Sectio Caesarea: Der Dickkopf setzt sich durch

9. Dezember 2016
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Immer mehr Kinder werden per Kaiserschnitt geboren. In vielen Fällen geht es auch gar nicht anders, weil der Kopf des Babys zu groß, das Becken der Mutter zu eng ist – oder beides. Dass man dieses Problem mit der Sectio Caesarea umgeht, hat anscheinend evolutionäre Auswirkungen.

Im 19. Jahrhundert war der Kaiserschnitt ein gefürchteter Eingriff – zu Recht, denn für die meisten Frauen endete er mit dem Tod durch innere Blutungen oder Infektionen. Das Verfahren wurde erst mit der Zeit optimiert. Fast ein Drittel aller Kinder in Deutschland erblicken mittlerweile auf diese Weise das Licht der Welt. Nicht in allen Fällen ist dieser Weg der Geburt notwendig, aber häufig rettet der Kaiserschnitt das Leben von Mutter und Kind.

Kaiserschnitt: Tendenz steigend

Viele betrachten den Kaiserschnitt als Luxusgeburt. Wenn es nach Philipp Mitteröcker, Evolutionsbiologe an der Universität Wien geht, wird in der Zukunft immer öfter eine Sectio Caesarea notwendig sein. Denn die Menschheit entwickelt sich so weiter, dass eine vaginale Geburt wohl immer seltener möglich sein wird.

Das liegt an dem problematischen Verhältnis zwischen Kopf (des ungeborenen Kindes zum Zeitpunkt der Geburt) und engem Becken der Mutter. Der Experte argumentiert so: War das Verhältnis zwischen Kopf und Becken früher zu extrem, führte das zum Tod. Evolutionstechnisch hätte dies bedeuten müssen, dass die Gene für ein sehr enges Becken oder einen extrem großen Kopf nicht weitergegeben werden und dieses Missverhältnis in weiterer Folge immer seltener wird. Dem ist aber nicht so.

Kopf und Becken – es bleibt spannend

Das könnte laut Biologen damit zusammenhängen, dass diese beiden Merkmale einen Selektionsvorteil darstellen. Je größer ein Baby bei der Geburt ist, desto höher seine Überlebenschance nach der Geburt und desto widerstandsfähiger sein Immunsystem in den weiteren Lebensjahren. Ein enges Becken wiederum ist von Vorteil für die Frau, es bewahrt die Gebärmutter vor einem Prolaps und begünstigt die Fortbewegung.

Es handelt sich um eine schwierige Kombination: Obgleich ein Baby mit einem großen Kopf nach der Geburt höhere Überlebenschancen hat, ist seine Existenz während der Geburt dafür gefährdeter im Vergleich zu Babys mit kleineren Köpfen. Das Becken der Frau hat evolutionstechnisch auch nur einen begrenzten Spielraum. Es kann sich nicht völlig zugunsten des Babys erweitern, weil ab einem gewissen Zeitpunkt die Fortbewegung beeinträchtigt würde.

Langsam wird es eng

Auch weiterhin bleibt dieses Problem bestehen. Es wurde aber mit Einführung des Kaierschnitts in den 1950er Jahren umgangen. Zwar kann der direkte Zusammehang bisher nicht endgültig bewiesen werden, aber Fakt ist: Die erfolgreichen OPs gehen zeitlich damit einher, dass immer mehr Kinder mit größerem Kopfumfang geboren werden. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der „Becken-Kopf-Missverhältnisse“ tatsächlich um rund 10 bis 20 Prozent an, berechnen die Forscher auf der Basis von mathematischen Evolutionstheorie-Modellen.

Originalpublikation:

Cliff-edge model of obstetric selection in humans
Philipp Mitteroecker et al.; PNAS, doi: 10.1073/pnas.1612410113; 2016

36 Wertungen (4.11 ø)
Forschung, Gynäkologie, Medizin

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15 Kommentare:

So schnell ist Evolution auch nicht. Und die Generationen, die seit den 50er Jahren geboren wurden, haben wie ja auch relativ wenige Kinder bekommen. Es müssen andere Gründe als die Evolution sein.

#15 |
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Annika Diederichs
Annika Diederichs

“KEIN Aussenstehender hat das Recht darüber zu urteilen!” JEDER Mensch hat das Recht auf eine eigene Meinung! (Plakativ kann ich auch;)

“Ich werde nie verstehen was wildfremde Leute dazu bringt sich dazu aufzuschwingen den Charakter eines anderen anhand der Geburtsvorgänge seiner Kinder zu bewerten!” Menschen interessieren sich für andere Menschen und deswegen bilden sie sich Meinungen über andere Menschen, ibs. über deren Charakter. Isso.

