Rotavirus-Impfung: In aller Munde

3. Juli 2013
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Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission für die Schluckimpfung zum Schutz vor Rotavirusinfektionen bei Babys unter sechs Monaten ist schon vor ihrer Veröffentlichung im Sommer ein diskutiertes Thema in den pädiatrischen Arztpraxen.

Erwartet wird die Veröffentlichung der Empfehlung durch die Ständige Impfkommission (Stiko) im August oder September dieses Jahres. Rechnet man die drei Monate hinzu, die der Gemeinsame Bundesausschuss Zeit für eine Entscheidung hat, so könnte die Impfung ab 2014 allgemeine Kassenleistung werden.

Warum die Empfehlung?

Seit 2006 sind zwei Lebendimpfstoffe gegen Rotaviren in Deutschland zugelassen. Da die Impfung bisher nicht offiziell von der Stiko empfohlen wurde, gab es auch keine reguläre Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Einige große Krankenkassen, wie beispielsweise die Techniker Krankenkasse oder die Barmer GEK, übernehmen die Kosten im Rahmen von Satzungsleistungen. Rotavirusinfektionen sind die häufigste Ursache für Durchfall bei Babys und Kleinkindern. Bis zum Alter von fünf Jahren haben die meisten Kinder mindestens einmal Kontakt zu Rotaviren gehabt. Zwar sterben in Deutschland nur sehr wenige Kinder an den Folgen einer Infektion, doch bei den unter fünf jährigen Kindern muss etwa jeder zweite stationär behandelt werden.

Die Stiko formulierte daher als Ziel die „Reduktion der Rotvirus-Erkrankungen, die mit einer Hospitalisierung einhergehen, bei Kindern unter fünf Jahren“, wie Dr. Judith Koch vom Robert Koch Institut in Berlin im Rahmen der 21. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie im April in Würzburg sagte. Eine Analyse von klinischen Daten zeigte einen Schutz vor Hospitalisierung von 92 Prozent und vor schweren Rotavirus-assoziierten Gastroenteritiden von 91 Prozent.

„Die Datenlage zu den Rotavirus-Impfstoffen ist schon lange eindeutig“, erklärt Dr. Thomas Fischbach, niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Solingen. „Beide Impfstoffe sind gut immunogen, schützen sicher vor Rotavirus-Infektionen und haben ein günstiges Nebenwirkungsprofil“. Selbst das Invaginationsrisiko ist nach aktuellen Untersuchungen als äußerst gering einzustufen. Die WHO schätzt, dass innerhalb der ersten sieben Tage nach der Impfung mit ein bis zwei zusätzlichen Fällen von Invagination und damit einhergehenden Komplikationen zu rechnen ist.

Gut aber teuer

Vom gesundheitsökonomischen Standpunkt ist die Impfung wohl nicht kostensparend zu haben. Kalkuliert man die Kosten pro vermiedener Hospitalisierung und pro vermiedener Rotavirus-Erkrankung, so entstehen bei einer angenommenen Impfquote von 80 Prozent und bei einer durchschnittlichen Anzahl an Neugeborenen von 650.000 Kosten von etwa 45 Millionen Euro. Wie die Kalkulation aussehen würde, wenn zusätzlich Ausgaben durch die Ansteckung von Geschwistern und für Arbeitsausfälle der Eltern mitberechnet würden, ist nicht bekannt. „Mein pädiatrisch schlagendes Herz lässt so eine Betrachtungsweise nicht zu. Vor allem wenn ich sehe, wie viel Geld am Ende des Lebens ausgegeben wird, wo der Nutzen für den Patienten eventuell nur noch gering ist, will ich nicht akzeptieren, dass man an der Gesundheit der Kinder sparen soll.  Artikel 24 der UN-Kinderrechtekonvention von 1989, die auch Deutschland ratifiziert hat, besagt, dass jedes Kind das Recht auf ein erreichbares Höchstmaß an Gesundheit, auf Gesundheitsvorsorge und medizinische Betreuung hat“, betont Dr. Fischbach.

Der Kinder- und Jugendarzt hofft auf die Empfehlung, da nach seiner Erfahrung die Akzeptanz bei den Eltern gut ist, so lange die etwa 170 € für zwei oder drei Impfzyklen – abhängig vom verwendeten Impfstoff – übernommen werden. Er schätzt, dass „wir dann ein Großteil der Kinder geimpft wird. Ich denke wir werden eine Impfquote von ungefähr 80 Prozent hinbekommen“. Denn grundsätzlich sei die Stimmung bei den Kinder- und Jugendärzten gegenüber der Rotavirusimpfung positiv.

