Daraprim: Ist ja kinderleicht

23. Dezember 2016
Teilen

Der „Bad Guy“ der Pharmabranche, Martin Shkreli, macht Schlagzeilen: Er kauft kleine Firmen, die Arzneistoffe gegen seltene Erkrankungen herstellen. Dann treibt er den Preis pro Pille extrem in die Höhe. Jetzt zeigen Schüler, wie günstig sich diese Medikamente herstellen lassen.

Soziale Netzwerke kennen keine Gnade. Bei Twitter, Facebook & Co. avancierte Martin Shkreli zu einer der meistgehassten Personen Amerikas. Nicht ohne Grund: Der Ex-Chef von Turing Pharmaceuticals erwarb alle US-Vermarktungsrechte für Pyrimethamin (Daraprim®). Kurzerhand erhöhte er den Preis um 5.000 Prozent – von 13,50 Dollar auf 750 Dollar pro Tablette. Viele Patienten konnten sich das Arzneimittel daraufhin nicht mehr leisten.

„Menschen sterben gerade“

Twitter Martin Shkreli

Preise als reine Wirtschaftsentscheidung für Investoren: Martin Shkreli 2015 auf Twitter. Screenshot: DocCheck

WHO-Experten stufen Pyrimethamin als lebenswichtigen Arzneistoff ein. Das alte Malariatherapeutikum hat seine Bedeutung noch lange nicht verloren.

Ärzte setzen Pyrimethamin zusammen mit einem Sulfonamid bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem ein. Infolge einer HIV-Infektion oder einer Chemotherapie kommt es zu Infektionen mit Toxoplasma gondii. Auch bei schwangeren Frauen hat sich die Kombination bewährt. Hohe Preise schieben Pharmakotherapien plötzlich einen Riegel vor.

„Das ist hier kein Spaß, Herr Shkreli. Menschen sterben gerade“, sagte ein Kongressabgeordneter. Große Reaktionen zeigte der gescholtene frühere CEO nicht.

Sein Verhalten zog weite politische Kreise. „Wer amerikanischen Familien ohne guten Grund Wucherpreise abknöpft, wird von mir zur Rechenschaft gezogen“, drohte Hillary Clinton im Wahlkampf. Doch Shkreli hatte Glück: Donald Trump ließ von pharmazeutischen Herstellern bislang die Finger. Jetzt bieten australische Schüler dem Pharmaboss die Stirn.

Wertschöpfung im Chemieunterricht

Dr. Alice Williamson, Forscherin an der University of Sydney, verfolgte die Kontroverse mit großem Interesse. Sie forscht seit einiger Zeit am Thema Open Source Drug Discovery. Ihr kam die Idee, das Thema mit Schülern im Chemieunterricht zu bearbeiten. Gesagt, getan.

Ausgangsstoff war 4-Chlorophenylacetonitril (1) für läppische 20 Dollar. In einer Kondensationsreaktion mit Ethylpropionat (2) und anschließender Reaktion mit Diazometham entstand ein Enolether (4). Nach Zusatz von freiem Guanidin bildete sich Pyrimethamin. Für den Unterricht wandelte Williamson einige Schritte ab, um beispielsweise auf giftiges Diazomethan zu verzichten. Im Sinne einer Open Source Drug Discovery veröffentlichte das Team alle Informationen ohne Einschränkung.

Pyrimethamin-Syntheseweg

Dunkle Erinnerungen an Organik-Praktika werden wach: Syntheseweg von Pyrimethamin. Quelle: Wikipedia

Aus 17 Gramm Edukt stellten ihre Schüler schließlich 3,7 Gramm des Arzneistoffs her. Bei Martin Shkreli würde diese Menge mit 110.000 US-Dollar zu Buche schlagen. Daraprim® steht nicht mehr unter Patentschutz. Generika sind also möglich. Dazu müssten die Schüler jedoch Richtlinien zur Qualitätssicherung der Produktionsabläufe und -umgebung einhalten, aber auch Daten zur Bioäquivalenz ihres Produkts mit Daraprim® vorlegen. Daran scheiterte letztlich der Sprung vom Labor in die Praxis.

Prompt meldete sich Shkreli per Twitter und Youtube zu Wort. „Jedes Arzneimittel lässt sich in kleiner Menge günstig herstellen“, verhöhnte er die Schüler. „Schön, dass ihr euch dabei gut fühlt.“

Ein neuer Deal

Um seinen Reibach muss der Unternehmer nicht bangen. Nach einer spektakulären Verhaftung wegen vermeintlichen Anlagebetrugs bei einem Hedgefonds übergab Shkreli offiziell alle Geschäfte an Ron Tilles. Er zieht aber nach wie vor die Fäden im Hintergrund und erwarb Mehrheitsrechte an KaloBios. Über das angeschlagene Kleinunternehmen sicherte er sich alle US-Rechte an Benznidazol. Nur was führt der Manager im Schilde?

