Autismus: “normal” ist anders

15. Dezember 2010
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"Das Leben im Autismus ist eine miserable Vorbereitung für das Leben in einer Welt ohne Autismus. Die Höflichkeit hat viele Näpfchen aufgestellt, in die man treten kann, Autisten sind Meister darin, keines auszulassen." Ein Überblick über den Autismus.

Spätestens seit „Rain Man“ mit Dustin Hoffmann und Tom Cruise aus den 80er-Jahren und “Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone” von 2006 ist das Krankheitsbild des Autismus in das Bewusstsein der Bevölkerung gerückt. Ein Krankheitsspektrum, welches zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gezählt wird, und an dem knapp ein Prozent der Menschen mit steigender Prävalenz betroffen sind.

Sandra

Die Eltern von Sandra beginnen sich Ende des ersten Lebensjahres vermehrt Sorgen über die sprachliche Entwicklung ihrer Tochter zu machen. Ansonsten ist sie ein pflegeleichtes und ruhiges Kind, welches sich über Stunden hinweg alleine mit einem Stück Stoff beschäftigen kann. Trotz aller interindividuellen Unterschiede bezüglich der Sprachentwicklung, beschließen die Eltern im zwei-jährigen Alter ihrer Tochter eine logopädische Abklärung. Da organische Schäden ausgeschlossen werden können, wird Sandra an eine Fachstelle für Erkrankungen aus dem autistischen Spektrum überwiesen. Im Erstgespräch wird eruiert, dass Sandra kaum auf Zurufe ihrer Eltern reagiert, sie verweigert verbale Kommunikation und beschäftigt sich am liebsten mit dem Zerreißen von Zeitungen in lange Streifen und dem Aneinanderreihen von Puppen. Auf dem Spielplatz ist sie sehr geschickt, interessiert sich aber nicht für die anderen Kinder. Der Mutter ist sie schon mehrmals weggelaufen.

Historisches & Epidemiologie

Ähnliche symptomatische Auffälligkeiten müssen dem Schweizer Psychiater Eugen Bleuler an Erwachsenen aufgefallen sein, konstatierte er 1911 doch erstmals den Begriff des Autismus, sah in seiner Wortneuschöpfung jedoch eine Unterform des schizophrenen Formenkreises. Erst in den 40er-Jahren beschrieben Leo Kanner und Hans Asperger den Autismus als eigenständige Entität („autistische Psychopathie“) und bezogen damit das von Eugen Bleuler definierte Syndrom des „krankhaften Überhandnehmens des Binnenlebens“ vermehrt auf Kinder, die im Gegensatz zu Schizophreniepatienten schon von Geburt an eine Störung im Sozialverhalten aufwiesen. Der Wiener Psychiater Bruno Bettelheim beschäftigte sich ebenfalls mit dem Autismus und ging sogar soweit, ein autistisches Kind aus Amerika zu adoptieren und in seiner Familie sieben Jahre lang aufzunehmen.

Neueste epidemiologische Daten gehen heute – fast 100 Jahre nach Bleulers Neologismus – von einer Prävalenz von knapp einem Prozent aus, wobei innerhalb der autistischen Spektrumstörungen ca. 0,2% dem klassischen frühkindlichen Autismus (Kanner Autismus) zuteil werden.

Definition und Ätiologie

Zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen werden heute insgesamt 9 Formenkreise gezählt (ICD10 F84.0-.9), darunter der „frühkindliche Autismus“, das „Rett Syndrom“, das „Asperger-Syndrom“ sowie die „hyperkinetische Störung mit Intelligenzminderung und Bewegungssterotypien“. Die Störungen im Sinne des Syndroms sind zum Teil nicht klar voneinander abzugrenzen und erhalten ihre Berechtigung vor allem über die besondere Ausprägung eines der Symptome oder dessen Abwesenheit.

Allen gemein und Grundlage der Diagnosebildung ist jedoch eine qualitative Abweichung der wechselseitigen sozialen Interaktionen und ein stereotypes eingeschränktes Repertoire von Interessen und Aktivitäten: In den ersten Lebensjahren wird die Kontaktaufnahme zu den Eltern, insbesondere zur Mutter verweigert. Die Kinder strecken die Arme nicht entgegen, um hochgehoben zu werden, sie lächeln nicht zurück und vermeiden bewusst den Blickkontakt. Im Gegensatz dazu fixieren sich die Kinder auf Einzelheiten z.B. einen bestimmten Geruch, Geschmack oder ein Geräusch. Zudem können sie in ausgeprägter stereotyper Weise exzessiv mit einzelnen Objekten spielen.

Die Ätiologie ist nicht genau bekannt und ihre Theorien wandeln sich mit den Dekaden. Bettelheim vertrat die Ansicht, dass sogenannte „Kühlschrankmütter“ verantwortlich für das psychotische Verhalten ihrer Kinder sind, sprich ein distanzierter dysemotionaler Erziehungsstil. Heute weisen Untersuchungen – u.a. Zwillingsstudien – auf eine multifaktorielle Genese mit hoher genetischer Prädisposition hin. Epidemiologische Studien wiesen beunruhigender Weise auf eine Assoziation mit pränatalen Infektionen (Röteln, Zytomegalievirus) oder infantilen Impfungen (MMR Vakzine) hin. Vor allem eine Verbindung mit Impfstoffen konnte in Folgestudien nie bewiesen werden, wurde mittlerweile sogar eher widerlegt. Bleibt noch eine kleine Gruppe an „sekundären“ autistischen Störungen im Rahmen von umschriebenen strukturellen Chromosomenabberationen: Tuberöse Sklerose, Fragiles-X-Syndrom und Phenylketonurie.

Diagnose

Die Diagnose ergibt sich zum einen aus anamnestischen Daten die anhand des psychosozialen Erscheinungsbildes des Kindes vor Ort (Praxis) gestellt werden, als auch fremdanamnestisch durch Befragung beteiligter Pädagogen (Kindergarten, Schule) oder Mitwirkenden in der Erziehung im Umfeld der Kinder. Aufmerksam werden sollte man bei Sprachentwicklungsstörungen, Mangel an nonverbaler Kommunikation und selbst gewählter sozialer Isolation, sowie stereotypen Verhaltensweisen. Zum anderen existieren strukturierte Checklisten, die eine objektive Einschätzung erlauben: Checklist for Autism in Toddlers (CHAT), Childhood Autism Rating Scale (CARS), dessen Nutzen allerdings eher einem Screening entspricht als der konkreten Diagnosestellung. Bei entsprechendem Verdacht auf einen „sekundären“ Autismus sind dementsprechende Untersuchungen anzuschließen. Weitere laboratorischen oder radiologischen Tests zur Diagnosestellung stehen leider nicht zur Verfügung.

“Das Leben im Autismus ist eine miserable Vorbereitung für das Leben in einer Welt ohne Autismus. Die Höflichkeit hat viele Näpfchen aufgestellt, in die man treten kann, Autisten sind Meister darin, keines auszulassen.”
Axel Braun (aus „Buntschatten und Fledermäuse“ – eine autobiographische Geschichte eines Autisten)

Behandlung

Krankheiten des autistischen Spektrums sind lebenslange Erkrankungen, die zurzeit keine kausale Therapie und damit eine Heilung im engeren Sinne ermöglichen. Ziel der Behandlung muss also sein die soziale Integrität des Kindes durch Verhaltenstherapie in hohem Maße zu fördern, wobei die medikamentöse Begleittherapie mit Neuroleptika vor allem im Rahmen der Fremd- und Autoaggression ihre Berechtigung findet. Verhaltenstherapeutische Interventionen fokussieren dabei auf die Sprachentwicklung, soziales Reagieren und Imitationslernen, eben die für Autisten spezifisch defizitären Bereiche. Diese Säulen der Therapie wurden in integrativen Konzepten wie der ABA (Applied Behaviour Analysis) und dem TEACCH (Treatment and Education of Autistic and Related Communication Handicapped Children) umgesetzt.

Aufgrund des Versagens der Schulmedizin auf der Suche nach kurativen Therapieverfahren stürzen sich viele Eltern autistischer Kinder auf alternativmedizinische Angebote. Besondere glutenfreie oder vitaminreiche Diäten, ebenso wie die hyperbare Sauerstoff- oder Chelatorentherapie haben sicherlich ihre medizinische Berechtigung, beim Autismus haben sie leider nur dogmatischen Charakter, wie zuletzt auch die Cochrane Col. Im Jahr 2008 festgestellt hat. Im Gegenteil können übermotivierte Eltern ihren Kindern damit sogar eher Schaden zufügen.

Fazit

Psychische Störungen aus dem autistischen Formenkreis charakterisieren sich vor allem durch eine Beeinträchtigung in der Sprachentwicklung, der sozialen Interaktion und einem repetitiven und restriktivem Verhalten. Steigende und heute schon bedeutende epidemiologische Zahlen verdeutlichen die Wichtigkeit der Kenntnis dieser Erkrankung, welche bevorzugt im Kindesalter, sich jedoch auch noch im späteren Verlauf manifestieren kann. Eine frühzeitige Diagnose und verhaltenstherapeutische Intervention hat für das weitere soziale Leben der Betroffenen oft eine enorme Wichtigkeit.

Literatur

Autismus Deutschland e.V.: Autismus Deutschland e.V. – Was ist Autismus? Online verfügbar
Faras, Hadeel (2010): Autism spectrum disorders
www.autismus.ch.

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Allgemein

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1 Kommentar:

Manfred Pichel
Manfred Pichel

Eigentlich ein schöner Artikel.
Uneigentlich hätte ich mir gewünscht, dass der Abschnitt zur Ätiologie etwas mehr auf der Höhe der Zeit ist (z.B. Studienergebnisse aus Ffm). Außerdem hätte ich mir bei der Behandlung eine etwas differenzierte (nach der Diagnose) Betrachtung zur Medikation gewünscht und einige Worte zur Differentialdiagnostik .
Es wäre alles in allem gut gewesen, im jeweiligen Kontext, mehr auf die Verschiedenen Formen einzugehen.
Aber ein Plus für die gute Lesbarkeit.

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