Rx-Versandverbot: Apotheker bleiben dran

16. Dezember 2016
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In rekordverdächtig kurzer Zeit hat Hermann Gröhe einen Gesetzesentwurf präsentiert. Er will den Versand verschreibungspflichtiger Präparate unterbinden. Die Opposition spielt jedoch nicht mit. Wie bewerten Apotheker den Vorstoß des Gesundheitsministers?

„Die deutsche Preisbindung bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln verstößt gegen das Unionsrecht“, urteilte der Europäische Gerichtshof am 19. Oktober. Jetzt hat Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) in Form eines Referentenentwurf zum Rx-Versandverbot geantwortet.

Bekenntnis zur Präsenzapotheke

Durch zunehmende Marktanteile bei ausländischen Versendern sei eine Ausdünnung des Versorgungsnetzes zu befürchten, heißt es in der Begründung. Versandapotheken könnten diese Lücke nicht schließen. Vielmehr befürchten Gesundheitspolitiker regional erhöhte Preise für verschreibungspflichtige Präparate. Den Botendienst klammert Gröhe explizit vom Verbot aus. Bleibt als Wermutstropfen, dass er die von manchen Sozialdemokraten und Grünen bevorzugte Umstrukturierung apothekerlicher Honorare kategorisch ablehnt.

Gröhe hat Wort gehalten

„Der Entwurf von Gesundheitsminister Gröhe hat mich sehr positiv überrascht“, sagt Dr. Christian Pacher zu DocCheck. Er ist Inhaber der Süd-Apotheke in Ingolstadt. „Einerseits, dass Herr Gröhe Wort gehalten hat und den Gesetzesentwurf trotz massiver Widerstände des Koalitionspartners und trotz massiver negativer Presse auf den Weg gebracht hat. Anderseits, dass der Gesetzesentwurf so klar und deutlich für die öffentliche Apotheke formuliert wurde.“ Bleibt das Urteil bestehen und kommt die deutsche Arzneimittel-Preisverordnung zu Fall, erwartet Pacher schwerwiegende Folgen: „Das betrifft sowohl die Zahl der Apotheken als auch den Umfang der Dienstleistungen, also etwa den Apotheken-Notdienst.“

 

apothekenzahl

Entwicklung der Gesamtzahl öffentlicher Apotheken in Deutschland. Quelle: ABDA

 

Außerdem rechnet Pacher mit kritischen Modellen der Preisgestaltung. „Es gibt ja den Vorschlag, Apotheken auf dem Land könnten höhere Preise verlangen, wenn die Preisbindung wegfällt. Aber das heißt doch, eine ältere Frau auf dem Land, die vielleicht gar keinen Internetzugang hat, zahlt dann Höchstpreise, während der internetaffine Akademiker in der Großstadt Geld spart. Das ist zynisch.“

Die flächendeckende Versorgung erhalten

Auch Dr. Bernd Grünberg, Inhaber der Eber-Apotheke aus Ebersberg, beurteilt den Entwurf aus Berlin positiv: „Unser Bundesgesundheitsminister Gröhe hat schnell und kompetent seine Meinung zu Papier gebracht. Somit kann noch in dieser Legislaturperiode der Rx-Versandhandel verboten werden.“ Kleine und umsatzschwache Betriebsstätten hätten es seiner Meinung nach schon jetzt immer schwerer, ein gutes betriebswirtschaftliches Ergebnis zu erzielen. „Diese Apotheken sind wichtig, um eine flächendeckende Versorgung mit Arzneimtteln – auch in Dörfern – zu sichern“, ergänzt der Kollege.

Unverzichtbare Leistungen

Thomas Leitermann zufolge führt der Gesetzesentwurf – im Gegensatz zum EuGH-Urteil – deutlich vor Augen, „welche hochwertigen und unverzichtbaren Leistungen Tag für Tag in den Präsenzapotheken erbracht werden“. Leitermann ist Chef der Inn-Apotheke Mühldorf.