In einigen anderen Ländern Europas ist die Impfung schon lange empfohlen, so beispielsweise in Österreich, Luxemburg, Belgien, Finnland und Spanien. Großbritannien plant die Empfehlung und damit die Einführung als Standardimpfung für Säuglinge im Herbst 2013.

Unterschiedliche Strategie – ähnliche Wirkung

Die beiden Rotavirus-Impfstoffe enthalten unterschiedliche Antigene. Trotz der unterschiedlichen Zusammensetzung, führen beide nach den Studiendaten zu ähnlicher Wirksamkeit. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sich auch Immunität gegen Stämme entwickeln kann, gegen die nicht geimpft wurde oder die nicht bei einer natürlichen Infektion erworben wurde. Doch Wissenschaftler gehen der Frage nach, ob die Impfung einen Selektionsdruck auf die Viren ausübt, so dass zukünftig Stämme häufiger auftreten, gegen die nicht geimpft wird. Virginia Pitzer und ihre Kollegen vom Department of Ecology and Evolutionary Biology an der Princeton University haben die Dynamik der Rotavirenstämme am Computer modelliert, um genau auf diese Fragen Antworten zu erhalten. Ihre Ergebnisse wurden in den Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States  veröffentlicht.

Serotype-Replacement durch die Impfung?

Durch die monovalente Impfung werden besonders die Infektionen mit dem G1-Stamm, dem häufigsten Stamm in den entwickelten Ländern, stark reduziert. Die Berechnung der Wissenschaftler zeigt, dass in einem solchen Fall die Häufigkeit der anderen Virusstämme zunehmen würde. Bei einem Impfserum, das wie der pentavalente Impfstoff gegen die häufigsten Typen gleich stark wirkt, ist dieses so genannte Serotype-Replacement hingegen nicht in diesem Maße zu beobachten, wenngleich es auch hier Verschiebungen gibt. Es wurde auch untersucht, wie sich ein neu auftretender Stamm verhalten würde, der nicht im Wirkstoff inkludiert ist. Hier wird unterschieden, ob die Impfung dennoch einen gewissen, oder aber gar keinen Schutz durch Kreuzimmunität bietet. Im ersten Fall scheint es so zu sein, dass es einige Jahre dauern sollte, bis sich der Stamm in der Bevölkerung ausgebreitet hat. In dieser Zeit verursacht er Epidemien „normalen“ Ausmaßes. Im anderen Fall, wenn die Impfung keinerlei Schutz gegen den neuen Virusstamm bietet, könnte es zu Beginn eine größere Epidemie geben. Nach einigen Jahren, so prophezeien es die Forscher, verringert sich die Häufigkeit jedoch wieder auf ein Niveau, wie es vor der Einführung der Impfung war. Die Verteilung und Häufigkeit der unterschiedlichen Virusstämme werden von vielfältigen Faktoren beeinflusst. Die Stämme zirkulieren in Zyklen unterschiedlicher Länge (zwischen drei und elf Jahren), haben vermutlich unterschiedliche genetische Diversität und Übertragbarkeit. Auch Faktoren wie die Geburtenrate, und damit die Menge an potentiellen naiven Individuen, spielen eine Rolle. Es wird wohl noch einige Jahre bis Jahrzehnte dauern, bis wirklich klar ist, ob die Verringerung bestimmter Serotypen durch die Impfung andere Virusstämme hervorbringt.

116 Wertungen (3.52 ø)
Medizin

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15 Kommentare:

@Almut Biere: Danke für den Tipp!
Allerdings wird das nicht nicht nötig sein. Für Sorgen und Fragen der Eltern gibt es einen flächendeckenden KV-Bereitschaftsdienst sowie die 24h Bereitschaft der Krankenhäuser!

#15 |
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Rettungsassistentin

Meine Kinderrztin empfahl mir diese Impfung. Und ich muss gestehen das ich ihr blind vertraut habe. Habe mir das Infoblatt dazu durchgelesen und war einverstanden. Die Impfkosten waren insgesamt 178€. Pro.Impfstoff(ROTARIX) den man selber in der Apotheke holen musste 63€ (2 Stk.) und der Rest fuer die Untersuchung. Die Ikk erstattete den Betrag fuer den Impstoff in vollen Umpfang.Nur ein Teil der Untersuchung 14€ wurden erstattet. Natrlich gibt es unterschiedliche Meinungen ob es “Sinnvoll” ist, aber ich fr meinen Teil bin froh das es bei meiner Tochter gemacht wurde. Sie hatte keinerlei nebenwirkungen, und wenn es helfen kann eine Infektion vorzubeugen und die damit verbundenen komplikationen, wuerde ich es imner wieder machen!

#14 |
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Almut Biere
Almut Biere

Ich möchte, ohne ihr zu nahe treten zu wollen, dann Frau Schneider bitten, ihre private Handynummer an die Patienteneltern zu vergeben. Und dann sehen wir weiter, wie das mit den Nebenwirkungen ist. Abends um 23.00 oder nachts um 3.00.

#13 |
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Das ist alles nichts Neues! Wie schon lange von der sächsischen Impfkommission empfohlen, wird die Impfung hier den meisten kleinen Patienten routinemäßig gegeben- ohne nennenswerte Nebenwirkungen, ohne Aufregung.

#12 |
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Auf der Seite des RKI (www.rki.de) kann man mittlerweile sowohl die Vita der einzelnen STIKO-Mitglieder als auch seit Ende 2012 die Sitzungsprotokolle einsehen. Hier kann sich jeder selbst ein Bild über die Unabhängigkeit der einzelnen Mitglieder machen. Auf der Sitzung vom 6.11.12 wurde unter TOP 8 mehrheitlich beschlossen, die Impfung gegen Rotavirus als Standardimpfung für alle Säuglinge zu empfehlen. Ob so viele Impfungen im Säuglings- und Kleinkindalter wirklich sinnvoll sind und ob wir dadurch nicht auch den Allergien Vorschub leisten, wird sich noch zeigen. Solange man damit Millardensummen verdienen kann, wird sich auch nichts ändern.

#11 |
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Nach dem Stuhlgang, vor dem Essen: Händewaschen nicht vergessen! Niemand spricht hier über Hygienemaßnahmen. Sicher ist eine Enteritis etwas sehr Unangenehmes und manchmal auch nicht ganz ungefährlich. Aber sie ist in ihren Gefährlichkeit nicht vergleichbar mit z.B. Tuberkulose, Hepatitis A, B, C … oder Tetanus. Und wenn es gegen Rota-Viren eine Immunität geben soll, warum soll diese nicht auf natürlichem Wege erworben werden? Unbedingt zu schützen wären dann für mich nur Induviduen mit anderen Vorerkrankungen. Ich bin sicher kein Impfgegner, aber was da heutzutage so abläuft, hätte ich mir für meine Kinder nicht gewünscht. Leider kann man in Bezug auf die Empfehlungen zu Impfungen weder der Stiko noch der WHO trauen. Zu stark erscheinen mir oftmals die undurchsichtigen Verflechtungen und der Lobbyismus.

#10 |
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Daniela Meyersick
Daniela Meyersick

Es ist ein Verbrechen, den jungen und empfindlichen Kinderorganismus mit immer mehr Impfungen zu belasten – in einem Lebensalter, in dem das Immunsystem noch gar nicht voll ausgereift ist und in einem massiven Angriff, der in der Natur nie vorkommen würde. Oder wer von Ihnen hat schon 6 Infektionen auf einen Schlag bekommen?
Aber wen interessiert das schon? Sicherlich nicht diejenigen, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre Profitgier sättigen, weil sie anscheinend nie gelernt haben, dass es im Leben um mehr, als um das Anhäufen von Geld geht.

#9 |
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Claudia Nebendahl
Claudia Nebendahl

Es ist schon mehr als bedenklich, welche Macht die (pharmazeutische) Wirtschaft auf das leibliche Wohl unserer Zukunft hat. Und noch bedenklicher, wie viele Menschen dieser Macht unkritisch folgen. Gerade in Bezug auf diese Impfung sollte man mal überlegen, wo wir leben!!! Aber es fährt ja auch jedes 5. Elternpaar mit seinem Säugling direkt mal nach Indien oder Zentralafrika, um es dort den verschiedensten!!!!! Erregern auszusetzen! Warum impft man eigentlich nicht auch gegen Typhus, Tuberkulose, Hepatitis A, … und gegen die Welt?! Vorschlag an die unabhängige STIKO: gleich ins Programm aufnehmen! Besser ist das!

#8 |
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Hebamme Rebecca Großmann
Hebamme Rebecca Großmann

“Eine sehr sinnvolle Impfung – für Afrika.” Zitat eines Pädiaters. Dem stimme ich zu.

#7 |
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Almut Biere
Almut Biere

Wenn ich fuer jeden verzweifelten Anruf nach Rotavirenimpfung 100 € erhielte, könnte ich mir weiteres arbeiten sparen. Aber es gibt ja keine Nebenwirkungen. ..
Almut Biere, Hebamme

#6 |
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HP Martin Dürrwächter
HP Martin Dürrwächter

Eine Hauptquelle für Rota- oder Noroviren ist Leitungswasser wie aus einer finnischen Studie hervorgeht. Hier sollte in erster Linie den Empfehlungen von Prof. Exner entsprochen und die Trinkwasserverordnung novelliert werden. Stattdessen wird von den Wasserwerken das Leitungswasser weiterhin als “ausgezeichnet” erklärt. Die heute relevanten Stoffe, die eine Rolle für Erkrankungen spielen werden überhaupt nicht untersucht! Stattdessen wird kräftig gechlort und möglicherweise auch damit für Resistenzen gesorgt. Zumindest haben Leitungswassertrinker mit einer gestörte Darmflora zu kämpfen! “Europa” ist hier wie in vielen anderen Fällen uneins um eine erweiterte Untersuchung des Leitungswassers wie in der TWV vorgesehen, durchführen zu lassen und somit auch der Empfehlung der WHO zu entsprechen.

#5 |
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Ich schließe mich der Kollegin Cermak an – woher stammen diese Zahlen – das ist doch völliger Unsinn! Dann wären die Kinderkliniken ganzjährig bis unter die Dachgaube voll mit “Magen-Darm-Kindern” – wenn wir bedenken, wie viele Kinderkliniken es gibt und wie viele Kinderarzt- und Hausarztpraxen. Die meisten Säuglinge und Kleinkinder überstehen die Magen-Darm-Infekte sehr gut. Stationäre Maßnahmen sind extrem selten. Ich glaube auch nicht an die Unabhängigkeit der STIKO, die Empfehlungen nehmen langsam bedenkliche Ausmaße an. Ich bin nicht gegen Impfungen, aber ich bin dagegen, den kleinen Säuglings- und Kinderkörper noch mehr und in noch engeren Zeiträumen noch massiver zu belasten.

#4 |
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Manfred Holtermann
Manfred Holtermann

@Christine Hutterer: Ich akzeptiere voll Ihr pädiatrisch schlagendes Herz, bitte jedoch , dabei die geriatrische Komponente nicht außer Acht zu lassen! Ich habe mehrfach miterlebt, dass alte Menschen durch erworbene Rotavirus-Infektionen oft im Krankenhaus oder Pflegeheim in lebensbedrohliche Zustände kamen. Wäre es nicht ebenso wie bei der Pneumokokken-Impfung sinnvoll, auch eine Impfprophylaxe gegen Rota-Viren für alte, multimorbide Menschen ins Auge zu fassen?

#3 |
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“Jeder Zweite unter 5 Jahren muss stationär behandelt werden”?? Woher stammt diese Zahl? Da es in der ambulanten Medizin in der Regel weder therapeutisch noch wirtschaftlich Sinn macht, die Stühle von Enteritis-Kindern auf den Erreger zu untersuchen, ist die Häufigkeit von Rota-Enteritiden doch gar nicht genau bekannt. Die Zahl ist auf jeden Fall viel zu hoch gegriffen. Bei der Klientel aus unserer Praxis schätze ich die stationäre Behandlungsnotwendigkeit wegen Enteritis (egal, welcher Erreger!) auf 10 Fälle/Jahr! Und das bei mind. 10 Kindern/Wo. mit “Magen-Darm-Grippe”.

#2 |
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Andreas Hiekel
Andreas Hiekel

…wieder ein großer Durchbruch in der modernen Medizin…wieder ein fest kalkulierbarer Umsatz für die Pharmaindustrie… Ein hoch auf die unabhängige stiko…

#1 |
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