Das Nitroimidazol-Derivat wirkt gegen Trypanosoma cruzi, den Erreger der Chagas-Krankheit. Selbst mit horrenden Preisen wird Shkreli kein Vermögen machen. Laut Zahlen der Centers for Disease Contol and Prevention (CDC) gab es US-weit seit 1955 nur sieben akute Fälle. Epidemiologen schätzen, dass pro Jahr weltweit 50.000 Menschen neu erkranken und 12.000 bis 15.000 sterben. Meist handelt es sich um Bewohner armer Länder Mittel- und Südamerikas.

Zertifikate meistbietend zu verkaufen

Hinzu kommt, dass Benznidazol in den USA keine Zulassung hat. Außerhalb der Staaten werden Erkrankte kaum Berge von Geld für das Pharmakon ausgeben. Beantragt Turing Pharmaceuticals jedoch eine Zulassung, greifen Sonderregelungen für Arzneistoffe gegen seltene Erkrankungen.

Der Konzern erhält von der FDA einen Priority Review Voucher. Mit diesem Gutschein räumen Zulassungsbehörden Herstellen Priorität bei einem anderen Pharmakon ein. Deshalb sind Priority Review Vouchers zur begehrten Handelsware geworden. Sie gehen teilweise dreistellige Millionenbeträge über den virtuellen Ladentisch. So ließ AbbVie 350 Millionen US-Dollar für ein Zertifikat von United Therapeutics springen – eine der bislang größten Summen, die je gezahlt worden sind. United Therapeutics wiederum bekam das Papier aufgrund eines Krebsmedikaments für Kinder.

Mit seiner aggressiven Strategie zeigt Martin Shkreli vor allem, wohin ein unregulierter Markt führt – und welche gesetzlichen Schlupflöcher es gibt.

26 Wertungen (4.35 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

10 Kommentare:

Dr. rer. nat. Rainer Trittler
Dr. rer. nat. Rainer Trittler

Ich kann meinen Kollegen Frau Fraatz und Herrn Motz nur zustimmen:
Die Rezeptur und auch die Defekturherstellung in der Apotheke könnte das Problem temporär lösen, d.h. in diesem Fall auch Menschenleben retten.
Während die Schüler ein Problem mit der Qualitätssicherung haben, ist in Apotheken eine Rezeptur und Defekturherstellung bei gleicher Qualität wie das Fertigarzneimittel rechtlich abgesegnet. Das Twitter- und Youtube-Zitat von M. Shkreli „Jedes Arzneimittel lässt sich in kleiner Menge günstig herstellen“, stimmt dann allerdings nicht. In kleinerer Menge hat man wegen der Qualitätskontrolle immer höhere Kosten. 750Dollar/Tablette dürfte aber mit einer Defektur bei gleicher Qualität zu unterbieten sein.

#10 |
  0
Apotheker

Ein lebendiges Beispiel für die möglichen Folgen aus dem EUgh Urteil. Bei Mangel oder erhöhter Nachfrage erhöht sich der zu erzielende Preis.Das wurde doch auch für dünner besiedelte Gebiete vorgeschlagen.
Wäre das Problem nicht über eine Sonderimportstelle der FDA lösbar?

#9 |
  0
Apotheker

… ich verstehe auch nicht, warum die das nicht in Ihrer Rezeptur machen. Die Bioverfügbarkeit ist bei einer einfachen Daraprim Kapsel kein Problem.

#8 |
  0
Barbara Hohpe
Barbara Hohpe

“Doch Shkreli hatte Glück: Donald Trump ließ von pharmazeutischen Herstellern bislang die Finger.”

warum auch nicht?
er ist nicht der amtierende US-Präsident!

#7 |
  2
Selbstst. Apothekerin

wenn das so leicht herzustellen geht, könnten die Ärzte ja Pyrimethamin als Rezepturarznei in der Apotheke herstellen lassen.(?)

#6 |
  2

Einfach ekelhaft, wozu manche “Menschen?” fähig sind. Kommt für mich gleich nach Faßbomben auf Zivilsten!

#5 |
  0
Michael Lohmann
Michael Lohmann

In Deutschland, wo ja angeblich alle Medikamente so teuer sind, kosten 30 Tabletten Daraprim übrigens 27,68 €
(PZN: 01161113 falls jemand das googlen möchte)

#4 |
  0
Torstein Wagner
Torstein Wagner

@Sabine Stei: Letztlich setzt er nur um, was seine Anteilsinhaber/ Stakeholder haben wollen. Gewinnmaximierung auf Teufel komm raus. Aber das ist doch das Maß der Dinge. Da soll doch auch Deutschland hin.

#3 |
  1
Sabine Stei
Sabine Stei

Dieser Typ ist einer der größten Drecksäcke, von denen ich je gehört habe. Für den Zynismus dieses Psychopathen gibt es keine adäquaten Worte.

#2 |
  0
Torstein Wagner
Torstein Wagner

Aber unregulierte Märkte sind doch das Maß der Dinge, Herr van den Heuvel…
“Soziale Marktwirtschaft”, “neoliberale Phantasien”, etc. Bei der Arzneimittelversorgung soll’s dann wieder unreguliert sein?!?

#1 |
  1
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: