Chirurgie: Wir haben doch keine Zeit!

13. Dezember 2016
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Zu viele Patienten, zu wenige Ärzte, zu wenig Zeit – die Situation spitzt sich in vielen Kliniken langsam zu. Die Personalknappheit betrifft sowohl Pflegekräfte als auch Chirurgen und sorgt zusehends für Frust. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland schlecht ab.

Zunehmender Personalmangel in der Pflege, auf Stationen und im Operationsdienst bei gleichzeitig wachsender Behandlungsbedürftigkeit einer älter werdenden Bevölkerung: Die Leistungsverdichtung in der operativen Medizin hat nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) bedenkliche Ausmaße erreicht. „Darunter leiden Patienten, aber auch Mitarbeiter“, warnt Professor Dr. med. Tim Pohlemann, Präsident der DGCH.

„Die Situation wird in vielen Kliniken langsam bedenklich“, kritisiert Pohlemann. „Durch die zunehmende Leistungsverdichtung entstehen Lücken, die nur noch schwer zu überbrücken sind.“ Leidtragende seien die Patienten sowie das gesamte Behandlungsteam, für das es immer herausfordernder werde, den eigenen, sehr hohen Qualitätsansprüchen gerecht zu werden, erklärt Pohlemann weiter.

Patienten spüren Zeitmangel

So sei eine bedarfsgerechte Pflege der Patienten in der frühen Phase direkt nach der Operation auf chirurgischen Normalstationen aufgrund von Personalknappheit kaum noch zu leisten. „Bei den für den einzelnen Patienten zur Verfügung stehenden Pflegekapazitäten fällt Deutschland im internationalen Vergleich zunehmend zurück und unterscheidet sich bereits signifikant von skandinavischen Ländern“, berichtet Pohlemann.

Während sich in Skandinavien auf einer Normalstation eine Pflegekraft um drei Patienten kümmert, beträgt dieses Verhältnis in Deutschland eins zu zehn.

Das spüren die Patienten. „Die Pflegekräfte haben kaum noch Zeit, nach dem Eingriff mit dem Patienten ausführlich zu sprechen“, so Pohlemann. Viele frisch Operierte müssten oft zu lange warten, bis das überlastete Personal kommen und helfen kann. „Auch gibt es kaum noch Möglichkeiten, älteren Patienten, die durch die technische Überwachung unruhig werden, eine Sitzwache zu stellen“, erläutert der DGCH-Präsident. Die Stärkung der Pflege ist daher ein zentrales Anliegen von Pohlemann.

Strammer Terminplan auch im OP

Doch auch die Klinikärzte arbeiten am Limit. Ihre Operationszeiten sind eng getaktet, alle 24 Stunden findet aufgrund des Arbeitszeitgesetzes ein Schichtwechsel statt. Folge: Die Aufklärung des Patienten erfolgt zwar immer formal korrekt einen Tag vor dem Eingriff, häufig jedoch durch einen Arzt, der bei der Operation gar nicht anwesend ist.

„Das stellt eine enorme Belastung für den Patienten dar – er hat vor einer Operation meist Angst und will mit demjenigen sprechen, der ihn operiert“, betont Pohlemann. Damit fehle nicht selten Zeit für den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses, das in der Chirurgie von zentraler Bedeutung sei.

„Das gilt auch für den Operateur, der während einer Operation häufig körperliche und psychische Höchstleistungen erbringen muss“, so Pohlemann.

„Chirurgen brauchen mehr Freiheiten“

Faktoren, die jenseits der klinischen Kerntätigkeit zusätzlich ärztliche Ressourcen binden, verschärfen den Mangel weiter. „Dazu zählen rigide Controlling-Vorgaben und aufwendige Dokumentationsprozesse, die aus unserer Sicht zu keiner erkennbaren Qualitätssteigerung führen“, berichtet Pohlemann. Hinzu kommen fehlende Zukunftsperspektiven und attraktive Karrierewege für junge Mediziner, gelegentlich auch Unverständnis für ärztliches Handeln auf Seiten der Verwaltung.

„All diese Faktoren fördern bei qualifizierten Chirurgen Frustration, Demotivation und letztlich Abwanderung“, kritisiert Pohlemann. Das könne sich der Medizinstandort Deutschland angesichts des spürbaren Nachwuchsmangels in der Chirurgie nicht leisten. Chirurgie sei immer ein Fach, das besonderer Rahmenbedingungen bedürfe, so Pohlemann.

