Erythrophobie: Herr Doktor, ein Rotfall

22. Dezember 2016
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„Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das erröten kann. Es ist aber auch das einzige, das Grund dazu hat“, wusste schon Mark Twain. Noch heute stellt das biologische Phänomen Forscher vor Rätsel. Medizinisch gibt es etliche Möglichkeiten, zu intervenieren.

Peinliche Situationen gibt es um Weihnachten herum zur Genüge. Wir schütten uns beim festlichen Essen bei den Schwiegereltern Rotwein über das Hemd. Und zack – schon schießt uns die Röte ins Gesicht. Ein teures Geschenk oder ein Kompliment in großer Runde zeigen ähnliche Effekte. Innerhalb von 15 Sekunden erreicht die Farbe ihr Maximum, verbunden mit einem Temperaturanstieg von bis zu einem Grad. Warum Menschen in peinlichen Situationen überhaupt rot werden, haben Wissenschaftler noch nicht verstanden. Ärzte können Patienten, die zu stark an glühenden Wangen oder am roten Gesicht leiden, mittlerweile helfen. Wo die Medizin gerade steht, zeigt ein aktueller Übersichtsartikel.

Gefühle zeigen ist sozial

Erröten ist nach aktuellem Wissensstand die einzige bekannte Reaktion des Körpers, die ausschließlich in sozialen Situationen auftritt. Wer sich im stillen Kämmerlein ungeschickt anstellt, zeigt keine unerwünschte Färbung. Das brachte Psychologen um Matthew Feinberg von der Universität Berkeley zu folgender, umstrittener These: Wer rot wird, zeigt seinem Gegenüber an, sich der Regelverletzung bewusst zu sein. Beim Gegenüber gelte dies als sozial und vertrauenswürdig, so Feinbergs Fazit aus mehreren Untersuchungen.

 

Die Gartenlaube

„Die holde Scham“ – Erröten anno 1876, ein Artikel aus der „Gartenlaube“. Quelle: Wikimedia Commons.

 

Voraussetzung für das Beschwichtigungssignal ist helle Haut. Bei dunkelhäutigen Menschen treten die gleichen Effekte auf, lassen sich aber kaum wahrnehmen. Warum wir auch bei Komplimenten oder beim Geburtstagsständchen erröten, vermag dieser Ansatz nicht zu erklären. Vielleicht handelt es sich doch eher um eine körperliche Warnung an den Betroffenen selbst, sozial schwierige Situationen sofort zu erkennen.

Vorsicht – Mitmenschen nahen

Für manche Menschen entsteht daraus ein gewaltiges Problem. Einen Höhepunkt erreicht die Errötungshäufigkeit, wenig überraschend, mit der Pubertät. Betroffene entwickeln Vermeidungsstrategien, um ja nicht in Situationen zu kommen, die mit Erröten einhergehen könnten. Eine Erythrophobie (Errötungsangst) ist bei ihnen nicht selten. Niederländischen Forschern zufolge sind von der Erythrophobie bis zu vier Prozent aller Menschen betroffen. Jeder zweite Patient mit sozialen Phobien errötet regelmäßig.

Bei der Verhaltenstherapie geht es nicht nur um die Ursachen. Vielmehr lernen Patienten, sich bei sozialen Interaktionen wieder mehr auf ihre Gesprächspartner zu konzentrieren. Im geschützten Rahmen haben sie die Möglichkeit, verschiedene Situationen auszuprobieren, etwa ein Gespräch mit Vorgesetzten oder Partygästen.

Hilfe per Pille

Reichen psychologische Interventionen nicht aus, bleiben pharmakotherapeutische und chirurgische Möglichkeiten. Dazu ein Blick auf die Biologie. Fasern des Sympathikus steuern den Durchmesser kleiner Kapillaren. Australische Forscher erklären Erröten als Folge eines reduzierten Blutabflusses, aber nicht als Effekt einer erhöhten Blutzufuhr.

Vorerkrankungen, die zum sogenannten Flush führen, sollten ausgeschlossen werden. Dazu gehören beispielsweise Serotonin produzierende Karzinoide. Gefäßerweiternde Medikamente oder Interaktionen mancher Arzneistoffe in Kombination mit Alkohol führen zum gleichen Effekt. Scheiden diese Ursachen aus, greifen Ärzte primär zum Rezeptblock.

Kristian Smidfeld und Christer Drott aus Göteborg berichten von Erfahrungen mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) gegen das Erröten und gegen die soziale Phobie. Häufig werden auch Beta-Blocker verordnet. Hier sei die wissenschaftliche Datengrundlage aber dürftig, heißt es im Artikel. Experimente mit topischem Ibuprofen seien zwar vielversprechend. Aber auch hier lasse sich keine Empfehlung aussprechen.

Wenn Nerven nerven

Zeigen Medikamente nicht den gewünschten Effekt, führen Neurochirurgen in schweren Fällen eine endoskopische transthorakale Sympathektomie (ETS) aus.

Das Verfahren ist als Ultima Ratio bei Hyperhidrose bekannt geworden, hilft aber auch gegen unerwünschtes Erröten. Einzelne Ganglien des Sympathikus werden reversibel oder irreversibel unterbrochen.

