Pharmaziestudium: Studenten wollen mehr

17. Januar 2017

Mehr Zeit für die Pharmazie und für relevante Randbereiche – weniger Zeit mit irrelevanten Hilfswissenschaften verbringen: Das wünschen sich BPhD-Vertreter von einem modernen Pharmaziestudium. Die Umsetzung würde unweigerlich zu längeren Ausbildungszeiten führen.

Apotheker sind längst nicht nur als Heilberufler oder als Wissenschaftler gefragt. Kaufmännisch-ökonomische Kompetenzen kommen mehr und mehr dazu. „Ein Studium, welches all diese Kompetenzen vermitteln soll, steht vor einer großen Herausforderung“, so Julia Lanzenrath vom Bundesverband der Pharmaziestudierenden (BPhD) in einer Meldung. Sie spricht vom „Balance-Akt“: Einerseits geht es darum, viel Wissen aus unterschiedlichen Themenfeldern zu vermitteln. Andererseits darf der Praxisbezug nicht fehlen. „Wir als BPhD e.V. sehen jedoch eine Erneuerung der Gewichtung und Stärkung der Flexibilität zur Gewährleistung der Aktualität von Lehrinhalten als dringend notwendig an“, ergänzt Lanzenrath. Über mehrstufige Prozesse ist jetzt ein Thesenpapier entstanden.

Wichtiges ausbauen

Der BPhD fordert, dass folgende Themengebiete der Approbationsordnung ausführlicher im Curriculum behandelt werden sollen, da sie „große Relevanz und Bedeutung für die pharmazeutische Kompetenz“ haben:

  • Pharmakologie, Pharmakotherapie sowie der pharmakologisch-toxikologische Demonstrationskurs
  • Anatomie und Physiologie
  • Pharmazeutische Betreuung sowie Therapiebewertung und Therapieindividualisierung
  • Arzneiformenlehre und Technologie
  • Biopharmazie
  • biotechnologische Grundlagen sowie Immunologie und Antibiotika
  • organische Chemie

Einige Gebiete wünschen sich Studierende neu der Approbationsordnung:

  • Scientific English
  • psychologischen Grundlagen
  • Ethik
  • Computerkenntnisse

Zeit, um auszumisten

Im gleichen Reformschritt sollen folgende Themengebiete der Approbationsordnung reduziert beziehungsweise aus dem Curriculum gestrichen werden, da sie „nicht mehr zeitgemäß sind und/oder einen zeitlich nicht adäquaten Rahmen im Studium einnehmen“:

  • Arzneimittelanalytik und Arzneistoffanalytik
  • quantitative Analytik
  • anorganische Chemie
  • Nomenklatur
  • mathematische und statistische Methoden
  • Physik
  • zytologische und histologische Grundlagen
  • Arzneipflanzenexkursion und Systematik
  • Biochemie
  • Qualitätssicherung
  • Terminologie
  • spezielle Rechtsgebiete
  • Geschichte der Naturwissenschaften

Mindestens ein Semester länger

Um das Pensum zu bewältigen, empfehlen Vertreter der Studierenden, die Gesamtdauer um mindestens ein Semester zu erhöhen. Ob Pharmazie als Studiengang dadurch unbedingt attraktiver wird, sei dahingestellt. Immerhin wünscht sich der BPhD, die Famulatur auf vier Wochen zu kürzen, von denen mindestens zwei Wochen in der Offizin abzuleisten sind.

Vorschläge zum praktischen Jahr sucht man im Papier jedoch vergebens. Der BPhD kürt zwar regelmäßig die besten Ausbildungsapotheken. Wünschenswert wäre gewesen, freiwillige Standards wie die akademischen Ausbildungsapotheken aus Baden-Württemberg zur Pflicht zu erheben.

9 Wertungen (3.22 ø)

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7 Kommentare:

Gast
Gast

Ganz ehrlich? Die Forderungen hören sich so an als ob die Apotheker gerne kleine Ärzte wären! Meinem Geschmack nach pfuschen sie ohnehin schon zuviel in meiner Medikation herum!

#7 |
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Coventina
Coventina

Wer weiß nach zwei Semestern Studium was er später mal den Rest seines Lebens machen wird? Der Wechsel der Arbeitsstelle, auch zwischen verschiedenen Tätigkeitsfeldern, nimmt zu. Es mag nicht für jeden attraktiv sein, ein Fach zu studieren, das auf einen bestimmten Beruf hinausläuft (gibt es sonst auch nur in den Lehramtsvarianten; selbst Medizinern bieten sich recht unterschiedliche Möglichkeiten).
Ich war froh als ich mit instrumenteller Analytik durch war und sicher, mich nie wieder freiwillig damit zu beschäftigen. Jetzt arbeite ich mit HPLC und GC-MS.
Das spannende am Pharmaziestudium ist doch gerade die Vielfalt, die Möglichkeit, verschiedene naturwissenschaftliche Disziplinen zu verbinden. Das ist auch etwas, das im Studium wenig genutzt wurde. Es wurde oft stark in Fächergruppen gedacht (nicht immer; das hing vor allem vom Dozenten ab). Was mir auch aufgefallen ist (kann an anderen Unis besser sein) war daß die Koordination zwischen den verschiedenen Lehrveranstaltungen fehlte. Was ist wo mit drin, baut worauf auf. Da kann man sicher auch noch viel machen.

