Pneumonie bei Kindern: Ein Fall für Schall

2. Januar 2017
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Lungenentzündungen bei Kindern diagnostiziert man standardmäßig mit Röntgenuntersuchungen. Allerdings können die Strahlen das Wachstum der kindlichen Zellen schädigen. Die Sonografie ist eine schonende und effektive Alternative, so das Ergebnis einer aktuellen Studie.

Bei Kindern unter fünf Jahren gehören Lungenentzündungen zu einer der weltweit häufigsten Todesursachen. Wenn ein Verdacht auf die Erkrankung besteht, kann die Ultraschalldiagnostik in vielen Fällen eine strahlenfreie und schonendere Alternative zur Röntgenuntersuchung sein, sofern sie bei Bedarf durch ein Röntgen ergänzt wird. Darauf weisen Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) hin.

Röntgenuntersuchung ist bisher Standard

Vielen jungen Patienten könnte eine Röntgenuntersuchung durch eine Ultraschalldiagnostik erspart bleiben, betonen die Experten. „Um zügig mit einer effektiven Behandlung beginnen zu können, brauchen wir eine schnelle und sichere Diagnose“, erklärt Dr. Jörg Detlev Moritz, Leiter der Abteilung für Kinderradiologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel.

Bisher gilt bei Verdacht auf Lungenentzündung eine Röntgenuntersuchung der Lunge als Standard. „Röntgen birgt jedoch insbesondere für Kinder ein gewisses Risiko, da Röntgenstrahlen Zellen im Wachstum schädigen können“, erklärt der Experte. Zudem häufen sich mögliche Strahlenschäden im Laufe des Lebens im Körper an. Die Sonografie ist bei Kindern deshalb bereits heute das am häufigsten eingesetzte bildgebende Verfahren.

Ultraschall als sichere Alternative

Einer aktuellen Studie aus den USA zufolge eignet sich der Ultraschall auch zur sicheren Diagnose einer Lungenentzündung bei Kindern. Die Ärzte eines New Yorker Krankenhauses untersuchten 191 Kinder mit Verdacht auf Lungenentzündung zunächst mit dem Ultraschallgerät. Wenn die Sonografie keine klare Diagnose ergab, griffen die Mediziner auf die Röntgenuntersuchung zurück. Auf diese Weise verringerte sich die Anzahl der Röntgenuntersuchungen um fast 40 Prozent.

In der Studie blieb keine Lungenentzündung unentdeckt. Zudem stellte sich heraus, dass Ultraschalluntersuchungen weniger Zeit in Anspruch nehmen als Röntgenuntersuchungen. Besonders bemerkenswert am aktuellen Ergebnis ist zudem, dass erfahrenere Ultraschallmediziner nur halb so viele Kinder röntgen mussten, um die Diagnose abzusichern, wie die weniger routinierten Neulinge auf dem Gebiet. „Eine Schulung der Ärzte zur Ultraschalldiagnostik bei Lungenentzündungen ist daher ein entscheidender Schritt für eine sichere und schonende Diagnose“, betont Moritz.

Originalpublikation:

Feasibility and Safety of Substituting Lung Ultrasonography for Chest Radiography When Diagnosing Pneumonia in Children : A Randomized Controlled Trial
Brittany Pardue Jones et al.; CHEST, doi: 10.1016/j.chest.2016.02.643; 2016

15 Wertungen (4.87 ø)

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6 Kommentare:

Dr. med. Walter Müller
Dr. med. Walter Müller

Pneumonie ist nicht gleich Pneumonie, es wäre schon interessant wie das funktioniert mit der Sonografie und dem Thorax. Kardiosonografie geht ja sehr gut. Wie sieht es aus mit zentraler Pneumonie , bei der man auch nicht so früh etwas auskultieren kann. Da bleibt dann bislang nur das Röntgen und die Eltern sind verschreckt. Mit der Sonografie in der Hand eines sonografisch erfahrenen Kollegen wäre das eine Alternative.

#6 |
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Eine Pneumonie bei Kindern liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit vor bei folgender Symtomtrias:
Schlechter Allgemeinzustand
Nasenflügelatmen
Kurzer, anstoßender Husten
Fieber und typischer Auskultationsbefund sind dagegen nicht immer zu finden.

#5 |
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Dr. med. Andreas Rutz
Dr. med. Andreas Rutz

Der Satz “Lungenentzündungen bei Kindern diagnostiziert man standardmäßig mit Röntgenuntersuchungen” ist abzulehnen. Röntgen, vor allem bei Kindern, ist nie Standard, sondern braucht eine handfeste Indikation. Dass hier die klinische Untersuchung völlig außer Acht gelassen wird, ist nicht hinzunehmen. Sehr bedauerlich!

#4 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Anthropologie, Chemie

Danke für die offenen Worte zum Röntgen. Aber warum wird von Röntgen-“Untersuchung” (Durchleuchtung) gesprochen und nicht von Röntgenaufnahmen (1/50 der Strahlenbelastung!). Mein Sohn wurde vom Kinderkrankenhaus-Chefarzt mal “schnell vor den Schirm gestellt”!

#3 |
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Gast
Gast

Toller Beitrag – unbedingt beipflichtend! Liebe Frau Kollegin, eine Pneumonie allein auf der Basis einer Auskultation?

#2 |
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Haben wir das Stethoskop vergessen?

#1 |
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