#14 |
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Gast Nr. 9
Gast Nr. 9

Tja so ist das nun einmal, Frau Diederichs! JEDE Form der Entbindung bringt ihre speziellen Nachteile und Risiken mit sich! Weder eine Spontangeburt noch eine Sectio kann einer Frau oder ihrem Kind Komplikationsfreiheit garantieren. Die einen riskieren einen Geburtsstillstand mit Notsectio, einen hypoxischen Hirnschaden des Kindes oder Blasenentleerungsstörungen oder einen Dammriss mit Wundheilungsstörungen usw. Dafür haben sie die unglaubliche und meiner Erfahrung nach wunderbare Chance eine natürliche Geburt zu erleben mit viel Ruhe und Kontakt zu dem Baby… dafür riskieren die anderen Wundheilungsstörungen, Narkosezwischenfälle, Verwachsungsbäuche, Komplikationen bei der nächsten Schwangerschaft, nach der Geburt nicht gleich das Baby halten dürfen und ewig stillhalten müssen während man zugenäht wird usw. Wie gesagt es gibt immer Vor- und Nachteile und die Entscheidung für die eine oder andere Geburtsmethode sollte einvernehmlich von Ärzten, Hebammen und Eltern gemeinsam getroffen werden, selbst dann geht man immer noch das Risiko ein dass nicht alles läuft wie geplant. Jeder hat dafür seine eigenen und ganz persönlichen Gründe und jede Frau ist anders und hat andere Bedürfnisse. KEIN Aussenstehender hat das Recht darüber zu urteilen! Egal wie viel eigene Erfahrung man hat. Ich werde nie verstehen was wildfremde Leute dazu bringt sich dazu aufzuschwingen den Charakter eines anderen anhand der Geburtsvorgänge seiner Kinder zu bewerten!

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Annika Diederichs
Annika Diederichs

#9 ^^ Och, das macht mir keine Sorgen, dafür war ich lange genug auf Wochenbettstationen unterwegs, um mich an die schmerzgeplagten Kaiserschnitpatientinnen zu erinnern, die überwiegend entsetzt darüber waren, das sie jetzt seit einer Woche unter Schmerzen leiden, das eben nicht wie erhofft alles vorbei ist nach der Kaiserschnittgeburt. Dazu kommen diverse Kompikationen, die bei/wegen/nach Kaiserschnitt häufiger auftreten als nach Vaginalgeburten. Aber die kann man natürlich schönreden als Folge der Vorselektion von besonders problematischen Fällen für eine Sectio. Es geht m.E. auch weniger um maximale Sicherheit, sondern eher um die Abgabe der Verantwortung für die Geburt an Fachleute. Gerne wird danach auch die restliche Verantwortung für Erziehung, Bildung, Gesundheit etc. an weitere Fachleute abgegeben, weil man ja nur das Beste will für sein Kind. Viele Frauen sind heutzutage in ihrem Erleben von natürlichen Vorgängen meist weit entfernt und trauen sich und ihrem Körper schlicht keine erfolgreiche Geburt zu.

#12 |
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Quatsch. Siehe “Faktencheck Kaiserschnitt”. Übrigens ist Die Sectio teurer als vaginale Geburt (viel größerer Aufwand). Vielleicht ist mehr Geduld wichtig. Dann aber auch mehr Leidensfähigkeit.

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S.Röckener
S.Röckener

Ich bin seit 20 Jahren Hebamme und dachte bis dato ich kenne alle noch so unsinnigen Empfehlungen warum es denn unbedingt die Sectio sein sollte. Es gibt sicherlich Situationen, medizinische Besonderheiten und spezielle Indikationen, dies steht ausser Frage. Aber den neuesten Unfug möchte ich mit Ihnen teilen. Einer Klientin, mit einer Fruchtwassermenge / obere Norm hat man erklärt, dass bei einem plötzlichen Blasensprung, das Baby so stark ins Becken fällt, dass es eine Hirnblutung bekommen könnte. Na, wenn das kein trifftiger Grund für eine Sectio ist? Oder habe ich bei einer Fortbildung mal wieder nicht aufgepasst? Zudem sollte das Baby lt. US mindestens 4300 g wiegen, tja es wog 3300 g…..Schade für die Frau….

