Meditation: Zweisam statt einsam

11. Januar 2017

Eine neue Form der Meditation, die kontemplative Dyade, zeigt: Der direkte Austausch von Gefühlen steigert die Verbundenheit – auch bei untereinander fremden Personen. Lässt sich die Methode auch nutzen, um psychische Erkrankungen mit sozialen Defiziten zu behandeln?

Der Mensch ist ein soziales Wesen und Einsamkeit belastet ihn. Er leidet nicht nur psychisch, Einsamkeit macht ihn auch körperlich krank. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben nun gezeigt, dass eine neue Form täglicher Meditation die soziale Verbundenheit untereinander steigern und das Gefühl von Einsamkeit reduzieren kann: die sogenannte kontemplative Dyade. Diese setzt im Gegensatz zu traditionellen, allein im Stillen für sich praktizierten Techniken auf lautes Meditieren in Form hochkonzentrierter Dialoge – sei es von Angesicht zu Angesicht oder über eine spezielle Smartphone-App.

Zwei Menschen sitzen sich gegenüber: Der eine erzählt von einer unangenehmen Situation, die er am Tag zuvor erlebt hat, wie etwa von einem Streit mit dem Ehepartner oder einer Auseinandersetzung mit einem Arbeitskollegen. Er erzählt auch, wie sich der Streit körperlich angefühlt hat. Anschließend beschreibt er ein Erlebnis, für das er in den letzten 24 Stunden besonders dankbar war.

1702_Dyade_Schmuck

Als eine neue Form täglicher Meditation kann die kontemplative Dyade die soziale Verbundenheit zwischen einander fremden Menschen steigern und so das Gefühl von Einsamkeit reduzieren ©MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften

Die andere Person hört aufmerksam zu und beginnt so, Empathie für den Erzähler zu entwickeln. Während er spricht, hört der andere aufmerksam zu, ohne das Gesagte durch Worte oder Mimiken zu kommentieren – und umgekehrt.

Mehr soziale Nähe zu anderen Menschen

„Wir wollten herausfinden, ob diese von uns entwickelte neue Form der täglichen kontemplativen Dyade dazu beitragen kann, die soziale Verbundenheit zwischen Menschen zu stärken, selbst wenn diese sich vorher nicht kennen“, sagt Tania Singer. Sie leitet das ReSource Projekt, eine neunmonatige Längsschnittstudie, die die Auswirkungen von mentalem Training auf Wohlbefinden sowie soziale, emotionale und geistige Fähigkeiten untersucht.

Und tatsächlich: „Nach jeder Dyade berichteten die Teilnehmer, dass sie sich ihrem Gegenüber nach der gemeinsamen Übung deutlich näher fühlten als zuvor. Im Laufe unseres täglichen zehnminütigen Trainings an fünf Tagen pro Woche über einen Zeitraum von sechs Monaten hinweg teilten die Menschen so zunehmend persönlichere Gedanken und Gefühle“, erklärt Bethany E. Kok, Erstautorin der dazugehörigen Originalpublikation.

Verbundenheit stärkt erfülltes Leben

„Sie bauten damit eine emotionale Nähe zueinander auf – obwohl der Dialogpartner jede Woche aufs Neue wechselte und die Übungseinheiten meist statt von Angesicht zu Angesicht über eine eigens entwickelte Smartphone-App durchgeführt wurden“, so Kok weiter. Die Neurowissenschaftler schlussfolgerten daraus, dass sich die Teilnehmer nicht nur ihrem direkten Partner innerhalb der Dyade näher fühlten, sondern den Menschen im Allgemeinen.

Seit einiger Zeit werden kontemplative Dyaden als eine vielversprechende Methode diskutiert, um die persönlichen sozialen Fähigkeiten zu schulen. „Wir haben nun den ersten wissenschaftlichen Beweis dafür geliefert, dass dieser kurze tägliche Austausch von Gefühlen und Gedanken ein wirkungsvolles Mittel sein kann, um die Menschen einander innerlich näher zu bringen“, erklärt Kok.

