Diskusprolaps: Kurze Rede, schneller Schnitt

15. Dezember 2016
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Jeder dritte Bandscheiben-Patient wird vorschnell operiert. Der Zeitaufwand, den konservative Therapien wie Physiotherapie oder Massagen mit sich bringen, schreckt viele Berufstätige ab. Sie haben Sorge, ohne Operation ihren Beruf nicht mehr ausüben zu können.

Männlich, mittlere Altersgruppe, im Beruf stehend – wer zu dieser Zielgruppe gehört, wird sich bei einem Bandscheibenvorfall eher einer Operation unterziehen als konservative Behandlungsmethoden auszuschöpfen. Und damit zugleich häufiger entgegen den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie handeln, wie eine Studie am Hamburg Center for Health Economics (HCHE) ergab.

Bei jedem dritten Bandscheiben-Patienten wird vorschnell operiert. Denn viele Patienten fürchten, ohne Operation ihren Beruf nicht mehr ausüben zu können. Über die Erfahrungen der Patienten mit Bandscheiben-Operationen weiß man bislang in Deutschland nur wenig.

Konservative Mittel erzielen vergleichbare Ergebnisse

Eine Studie des HCHE liefert nun neue Erkentniss auf diesem Gebiet. Die Studie legt einen besonderen Fokus darauf, ob vor der Operation – sofern diese nicht durch einen Notfall begründet war – konservative Behandlungsmethoden ausgeschöpft wurden.

Zu den konservativen Mitteln gehören etwa Krankengymnastik, Massagen und Schmerztherapie wie Injektionsbehandlungen, die über einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen erfolgen sollen. Frühere Studien zeigen, dass die konservative Behandlung mittelfristig vergleichbare Ergebnisse erzielt, jedoch weniger Kosten verursacht und keinerlei Operationsrisiken birgt. Insgesamt wurden mehr als 6.000 Versicherte der Barmer GEK befragt, die 2014 und 2015 an der Bandscheibe operiert wurden. Die Rücklaufquote betrug 47 Prozent.

Operationen werden vorgezogen

Bei einem Drittel der Befragten wurden konservative Therapieverfahren nicht konsequent verfolgt oder trotz Ansprechens der Therapie operiert. Auch wenn vielfach ohne akute Indikatoren operiert wurde, hielten die Patienten die Operation für den richtigen Weg.

Außerdem waren sie der Überzeugung, dass ein Eingriff die bessere Möglichkeit sei, um die Schmerzen zu beheben. Zwar kommt es im Falle einer Bandscheiben-Operation oftmals zu einer Linderung der Beschwerden, doch immerhin zehn Prozent der Operierten leiden nachhaltig unter Komplikationen.

Beratungsangebote müssen ausgebaut werden

Diejenigen, die sich vor einem Eingriff eine Zweitmeinung eingeholt hatten, wurden häufiger konservativ therapiert. „Dies zeigt, wie wichtig es ist, entsprechende Beratungsangebote auszubauen“, erklärt Prof. Dr. Mathias Kifmann und regt an, konservative Therapiemöglichkeiten insbesondere für Berufstätige besser verfügbar zu machen. In Anbetracht der oft zeitintensiven konservativen Therapien können auch spezialisierte Angebote für bestimmte Berufsgruppen von Nutzen sein.

Nicht zuletzt sind auch die volkswirtschaftlichen Kosten interessant: Eine Bandscheiben-Operation kostet im Schnitt etwa 4.350 Euro. Überträgt man die Befunde, sind im Jahr 2014 durch womöglich vorschnelle Operationen Kosten im deutlich zweistelligen Millionenbereich entstanden.

Originalpublikation

Bäuml M. et al; Bandscheibenoperationen – Patientenerfahrungen, Indikationsqualität und Notfallkodierung. In: Böcken J., Braun B., Meierjürgen R. Gesundheitsmonitor 2016. Bürgerorientierung im Gesundheitswesen. Kooperationsprojekt der Bertelsmann Stiftung und der Barmer GEK.
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7 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Es ist nicht das Problem der Patienten, sondern auch der Orthopäden. Eine Freundin, von Beruf Physiothereapeutin , was bedeutet, sie kannte sich gut aus , fand nach einem Bandscheibenvorfall erst nach längerem Suchen einen Orthopäden, der den Weg ohne OP mit ihr gehen wollte. Sie hatte keine neurologischen Ausfälle. Aber ihre Therapie beinhaltete schwere Schmerzmittel (Opioide), Physiotherapie, orthopädische Reha und eine längere Krankschreibung vorher. Drei Monate danach konnte sie allerdings schon wieder Handball spielen. Ich dagegen wurde viermal operiert und gehöre zu den 10%, die ein chronisches Schmerzsymptom entwickelt haben.

