Tierversuche: Weniger ist mehr

19. Dezember 2016
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Bei Tierversuchen werden die Ergebnisse aus Studien derzeit nur unvollständig registriert. Ein Forscherteam trug daher Argumente für und gegen ein internationales und öffentliches Tierstudienregister zusammen. Lassen sich dadurch unnötige Tierversuche vermeiden?

Tierversuche sind oft notwendig, um Krankheiten und ihre Entstehung besser zu verstehen und so Therapien für Menschen entwickeln zu können. Doch derzeit werden nur rund die Hälfte der Ergebnisse dieser Versuche in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht und zudem sind die publizierten Ergebnisse oft schwierig zu reproduzieren.

Um das zu verbessern, wird derzeit die Einführung eines internationalen und öffentlichen Tierstudienregisters diskutiert, in das Forscher Versuche und Ergebnisse genau und vollständig eintragen – ebenso, wie es bei klinischen Studien der Fall ist, an denen Menschen teilnehmen.

Wiederholungen von Tierversuchen senken

Eine Arbeitsgruppe um Professor Dr. Dr. Daniel Strech aus der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat 130 Aspekte und Argumente für beziehungsweise gegen ein solches Tierstudienregister zusammengetragen. Dafür haben Mitarbeiter des MHH-Instituts für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin 24 nationale und internationale Forscher, Vertreter der Industrie und von Regulierungsbehörden befragt.

„Alle stimmten darin überein, dass ein solches Register die Zahl unnötiger Wiederholungen von Tierversuchen senken und deren Qualität insgesamt steigern würde. Dies wäre auch für die Planung früher klinischer Studien an Menschen sehr relevant. Jedoch befürchteten sie auch, dass es zum Diebstahl von Ideen kommen sowie zu einem höheren Verwaltungsaufwand führen könnte – wobei sie auch Ideen für Maßnahmen gegen diese Probleme hatten“, fasst Strech das Resultat zusammen.

Details erst nach Publikation

Andere, größeres Labor könnten die Idee eines Forschers aufnehmen und die Experimente schneller durchführt. Strech erklärt: „Das müsste irgendwie verhindert werden – beispielsweise dadurch, dass Details zur Tierstudie erst öffentlich einsehbar sind, wenn sie publiziert wurden oder sonst nach spätestens zwei Jahren“.

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Tierstudienregister: Ergebnisse einer Stakeholder-Analyse zu potentiellen Stärken, Schwächen, Facilitatoren und Barrieren © Susanne Wieschowski, Diego S. Silva, Daniel Strech

Einige seiner Interviewpartner befürchteten, dass ein Tierregister unnötigen Verwaltungsaufwand mit sich bringen würde. „Doch andere wiederum wiesen darauf hin, dass eine Registrierung weniger Zeit kostet als vieles andere, was man für die Durchführung einer Tierstudie machen muss“, erläutert Strech.

Mehr Struktur, weniger Doppelungen

In einem solchen Tierstudienregister würden Wissenschaftler vor dem Studienbeginn die Anzahl der Tiere, die geplante Dauer, Kontrolle und statistische Auswertung der Experimente in einer Online-Datenbank eintragen.

„Es bestünde dann nicht mehr die Möglichkeit, dies nach dem Studienbeginn unbemerkt zu verändern, um ein bestimmtes Ergebnis herauszubekommen. Wahrscheinlich würden Wissenschaftler Studien dann noch besser planen und auch negative Ergebnisse häufiger publizieren, da sie wissen, dass andere Forscher und Behörden die Studie einsehen können“, berichtet Professor Strech aus den Interviews.

Eigene Studien verfeinern

Bevor Forscher eine Studie durchführen, könnten sie im Register prüfen, ob eine ähnliche Studie bereits durchgeführt worden oder geplant ist. „Das würde doppelte Studien vermeiden und könnte zur Zusammenarbeit von Teams führen. Zudem könnten die Daten einer anderen Studie helfen, die eigene Studie zu verfeinern: Wenn man zum Beispiel herausfinden möchte, welche Antibiotikum-Dosis besonders wirkungsvoll ist, muss man nicht die testen, die andere Teams schon getestet hat“, erläutert er.

„Ich bin seit meiner Studie davon überzeugt, dass wir ein solches Register brauchen. Allerdings müssen bei dessen konkreter Ausgestaltung die Interessen von Forschern, Geldgebern und Tieren bestmöglich berücksichtigt werden“, sagt er.

Originalpublikation:

Animal Study Registries: Results from a Stakeholder Analysis on Potential Strengths, Weaknesses, Facilitators, and Barriers
Susanne Wieschowski; PLOS Biology, doi: 10.1371/journal.pbio.2000391; 2016

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3 Kommentare:

Gast
Gast

“Diebstahl von Ideen” und “höherer Verwaltungsaufwand” versus Tierwohl… In welchem Verhältnis steht das bitte zueinander? Hippokrates hätte die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen.

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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Liebe Frau Stephanie,
Ihre 2. – 4. Zeile finde ich super. Das kann man nicht oft genug wiederholen!

#2 |
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Stephanie
Stephanie

Das heutzutage überhaupt noch Tierversuche durchgeführt werden ist schon schlimm genug, zumal ja hinreichend bekannt sein dürfte, dass Tierzellen doch anders reagieren als menschliche (bereits der Unterschied vom Mann zur Frau macht oftmals einen Unterschied in der Wirkungsweise bestimmter Medikamente), aber das wieder und wieder Tierversuche statt finden, welche bereits unzählige Male an Tieren getestet wurden, das ist wirklich der Gipfel. Wie wichtig nimmt sich eigentlich die Gattung Mensch? Welches Recht haben wir, Millionen von Tieren leiden zu lassen, wo es doch schon Ergebnisse gibt? Wegen des Verwaltungsaufwands? Wegen Dieberei?
Und das auf Kosten der schwächsten Kreaturen. Die, die sich weder wehren noch flüchten können?

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