Smidfeld und Drott raten Chirurgen, nur geeignete Patienten für den Eingriff auszuwählen. Pleuraerkrankungen oder Thorakotomien in der Vorgeschichte erschweren jede ETS. Gleichzeitig warnen sie vor unrealistischen Erwartungen. In vielen Fällen benötigen Betroffene auch postoperativ noch psychologische Unterstützung. Komplikationen sind bei erfahrenen Operateuren rar. Hier sind vor allem vorübergehende Pleuradrainagen zu nennen. Nach irrtümlicher Schädigung des Ganglion stellatum kommt es zum Horner-Syndrom mit Miosis, Ptosis und Enophthalmus.

Möglichen Risiken stehen gute Resultate gegenüber. Basierend auf Daten von 648 Patienten berichten Smidfeld und Drott, 73,5 Prozent seien mit dem Ergebnis zufrieden, 11,0 Prozent seien unzufrieden und 15,5 Prozent bereuten ihre Entscheidung, sich unter das Messer zu legen. Ihr Follow-up umfasste im Schnitt 14,6 Jahre. Bleibt als kritische Anmerkung: Vor einer ETS sollten laut National Institute for Health and Care Excellence (NICE) alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft werden.

41 Wertungen (4.07 ø)

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10 Kommentare:

Auch wenn es viele nicht glauben mögen: Die Osteopathie kennt Möglichkeiten, das Vegetativum non-invasiv zu beeinflussen. Auch die Flush-Symtomatik kann -nach Ausschluss schwerwiegender Erkrankungen- behandelt werden. Zwar sind die Effekte nicht von wochenlanger Dauer, aber ein interessanter Aspekt ist es allemal!

#10 |
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Gast
Gast

Einige Oktopoden können nicht nur erröten, sondern noch andere Farben annehmen. Gerade hier werden EMOTIONEN kommuniziert. Einfach mal recherchieren. Da gibt es schon seit Jahren immer wieder tolle populärwissenschaftliche Dokumentationen zu.

#9 |
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Aktuell auf Twitter:
@DocCheck Mark Twain irrt: Das Chamäleon ist ein weiteres Lebewesen, das auch Erröten kann – insbesondere, wenn es Tomaten v o r den Augen hat!

#8 |
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Dr. med. univ. Martina Wittels
Dr. med. univ. Martina Wittels

Graupapageien können auch erröten, wenn sie gestreichelt werden. So berichtet jedenfalls Irene Pepperberg in ihrem Buch “Alex und ich”, eine wunderbare Studie über die Intelligenz und das Lernvermögen dieses Vogels. Allerdings lernte er nur soviel, weil es zu sozialer Interaktion mit ihm und Irene und einem ganzen Forscherteam kam. Sehr empfehlenswert übrigens als Lesevergnügen.
M. Wittels

#7 |
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Uwe Niese
Uwe Niese

Ich habe mir angewöhnt, bei Talkshows auf die Farbe der Ohren v.a. bei Politikern zu achten. (Die Gesichter sind ja geschminkt). Wer rote Ohren bekommt, bei dem besteht noch Hoffnung >> meine steile These.;-)

#6 |
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Prof. Dr. Reinhard Breit
Prof. Dr. Reinhard Breit

Einer meiner Lehrer erklärte den Unterschied zwischen der Schames- und der Zornesröte so:
“Der junge Arzt bekommt ein erythema e pudore, wenn er sein erstes Honorar erhält, der alte ein erythema ex ira, wenn er keines bekommt.” Schön?!

#5 |
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Psychotherapeut

Psychotherapie gegen soziale Ängste und Phobien wirkt. Außerdem hängt es viel mit schädlichen, “verinnerlichten” Normen zusammen (maladaptive Gedanken). Kognitive Umstrukturierung hilft oft. (eigene Erfahrung mit Patienten). Natürlcih leiden Betroffene, aber ehe in diesem Fall Medikamente eingesetzt werden, ist eine Psychotherapie hier nötig, Medis evtl. nur zur Unterstützung!

#4 |
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Dipl. Psychologe Rainer Keller
Dipl. Psychologe Rainer Keller

Wo bitte, ist belegt, dass andere Säugetiere nicht erröten. Nur weil aufgrund von Gesichtsbehaarung nichts zu sehen ist. Vielleicht erröten Schimpansen ebenfalls. Es handelt sich ja um eine stärkere Durchblutung der Gesichtshaut. Weiß jemand um irgendwelche Untersuchungen bei unseren nächsten Verwandten. Die Wissenschaft hielt Tiere noch vor nicht allzu langer Zeit für “strunzdumm”. Und heute… ?

#3 |
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Da irrt Mark Twain: Das Chamäleon ist ein weiteres Lebewesen, das auch Erröten kann – insbesondere wenn es Tomaten v o r den Augen hat! MfG

#2 |
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Glückwunsch zu dem schönen Artikel! Wer an Erröten leidet, der leidet schrecklich. Ich freue mich, dass das Thema aufgegriffen wird und hoffentlich einem großen Kollegenkreis mehr zugänglich wird.
Ich darf vielleicht noch ergänzend den Betroffenen ein Buch empfehlen: “Angst vorm Erröten?” von Carsten Dieme, der sich als Betroffener wie kaum ein Zweiter um Informationen und Hilfe für andere Betroffene verdient gemacht hat.
Herzliche Grüße, Dr. Schick, Deutsches Hyperhidrosezentrum DHHZ

#1 |
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