Lieferengpässe: Wer ist schuld?

6. Januar 2017
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Keine Impfstoffe, kein Metoprolol, kein L-Thyroxin: Apotheker haben bei der Beschaffung etlicher Präparate ihre liebe Not. Sie sehen das Problem sowohl bei Gesetzlichen Krankenversicherungen als auch bei Herstellern. Politiker ducken sich weg.

„Derzeit besteht nach Mitteilung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte in Deutschland ein Versorgungsmangel mit piperacillinhaltigen Arzneimitteln“, schreibt das Bundesgesundheitsministerium in einer Mitteilung. Alternative gleichwertige Arzneimitteltherapien stünden nicht zur Verfügung. Wirklich nur eine Ausnahmesituation durch haverierte Produktionsstätten?

Das tägliche Leid

„Lieferengpässe treten eigentlich zunehmend auf“, sagt Ingrid Kaiser, Inhaberin der Engel-Apotheke in Freising, zu DocCheck. Und ihre Kollegin Helen Brugger ergänzt: „Meine aktuelle Defektquote beim Großhandel beträgt in den letzten drei Monaten etwa zwei Prozent. Sie leitet drei Apotheken in Herrsching.

Kaisers Erfahrungen zufolge sind derzeit vor allem Impfstoffe wie Pneumovax® oder Repevax® betroffen. „Lieferprobleme gibt es auch immer wieder bei Hormonpflastern, was – wie bei den Impfstoffen – sehr problematisch ist, denn sie können nicht einfach durch ein anderes Präparat ausgetauscht werden“, ergänzt die Apothekerin. Auch bei Metoprolol 100 mg retard und 200 mg retard aller Hersteller gebe es Engpässe.

„Als Grund hierfür bekam ich von diversen Firmen die Auskunft, ein großer Hersteller sei ausgefallen und die anderen Firmen nicht mit der Produktion hinterher“, so Kaiser. „Bei den Impfstoffen bekommt man von Herstellern eigentlich keine richtige Aussage, woran es liegt, also an Produktionsausfällen oder an der erhöhten Nachfrage.“ Problematisch seien auch häufige Lieferschwierigkeiten bei Schilddrüsenpräparaten, vor allem aufgrund der schwierigen Substitution.

Helen Brugger berichtet in erster Linie von Problemen bei Novaminsulfonsäure, Metoprolol 100-Retardpräparaten und L-Thyroxinpräparaten. „Ein leidiges Dauerproblem sind die Impfstoffe“, ergänzt die Apothekerin. Sie nennt IPV (Polio), Infanrix® IPV (Diphterie, Haemophilus, Pertussis, Polio), Pneumovax® (Pneumokokken) sowie Repevax® (Diphterie, Pertussis, Polio, Tetanus).

Die Lage spitzt sich zu

Beide Apothekenleiterinnen sind mit ihren Einschätzungen keineswegs allein auf weiter Flur, wie aktuelle Befragungen zeigen.

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Frage: “Wie häufig ist Ihre Apotheke in den vergangenen drei Monaten von Lieferengpässen betroffen gewesen?” Quelle: IFH / APOkix

APOkix zufolge haben Lieferengpässe in den letzten vier Jahren an Relevanz gewonnen. Das Kölner Institut für Handelsforschung befragte in 2012 und 2016 rund 200 Apothekenleiter. Gaben vor vier Jahren noch 21,9 Prozent von ihnen an, Lieferengpässe würden mehrmals täglich auftreten, sind aktuell 65,2 Prozent dieser Meinung. Einmal täglich hatten früher 19,1 Prozent mit derartigen Problemen zu kämpfen. Aktuell sind es 22,2 Prozent. Die Zahl an selten betroffenen Kollegen verringerte sich praktisch gegen null.

Wo liegt das Problem?

Immer häufiger suchen Pharmazeuten den Fehler bei Herstellern (2012: 74,4 Prozent Zustimmung, 2016: 84,5 Prozent). Apotheker und Großhändler werfen ihnen vor, eher Märkte mit höheren Preisen zu beliefern. In Zeiten des AMNOG steht Deutschland nicht mehr an erster Stelle.

Hinzu kommt, dass viele Wirkstoffe, allen voran Generika, im Ausland produziert werden. Fällt ein Betrieb aufgrund von technischen Problemen aus, betrifft das gleich mehrere Firmen. Angesichts des Preiskampfes bei Generika zeichnet sich keine erkennbare Lösung ab.

Grafik 2

Frage: “Wen sehen Sie als Verursacher für die Lieferengpässe in Apotheken?” Quelle: IFH / APOkix

Krankenkassen bleiben nahezu unverändert in der Schusslinie (76,1 versus 74,1 Prozent). Hier gelten Rabattverträge als Schwachstelle im System. Oft ist nur ein Anbieter im Boot. Mehrfachvergaben könnten das Problem lösen, falls es einige Firmen gibt, die nicht am gleichen Zulieferbetrieb hängen. Für Patienten bedeutet das allerdings, noch häufiger als bisher ein anderes Produkt zu erhalten – und die Adhärenz sinkt weiter.

Wenig überraschend rücken Politiker und deren Gesetzesinitiativen zunehmend in den Brennpunkt (52,4 versus 68,9 Prozent). Auch der Großhandel bekommt sein Fett ab (11,1 versus 20,7 Prozent). Apotheker spekulieren auch hier, Präparate würden ins Ausland vertickert. Grossisten dementieren – und schieben den Schwarzen Peter zurück zur Industrie.

Genau 98,2 Prozent aller interviewten Chefs stimmten der Aussage, dass Lieferengpässe zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen, zu. Als besonders erfolgversprechende Maßnahme beurteilten 95,2 Prozent Anpassungen bei Rabattverträgen. Häufigere Retaxationen durch Krankenkassen befürchteten 91,2 Prozent. Und 75 Prozent witterten in Lieferengpässen eine Möglichkeit, dass GKVen Gelder von Apotheken zurückholen. 66,5 Prozent der Inhaber befürworteten eine gesetzliche Meldepflicht für Lieferengpässe, wobei sie andererseits mehr Bürokratie in öffentlichen Apotheken befürchten.

Dokumentation löst keine Probleme

Genau hier wird es für Apothekenleiter kritisch, Stichwort Austausch. Gesetzliche Krankenkassen fordern immer häufiger Nachweise von einem Großhändler oder gar von zwei Grossisten („Doppeldefektbeleg“). Als aufwändige Alternative bleibt, direkt beim Hersteller anzufragen. Nicht alle Firmen sind bereit, ihr eigenes Versagen auch schriftlich zu bestätigen.

Ansonsten existieren Zusammenstellungen nicht verfügbarer Pharmaka beziehungsweise Impfstoffe. Die Listen werden aufgrund von freiwilligen Meldungen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sowie vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) veröffentlicht. Standesvertreter wollen Hersteller in die Pflicht nehmen. Zu diesem Schritt hat sich die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) durchgerungen.

Hermann Gröhe (CDU) schreckt vor solchen Maßnahmen bislang zurück. Der Bundesgesundheitsminister will als Ergebnis seines Pharmadialogs besonders versorgungsrelevante, engpassgefährdeter Arzneimittel in Listenform zusammenstellen. Hinzu kommen regelmäßige Treffen mit Herstellern, Bundesbehörden und Vertretern der Fachkreise. Bei Piperacillin schreibt sein Haus: „Im Bedarfsfall können die zuständigen Behörden der Länder ein befristetes Abweichen von den Vorgaben des AMG gestatten, um erforderlichenfalls auch eine Behandlung mit Arzneimitteln zu ermöglichen, die im Geltungsbereich des AMG nicht zugelassen sind.“ Damit werden Probleme verlagert, aber nicht behoben.

Heilberuflern ist das alles zu wenig. Professor Dr. Bernhard Wörmann von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) erklärte im Tagesspiegel, er könne sich eine obligatorische Vorratshaltung der Pharmaproduzenten vorstellen.

31 Wertungen (4.1 ø)

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6 Kommentare:

Jochen Diederich
Jochen Diederich

Inwischen sind ja Metoprolol Retardpräperate in den genannten Stärken längst wieder lieferbar, allerdings ist mir eines aufgefallen. Das in Deutschland am häufigsten verordnete Novaminsulfon mit Rabattverträgen bei vielen Krankenkassen ist über den pharmazeutischen Großhandel nicht in ausreichender Menge verfügbar, kann allerdings direkt beim Hersteller geordert werden. Wird hier auf Kosten der Patientenversorgung versucht die Großhandelsspanne “mitzunehmen” um nicht gar so große rote Zahlen wegen der Rabattverträge zu schreiben?
Die Lieferproblematik bei Impfstoffen ist wohl die Folge von berechtigten Sicherungsautomatismen, so muss das PEI nach meinen wohl etwas älteren Informationen jede Impfstoffcharge einzeln freigeben und die wenigsten Impfstoffe werden hier im Land produziert, also erst Transport, Sperrlager Untersuchung,Freigabe und dann erst Lieferbar….man denke an die Übernahme der milliardenschweren Aventis( früher Höchst) durch die viel kleinere französische Sanofi…mit der Begründung “Frankreich müsste sich wichtige Produktionslinien von Impfstoffen sichern” damals vom Französischen Staat gefördert.
Im Grunde wundere ich mich doch sehr mit welcher Unbedarftheit unsere an sich zur Kontrolle und Regulierung gewählte Bundesregierung den gesetzlichen Krankenversicherungen freie Hand gelassen hat in Ihrem Sparwahn. Jetzt sollte die deutsche Politik endlich auch mal aufwachen und nicht davon ausgehen dass Arzneistoffe produziert werden müssen, sondern eine Herstellerverpflichtung zur ausreichenden Versorgung der Bevölkerung über den Großhandel..und damit eine Patientenversorgung innerhalb weniger Stunden (und nicht über langsame Speditionen) und einem Verbot zu Rabattverträgen mit Preisen unterhalb der Produktionskosten einführen. Beides gibt es derzeit noch nicht.

#6 |
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Facgapothekerin
Selbst Östrogenpflaster muß man den Kunden vorenthalten.
Schlimmer sind Blutdruckpräparate etc. Wir am HV-tisch sind dann die
schwarzen Schafe, da wir keine Informationen erhalten, wann der
Kunde seine Medikamente wieder bekommen kann.

#5 |
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Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

Alleine wir haben 80 Präparate in den Dauerdefekten.

#4 |
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Gast
Gast

Für mich ist die Gesundheitsreformitis u.a. mit der Konsequenz, dass den Krankenkassen die Entscheidung übergeben wurde, den Hersteller eines Medikamentes rigoros festzuschreiben, und damit den Markt aushebelte, den Apotheker fesselte, den Patienten entmündigte, die Arztpraxen weiter bürokratisierte,…Hauptschuldiger dieser Misere. Es gab einige sinnvolle Vorschläge aus der Praxis, die all dieses vermieden hätten und ebenso kostendämpfend gewesen wären. Aber Ignoranten und profilsüchtige Politiker (Schmidt, Lauterbach, Hecken, Pofalla …) wollten es anders!

#3 |
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Gast
Gast

So lange Pharmafirmen als freie Wirtschaftsunternehmen produzieren, sehe ich nicht wie man ihnen einen Vorwurf machen kann, wenn sie sich die besten Absatzmärkte für ihre Produkte sichern, sie tragen schließlich auch das Risiko, haben die Investitionen getätigt etc.
Ich kann auch nicht zum Bäcker gehen und sagen dass ich nur noch 10 Cent fürs Brot zahlen will und mich dann wundern, wenn er es mir nicht verkauft. Und das ist auch ein lebenswichtiges Gut.

#2 |
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Gast
Gast

Schön, dass das Thema auch hier aufgegriffen wird – die skandalösen Zustände müssen thematisiert werden. Viele Aspekte weren in dem Artikel angeschnitten, einen würde ich gerne ergänzen: Wir in Deutschland dürfen uns GAR NICHT beklagen ! Wer hat denn JAHRELANG den Spaniern, den Griechen und anderen Ländern lebenswichtige Präparate wie zB Antibiotika weggekauft ? Deutschland mit seiner von den Krankenkassen erzwungenen Reimportquote ! Und jetzt, wo es viele Präparate gibt, die im (ach so teuren) Deutschland viel billiger sind als in anderen EU-Ländern, da sind halt wir die Gelackmeierten. Gleiches Recht für alle. Übrigens: Man nennt sowas Marktwirtschaft ! Alle, die das EuGH-Urteil vom 19.10.2016 Apotheken-bashend bejubelt haben, müssen sich im Klaren darüber sein, dass Lieferengpässe dem selben kranken Gedanken entspringen: Gewinnmaximierung. Immer vergessend, dass Arzneimittel eben kein normales Wirtschaftsgut sind, sondern wichtig für MENSCHEN. Für Menschen, die eben NICHT wettbewerbsfähig sind, weil sie ein Handicap haben.

#1 |
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