Essstörungen – Im Fokus der Psychiatrie

22. Dezember 2010
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Dass Essstörungen keinesfalls einfach zu erkennen und noch schwieriger zu behandeln sind, belegt eine Arbeit am Zentrum für Essstörungen, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitäts Spital Zürich.

Die Protagonistin des Films wiegt nur noch wenige Kilogramm, dem Tod entrinnt sie, vorerst, nur knapp und eher zufällig. Die von Karoline Herfurth gespielte Rolle im als „besonders wertvoll“ ausgezeichneten Film „Vincent will Meer“ verkörpert eine junge Frau mit Essstörungen die in Behandlung ist – und aus der therapeutischen Einrichtung flieht. Trotzdem zählt Marie, so der Name der Filmfigur, rein medizinisch betrachtet zu den glücklichen Patientinnen: Die Realität sieht noch schlimmer aus, als vielfach angenommen.

Denn die jetzt im Fachblatt “Swiss Medical Forum” veröffentlichte Übersichtsarbeit des Universitätsspitals Zürich zeigt auf, wie komplex Anorexia nervosa (AN), Bulimia nervosa (BN) und atypische Essstörungen (EDNOS) verlaufen – was sich als Problem für viele Ärzte erweist. „Trotz der Häufigkeit von Essstörungen gibt es insbesondere für die AN wenige kontrollierte Studien, und der Grad der Evidenz der Therapieempfehlungen ist bescheiden“, monieren die Autoren Urs Hepp und Gabriella Milos in ihrer Publikation geben bereits am Anfang der Lektüre einen entscheidenden Tipp: „Die Behandlung soll deshalb stets interdisziplinär erfolgen“.

Diagnose als Herausforderung

Was zunächst wie eine Binsenweisheit klingt hat seine Daseinsberechtigung. Vor allem AN und EDNOS erweisen sich, selbst am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Millenniums, als weiße Flecken auf der globalen Studienlandkarte der Medizin. Glaubt man den Schweizer Ärzten, sieht die Lage geradezu katastrophal aus: Viele der Empfehlungen zur Behandlung von ES beruhen laut Hepp und Milos „auf nichtkontrollierten Studien und auf Expertenmeinungen“. Zudem gäbe es kaum Studien zur Behandlung der EDNOS, was die meisten Ärzte wenig zu stören scheint: Die Empfehlungen für AN und BN kommen in Analogie zur Anwendung. Niedergelassenen Ärzten daraus einen Vorwurf machen zu wollen, wäre trotzdem unangebracht. Die Erkrankungen bergen eine Menge Unbekannte, entsprechend schwer ist die Erstellung der richtigen Diagnose zum richtigen Zeitpunkt.

So fließen allein in der EDNOS-Gruppe die BingeEatingStörung, Essen und Ausspucken von Esswaren, und alle subsyndromalen Formen von AN und BN ein. Angesichts solcher Zusammenhänge seien Fakten über den wahren Verlauf und Behandlung kaum etwas bekannt, schreiben Milos und Hepp. Doch auch wer glaubt, zumindest bei AN die korrekte Diagnose zu erstellen, liegt meist falsch. Aneroxia nervosa birgt nämlich zwei Unterformen: AN mit aktiven Massnahmen zur Gewichtsreduktion (binge-purge type)und die AN ohne aktive Massnahmen zur Gewichtsreduktion (restrictive type).

Allein das wäre schon kompliziert genug, nur: im Praxisalltag kommt es meist schlimmer. Denn auch bei der AN können bulimische Symptome wie Essattacken und Erbrechen auftreten. „Ein BMI <17,5 Kilogramm pro Quadratmeter schließt aber die Diagnose BN aus, und es muss die Diagnose AN mit aktiven Massnahmen zur Gewichtsreduktion gestellt werden“, raten Milos und Hepp.

Die unbekannten Risiken

Das Übersehen von Symptomen und die entsprechende adäquate Behandlung haben weitreichende Folgen. So führen beispielsweise schwere chronische Essstörungen zu lebensbedrohlichen Nieren- und Leberversagen. Schweres Untergewicht wiederum kann eine Hirnatrophie auslösen – die allerdings nach Erreichen des physiologischen Gewichts wieder zurückgeht. Selbst die Risikofaktoren für Essstörungen erweisen sich als tückisch. So sind Menschen mit Diabetes mellitus oder Zöliakie, die auf Grund ihrer Erkrankungen an Diäten gebunden sind, potenzielle Risikopatienten – doch nur wenige Ärzte wissen, dass diese prämorbide Präsenz somatischer Störungen von Beginn an „eine intensive interdisziplinäre Behandlung“ erfordert, wie die Züricher Publikation jetzt offenbart.

Trotz solcher Stolperfallen kommt gerade Allgemeinmedizinern eine besondere Rolle zu. Als erste Anlaufstelle könnten sie nämlich Menschen mit Essstörungen in die richtige Therapiebahn lenken, die ohnehin interdisziplinär erfolgen muss. Gerade die komplexe Symptomatologie der ES und eine dürre evidenzbasierte Datenlage legitimiere “eine Reihe von psychotherapeutischen Verfahren”, erklären die Autoren. So könnten kognitiv-verhaltenstherapeutische Methoden die Angst der Patienten vor der Gewichtzunahme bekämpfen, psychodynamische Verfahren wiederum sollen die Angst vor dem Erwachsenwerden verdrängen helfen. Mit Hilfe der sogenannten “Psychoedukation” schließlich lassen sich dem Patienten Risiken und Folgen der Essstörungen beibringen – die Liste der psychotherapeutischen Möglichkeiten ließe sich fortführen. Hinzu kommen Psychopharmaka, die allerdings nur bedingt wirken. Als gesichert gilt hierbei die Erkenntnis, dass Antidepressiva und Neuroleptika nicht immer die erwünschte Wirkung zeigen, bei schwerer AN setzen die Schweizer zunehmend Olanzapin ein. Ob Psychopharmaka, Psychotherapie, ambulante oder stationäre Behandlung, entscheidend ist den Schweizern zufolge ein einziger Aspekt: „Je früher die Therapie bei ES einsetzt, desto besser ist die Prognose.”

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