#6 |
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Doreen Stoof
Doreen Stoof

Eine Reform des Studiengangs sollte es sicher geben. Meiner Ansicht ist es seit Jahren überfällig zwischen Offizin- und Industrieapotheker zu unterscheiden und hier die Inhalte entsprechend anzugleichen. Ob und wie weit die naturwissenschaftlichen Grundlagen dann gestrichen werden, sollten dann von der Richtung abhängig sein. Ein Industrieapoteker wird wohl kaum ohne chemische und analytische Kenntnisse auskommen und auch ganz froh sein zumindest einige statistische Grundkenntnisse zu besitzen, wohingegen der Offizinapotheker/Krankenhausapoteker eher pharmakologische Kenntnisse benötigt. Ich finde das Studium ohnehin zu verschult. Eine offenere Gestaltung mit mehr freien Wahlmöglichkeiten, wäre ebenfalls eine Alternative um die Studienzeit nicht unnötig zu verlängern und die Selbständigkeit der Studenten zu fördern.

#5 |
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Coventina
Coventina

Ach ja, Biochemie streichen… Wie will man die Wirkungen von Arnzeistoffen verstehen, wenn man keine Ahnung von Enzymfunktion und Stoffwechselwegen hat?

#4 |
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Coventina
Coventina

Hui. Ja, Pharmakologie kam bei uns (ab 2003 in Halle) etwas kurz, was aber auch an der Umsetzung (unsystematische Ringvorlesung) lag. Bei den pharmakologisch-medizinischen Inhalten kann man sicher mehr machen. Technologie hatten wir schon sehr intensiv. Englisch gab es auch – fakultativ, und es sind eingentlich nur die hingegangen, die es am wenigsten brauchten.

Die Steichwünsche bei den naturwissenschaftlichen grundlagen sehe ich kritisch. Klar macht man am Ende selten naßchemische Analyse wie im Ionenlotto. Aber in diesem (und anderen) Praktika haben wir gelernt, selbstständig im Labor zu arbeiten und uns unsere Aufgaben selbst einzuteilen (was ich bei den Biologen, denen ich jetzt regelmäßig gegenüberstehe und die keine solchen “jetzt mach mal”-Blockpraktika haben, vermisse). Und man wird für bestimmte Interaktionen sensibilisiert. Statistik ist wichtig (Studiendaten beurteilen! Und mal ehrlich, ein Semester ist sowieso nur ein knapper Einstieg).
Termi (1 DS, 1 Semester) fand ich persönlich eine nette Abwechslung zwischen den ganzen Chemiekursen und es ist sinnvoll, die Fachbegriffe, mit denen man später um sich wirft, auch richtig anwenden zu können.
Geschichte war bei uns fakultativ.
Botanik? Mal ehrlich? Der Apotheker, der keine Arzneipflanze erkennt (und auch nicht weiß, wie er sie bestimmen kann) ist wie der Biologe, der nur noch PCR macht und erschrickt, wenn ihm jemand einen Käfer zeigt. Davon, daß etwas Systematik beim Zuordnen von Inhaltsstoffen hilft mal ganz abgesehen.
Man kann sicher ein paar Sachen kürzen (es gab eine gewisse Redundanz in der Analytik) aber nicht so viel, wie die Liste vermuten läßt.

Ich bin schon seit Jahren der Meinung, daß der Stoff, der in vier Jahre Pharmaziestudium gepreßt wird, eigentlich für fünf reichen würde.

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Dr. Kirstin Hebenbrock
Dr. Kirstin Hebenbrock

Wenn die Wünsche der Studierenden durchgesetzt werden sollen, brauchen wir einen zusätzlichen Studiengang für die Industrieapotheker. Auch andere Tätigkeitsbereiche würden beeinträchtigt.
Denkbar wäre aber eine Bachelor-Master- Umstellung, in der im Master die Weichen zu z.B. Offizin oder Industrie gestellt werden.

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Gast
Gast

Naturwissenschaftliche Grundlagenfächer in einem Fach, das wissenschaftlichen Anspruch hat, “nicht mehr zeitgemäß”?
Interessante Sichtweise.

#1 |
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