„Der Großteil dieser Leistungen, wie das persönliche Gespräch mit dem Patienten, den niederschwelligen Zugang zu Gesundheitsfachleuten, die Entlastung der niedergelassenen Ärzte im Bereich der Selbstmedikation, aber auch die Erklärung kompliziert anzuwendender Arzneiformen, kann nur vor Ort und mit entsprechend qualifiziertem Personal stattfinden.“ Gröhes Gesetzesentwurf zeige, dass die „ordnungsgemäße Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln“ eben mehr sei, als nur Päckchen zu verschicken und eine Hotline anzubieten. „Dass der Gesundheitsminister hier schnell und konsequent handelt, eine durch kurzsichtiges Denken entstandene Schieflage im Wettbewerb zu beseitigen, ist in meinen Augen mehr als zu begrüßen“, resümiert Leitermann.

Von der Politik fordert er generell stabile Rahmenbedingungen, damit auch kleinere Apotheken am Land oder in Stadtrandlagen überleben. Viele Apotheken würden geschlossen, da Inhaber keine Nachfolger fänden.

 

APOkix Umfrage

Quelle: APOkix / Institut für Handelsforschung (IFH) Köln

 

„Diesen Trend gilt es aufzuhalten“, ergänzt Leitermann. „Zum Glück sehe ich auch wieder engagierte junge Kollegen, die ihren Beruf gerne und hervorragend ausüben.“ Wichtig sei, dass Apotheken unabhängig vom ihrem Standort die Möglichkeit behielten, ihre Arbeit weiterhin gut zu machen.

Kurzfristige ordnungspolitische Lösung

Julia Lanzenrath und Friederike Zühl vom Bundesverband der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD) zufolge handele es sich um eine „logische erste Konsequenz, die Beschränkung des Versandhandels auf rezeptfreie Medikamente“ einzuführen. Ihr Verband befürchtet ansonsten das Ende der Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV), da sowohl deutsche Versandapotheken als auch Offizinapotheken gegen jegliche entstandene Inländerdiskriminierung vorgehen werden. Schreckgespenster wie die Höchstpreisverordnung sowie Rabattverträge zwischen einzelnen Apotheken und Krankenkassen kommen mit hinzu.

„Nichtsdestotrotz wirft das Urteil einmal mehr die Frage auf, warum der Fokus in Apotheken noch nicht ausreichend auf die pharmazeutische Betreuung und die Entlohnung von pharmazeutischen Dienstleistungen gelenkt wird“, so Lanzenrath und Zühl. „Auch wenn ein Versandhandelsverbot mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln eine kurzfristige ordnungspolitische Lösung sein kann, müssen Apotheker langfristig ihre Kompetenz als Arzneimittelexperte herausstellen und die Politik die Rahmenbedingungen für patientenorientiertere Pharmazie in öffentlichen Apotheken schaffen.“ AMTS-Management und individuelle Betreuung sollten zur selbstverständlichen Honorarleistung werden.

Vergütung reformieren

Ähnlich bewertet Professor Dr. Reinhard Busse die Sachlage. Er leitet das Fachgebiet Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin. „Ein Versandhandelsverbot wäre die falsche Antwort und entgegen den Bedürfnissen vieler chronisch kranker Patienten“, so Busse, „Das EuGH-Urteil sollte vielmehr dazu anregen, die Aufgaben für Apotheken und Apotheker sowie die entsprechende Vergütung zu reformieren.“

Ungewisses Ende

Xing

Nachdem sich Politiker nicht auf eine gemeinsame Linie einigen konnten, sprechen Befürworter und Gegner des Rx-Versandverbots gezielt Patienten an. Quelle: Xing / Screenshots: DocCheck

 

Diese Argumente gehen an Gesundheitspolitikern aller Couleur nicht spurlos vorbei. Wie DocCheck erfahren hat, lehnen Sozialdemokraten Gröhes Referentenentwurf kategorisch ab. Sie priorisieren eine Konkretisierung des Paragraphen 129 im V. Sozialgesetzbuch („Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung“). Rechtlich möglich wäre, Rx-Boni im Sozialrecht ganz zu verbieten oder eine Obergrenze festzusetzen, ohne den Versand einzuschränken. Die Grünen halten wiederum an Honorarreformen fest – eine Idee, mit der sich SPD-Gesundheitsexperte Professor Dr. Karl Lauterbach auch anfreunden kann. Jetzt braucht Hermann Gröhe tragfähige Mehrheiten.

19 Wertungen (4 ø)

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7 Kommentare:

Christian Becker
Christian Becker

Rx-Boni sind aus gutem Grund verboten. So ist gewährleistet, dass ein Medikament für jeden überall gleichviel kostet. Es muss also nicht der Mensch auf dem Lande mit einer Apotheke weit und breit mehr bezahlen (weil aufgrund fehlenden Wettbewerbs keine Boni gegeben werden) als ein Stadtmensch, der 4 Apotheken in der Nähe hat, die sich gegenseitig mit Boni zu überbieten versuchen.

Und auch mit den Rx-Boni wäre es kein fairer Wettbewerb, wenn im Ausland aufgrund fehlenden Fremdbesitzverbotes millionenschwere Konzerne mit entsprechenden Einkaufsmengen zu ganz anderen Konditionen einkaufen.

Und apropos Konditionen – dann müsste man für die deutschen Apotheken auch wieder deutlichere Rabatte durch den Großhandel oder die Industrie erlauben. Momentan sind die Apotheker da nämlich auch Gedeckelt.

“Die Zahl der Patienten, die auch wirklich Rx-Medikamente bei
Versandapotheken bestellen, ist sehr gering.”
Ja, ziemlich. Und? Die Zahlen sind zwangsläufig nicht aussagekräftig, da sie von vor dem EuGH-Urteil stammen. Es ist schon richtig, ohne Rx-Boni ist das Bestellen von Medikamenten im Internet nämlich vergleichsweise unbequem. Man muss die Rezepte an die Versandapotheke schicken (auf eigene Kosten oder rechtzeitig dran denken, neue Umschläge beim Versender zu bestellen), dann wird das Zeug erst ausgeliefert und kommt hoffentlich unversehrt zu Hause an (und wird nicht an die Nachbarn, die Packstation, die nächste Filiale geliefert).

Ob hier mit Ängsten gespielt wird, ist die Frage. Schließlich haben wir in anderen Bereichen schön öfter erlebt, wie gut funktionierende Versorgung weggebrochen ist, z.B. Tante Emma Läden.

#7 |
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Ben
Ben

Warum nicht einfach wieder Rx-Boni für nationale Apotheken erlauben.

So wäre ein fairer Wettbewerb möglich.

Die Zahl der Patienten, die auch wirklich Rx-Medikamente bei
Versandapotheken bestellen, ist sehr gering. Das kann man in einigen Studien nachlesen.

Hier wird mit Ängsten gespielt. Ein Verbot ist der falsche Weg!!!!

#6 |
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Apotheker

Das Versandverbot bräuchte man gar nicht, wenn nicht die – vor allem ausländischen – Versandapotheken seit Jahren geltendes nationales Recht mit Füssen getreten hätten, sich nicht allen geltenden Vereinbarungen widersetzt hätten. Wie verlogen die Versender sind, sieht man doch wunderbar daran, wie sie sich jetzt argumentativ verheddern: Die ach so “armen” Patienten brauchen keine Boni via Rx-Versand – diese Patienten sind nämlich von Zuzahlungen befreit, und das ist ind er Solidargemeinschaft auch in Ordnung so. Und dass die Versorgung in der Fläche nur von Versandapotheken gewährleistet werden könne, haben gerade diejenigen, die gebetsmühlenartig von der ABDA Zahlen fordern, selbst noch nie bewiesen. Wo sind denn die Patienten, die sich beschweren, dass sie von keiner Präsenzapotheke beliefert werden ? Die Apotheken, die ich kenne, liefern schnell und zuverlässig auch über Distanzen, die wirtschaftlich eigentlich unrentabel sind. Also was soll die verlogene Diskussion ???
Das I-Tüpfelchen auf der ganzen Sache ist, dass im BundesTAG mit Union und den Linken eine der Paktiererei unverdächtige Mehrheit GEGEN das EU-Unrecht ist, und in den BundesRAT hinein hat der Lobby-Professor Lauterbach offenbar seine Polemik nicht hineintragen können. Jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass die vernunftbegabten SPD-Gesundheitspolitiker – und da gibt es etliche ! – dem Lauterbach die rote Karte zeigen und Gabriel als Chef die gleiche Tour fährt wie bei der Rettung der Tengelmann-Arbeitsplätze. Und alles wäre relativ schnell gut. Das schliesst ja nicht aus, dass in der nächsten Legislaturperiode eine generelle Reform der Honorierung im Gesundheitssystem in Angriff genommen wird – aber sorry wieder Herr Professor Lauterbach: Sie kleben seit Ulla Schmidt an Ihrem gesundheitspolitischen Sessel und haben das Thema bisher so voll verschlafen, dass da bis ans Ende Ihrer Tage sichrlich NIX Substanzielles kommen wird.

#5 |
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Erwin Müller
Erwin Müller

Herr van den Heuvel, gleich die Einleitung: “Die Opposition spielt jedoch nicht mit.” Das stimmt so nicht! (siehe #1) Die Linken fordern schon seit vielen Jahr ein Versandverbot für Arzneimittel. Gemeinsam mit der CDU/CSU könnte man sofort ein Versandverbot durchsetzen. Im Bundesrat haben neben den Linken auch Teile der Grünen und sogar Spd für ein Versandverbot gestimmt!

#4 |
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Gast
Gast

Ein wirkliches allerletztes Mal: Liebe Kollegen, wir sind am Ende, am Abgrund angekommen. Zu kämpfen hat keinen Sinn mehr, machen wir also das was die Apothekerschaft wie keine zweite Zunft beherrscht: Sich ihrer grauen Depression ergeben. Bude zu und gut ist. Diesen Kampf können wir nicht gewinnen.

#3 |
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Die Grünen halten an Honorarreformen fest, ohne selbst Vorschläge zu machen. Ablehnen können Sie allerdings wie die Profis. Wären Sie nur bei Kriegseinsätzen genauso stur.

Es bedarf keiner Konkretisierung im Sozialgesetzbuch, der Rahmenvertrag regelt die Frage nach Boni und Preisbindung. Doc-Morris hat sich diesem Vertrag unterworfen und hält sich nicht daran. Alle Rezepte sind auf 0 zu retaxieren und Doc-Morris vom Versand auszuschließen.

#2 |
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Dr. Gerdo Achtelik
Dr. Gerdo Achtelik

Da die LINKE Gröhes Gesetzentwurf unterstützen möchte, gäbe es die erforderliche Mehrheit. Es fragt sich lediglich, ob die Kanzlerin zustimmen oder wieder mehr Rücksicht auf den derzeitigen oder zukünftigen Koalitionspartner nehmen wird. Die Arzneimittelversorgung und Beratung vor Ort ist ein hohes Gut, das es zu schützen gilt. Die öffentlichen Apotheken schaffen zigtausende von Arbeitsplätzen, sehr oft für Frauen, sehr oft für Teilzeitarbeitende oder Alleinerziehende und leisten auch damit einen hohen sozialen Beitrag. Alle Steuern werden in Deutschland entrichtet.

#1 |
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