#10 |
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Gast
Gast

Kann Frau N`Noko zustimmen, eine Sectio ist leicht zu planen, der standardisierte Ablauf erlaubt einem nicht nur den Zeitpunkt, sodern auch mehr oder weniger die Dauer des Eingriffes vorherzusehen. Das ist aber nicht nur für Kliniken ein Pluspunkt, wer einmal mit Wehen 4 Stunden auf der Wartebank einer Schwangerenambulanz warten musste bis endlich ein Kreisssaal frei wird wünscht sich schnell dass man den Ablauf und die Dauer von Spontangeburten ähnlich effizient organisieren könnte. Immer mehr Kliniken werden hoffnungslos überrannt… aber halbleere Kreisssääle und Entbindungsstationen kann sich heutzutage auch keiner leisten. Viele Kliniken kämpfen heute ums überleben, finanzielle Aspekt zu berücksichtigen gehört dazu. Die Entscheidung für eine Sectio wird auch von vielen Schwangeren getriggert, nicht weil sie faul sind oder wehleidig, sondern weil sie sich maximale Sicherheit für das Kind wünschen. Aber keine Sorge Frau Diederichs, auch Sectiopatientinnen müssen leidensfähig sein, und nach dem Eingriff können erhebliche Schmerzen auftreten….

#9 |
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Caroline N’Noko
Caroline N’Noko

Leider setzt sich auch in der Geburtshilfe ganz besonders der Gewinneffeckt durch denn für Kaiserschnitt gibt es ganz einfach mal doppeltes Geld!!!
Da wird von größeren Köpfen und Mißverhältniss gesprochen, weiß der Autor nicht das Schädelplatten beweglich sind wie Erdkrusten und sich übereinanderschieben, die Symphyse des Frauenbecken sich dehnen kann und so überhaupt die natürliche Geburt möglich ist.
Aber zu groß messen kann man vieles, man verdient dann auch mehr!

#8 |
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Gast
Gast

Es gibt den Computertomographen seit den 70er Jahren. Das MRT kam später. Und entsprechend viele Aufnahmen weiblicher Becken.
Wenn mir die Radiologen sagen, Big Data wird in 5-10 Jahren die Befundung der Aufnahmen übernehmen, dann sollte es ein Leichtes sein, diese Daten herauszuziehen und eine aussagefähige Untersuchung zu präsentieren.
Meines Wissens gibt in der Gyn bereits seit den 90er Jahren solche Untersuchungen.

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Annika Diederichs
Annika Diederichs

#1 Mein Körper, mein Kind, meine Geburt. Wer Kinder haben will, sollte leidensfähig sein.

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Annika Diederichs
Annika Diederichs

Das ist eine wissenschaftich nicht haltbare Schlußfolgerung, reine Zahlenspielereien ohne Sachverstand! Evolution ist ein langsamer Prozeß und es gibt viele andere Erklärungsmöglichkeiten für die Zunahme des Kopfumfangs bei Neugeborenen, wie etwa die bessere Ernährung und gesundheitliche Versorgung. Er soll mal auspacken, wie sich die Parameter Kopfumfang und Beckendurchmesser über die Zeit verändert haben, denn ich würde einiges drauf wetten, daß es nur der Kppfumfang ist, der sich signifikant verändert hat und damit kippt die ganze Theorie über einen evoutionären Prozeß.

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Peter Klein
Peter Klein

P.Klein, Gast
…zu # 1
…entspannen Sie sich Fr. Link, auch gut fürs Becken…

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Die bessere Ernährung während der Schwangerschaft dürfte auch eine Rolle spielen dafür, dass das Geburtsgewicht steigt und damit auch der Kopfdurchmesser. Andererseits dürften die verbesserten Überlebenschancen bei Geburten für Frauen mit engem Becken dazu führen, dass sich deren Zahl statistisch erhöht.

#3 |
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HPA Juliane Deinzer
HPA Juliane Deinzer

Warum werden die Köpfe immer größer? Es ist, wie ich dem Artikel entnehmen könnte, ja nicht so, dass die Becken immer enger werden. Ja, heutzutage ist die Sectio tatsächlich eine notwendige Alternative geworden.

#2 |
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ellen link
ellen link

Da regen sich jetzt wieder die auf, die denken der Geburtsschmerz sei eine heilige Pflicht, und die Frauen zu faul da durch zu gehen. Sollen die doch selbst mal gebären!

#1 |
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