Ärzte: Keine Immunität gegen Pharmawerbung

2. Dezember 2010
Teilen

Pharmamarketing kostet viel Geld – und bringt noch mehr ein: Denn Ärzte sind häufig entgegen ihrer eigenen Überzeugung nicht immun gegen die Werbebotschaften: Diese könnten auf das Verschreibungsverhalten durchaus Einfluss nehmen, ergab eine Metaanalyse.

Die Zeit ist knapp in der täglichen Praxis. Die Fortbildung allerdings ist ein Muss. Nicht jeder hat die Zeit in entsprechenden Journalen zu schmökern oder sich gezielt Studien herauszusuchen, die lesenwert wären. Post und Pharmavertreter kommen direkt ins Haus, Fortbildungsveranstaltungen sind vielleicht zu passender Stunde am richtigen Ort mit angenehmem Drumherum und versprechen ebenfalls Informationen.

Die andere Seite: Für Produkte zu werben, scheint legitim. Umsatzförderung durch Werbung und Marketing ist gerade heutzutage unabdingbar, denn die Konkurrenz schläft schließlich nicht. Jeder Arzt kann mit seinem medizinischen Hintergrund doch wohl beurteilen, welches Medikament sinnvoll und gut ist, welches Präparat tatsächlich eine Verbesserung oder Neuerung darstellt, von denen der Patient dann profitiert.

Werbung beeinflusst Qualität, Quantität und Kosten

So einfach ist es aber nicht. Denn auch Ärzte sind gegen Beeinflussung nicht gefeit, die nun mal mit Werbung verbunden ist. Diesen Schluss zumindest legt eine Analyse von 58 Studien nahe, die Geoffrey Spurling der Universität Queensland in Brisbane, Australien, und sein Forscherteam unlängst vorlegte. Zumindest manchmal nehmen Werbemaßnahmen auf die Verschreibungspraxis Einfluss.

38 Studien zeigen, dass Ärzte, die Werbung von Arzneimittelherstellen ausgesetzt waren, diese auch häufiger verschrieben. 13 Studien konnten solch einen Zusammenhang zwar nicht belegen, doch ergab auch keine Studie, dass Informations- und Werbematerial zu einer weniger häufigen Verschreibung eines Präparates führten. 17 von 29 Studien zeigen, dass Pharmavertreter die Verschreibungszahlen steigerten, keine Untersuchung bewies sinkende Verordnungen nach dem Besuch eines Vertreters.

Auch bezüglich der Qualität der Verschreibung und der Exposition pharmazeutischer Informationen ergaben sich bei der Prüfung von zehn Studien Zusammenhänge. Es fand sich eine verschlechterte Qualität der Verordnung oder allenfalls keine Auswirkung. Acht Studien wurden bezüglich des Einflusses von Pharmainformationen auf die Kosten der verschriebenen Medikamente untersucht. Sieben Studien legen den Schluss nahe, dass meist auch die Kosten steigen.

Woher die Informationen beziehen?

Bis auf wenige Ausnahmen scheinen Marketing und Werbung also ihre Wirkung zu tun. Da die Ärzte in den zugrunde liegenden Studien Werbebotschaften nicht randomisiert exponiert waren und es sich meist um Beobachtungsstudien handelte, ist nicht auszuschließen, dass manch ein Arzt sogar von Werbemaßnahmen profitierte oder sich durch diese zumindest keine Veränderungen des Verordnungsverhaltens einstellten. Nicht belegbar sind jedoch auch Verbesserungen von Verordnungen durch direkte Informationen der Pharmafirmen.

Die Wissenschaftler um Spurling sind zugegeben kritisch. Einige davon sind Mitglieder der Nonprofit-Organisation „Healthy Skepticism“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, vor Schäden durch irreführende Gesundheitsinformationen zu bewahren. Sie empfehlen Ärzten Artikel aus Fachjournalen und unabhängigen Quellen zu lesen. Wichtig ist auch die Berücksichtigung von Leitlinien und Empfehlungen.

Zudem fordern sie Vorschriften für Werbung etwa durch unabhängige Organisationen. Vorschreiben ließe sich vielleicht auch der Anteil des Geldes, den pharmazeutische Unternehmen für Werbung ausgeben dürfen. Das scheint für die USA auch sinnvoll zu sein, denn 2004 betrug dieser Anteil rund 57,5 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Viertel der gesamten Einnahmen. In Europa entsprechen Werbeausgaben etwa der Hälfte.

