Multiresistenz: Fleisch-Fiasko am Flughafen

22. Dezember 2016
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Reisende, die illegal Fleisch aus Nicht-EU-Staaten nach Deutschland einführen, können zur Verbreitung von potenziell gefährlichen Krankheitserregern beitragen. In mehreren Fleischproben von zwei deutschen Flughäfen wurden multiresistente Bakterien gefunden.

Die unkontrollierte Einfuhr von Fleisch kann eine große Gefahr für die Gesundheit bedeuten und die Verbreitung von antibiotikaresistenten Bakterien begünstigen.

Forscher der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) und des InfectoGnostics Forschungscampus Jena konnten zeigen, dass Fleischwaren, die von Flugpassagieren illegal importiert wurden, mit multiresistenten Bakterien kontaminiert waren.

Besondere Rolle des horizontalen Gentransfers

Die Wissenschaftler identifizierten Bakterien-Stämme, die bereits gegen mehrere Antibiotika resistent waren und verschiedene Virulenzfaktoren aufwiesen. Das Forscherteam stellte zudem fest, dass die Keime nicht vom Tier selbst stammten, sondern menschlichen Ursprungs waren und somit auf mangelnde Hygiene-Standards bei der Schlachtung und Verarbeitung hindeuten.

Werden kontaminierte Nahrungsmittel aus Nicht-EU-Staaten importiert, können sich Menschen und Tiere auch in der EU mit diesen Bakterienstämmen infizieren, die mit vielfältigen Resistenz- und Virulenzfaktoren ausgestattet sind.

Diese Faktoren können sie dann außerdem auf einheimische Erreger übertragen. Eine besondere Rolle spiele dabei der horizontale Gentransfer, erläutert Dr. Ralf Ehricht, Leiter für Machbarkeitsstudien in Forschung und Entwicklung: „Viele Bakterien sind in der Lage, genetische Informationen nicht nur durch Vermehrung, sondern auch innerhalb einer Generation – sozusagen mit ihren Nachbarn – auszutauschen. Sobald ein solcher übertragbarer Resistenzfaktor etabliert wurde, kann er auf diese Weise sehr schnell auf andere Bakterienstämme übertragen werden.“

2,8 Tonnen illegal importiertes Fleisch

Für ihre Untersuchung isolierten die Wissenschaftler die Bakterien und bestimmten anschließend durch Gen-Analysen deren Abstammung, Virulenzfaktoren sowie vorhandene Antibiotika-Resistenzdeterminanten.

Für die Erfassung und Analyse der genetischen Eigenschaften der Bakterien nutzten die Forscher ein spezielles Alere-Microarray. Mit diesem molekularbiologischen Testverfahren lassen sich mehrere hundert molekulare Parameter gleichzeitig auf einer winzigen Testfläche bestimmen.

Grundlage für die Studie waren Proben von den Flughäfen Frankfurt und Berlin-Schönefeld. Allein im Jahr 2014 wurden an diesen beiden Flughäfen insgesamt 2,8 Tonnen Fleisch illegal von Passagieren mitgeführt. Solche illegalen Importe – oftmals unter mangelnden Hygiene-Standards außerhalb der EU produziert und ungekühlt im Gepäck transportiert – erhöhen nach Ansicht der Forscher das Risiko einer aktuellen Verbreitung multiresistenter Bakterien in Europa.

Originalpublikation:

Variety of Antimicrobial Resistances and Virulence Factors in Staphylococcus aureus Isolates from Meat Products Legally and Illegally Introduced to Germany
Anja Müller; PLOS One, doi: 10.1371/journal.pone.0167864; 2016

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5 Kommentare:

Mitarbeiter von DocCheck

Lieber Gast X, danke für Ihren Kommentar. Über die Lieferengpässe bei Piperacillin/Tazobactam berichtet die DocCheck Redaktion ganz aktuell – sehen Sie hier: http://news.doccheck.com/de/159367/lieferengpaesse-bis-einer-weint/
Weiterhin viel Spaß beim Lesen.
Grüße aus der DocCheck News Redaktion.

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Gast X
Gast X

@ Herr Paffrath: Die Kliniken als Infektions”quelle” zu bezeichnen ist meiner Erfahrung nach nicht korrekt, aber wie alle frequentierten öffentlichen Einrichtungen mit viel körperlicher Nähe sind sie natürlich ein beliebter Umschlagplatz. Als jemand der in einem Hochrisikogebiet (viele Pflegeheime, aber auch viel Landwirtschaft) in einer Klinik tätig ist kann ich berichten, dass beim überwiegenden Teil der Träger multiresistenter Keime diese bereits am Aufnahmetag nachgewiesen werden. Ganz besonders bei denjenigen die noch nie stationär behandelt wurden ist dann die Verwunderung oft groß, häufig erzählen sie dann dem Hausarzt oder den Angehörigen “die haben mir da in dem Krankenhaus diesen Keim verpasst, vorher hatte ich den nicht” > Doch der Keim war oft vorher schon da, es wusste nur niemand davon. Um so ärgerlicher ist es dann wenn viele Vorwürfe kommen aber wenig Kooperation von Patienten und Angehörigen bei Hygiene- und Isolierungsmaßnahmen besteht, und selbst beim Personal besteht auch hier immer wieder Nachschulungs- und Korrekturbedarf.

Da nun ja ein skandalöser Lieferengpass für Piperacillin/Tazobactam und andere wichtige Antibiotika besteht, der eklatante Behandlungslücken hervorruft -über den aber die DocCheck-Redaktion (aus welchen Gründen auch immer) nicht berichtet- brauchen wir uns an diese Stelle zumindest keine Sorgen mehr um den “unnötigen” Einsatz von Breitbandantibiotika in den Kliniken zu machen.

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Günter Schanné
Günter Schanné

Nicht die multiresistenten Keime in der Tierhaltung sind das Problem, sondern die Anwendung hochwirksamer Chemotherapeutika durch die Tierhalter, bei denen es sich per se um medizinische Laien handelt. Dastierärztliche Dispensierrecht zur Abgabe von Tierarzneimitteln an den Tierhalter ist durch jahrzehntelangen wirtschaftlichen Druck aus der Landwirtschaft zur Abgabeverpflichtung geworden.
Selbst bei sog. Reserveantibiotika, Fluochinolonen und Cephalosporinen der 3. u. 4. Generation, scheut die lobbygeplagte Politik eine arzneimittelrechtliche Anwendungsbeschränkung auf den Tierarzt.

#3 |
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Heilpraktiker

Alles richtig und unterstützenswürdig.
Aber fangen wir doch erst mal in unseren eigenen Kliniken an, die wohl größte Infektions-Quelle mit multiresistenten Keimen.

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Selbst lebendes Geflügel ist immer wieder im Handgepäck aus Ost und Südost.

#1 |
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