist Ihre Lieblingsregion bzw Ihr Lieblingsorgan?

Prof. Probst: Mein Lieblingsorgan ist das Gehirn aufgrund seiner Komplexizität. Viel interessanter als eine bestimmte Körperregion ist für mich die Eingeweidelehre, sowohl systematisch, als auch topographisch. Regionen interessieren mich dann besonders, wenn es sich zum Beispiel um chirurgische Zugänge handelt.

Eine Literaturempfehlung von Ihnen: das beste Anatomiebuch für Studenten?

Prof. Probst: Ich kann zwei Lehrbücher empfehlen: „Die Anatomie für die Tiermedizin“ von Salomon/Geyer/Gille und „Anatomie der Haussäugetiere“ von König/Liebich. Sie erfüllen beide den Status moderner Lehrbücher mit farbigen Abbildungen, ansprechendem Design und Kapitelwiederholungen. Das „Lehrbuch der Anatomie der Haustiere“ von Nickel/Schummer/Seiferle/Frewein ist insgesamt für Studierende zu umfangreich. Bestimmte anatomische Thematiken, beispielsweise die Eingeweidelehre aus dem zweiten Band, sind auch aus dem „Nickel“ gut zu lernen.

Nun ein provokanter Abschluss mit Augenzwinkern nach dem Spruch „Humanmediziner sind nur Fachtierärzte für Primaten“: ist die veterinärmedizinische Anatomie durch ihre Speziesvielfalt Ihrer Meinung nach anspruchsvoller als die Humanmedizinische?

Prof. Probst: Die Anatomie, im Gesamtbild gesehen, ja. Spezielle Bereiche, wie zum Beispiel, die Neuroanatomie, nein, da in der Humanmedizin hier einfach mehr Detailwissen verlangt wird und dieses auch klinisch Anwendung findet.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

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