54 Wertungen (3.91 ø)
Apothekenmarketing, Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

12 Kommentare:

Dr. med. Hannes Rietzsch
Dr. med. Hannes Rietzsch

Werbung um Kunden ist nun einmal Bestandteil des Wirtschaftssystems, in dem wir arbeiten. Ich sehe es als illusorisch an, gerade die Medizin aus diesem Prozeß herauszuschlagen um den Preis einer unendlichen Diffamierung derer, die sie um das Wohl der ihnen anvertrauten Patienten mit aller Aufrichtigkeit kümmern.
Innovationen aus der Pharmaforschung haben meiner Ansicht das Recht darauf, ihren Nutzen beim Patienten in der Praxis nachzuweisen, wenn nach Zulassung die prinzipielle Sicherheit der Medikamente erwiesen ist.
Die Aktivitäten des GBA lassen mich auch den Sachverstand in Frage stellen. Am Beispiel der Glinide zur Behandlung des Typ 2 Diabetes sieht man das Gegenteil. Nach der Zulassung hat sich kaum ein Pharma-Vertreter mehr um dieses Prinzip gekümmert. Nun wird mit der geringe Zahl an Studien versucht zu begründen, das der Beweis für einen Vorteil aus dieser Behandlung nicht gegeben ist: Keine Kostenerstattung mehr – dafür bestimmt mehr Unterzuckerungen bei den umgestellten Patienten – und höhere Kosten bei Insulinbehandlung!

#12 |
  0
Sabine Niermann
Sabine Niermann

Pharmafia = eigene Unternehmensphilosophie = kein Entkommen
Und dies gilt eben, auch und gerade, für Ärzte !

#11 |
  0
Medizinjournalistin

zu 13, leiber Herr Kron,
die Unabhängigkeit von Organsisationen ist sicher nicht so einfach selbst überprüfbar – vielleicht hat ja doch der eine oder andere einer Organisation oder von anderen angeblich unabhängigen Quellen Industriekontakte. Ist natürlich nicht auszuschließen. Dass auch Studien mit Vorsicht zu genießen sind, ist ebenfalls bekannt – doch kann dies ja kein Argument dafür sein, aus Werbung Informationen zu ziehen und diese nicht zu prüfen, nicht wahr? Ich gehe davon aus, dass “Healthy Scepticism” bemüht ist, unabhängig zu sein.

#10 |
  0

Dass Informationen immer auch interessengeleitet sind, ist natürlich ein alter Hut. Die Pharmaindustrie ist da, zurückhaltend formuliert, sicher recht rege, aber sie hat kein Monopol darauf.

Die Frage daher an Herrn Prof.Brune: Wären Studien, die der Staat oder Krankenkassen finanzieren, wirklich glaubwürdiger? Ich bin mir da nicht so sicher. Zählen letztendlich nicht die Fakten? Oder etwas polemisch: Ist 3×3 nicht auch dann 9, wenn es ein Pharmamanager gesagt hat?

Und eine Frage an die Autorin: Wie unabhängig ist eigentlich die Non-Profit Organisation “Healthy Skepticism”? Vielleicht ist sie es, vielleicht aber auch nicht. Ist eine Information allein schon deswegen glaubwürdig, weil sie nicht von der Pharmaindustrie kommt? Ich denke, Skepsis ist immer angebracht. Sie ist das Wesen einer Wissensgeselllschaft,nicht Glaube.

#9 |
  0
Ralf-Michael Lübbers
Ralf-Michael Lübbers

Zu Pharmazetix:

Ich kann Geld ausgeben, um in der Dominikanischen Republik in der Sonne zu braten. Oder in einem Notfall ein paar Kilometer weiterfliegen und mit einfachsten Methoden Menschenleben retten (schlicht Braunülen legen und Ringer infundieren).

Mit dem Geld verhält es sich so: Es gibt ein zu wenig. Ein genug. Und ein zu viel. Ich habe genug. Wenn ich mehr bekomme, als ich es jetzt habe, bringt es mir nicht zusätzliches Glück. Hat was zu tun mit dem sogenannten Grenzwertnutzen. Wenn ich ein Auto habe, mag das klasse sein. Vielleicht sind 2 Autos auch ganz schön. Wenn ich aber 10 Autos besitze und kein Autohändler bin, nutzt mir das nur nichts, sondern es schadet mir. Ich muß mich dann nämlich um 10 Autos kümmern (TÜV, waschen, tanken…), kann aber immer nur eins fahren.

Und wenn man mehr als genug hat und andere zu wenig um überhaupt überleben zu können, dann ist das moralisch …ich will jetzt vorsichtshalber nicht moralisieren und verwerflich schreiben ups doch passiert…

Erich Fromm hat gesagt, nicht nur Armut schadet den Armen, sondern der Luxus schadet den Reichen.