„Aus früheren Studien wissen wir, dass die persönlich wahrgenommene Verbundenheit zu den eigenen Mitmenschen wiederum dazu beiträgt, dass Menschen ein längeres, gesünderes und vor allem glücklicheres Leben führen.“

Affektiv oder perspektivisch Dyade

Innerhalb ihrer Studie konzentrierten sich die Wissenschaftler um Singer auf zwei Formen der kontemplativen Dyaden: die affektive und die perspektivische.

Die eingangs beschriebene Szene spiegelt dabei die affektive Variante wider, bei der eine Person jeweils eine eigens gerade erlebte, besonders emotionale Situation aus eigener Sicht beschreibt. Im Gegensatz dazu schildert der Sprecher in der perspektivischen Dyade zwar ebenfalls eine aktuelle Begebenheit. Jedoch versetzt er sich diesmal in die Rolle eines Persönlichkeitsanteils von sich selbst: Wie hätte die innere besorgte Mutter, das neugierige Kind oder die gestresste Angestellte diese Situation wahrgenommen und erlebt?

Der Zuhörer versucht wiederum, diese neue Perspektive nachzuvollziehen und auszuloten, aus wessen Sichtweise berichtet wird. „Sowohl die affektive als auch die perspektivische Form der Dyade haben dazu beigetragen, dass sich einander unbekannte Menschen stärker miteinander verbunden fühlen“, erklärt Kok. Dabei habe sich die erste Variante jedoch als die erfolgreichere von beiden herausgestellt, wenn es um die Steigerung von sozialer Nähe geht, vermutlich weil sie sich besonders auf das emotionale Erleben und Mitteilen konzentriere.

Studie bisher nur mit Erwachsenen

Bisher haben die Wissenschaftler diese Zusammenhänge nur an erwachsenen Studienteilnehmern ohne psychische Beschwerden untersucht. „Interessant wäre es nun herauszufinden, ob sich diese neuen Methoden auch nutzen lassen, um die sozialen Fähigkeiten von Kindern zu fördern oder um psychisch kranken Menschen zu helfen, die besonders häufig unter Einsamkeit und sozialen Defiziten leiden“, so Singer.

„Unabhängig davon bieten diese kurzen, zwischenmenschlichen Übungen eine einfache, wirkungsvolle Möglichkeit, um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen zu stärken. In unserer zunehmend hochindividualisierten, von Stress erfüllten Gesellschaft ist das heute wichtiger denn je.“

Originalpublikation:

Effects of Contemplative Dyads on Engagement and Perceived Social Connectedness Over 9 Months of Mental Training
Bethany E. Kok et al.; JAMA Psychiatry, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2016.3360; 2016

20 Wertungen (4.3 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

10 Kommentare:

Annika Diederichs
Annika Diederichs

Man kann alles Meditation nennen, aber dadurch wird es noch nicht zu einer Meditation. Leider ist der Begriff nicht geschützt.

#10 |
  0
Heilpraktiker

Am besten ausprobieren und dann schreiben. Ich sende auf Anfrage gerne eine Anleitung zum “Joining”.
Zu A. Diedrichs: Es gibt verschiedene Aren von Meditation (siehe Wiki oder Lexikon). Davon sind einige Arten zielgerichtet.
Ich vermute schwer, dass es sowohl bei den im Artikel beschriebenen methoden als auch bei den im Forum besprochenen Methoden nicht um Beeinflussung des Gegenüber geht.
Erfahrungsgemäß spürt der Gegenübersitzende sehr schnell wenn gezielte Beeinflußung pratiziert wird.
Beim Joining geht es eigentlich nur um das unvoreingenommene wahrnehmen (möglichst mit Wertschätzung) des Gegenüber.
So ist es oftmals möglich sich selbst im anderen zu erkennen. Manchmal sogar zu erfahren dass es eigentlich keine Trennung gibt zwischen dem Gegenüber und dem eigenen Selbst. (Ausser der Illusion einer Trennung)
Diese “Einheitserfahrung” löst wie unten beschrieben sogenannte “Eu-Gefühle” aus: tiefer FRieden, Freude, Ekstase, Glückseigkeit….