#7 |
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Davon abgesehen ist nicht alles was ein Radiologe im MRT oder CT beschreibt auch behandlungsbedürftig, und der Begriff “Bandscheibenvorfall” wird zu meist zu schnell benutzt und dem Patienten damit ein “Floh” ins Ohr gesetzt.
Zum Thema Operation kann ich nur auf die SPORT-Studie, Publikation in Spine (2013; 39: 3-16), verweisen. Hier wurde klar die operative Therapie bei degenerativer WS-Erkrankung langfristig besser bewertet als rein konservative Therapien. Die Krankenkassen argumentieren nur statistisch, der Arzt sieht und bewertet den induviduellen Patienten.
Frohe Festtage Kollegen

#6 |
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Ich weis gar nicht was das schon wieder soll, hier wird doch auf die Leitliniengerechte Therapie angesprochen. Nämlich zeitlich begrenzter konservativer Therapieversuch vor OP. Die hier in den Raum gestellten negativen Ergebnisse sind weitgehend Angstmache. Immerhin ist ein Bandscheibenvorfall eine Manifestation einer degenerativen Erkrankung der Wirbelsäule. Und da hat der Patient auch das Recht leitliniengerecht behandelt zu werden, inclusive Operation. Die OP ist nun mal die einzige ursächliche Therapie, alles andere ist nur symptomatische Therapie. Hier sollte, wie auch bei anderen Erkrankungen klar abgewogen werden, wie lange man den Leidensweg konservativ verlängern sollte.

#5 |
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Julia Bergis
Julia Bergis

Ich bin Chirurgin (Viszeral- allerdings) und hatte vor 2 Jahren während der Arbeit auf Station einen akuten Bandscheibenvorfall… nach dem umgehend angefertigten MRT poppte plötzlich mein Name auf dem OP-Plan auf… ohne dass mich mal jemand der Kollegen eingehend untersucht hätte… ich hatte idiotische Schmerzen und dabei keinerlei neurologische Ausfälle. Zum Glück war der belegärztliche Neurochirurg meiner Meinung und nach 4 Wochen ambulanter Reha bin ich andauernd überwiegend beschwerdefrei… als Chirurg begibt man sich wahrscheinlich noch weniger gern unters Messer

#4 |
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Wie bereits Von Fr. Leyrat angesprochen, die Schuld liegt zumindest teilweise bei den Krankenkassen, die die konservative Therapie verhindern. Ausnahmen werden nicht genehmigt, der MDS kommt nach Aktenlage zu abstrusen Schlussfolgerungen und der Pat. besteht oft genug auf einer schnellen, arbeitsplatzverträglichen OP. Das die Klientel, die eine Zweitmeinung einholen öfter konservativ bleiben ist logisch, da sie zumeist nicht nur einer OP skeptischer gegenüber stehen als das Gros der anderen, sondern diese meist aktiv vermeiden wollen.

#3 |
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Angela Leyrat
Angela Leyrat

Auf Grund der schildbürgerartigen Konsequenzen der Krankenkassen, darf man sich nicht wundern, dass die Patienten nicht zur konservativen Therapie animiert werden. Wenn ich mir vorstelle, daß ich als Arzt die Physiotherapie für Patienten selber zahlen darf, nur weil ich ein “Buget”, das mir die Krankenkasse vorgibt, überschritten habe, na dann ist doch klar, das ich kein Rezept für Physiotherapie ausstelle.
Liebe Grüße Angela Leyrat

#2 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

In einer Konsumgesellschaft wird konsumiert, das geht offenbar soweit, dass sich Personen einem Eingriff unterziehen der verherende Auswirkungen haben kann. Verantwortung und Eigenverantwortung sind Fremdworte, beim Patienten sowie beim Mediziner. Konservative Behandlung und anschließender Muskelaufbau und Ausgleich muskulärer Dysbalancen wären möglichst schon in der Zeit vor einem akuten Prolaps die Alternative und der zusätzliche Nutzen für die Gesundheit der Probanten immens. Zudem verhindern sie die Möglichkeit zu den 10% zu gehören, die keinen Nutzen oder schlimmeres davontragen.

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