„Chirurgen brauchen mehr Freiheiten“, ist sich der DGCH-Präsident sicher. Sie müssten in Abläufe und Prozesse eingreifen und sie nach medizinischen Erfordernissen gestalten können. „Diese Voraussetzungen gilt es zu schaffen – im Zweifel mit weniger, dafür aber gut ausgestatteten Kliniken“, so Pohlemann.

Originalquelle:

Medizin am Limit: Chirurgie braucht mehr Zeit für den Patienten
Deutsche Gesellschaft für Chirurgie; Pressemitteilung; 2016

34 Wertungen (4.74 ø)

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16 Kommentare:

Dr. med. Joseph Andreas Schmitt
Dr. med. Joseph Andreas Schmitt

Es ärgert mich wenn ein Kommentar nicht angenommen wird wenn geschrieben wird dass die Patienten bekommen, was sie seit mindestens 1991 wählen, immer gleiche Pateien, die den Staat durchkorrumpiert haben, das Steuergeld mit vollen Händen in marode Banken stecken, noch korruptere Staaten wie Spanien/Ialien/Grieche^nland allimentieren und obendrein sich nicht politisch in alternativen Parteien engagieren.
bleibt dem klugen Arzt nur Auswandern. Es gibt Alternativen.

#16 |
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Dr. med. Joseph Andreas Schmitt
Dr. med. Joseph Andreas Schmitt

sss

#15 |
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Gast
Gast

Eins zu zehn?? Wir sind vormittags bei eins zu achtzehn, in der Nacht bei eins zu 26!
Die Zeiten, in denen bei unserem Unternehmen ein Schwesternschlüssel von eins zu zwölf bestand, waren schon mäßig, aber retrospektiv echt golden.

Für mein Verständnis passen ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem und gewinnorientiert betriebene Krankenhäuser nicht zusammen.

Die Finanzierung der Pflege und unseres Gesundheitssystems insgesamt sind sicherlich vielschichtige Probleme, die hier nicht abschließend erörtert werden können, aber dass diese menschenunwürdige und Patienten gefährdende personelle Unterversorgung der Pflege ein großes Problem ist, kann nicht negiert werden.

#14 |
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Ärztin
Ärztin

@Messerschmidt: wenn wir angeblich eine Überversorgung haben, wie kann es dann sein, dass die Betten in der Klinik in der ich arbeite ständig alle belegt sind, dass sogar regelmäßig zusätzliche Betten in zu kleine Zimmer eingeschoben werden müssen um noch alle unterzubringen und das alles trotz immer kürzer werdender Verweildauer. Das gleiche gilt für sämtliche Kliniken in den Nachbarlandkreisen (deren Patienten wir regelmäßig annehmen müssen , und umgekehrt, wenn es mal wieder heisst “wegen Überfüllung geschlossen”), und alle diese Kliniken (auf dem Land wohlgemerkt) wirtschaften mit geringfügig roten Zahlen oder in guten Jahren mit maximal einer schwarzen Null trotz Ausschöpfung aller Kapazitäten…

#13 |
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So Recht viele der Kommentatoren hier haben und der zitierte Artikel sicherlich auch – etwas neues ist das alles nicht. Wenn ich an meine Assistentenzeit Mitte der 90er zurückblicke, wird mir heute noch kotzübel.

#12 |
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Messerschmidt
Messerschmidt

Das Problem heißt nicht, Mangel an Pflegekräften, Ärzten,… sondern wir haben viel zu viele Kliniken und somit eine Überversorgung.
Würden wir die Klinikbetten auf EU-Mittel reduzieren, hätten wir für jedes Bett genug Ärzte und Pfleger.

#11 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Wie sollen die ausufernden Kosten begrenzt werden?
z.B. durch mehr Selbstbeteiligung der Patienten – strengere Überprüfung der Eigenmittel. Viele fahren ein teueres Auto, wollen aber umsonst behandelt werden. Krankheit ist nun mal ein Nachteil, bzw. muss es wieder werden.

J.B. – Biologische Anthropologie

#10 |
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Michaela Mierzowski-Likar
Michaela Mierzowski-Likar

Liebe Ärzte, bitte bringen Sie diese Missstände endlich an die Öffentlichkeit! Schreiben Sie Petitionen, demonstrieren Sie! Einer Unterschriftensammlung oder Demonstration schließe ich mich gerne an, aber sie muss von den Insidern kommen. Sich in Fachforen zu beklagen bringt gar nichts, denn Politiker lesen keine doccheck-news!