#9 |
  0
Annika Diederichs
Annika Diederichs

Hier liegt ein fundamentales Unverständnis vor. Grundsatz jeglicher meditativer Praxis ist, daß kein Zweck damit verfolgt wird. Sobald man ein bestimmtes Ziel vor Augen hat, wie etwa “die sozialen Fähigkeiten […] zu fördern”, ist das keine Meditation, sondern nur irgendeine Spielart von Psychotherapie. Es gibt keine zielgerichtete Meditationspraxis, denn “zielgerichtet” und “meditativ” schießen sich gegenseitig aus. Wen man jetzt unbedingt “Eyegazing” in der therapeutischen Praxis einsetzen will, ist das eine Sache, die man gut finden oder kritisieren kann. Ganz sicher aber ist das keine Meditation, sondern ganz im Gegenteil ein Mittel zur gezielten Beinflussung des Gegenüber.

#8 |
  0
Psychotherapeut

ps:

Meine Großmutter hätte dazu gesagt: “Und das soll nun wieder so was sein….”.

Es gibt doch schon reichlich Methoden, die mit dem Ausloten von Nähe und Distanz arbeiten und mit Hilfe derer Menschen sehr gute und tiefe Erfahrungen machen können. Braucht es da nun noch etwas “ganz Neues”?

Meditation kann natürlich in Gruppen geübt werden, was sogar einen positiven Effekt hat. Aber wer wiederum immer andere Menschen braucht, um zu “meditieren”, sollte sich fragen, was er oder sie denn eigentlich sucht.

Meditation ist ihrem Wesen nach etwas, was m.E. primär allein und in der Stille geübt werden muss – genauso, wie Imagination zwar sehr effektiv in einer Gruppe geübt werden kann, wobei aber doch jeder seine eigenen Bilder und Impulse hochkommen läßt, die grundsätzlich mit denen der anderen Teilnehmenden nichts zu tun haben.

KINDER:
Hier scheint es mir primär wichtig zu sein, Kindern das Erleben von Stille und Ruhe zu ermöglichen. Wenn das gelingt, ist das immer schon ein ganz großer Gewinn! Und dafür bedarf es gar keiner besonderen Methoden, sondern Erwachsener, die selbst diese Ruhe ausstrahlen und an denen die Kinder ganz unbefangen und intuitiv erkennen, dass eine solche Ruhezeit (-zone) eine schöne und bereichernde Sache ist.

#7 |
  0
Psychotherapeut

Seit vielen Jahren meditiere ich selbst “im Stil des Zen”, leite immer wieder aber auch in Gruppen an und versuche, die Grundlagen zu vermitteln, die jede/r selbst übend vertiefen muss.

Meditiation ist eine hochsensible Angelegenheit: man muss mit sich selbst und vor allem mit anderen mit aller Vorsicht arbeiten. Insbesondere sollte man sich immer wieder auch vergewissern, dass psychisch alles “in Ordnung” ist.

Nun ist (oder war?) “Achtsamkeit” ja das ganz große Thema: Keine psychiatrische Klinik ohne Achtsamkeitsgruppen, die leider nicht selten von sehr jungen Hilfskräften geleitet werden, die selbst überhaupt keine Erfahrung gesammelt haben können.

Und nun also “kontemplative Dydade”. Was ich da sehe und lese, läßt mich befürchten, dass hier eine äußerst intime Beziehung gepflegt wird, die sehr leicht auch erotische Aspekte auslösen kann – oder einen Fluchtreflex.

Wenn es denn schon eine solche Form der Kontemplation sein soll, dann sollte zumindest ein angemessener räumlicher Abstand gewahrt werden, sonst “geht das Ganze in die Hose” – und das ist nicht der Sinn von Meditation/Kontemplation.

Wieviele Ehepaare wären wohl zu solch einer intimen Übung bereit? – Ich denke mal, es werden nur sehr wenige sein. Mit Fremden geht es sicherlich einfacher – aber auch nicht allzu lange.

Ich finde es schwierig, wenn nun immer mehr altehrwürdige Traditionen für “Therapie” usw. utilisiert werden! Aber das hält ja ohnehin nie lange an……

#6 |
  0

Schon lustig, wie die Ansätze kommunizierenden – und damit echten Lebens verrissen werden wollen.

