Gedächtnisleistung: Hol mal Luft

15. Dezember 2016
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Wie wir atmen, beeinflusst unsere Wahrnehmung und unser Gedächtnis. Eine aktuelle Studie macht deutlich, dass man während der Inhalation Angst schneller identifiziert. Außerdem können wir Dinge, die wir uns während des Einatmens einprägen, besser abrufen.

Unser Atemrhythmus beeinflusst, wie wir emotionale Urteile fällen und Erinnerungen abrufen. Das legt eine aktuelle Studie von Christina Zelano und ihrem Team der Northwestern University Feinberg School of Medicine nahe.

Erste Untersuchungen an Epilepsie-Patienten

Zuerst fanden die Wissenschaftler auffällige Unterschiede der Gehirnaktivität im Zuge einer Untersuchung an sieben Patienten mit Epilepsie, die kurz vor einer Hirn-Operation standen. Eine Woche vor dem Eingriff implantierte ein Chirurg Elektroden in die Gehirne der Patienten, um den Ursprung der Anfälle zu identifizieren. Die dabei erfassten elektrischen Signale zeigten: Die Gehirnaktivität in jenen Bereichen, wo Emotionen, Gedächtnis und Gerüche verarbeitet werden, schwankte – je nach Atmung.

Angst oder Überraschung?

Basierend auf dieser Entdeckung stellten sich die Wissenschaftler die Frage, ob spezielle kognitive Funktionen wie Angstverarbeitung und Gedächtnisleistung auch durch die Atmung gelenkt werden können. Um das herauszufinden, führten sie ein Experiment zur Erkennung von Emotionen durch.

Forscher legten 60 Personen Bilder von Gesichtsausdrücken vor. Ihre Aufgabe: Sie sollten schnell entscheiden, um welche Emotion es sich bei den Abbildungen handelte – Angst oder Überraschung. Wurden die Gesichter gezeigt, während die Probanden einatmeten, gelang es ihnen schneller, ängstliche Ausdrücke zu erkennen als während des Ausatmens. Das traf nicht bei Bildern von überraschten Gesichtern zu. Der Effekt blieb auch aus, wenn die Testpersonen während des Verfahrens durch den Mund anstatt durch die Nase atmeten.

Eingeatmet, aufgemerkt

In einem weiteren Experiment testeten Zelano und ihr Team die Gedächtnisfunktion. Den Probanden wurden Bilder an einem Computerscreen gezeigt – unter der Anweisung, sich die abgebildeten Objekte einzuprägen. Später wurden sie aufgefordert, die Objekte zu nennen. Das Ergebnis: Das Erinnerungsvermögen war besser, wenn die Bilder während der Inhalation gezeigt worden waren.

„Eines der wichtigsten Ergebnisse in dieser Studie ist, dass es einen deutlichen Unterschied in der Gehirnaktivität in der Amygdala und im Hippocampus während der Inhalation verglichen mit der Exhalation gibt,“ sagt Zelano. „Wenn man in einem Panikzustand ist, wird der Atemrhythmus schneller. In weiterer Folge verbringt man verhältnismäßig mehr Zeit damit, zu inhalieren als im Ruhezustand. Die angeborene körperliche Reaktion auf Angst mit schnellerem Atmen könnte also einen positiven Einfluss auf die Gehirnfunktion haben und in schnellerer Reaktionsfähigkeit auf gefährliche Stimuli resultieren,“ erklärt sie.

Originalpublikation:

Nasal Respiration Entrains Human Limbic Oscillations and Modulates Cognitive Function

Christina Zelano et al.; Journal of Neuroscience, doi: 10.1523/JNEUROSCI.2586-16.2016; 2016

18 Wertungen (4.61 ø)
Forschung, Medizin, Neurologie

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4 Kommentare:

Nic. Kelling, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin
Nic. Kelling, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

Zur vegetativen Beruhigung ist meines Wissens nach das Ausatmen deutlich länger zu vollziehen als das Einatmen, was sich ja mit den o.g. Erkenntnissen deckt. Diese sind ja übrigens nicht neu, sondern haben lange schon Eingang auch in die Behandlung von Angststörungen gefunden. Man arbeitet z.B. mit Patienten mit einer Panikstörung bei interozeptiven Konfrontationen mittels Hyperventilations-Konfrontation, was die Angstbereitschaft deutlich ansteigen lässt- aufgrund der Bilanz zugunsten der O2- Konzentration im Blut und damit die Amygdala ordentlich “anheizt”. Aber der Patient kann trotzdem die Erfahrung machen, dass sich das schnell wieder beruhigt (Normalatmung), ohne dass eine Panikattacke eintritt. Andersherum wird zur Beruhigung in Angstsituationen die tiefe Bauchatmung eingesetzt, die durch die verlängerte Ausatemphase o.g. herunterregulierenden Effekt hat. Was ich mich deswegen frage: worin genau liegt jetzt der Nutzen/ die neue Erkenntnis der dieser Studie???

#4 |
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Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast
Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast

@#2
” Langsam tief einatmen und schnelles stoßhaftes Ausatmen. ”
Ist definitv keine Praxis bei den gängigen Meditationarten, insbesondere z.B. nicht im Zen. Im Gegenteil in aller Regel wird das langsame kontrollierte Ausatmen gepflegt und die Einatmung im wesentlich dem “natürlichen” Automatismus überlassen.

#3 |
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Zahnarzt

Das weiß man schon seit tausenden von Jahren. Meditation und Yoga praktiziere bewusstes Atmen. Langsam tief einatmen und schnelles stoßhaftes Ausatmen. Mach ich auch mit meinen Angstpatienten als Zahnarzt so. Die Panik verfliegt, der Patient ist mehr “da”.

#2 |
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MS Matteo Uomogrigio
MS Matteo Uomogrigio

Also nie mehr ausatmen. Dann zerreißt es uns und wir müssen nicht mehr über die Konsequenz solcher Studien nachdenken. Das war allerdings auch gar nicht gefordert und interessant ist sie allemal.

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