Praxistest Rücken-App: Durchstrecken bitte!

26. Juni 2013
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„Ich habe Rücken“, heißt es auch in Palo Alto, Kalifornien. Doch anstatt wie Horst Schlämmer zu jammern, gründete Andrew Chang lieber eine Firma und produziert LUMOback, um Haltungsfehler elektronisch zu korrigieren. Bewährt sich sein neues Tool im DocCheck-Praxistest?

Andrew Chang weiß, wovon er spricht: Der Stanford-Absolvent quälte sich lange Zeit mit Rückenschmerzen, woran auch Turnübungen wenig änderten. In Deutschland kennen viele Menschen sein Leiden nur allzu gut. Laut TK-Rückenreport haben vier von zehn Erwachsenen die gleichen Beschwerden. Für Chang ist unsere schlechte Haltung des Pudels Kern. Hinzu kommt, dass der menschliche Körper eigentlich nicht für sitzende Tätigkeiten konzipiert worden sei, lautet seine Hypothese.

Gute Haltung – keine Schmerzen

Zusammen mit Monisha Perkash und Dr. Charles Wang machte er aus der Not eine Tugend und gründete LUMO Body Tech. Das interdisziplinäre Team vereint Kompetenzen aus Medizin, Betriebswirtschaft sowie aus dem Maschinenbau. Ihre Idee: Ein kleiner Sensor soll Bürohengste, Computerarbeiter und Autovielfahrer daran erinnern, aufrecht durch das Leben zu gehen – respektive aufrecht zu sitzen. Schon 2011 erhielt Changs Team auf der DEMO Startup Convention eine Auszeichnung für ihre Idee. Zur Entwicklung veranschlagten sie daraufhin 100.000 US-Dollar. User waren begeistert, und so kam der Betrag per Crowdfunding über die Plattform Kickstarter schnell zusammen. Schließlich standen sogar mehr als 200.000 US-Dollar zur Verfügung. Nach Forschung und Entwicklung beginnt jetzt die Vertriebsphase – ein Exemplar kostet 149 US-Dollar. DocCheck testete den LUMOback-Gürtel – hier einige Ergebnisse.

Puristisches Design, wenig Informationsmaterial

Nach dem Auspacken ein erster Blick: Der Gürtel überzeugt durch puristisches Design. Der Sensor selbst ist gerade einmal 8,5 mm dick und kommuniziert über Bluetooth mit Smartphones oder Tablet-Computern. Ziemlich puristisch ist allerdings auch das beiliegende Booklet – tiefgründige Informationen lassen sich dem Faltblatt nicht entlocken. So heißt es erst einmal, den schwarzen Gürtel via USB-Kabel laden. Wie lange? Die Frage bleibt unbeantwortet, eine Statusanzeige hat der Sensor selbst nicht. Auch machen mehrere Demovideos zunächst wenig Sinn, weil ohne aktiven LUMOback nichts läuft. Am nächsten Tag löst sich so manches Rätsel in Wohlgefallen auf.

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© LUMOback

Die App: etwas holprig

Wer mindestens einen iPad 3 beziehungsweise ein iPhone 4S/5 sein Eigen nennt, kann im App Store die benötigte Anwendung installieren. Mobile Endgeräte anderer Betriebssystemen sind mit dem schwarzen Hightech-Gürtel nicht kompatibel. Laut Monisha Perkash soll es noch in diesem Jahr eine Android-Version geben, was den Kreis an Interessierten sicher stark erweitert. Dank geeigneter Endgeräte geht es jetzt schon weiter: Ein persönliches Nutzerkonto lässt sich über die App schnell anlegen, als Parameter werden Geburtsdatum, Größe und Gewicht erfasst. Schließlich gilt es, den Sensor zu kalibrieren. Dabei werden verschiedene Haltungsmuster wie Gehen oder Sitzen erfasst. Durch den ganzen Vorgang begleitet mich ein witziger Avatar, der auch nachher zeigt, wie es um die Körperhaltung bestellt ist. Was eigentlich recht simpel klingt, führte in der Praxis jedoch zu Problemen, da LUMOback kürzlich eine neue App veröffentlicht hat und gleichzeitig für den Sensor ein Firmware-Update erforderlich ist. Die Software selbst stieg mehrfach aus. Hier muss LUMO Body Tech noch gründlich nachbessern.

Der Sensor: funktional und innovativ

Schließlich ist der Zeitpunkt gekommen, LUMOback endlich anzulegen – er erinnert an den Brustgurt von Pulsmessegeräten. Das Material selbst ist leicht und angenehm zu tragen. Ab sofort reagiert der Sensor auf Haltungsschwächen meinerseits mit Vibrationen als Erinnerung. Dieser Alarm wird nur ausgelöst, sollte ich mehrere Sekunden in der ungünstigen Position verharren. Falls – aus welchem Grund auch immer – keine Haltungskorrektur möglich ist, gibt es auch keinen weiteren Alarm. Vor wichtigen Besprechungen sollte das Vibrationssignal deaktiviert werden, um nicht erstaunten Blicke auf sich zu ziehen. Ansonsten lässt sich über die App bestimmen, mit welcher Stärke der Gürtel warnt. Die schwächste Einstellung erscheint mir ungeeignet zu sein: Falls noch andere Reize mit hinzukommen, fallen Vibrationen kaum noch auf. Selbst ohne den Alarm bekomme ich eine Rückmeldung: Gnadenlos listet die App alle Haltungsschwächen und gibt ihre Bewertung im Kalender ab.

Glücksmomente nach zwei Tagen

Während sich das Gerät anfangs noch recht häufig zu Wort meldet, werden Haltungskorrekturen nach 48 Stunden schnell zur Routine. Mein Trainingserfolg: Das Device vibriert deutlich seltener. Bei Warnungen richte ich mich bald automatisch auf, Pawlow lässt grüßen. Auch verbessern sich meine Bewertungen im Kalender. Die App bietet zur Auswertung neben einer stilisierten Übersicht weitere Details, etwa nach Zeiten aufgeschlüsselt. Als grundlegende Bewegungsmuster erfasst LUMOback Gehen, Sitzen und Liegen – auch nachts lassen sich Daten generieren. Anhand meiner Haltung erkennt der Gürtel Schlafphasen zwar automatisch. Wie lange ich auf dem Rücken oder auf der Seite liege, ist zwar nett, aber wenig hilfreich. Über das kleine Programm lässt sich auch erkennen, wann das Gerät braucht – schließlich soll mein neuer Wächter in Sachen Haltung nicht unbemerkt schlapp machen.

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© LUMOback

 

Ein Plus für Haltung und Fitness

Der Gürtel selbst stört beim Tragen auch nach mehreren Tagen kaum. Nur Stühle mit harter Lehne drücken arg gegen den Sensor und damit auch gegen die Wirbelsäule. Und nach dem Sport beginnt die Haut doch etwas zu jucken. Bleibt als Option, LUMOback abends zu entfernen. Und apropos Bewegung: Die App erstellt auch umfangreiche Profile zur körperlichen Aktivität: Laufen, Gehen, Stehen oder Sitzen – entsprechende Prozentangaben lassen sich aus dem Profil generieren. Der Schrittzähler ist ebenfalls praktisch, um den inneren Schweinehund zu überwinden. Wer 1.700 Schritte pro Tag in mindestens zehnminütigen Einheiten zurücklegt, soll sein Sterberisiko um 12 Prozent senken, heißt es vom Zentrum für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln. Mit 3.000 Schritten lässt sich die Mortalität möglicherweise um 20 Prozent verringern. Ärzte an der Charité Universitätsmedizin Berlin empfehlen sogar 10.000 Schritte pro Tag. Dies zu messen ist ein klarer Mehrwert des Geräts.

Gute Idee mit Ausbaupotenzial

Mein Fazit: Der Hightech-Gürtel hilft, eigene Haltungsschwächen bewusst wahrzunehmen und zu korrigieren. Erste Erfolge treten vergleichsweise schnell auf, wobei schon nach kurzen Tragepausen schlechte Gewohnheiten wieder einreißen. Dem Gerät selbst ist deutlich anzumerken, dass es aus der IT-Entwicklerszene kommt – an sich kein Problem, so lange technikaffine „Quantified Self“-User damit arbeiten. Für Laien ist LUMOback noch nicht ganz ausgereift. Zwar bietet die App unglaubliche Potenziale und wird ständig weiterentwickelt. Um Patienten zu erreichen, sollte sie runder laufen. Auch sind 149 US-Dollar (rund 110 Euro) relativ viel Geld, um – wie Andrew Chang hofft – große Bevölkerungsschichten zu erreichen. Dem Urteil von „Wired“ kann ich mich nur anschließen: „sehr gut, aber nicht großartig“.

93 Wertungen (3.96 ø)
Medizin

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3 Kommentare:

dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

teures Spielzeug , erinnert der Schmerz an sich nicht genug ?
Lieber elementar vorgehen : nur 5 Minuten :
ISG -Blockade lösen , Bechenstand korrigieren .Beinlänge beachten

#3 |
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a.pitzken@gmx.net
a.pitzken@gmx.net

Ich habe eine bessere Idee für alle Personen, die am Bildschirm arbeiten.Wo kann ich mich mit meiner Idee bewerben – ohne dass sie mir geklaut wird – und finanzielle Unterstützung erhalten für die Realisation. etwa 30.000 €. Dannn kann die realisierte Idee allen Interessenten für eine relativ geringe Gebühr zur Verfügung gestellt werden.

#2 |
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Weitere medizinische Berufe

Sehr interessant. Ich bin auf die folgenden Modelle gespannt..

#1 |
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