Eigentlich waren wir ja bei der verwerflichen Pharmaindustrie. Darf ich das so schreiben. Ist ja nur eine Meinung von mir…Grundlagenforschung macht nicht die Pharmaindustrie, sondern die Universitäten. Die Pharmaindustrie versucht nur und ausschließlich, mit Patenten Geld zu verdienen. Und das ist verwerflich.

Literatur: Der Pharmakomplex.

Viele Grüße

#8 |
  0
Horst Rieth
Horst Rieth

“Auch die älteren Arzneistoffe wurden irgendwann entwickelt.
Ohne die forschende böse Pharmaindustrie würden wir wie annodunnemals einem Magenkranken einen schönen Kamillentee verordnen und eine Ruckzuck-Brustamputation ohne Narkosemittel durchführen.”
Tja pharmazeutix, ganz falsch, geschichte mangelhaft, in der regel wurden die ältesten arzneistoffe von der natur, die älteren nicht aus rein materiellen gesichtspunkten entwickelt, sondern aus neugier, ehrgeiz und empathie.

#7 |
  0
Monika Geissler
Monika Geissler

Häufig schein bei den Ärzten doch mehr der Geldaspekt im Vordergrund zu stehen, als das Wohl des Patienten:
Wie ist es sonst zu erklären, daß man regelmäßig auf schlechte Bezahlung der Ärzte angesprochen wird?

#6 |
  0

möglich ist alles. mein letzter pharmareferent wurde vor 2 jahren vorgelassen. ansonsten durfte /mußte ich zu meiner schulzeit schon literatur wie”die geheimen verführer” lesen. war sehr nützlich und hilfreich war und ist.

ansonsten sind auch metaanalysen mit vorsicht zu genießen, da sie noch mehr als einzelstudien den blick für das wesendliche verstellen können und landläufig als besonders überzeugend, quasi als monstranz und allheilmittelzur urteilsfindung angepriesen werden. 30 jahre das gleiche klientel und der gesunde menschen(arzt)verstand sind besser und glaubhafter als jede studie.

#5 |
  0
Ralf-Michael Lübbers
Ralf-Michael Lübbers

Moin,

es gibt unabhängige Informationen. Der Arzneimittelbrief, arznei-telegramm, ärztliche Verordnungspraxis und Pharma-Brief seien genannt.#

Und es gibt eine Organisation, die sich gegen Manipulation gegen die Pharmaindustrie wehrt: MEZIS (mein Essen zahl ich selbst, Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte, http://www.mezis.de)

Bin momentan übrigens für Humedica auf Haiti wegen der Choleraepidemie. Hier ist es mit Pharmavertretern wie in meiner Praxis: Keine zu sehen. In meiner Praxis muß sich sie rauswerfen lassen (weil ich mich nicht manipulieren lassen will), hierher nach Haiti kommen die nicht, weil es hier nullkommanichhts zu verdienen gibt.

Michael Lübbers (Facharzt Allgemeinmedizin, sonst Marienhafe)

#4 |
  0
Dr. Wolfram Zimmer
Dr. Wolfram Zimmer

Gibt es wirklich unabhängige Informationsquellen denn? Was soll in diesem Artikel denn die Werbung für eine Bank? Auch die meisten Fachjournale sind voll von Werbung. So finanzieren sie sich. Die dargebotenen Informationen müssen den Inserenten gefallen, sonst werben sie woanders. Der Einwand von Prof. Brune bez. pharmabezahlte Studien ist ebenfalls absolut richtig.

#3 |
  0
Dr.med Eugen Höflich
Dr.med Eugen Höflich

Warum sind Reimporte billiger?Ebenso im Ausland verkaufte Präparate?Warum war das Verhältnis Arzthonorar zu verordneten Präparaten vor 40 Jahren 100/20 und heute 100/200.Haben diese Zustände letztlich auch zu der heutigen Honorarsituation geführt?Wielange noch sind Ärzte Umsatzerzeuger für die Industrie mit indirekten Auswirkungen auf ihr eigenes Honorar?Fragen die seit Jahrzehnten nicht korrekt beantwortet sind.M.f.G Höflich sen.

#2 |
  0
Professor Dr. Kay Brune
Professor Dr. Kay Brune

Die Kritik ist berechtigt, geht aber am Problem vorbei.Vermarktung erfolgt auf der Basis von Studien. Diese werden fast ausschließlich von der Industie durchgeführt. Ihr Design favorisiert den Hersteller- wie sollte es anders sein.Helfen könten nur unabhaängige Studien, die müßten allerdings vom Staat, Krankenkassen etc finanziert werden. Lohnen würden sie allemal, denn jede Altsubstanz ist billiger, manche sind vielleicht genauso gut oder besser als eine Neue, wir werden es nur nie erfahren. Ja, wir dürfen die Alte u.U. gar nicht einsetzen, weil die nötige “Evidenz” fehlt.

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: