Das erste Mal: Herztransplantation

8. Dezember 2010
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Das erste Mal ist etwas besonderes, das vergisst man nicht. Heute Nacht ist es mir endlich passiert. Nicht das, woran jetzt alle denken... sondern meine erste Herztransplantation.

Ich mache zur Zeit eine Famulatur in der Herzchirurgie meines Uniklinikums. Gestern fragte mich der Assistenzarzt, mit dem ich den ganzen Morgen auf der Station gearbeitet hatte, ob er meine Handynummer haben könne. Etwas verwundert gab ich die Nummer raus und fragte ihn, wozu er die Nummer denn brauche. „Ich rufe dich vielleicht im Laufe der Nacht an… wir haben ein Herz aus Nürnberg angeboten bekommen und transplantieren eventuell heute Nacht!“

Um 0:30 war es dann so weit. Mein Telefon klingelte und der Assistenzarzt sagte mir, ich solle mich auf den Weg machen. Es ginge in einer Stunde los! Ich machte mich sofort auf.
Im Bus versuchte ich mir vorzustellen, wie die Transplantation gleich ablaufen würde und was für eine Atmosphäre wohl im OP sein würde. Ich malte mir aus, welch eine Veränderung die heutige Nacht für das Leben des Patienten bringt. Der Patient war ein 25-jähriger Mann, der nach schwerem Infekt eine Myokarditis und in Folge dessen eine Herzinsuffizienz entwickelt hatte. Ich kannte ihn von der Station und wusste, wie schwach er war und dass die Transplantation seine letzte Hoffnung war. Nach heute Nacht würde er endlich wieder ein „normales“ Leben führen können.

 

“Haben Sie gut gegessen?”

Im OP liefen die Vorbereitungen schon auf Hochtouren als ich um 1:00 Uhr dort ankam. Der Patient war bereits eingeleitet, die OP-Schwester war dabei, alle Instrumente und sonstigen Materialien vorzubereiten als kurz darauf der Assistenzarzt kam. Er fragte mich, ob ich gut zu Abend gegessen hätte, denn der Professor wollte, dass ich mit am Tisch stehe. Verwundert und gleichzeitig positiv überrascht darüber ging ich mich waschen. Gleichzeitig versuchte ich noch einmal mein ganzes Wissen über die HTX im Kopf durchzugehen, da der Professor für gelegentliche Fragestunden, auch zu später Stunde, bekannt ist.

Nachdem der Assistenzarzt den Patienten mit Hilfe der OP-Schwester gewaschen hatte, wurde ich steril eingekleidet. Dann durfte ich dem Assistenzarzt helfen den Patienten abzudecken. Der Professor kam zusammen mit dem Kardiotechniker. Das Team war also komplett. Die Operateure, der Professor und der Assistenzarzt, die OP-Schwester, der Springer, der Anästhesist plus Pfleger, der Kardiotechniker und ein ziemlich aufgeregter Student.

Es wird ernst

Los ging es wie bei jedem der zahlreichen herzchirurgischen Eingriff, die ich während meiner Famulatur schon gesehen hatte, mit dem Abfragen der üblichen OP-Checkliste. Ist der Patient wirklich der Patient für den ihn alle halten? Ist die angesetzte OP wirklich die richtige OP? Sind alle Anwesenden fertig und mit allen notwendigen Mitteln ausgerüstet, um die OP zu einem Erfolg zu machen?

Dann machte der Professor den Hautschnitt über dem Sternum. Nach kurzer Blutstillung (die Blutgerinnung des Patienten ist durch ein Medikament stark gehemmt, da er gleich an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen wird) präparierte der Professor mit dem Elektrokauter bis auf das Sternum. Die Hemmung der Blutgerinnung muss erfolgen, da es sonst zu Thrombenbildung in dem Schlauchsystem der Herz-Lungen-Maschine kommen kann. Nach erneuter Blutstillung kam nun die Sternumsäge zum Einsatz. Das Sternum wird vom Xiphoid an nach kranial durchtrennt. Wenn das Sternum durchtrennt wird, kommt es meist zu Blutungen aus den Periostgefäßen. Der Assistenzarzt und der Professor stillten die Blutungen mittels „Knochenwachs“, einem wachsartigen Material welches über die Schnittfläche am Sternum gerieben wird. Nun wurde das Herz frei präpariert und alles für den Anschluss an die Herz-Lungen-Maschine vorbereitet.

Nachdem die kardioplege Lösung, eine Lösung die das Herz stoppt, infundiert wurde, kanüllierte der Professor zunächst die Aorta und dann die obere und untere Vena cava. Als der Patient stabil an der Herz-Lungen-Maschine war, begann die eigentliche Herztransplantation. Das Explantationsteam hatte inzwischen angerufen und uns bescheid gegeben, dass sie innerhalb der nächsten Stunde im Klinikum eintreffen werden.

Ein Patient ohne Herz

Der Professor begann die Explantation mit der Abtrennung der Vorhöfe. Ein Teil der Vorhöfe wird immer belassen um bei der Implantation des „neuen“ Herzens eine bessere Naht zu erzielen. Danach wurde die Pulmonalarterie und dann die Aorta abgetrennt. Zum ersten Mal lag ein Patient ohne Herz vor mir – obwohl ich mir schon mehrere Herztransplantationen im Internet angeschaut hatte, war dies ein einmaliger Anblick.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man so einen Patienten schnell für tot halten. Er ist kalt, da aus neuroprotektiven Gründen die Körpertemperatur um die 24°C gehalten wird, er hat keinen Puls, da die Herz-Lungen-Maschine einen kontinuierlichen Blutfluss macht und keinen pulsartigen, und zu guter Letzt hat er kein Herz in der Brust. Ich war schwer beeindruckt!

Da das Explantationsteam noch nicht da war, hatte ich Zeit mir das explantierte kranke Herz des Patienten etwas genauer anzuschauen. Man sah deutlich die Zeichen einer dialatativen Kardiomyopathie. Also einer Erkrankung bei der alle Herzkammern stark vergrößert sind und nicht mehr die erforderliche Pumpleistung bringen, um alle Organe des Patienten ausreichend mit Blut und damit Sauerstoff zu versorgen.

Als das Explantationsteam nach 10 Minuten da war, begann der Professor mit der Begutachtung des neuen Herzens. Er schnitt sich die Stellen, an denen er es an den Kreislauf des Patienten anschließen würde, zurecht und begann schließlich zuerst damit, die Vorhöfe des neuen Herzens mit dem Rest der alten Vorhöfe des Patienten zu vernähen. Anschließend wurden noch Aorta und Pulmonalarterie mit ihrem jeweiligen Pendant verbunden. Nach gründlicher Begutachtung der Nähte wurde die kardioplege Lösung abgestellt und vorsichtig die Blutzufuhr zum neuen Herzen freigegeben. Ein aufregender Moment. Ich hatte zwar schon oft gesehen wir ein stillgelegtes Herz wieder zu schlagen begann aber noch nie bei einem transplantierten Herzen. Wird das neue Herz anfangen zu schlagen?, fragte ich mich. Es schlug. Es schlug sofort nach wenigen Sekunden. Ein Umstand welcher auch für den erfahrenen Professor nicht alltäglich war. Er sagte mir, dass das Herz normalerweise ein oder zwei Stromstöße brauche um wieder zu schlagen.

Ruhe nach dem Sturm

Nachdem das neue Herz nun in der Brust des Patienten seinen Dienst aufgenommen hatte, begann eine lange Wartezeit. Um das Herz nicht direkt zu überlasten, wird die Pumpleistung der Herz-Lungen-Maschine ganz langsam gedrosselt. Der ganze Vorgang hat ungefähr eine Stunde gedauert. In dieser Zeit erzählte mir der Professor ein wenig über die Geschichte der HTX und mit welchen Schwierigkeiten die Ärzte damals zu kämpfen hatten. Das erste Herz wurde übrigens von Christiaan Barnard am 3. Dezember 1967 in Südafrika transplantiert.

Nachdem das neue Herz stark genug war, um den kompletten Kreislauf des Patienten zu versorgen, wurde die Herz-Lungen-Maschine abgeschaltet. Das Herz versorgte den Patienten. Dann ging alles recht schnell. Es wurden nochmals die Nähte kontrolliert, die Hemmung der Blutgerinnung wurde durch die Gabe eines Gegenmittels verringert und schließlich wurde das Sternum verschlossen. Der Professor fragte, ob ich noch fit genug sei um dem Assistenzarzt bei der Hautnaht zu helfen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.

Nach zwei Tagen auf der Intensivstation lag der Patient bereits wieder auf Normalstation. Allerdings noch in einem speziellen Zimmer zur Isolation um Infekte zu vermeiden. Der Patient muss jetzt, um eine Abstoßung des neuen Herzens zu vermeiden, immunsuppressive Medikamente einnehmen. Ein Leben lang.

Ich ging nach dieser aufregenden Nacht müde aber ein bisschen schlauer nach Hause. Schlussendlich war es wie bei jeder anderen OP und dennoch war es ein besonderes Erlebnis. Zudem ist mir noch einmal sehr deutlich geworden, wie wichtig es ist, einen Organspendeausweis zu besitzen. Er hat schließlich diesem Patienten das Leben gerettet.

68 Wertungen (4.4 ø)
Allgemein

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3 Kommentare:

Studentin der Humanmedizin

Toller Artikel, besonders, da er die einzelnen Schritte der OP eindrucksvoll beschreibt. Fast, als wäre man dabei ;)
Danke!

#3 |
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Student der Humanmedizin

Sehr schöner und gut zu lesender Bericht, DANKE dafür =)

#2 |
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sehr schön geschriebener artikel! TOP
hab das während famulaturen selbst ein paar mal erleben dürfen und weiß WIE interessant das ist.

#1 |
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