#9 |
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Ärztin
Ärztin

Ergänzung: Natürlich war die Ursache des Schlaganfalles die Carotisstenose und nicht die OP, die OP fand erst statt nachdem im Zuge der Ursachenfindung für den Schlaganfall die Stenose entdeckt wurde.

#8 |
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Ärztin
Ärztin

Richtig Herr Dr. Köhler. Genau so ist es und das betrifft nicht nur die Chirurgie, das betrifft auch alle anderen Disziplinen. Solange wir ein System haben in dem einer Klinik bei der Abrechnung für eine wochenlange Intensivbehandlung mal eben 20.000€ abgezogen werden, nur weil der Patient 30 Minuten (!!!) zu früh extubiert wurde, oder einer Klinik für die Komplexbehandlung eines Schlaganfallpatienten 1000€ abgezogen werden weil er ZUSÄTZLICH im gleichen Aufenthalt an einer symtpmatischen Carotisstenose operiert wurde, kann unsere Medizin und die Gesundheit unserer Patienten langfristig nur den Bach runter gehen. Das ist Irrsinn und entbehrt jeder Grundlage.

#7 |
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Bernd Köhler
Bernd Köhler

Neben der unnötigen aufwendigen Dokumentation, die viel Zeit in Anspruch nimmt, liegt das Hauptproblem doch an unserem DRG-System!! es wird an der falsche Stelle gespart, nämlich an unserer Gesundheit! Ca. 50% der Krankenhäuser schreiben rote Zahlen, also müssen sie sparen und das geht nur am Personal. Wenn die Krankenhäuser ihre Leistungen entsprechend vergütet bekommen würden, könnte auch mehr Personal eingestellt werden und der Arzt- und Pflegeberuf würden für jung Leute wieder attraktiv!
Dr. Bernd Köhler, Chirurg

#6 |
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Bernd T. Melde
Bernd T. Melde

Das Problem gibt’s auch bei den niedergelassenen Zahnärzten!! Zu wenig Personal (gutes bekommt man kaum noch, Eigengewächse ist das beste, aber gibt kaum Bewerber für den Beruf) , immer mehr Vorschriften, die Chef und Personal zeitlich binden!!!
Könnte quasi in der Praxis Übernachten…

#5 |
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Beamter im Gesundheitswesen

So nobel die Gründe eines Herrn Pohlemann auch sein mögen – mich widert es an, dass sich wieder einmal ein Angehöriger einer fachfremden Zunft (Medizin) über die Stärkung der Pflege Gedanken machen muss. Und die eigentlichen Adressaten, nämlich die Pflegenden, nicht gehört werden (wollen).

Gerade wegen des im obigen Artikel erwähnten Vergleichs mit Skandinavien empfehle ich zu diesem Thema die Lektüre einer aktuellen Stellungnahme eines von mir sehr geschätzten Pflegewissenschaftlers zum Thema “Pflegeberufereformgesetz”:
http://michaelbossle.com/data/documents/Bossle_Pflegewelt_16.pdf

#4 |
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Dr. med.vet Burkhard Wendland
Dr. med.vet Burkhard Wendland

Wenn der Mensch zur Ware wird, um mit seinen Krankheiten Profit zu erwirtschaften, wundert mich das nicht. Das Geld ist zum Götzen dieser Gesellschaft geworden. Wir sollten uns wieder auf das Menschsein besinnen und die Krankenhäuser als Daseinsvorsorge-Einrichtungen betrachten und nicht als Gesundheits-Fabriken.
Dr. Burkhard Wendland

#3 |
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Dr. Wolfgang Adam
Dr. Wolfgang Adam

Wenn Klinikleitungen in höherem Maße in die Hände von Kaufleuten gelegt werden und damit die Patienten als Buchungsnummer wie Möbel oder Versorgungsgüter betrachtet denn als Menschen in Not brauchen wir uns über die gecheidlerten Umstände nicht zu wundern.
Dr.Wolfgang Adam

#2 |
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„Dazu zählen rigide Controlling-Vorgaben und aufwendige Dokumentationsprozesse, die aus unserer Sicht zu keiner erkennbaren Qualitätssteigerung führen“
Respekt, endlich spricht es mal einer öffentlich aus.

#1 |
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