#5 |
  0
Heilpraktiker

Herr “Nicht Lustig” ich finde sie echt lustig.
Ihre Erfahrungen. Grins . Anhand Ihres barschen Textes frage ich mich wie sie es fertig bringen eine Methode (welche auch immer es sein mag) derart zu missbrauchen dass sie so aggressiv reagieren.
Sehr gerne würde ich mal Ihre Hirnregionen vermessen während sie sich vorstellen wie Schwurbel- Schwafler (interessante Kreation) e kstatisch maturbieren. Vielleicht mehr Regung bei Ihnen wie während des Jahrelangen meditierens.
Die Abende sind übrigens kostenlos. Wer möchte kann etwas für die Raummiete.. spenden.
Lachende Grüße vom Herzen

#4 |
  5
Nicht Lustig
Nicht Lustig

” kontemplative Dyade” Welch ein wunderschöner Begriff.
Warum wundert es mich nicht?
DIE perfekte Methode für Unheiler, man muss nichts wissen, nicht können, nicht viel tun, schwadroniert ein wenig über Ekstase und Hirnregionen und ähnliche, dem HP unbekannte Bereiche. Allerliebst. Obwohl ich es mir schon vorstellen kann, dass die Schwurbel-Schwafler tatsächlich ekstatisch ins Masturbieren kommen, angesichts solcher Vorlagen.
Wie viel kostet den so ein Abend Nichts..äähh Joininig für die Opfer..äähh Kunden?
Und immer schön an die anekdotische Evidenz und die behaupteten Erfolge denken-:)

Nach meiner Erfahrung bedarf es jahrelanger intensiver Yoga-Übungen und Meditation um signifikante Erfolge zu spüren.
Kaum eine andere Methode wird derart missbraucht.

#3 |
  7
Heilpraktiker

Wow! Freue mich sehr über diesen Artikel.
Es reicht meiner Meinung nach sogar aus die Übung ohne Worte, lediglich mit Augenkontakt und vielleicht zusätzlicher, angenehmer Musik zu machen. Die Effekte sind ähnlich stark.
Ich biete solche “Joining- Abende” ca 6 mal / Jahr in meiner Praxis an und bin immer wieder erstaunt über die sehr positiven Ergebnisse.
Die Methode, auch unter dem Namen Eyegazing bekannt, wurde von Chuck und Lency Spezzano (Hawaianische Heiler) weltweit gelehrt und verbretet.

Auch im Kundaliniyoga wird unter dem Namen “weisses Tantrayoga” eine ähnliche Übung teilweise tagelang praktiziet. Hier auch ohne Worte und zusätzlich mit manchmal recht anstrengenden Yogaübungen.

Find ich gut dass nun dieser Artikel in den Fachgebieten Neuro / Psycho hier auf Coccheck erscheint.

Da es durch diese Methoden gerne zu sehr schönen, manchmal sogar ekstatischen Zuständen kommen kann würde mich interresieren wie sich die Hirnregionen während des praktizierens verändern.

Anstatt sich gegenseitig zuzuhören, sich gegenseitig wahrzunehmen wird heutzutage lieber in so kleine viereckige Dinger geklotzt die so tun als würden si das leben erleichtern.
Oft ist das Gegenteil der Fall.
Sicher findest du, lieber Leser dieses Textes, auch beim googeln über diese Methode irgendeinen Autor der meint es wäre ganz schlimm sich in die Augen zu schauen weil Satan persönlich ….
Andere haben Angst sie Könnten sich verlieben… wen sie Jemandem lange in die Augen schauen und und und.
Schon Krass wieviel Angst in uns Menschen steckt wenn es um Verbindung / Hingabe (Kontrolle loslassen) geht.

Zum Gast unten: Geht über Skype… jedoch solltest du,wenn du nicht die NSA und andere Schnüffler mitmachen lassen willst, besser über den anonymen Browser “Tor” in diese wundervolle Methode einsteigen. HIHI

#2 |
  8
Gast
Gast

Geht das auch über Facetime oder Skype? LoL

#1 |
  0


Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: