Reflux – Feuerlöscher gesucht

17. Dezember 2010
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Das üppige Mahl an den Festtagen fordert seinen Tribut: Ein brennendes Gefühl hinter dem Brustbein deutet auf die gastroösopageale Refluxkrankheit hin. Doch niemand muss das Leiden hinnehmen – mittlerweile gibt es einige therapeutische Optionen.

Einbahnstraße für Verdauungssäfte: Der Schließmuskel mit Ventilfunktion zwischen Magen und Speiseröhre verhindert normalerweise, dass die körpereigene Salzsäure eigene Wege nach oben geht. Fließt der Mageninhalt durch eine Schwächung dieser Barriere in die Speiseröhre zurück, wird deren empfindliche Schleimhaut in Mitleidenschaft gezogen. Die Patienten quälen sich mit einem brennenden Schmerz, der bis in den Nacken oder ins Gesicht ausstrahlen kann.

GERD: keinesfalls harmlos

Aus einer Refluxösophagitis kann sich eine Entzündung der Speiseröhre und in schweren Fällen eine Barrett-Schleimhaut entwickeln. Dieser Umbau der Zellstruktur ist mit einer erhöhten Krebswahrscheinlichkeit verbunden. „Wie großflächig und gefährlich diese Schäden sind, können wir nicht zuverlässig anhand der Schwere und Häufigkeit der Symptome einschätzen“, gibt der Gastroenterologe Prof. Dr. Joachim Labenz, Chefarzt am Ev. Jung-Stilling-Krankenhaus in Siegen, zu bedenken. Deshalb gelte die Magenspiegelung als Methode der Wahl für Diagnostik und Erfolgskontrolle der Therapie. Weitaus angenehmer gestaltet sich die jetzt bis zur Marktreife entwickelte Kapselendoskopie. Dabei schluckt der Patient lediglich eine größere Tablette, in der sich geballte Technik befindet. Fachärzte können eine Minikamera dann magnetisch von außen steuern und so hoch aufgelöste Bilder aus dem Mageninneren am Computer empfangen.

Patienten mit Barrett-Ösophagus profitieren einer Studie zufolge von der Entfernung der gefährlichen Schleimhaut durch hochfrequente Ströme. „Bei fast 90 Prozent der Patienten gelang es, die intestinale Metaplasie endoskopisch zu beseitigen“, betont Labenz. Und bereits innerhalb der kurzen Beobachtungsperiode von zwölf Monaten zeigten sich gravierende Unterschiede: Lediglich 1,2 Prozent der Patienten, deren Schleimhaut tatsächlich abgetragen wurde, hatte ein Karzinom entwickelt. Innerhalb der Scheingruppe, die mit einem nicht angeschalteten Gerät „behandelt“ worden war, fanden Kollegen immerhin bei 9,3 Prozent der Patienten ein Karzinom.

Lebensgewohnheiten überdenken

Doch so weit muss es erst gar nicht kommen – Prophylaxe und Therapie können Folgeerkrankungen unterbinden. Reflux-Geplagte sollten vor allem ihren Speiseplan und ihre Lebensgewohnheiten überdenken. Stark Gewürztes, Alkohol und Nikotin sind tabu. Kohlensäurehaltige Getränke galten allerdings ganz zu Unrecht als Reflux-Übel. Zu dieser Erkenntnis kamen kürzlich US-Forscher bei der Auswertung der wissenschaftlichen Literatur. Ein Zusammenhang zwischen GERD-Symptomen (gastroesophageal reflux disease) und dem Genuss sprudelnder Getränke ließ sich nicht nachweisen.

Vor allem das Körpergewicht muss auf den Prüfstand, da jedes Kilogramm mehr den Druck vom Bauchraum nach oben erhöht. Mit dem Slogan „weniger Gewicht, weniger Symptome“ lassen sich die Ergebnisse einer aktuellen US-amerikanischen Untersuchung zusammenfassen. Deren Teilnehmer wogen im Schnitt 101 kg und speckten rund 13 kg ab. Parallel zur Gewichtsreduktion verringerten sich auch die Symptome. Nach Ende der Beobachtungszeit waren immerhin zwei Drittel beschwerdefrei.

Pharmakotherapie: Brand gelöscht

Für die systematische Therapie stehen heute zahlreiche Arzneimittel zur Verfügung: Während Antacida lediglich die Säure neutralisieren bzw. chemisch binden, stoppen H2-Rezeptorantagonisten sowie Protonenpumpeninhibitoren (PPI) deren Bildung im Magen über verschiedene Mechanismen. Von H2-Rezeptorantagonisten rät die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen jedoch ab, da sie bei etwa der Hälfte der Patienten nicht zur Beschwerdefreiheit führen und deshalb mit PPI nachtherapiert werden muss. Auch werden Antazida und Magen schützende Stoffe wie Alginate nicht für die Monotherapie empfohlen. Dementsprechend sehen die Leitlinien vor, mit PPI zu beginnen. Nach einigen Wochen wird empfohlen, bei nachlassenden Beschwerden die Dosis des Arzneimittels zu verringern.

PPI verringern die Säureresektion und damit die Azidität des Magens – das ist schließlich der Sinn der Sache. Damit ist allerdings eine schlechtere Resorption von Calcium, Vitamin D3, Vitamin C, Vitamin B12 und Folsäure verbunden. Eine kanadische Studie ging den Langzeiteffekten der PPI-Therapie auf die Knochendichte nach. Sie fanden sowohl ein erhöhtes Risiko für Osteoporosefrakturen als auch für Hüftfrakturen. Gerade bei älteren Patienten sollte eine gezielte Ergänzung knochenwirksamer Mikronährstoffe in Betracht gezogen werden, so das Fazit.

Reißen alle pharmazeutischen Stricke, helfen immer noch chirurgische Maßnahmen. Dabei vernähen Gastroenterologen Teile des Mageneingangs. Der Trick: Saure Säfte können ihren Weg nicht mehr in Richtung Speiseröhre nehmen. Besonders schonend ist die an der Universität Leipzig entwickelte endoskopische Methode, bei der ein spezielles Gerät, der Plicator, eingesetzt wird. Und der Eingriff selbst wird ambulant in Kurznarkose bzw. Sedierung durchgeführt – die Patienten können noch am gleichen Tag nach Hause gehen.

Arzneimittelinteraktion: Erst einmal Entwarnung

Für große Aufregung sorgte Ende 2008 eine Kohortenstudie aus den USA. Die Daten legten ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko bei GERD-Patienten nahe, die gleichzeitig mit dem Gerinnungshemmer Clopidogrel behandelt wurden. Als Erklärung weisen Pharmazeuten darauf hin, dass beide Arzneistoffe über das gleiche Enzym, ein Cytochrom, verstoffwechselt werden. Dessen Menge im Körper hängt stark von genetischen Mustern ab – es gibt dementsprechend Menschen, die beide Arzneistoffe schnell oder langsam umsetzen. Mittlerweile geben Untersuchungen aus den Jahren 2010 und 2009 Hinweise, dass diese Interaktion klinisch keine allzu große Relevanz hat.

Asthma und GERD: Zusammenhang fraglich

Ernüchterung gab es bei der Asthmatherapie: Über fast zwei Jahrzehnte galt es als sicher, dass Asthma eine GERD auslöst oder verschlimmert. Was lag also näher, also diese Patienten flächendeckend mit PPI zu versorgen. Studien kamen zu keinem einheitlichen Ergebnis. Finnische Wissenschaftler fanden einen geringfügigen Nutzen der PPI-Therapie. Eine Cochrane Review, also eine Übersichtsarbeit, die Forschungsergebnisse und Studien auswertet, konnte jedoch keinen Nutzen nachweisen. Grund genug für US-Forscher, sich des Themas anzunehmen. Sie initiierten eine randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie mit 412 Asthmapatienten. Die Hälfte der Teilnehmer erhielt eine PPI-Behandlung, die andere ein Placebo. Parallel wurden Asthmatagebücher geführt sowie der pH-Wert des Magensafts gemessen. Das ernüchternde Ergebnis: Innerhalb des Beobachtungszeitraums von sechs Monaten gab es keinen signifikanten Unterschied hinsichtlich der Asthmasymptome bzw. der Refluxhäufigkeit. Die Autoren raten deshalb von allzu offensivem Einsatz der PPI bei Asthma ab – bei entsprechenden Symptomen macht aber deren Einsatz wie bei allen GERD-Patienten durchaus Sinn.

Forschung: Wohin die Reise geht

Um bei GERD den geschädigten Schließmuskel zu regenerieren, setzen Wissenschaftler auch auf die Stammzelltherapie. Tübinger Ärzte entwickelten ein Konzept, um hierbei Stammzellen aus dem Muskelgewebe einzusetzen. „Grob gesagt geht es darum, den Sphinkter, also den Schließmuskel der Speiseröhre, zu regenerieren, indem Stamm- oder Vorläuferzellen eingespritzt werden“, so Prof. Dr. Alfred Königsrainer, der Ärztliche Direktor der Klinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie in Tübingen. Bis zur Etablierung der Methode in der Standardtherapie kann es allerdings noch dauern.

133 Wertungen (4.19 ø)
Medizin

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12 Kommentare:

Wie von diesem Autor gewohnt : sehr gut “rübergebrachte” Information zu einem praxiselevanten Thema. GB

#12 |
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mag lucia rizzo-russegger
mag lucia rizzo-russegger

@Diätologin: eine von der Getränke-Industrie beauftragte Studie vielleicht?

#11 |
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Mitarbeiter Pharmaagentur

Nach einem Glas Weißwein oder dem Gänsebraten erwischt mich schonmal hartnäckiger Reflux. Ich nehme einen PPI und bin keine halbe Stunde später wieder Beschwerdefrei. Solange es so einfach ist und das Glas Weißwein nicht allzu oft getrunken wird, kann ich damit gut leben.

#10 |
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Helga Konnerth
Helga Konnerth

Laut Untersuchungen habe ich keine Refluxkrankheit,habe trotzdem die Magensäure nachts bis im Mund,meine Speiseröhre arbeitet inefektiv.Nehme Pantozl20,achte auf die Ernährung und trotzdem habe ich große Probleme.Ich bin auf der Suche nach weiteren Möglichkeiten.Mein Arzt hat mir zur Operation abgeraten, es könnte pasieren daß die Speiseröhre dann gar nicht mehr arbeiten würde.

#9 |
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Edmund Hill
Edmund Hill

Schliesse mich Frau Zimmermann an, wer sowieso schon zu viel Säure im Körper hat, wird dieses Problem weder durch beworbene Medikamente noch durch Untersuchungen und Operationen los. Ernährung umstellen, mehr Basen als Säure im Körper zulassen, nicht nur dieses Problem wandelt sich dann in Wohlbefinden um.

#8 |
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Tierarzt

Eine weitere wichtige Massnahme ist, auf der linken Seite zu schlafen, da so der Reflux aufgrund der Kardiaanatomie schon eingeschrönkt ist. Funktioniert prima.

#7 |
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Ernährungswissenschaftler / Ökotrophologe

Wie schon die Vorgaenger schrieben, ursaechlich falsche Lebensmittelkombination …. und sich angewöhnen, möglichst nach 19 Uhr nichts mehr zu essen, höchstens ganz leicht verdaulich, wasserreiches. Gerade in der waagerechten Liegehaltung ist der ‘Aufstosserer – Reiz’ des Saeuregemischs umsomehr gegeben. Der Magen arbeitet schliesslich auch nach einem biologischen Rhythmus.

#6 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Das die Ernährung ein wichtiges Fundament ist, kann ich als “Mitbetroffener” nur bestätigen. Seit 30 Jahren lebe ich mit dem Reflux und mit der medikamentösen Eingabe von Pantezol sogar sehr gut.
Keiner brauch auf ein Bier verzichten. Auf Nikotin sehr wohl. Seit der Abstinenz vom Rauchen sind die Symtome nicht nur weniger, sonder ganz weg gegangen.
Die Intervalle von Kontroll-Gastoskopien habe sich von einem jährlichen auf einen 3-jährlichen Rythmus erweitert.
Fazit: die Medikamentöse Therapie ist ein guter und praktikabler Weg, der das Lebensniveau erhöht.

#5 |
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Dirk Blanke
Dirk Blanke

Die auf dem Bild gezeigten Chilies erzeugen bestimmt kein bisschen Reflux. Zu fettige, saure (Essig), oder versalzene Speisen sind neben den genannten Übeltätern, Alkohol und Nikotin ehr die Gründe.
Sonst ein interessanter Artikel.

#4 |
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Würden die Menschen nicht wahllos, zu fett, zu viel, ungünstige Kombinationen von Lebensmitteln,
Fertigprodukte mit viel künstlichen Aromen und Konservierungsstoffen essen, zu viel hochprozentiges trinken, sondern eine basische Ernährungsweise wählen, gäbes es dieses Problem überhaupt nicht.

Aber leider siegt fast immer die Bequemlichkeit. Diese Völlerei über sämtliche Festtage, die von der Industrie mittels Werbung gezielt gefördert wird, habe ich nie verstanden. ABer es scheint bei der Bevölkerung zu wirken.

#3 |
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“Heilung” kann nur die definitive Ausschaltung des Refluxes bedeuten,
das kann man nicht oft genug betonen!
Dies geht selbstverständlich laparoskopisch schonend, wenn das eine Experte macht. Schlüsselmechanismus dabei ist die definitive, also auch dauerhafte Rückverlagerung des “Magenheingangs” in die Bauchhöhle.
Das geht weder medikamentös, noch gastroskopisch, noch durch Stammzellen.

#2 |
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Dr. med. Hans-Ulrich Jahn
Dr. med. Hans-Ulrich Jahn

Arzneimittelinteraktion: Erst einmal Entwarnung: So einfach ist die Sache nicht. Es gibt weiterhin gültige Rote Hand Briefe und eine noch konkretere FDI-Warnung. Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten und die Deutsche Gesellschafft für Kardiologie haben im September 2010 daher eine Empfehlung publiziert, die in Abhängigkeit des kardialen und des Blutungsrisiko eine differenzierte Empfehlung zur Komedikation von PPI und Clopidogrel gibt.

#1 |
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