Radikalfänger: Blutdrucksenker gegen MS

23. Dezember 2010
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Der Umweltschadstoff Acrolein könnte wesentliche Ursache der Multiplen Sklerose sein. Das Toxin ist in Tabakrauch und Autoabgasen enthalten, doch der Körper kann es auch bilden. Potenzielles Therapeutikum ist das Bluthochdruckmedikament Hydralzin.

Acrolein ist nur wenigen Menschen ein Begriff. Andere für den Stoff verwendete Begriffe wie Propenal, Acrylaldehyd oder Aqualin klingen schon giftiger. Er entsteht bei der Oxidation organischer Verbindungen, z.B. bei der Verbrennung von Fetten durch Überhitzung, ist in Dieselautoabgasen und Tabakrauch enthalten. Acrolein ist übel riechend und sehr toxisch.

Aber der Körper kann die Verbindung auch selbst herstellen, wenn durch Verletzungen oder Erkrankungen Nervenzellen geschädigt werden. Acrolein gilt als krebserregend und wirkt nach neuer Erkenntnis auch neurotoxisch.

Oxidativer Stress als Hauptursache der MS

Riyi Shi, Neurowissenschaftler an der Purdue Universität, und seine Mitarbeiter fanden bei Mäusen mit einer experimentell erzeugten autoimmunen Enzephalomyelitis um 60 Prozent erhöhte Acroleinwerte im Gewebe des Rückenmarks. Sie vermuten, dass es sich bei Menschen mit Multipler Sklerose (MS) nicht anders verhält.

Sie teilen mit vielen anderen Experten die Meinung, dass oxidativer Stress die Hauptursache von MS ist. Dies bestätigt eine Vielzahl von Studien und Analysen zum Thema. Demnach bilden primär Makrophagen exzessive Mengen an reaktivem Sauerstoff, der als Mediator der Demyelinisierung und axonalen Schädigung bei MS gilt. Freie Radikale schädigen Zellbestandteile wie Lipide, Proteine und Nukleinsäuren mit der Folge des Zelluntergangs. Der Schaden vergrößert sich wahrscheinlich durch das gemeinsame Auftreten der geschwächten zellulären antixodativen Abwehr im zentralen Nervensystem und der Vulnerabilität gegenüber oxidativem Stress. Eine effektive antioxidative Therapie könnte die Lösung sein, so die Vermutung.

Hydralazin als Radikalfänger

Acrolein unterhält offenbar den oxidativen Stress, indem es die Produktion freier Radikale induziert. Doch das Gift lässt sich relativ mühelos unschädlich machen. Bereits in früheren Studien hatten Shi und Kollegen herausgefunden, dass Hydralazin dem Tod von Nervenzellen durch Acrolein entgegen wirkt. Hydralazin ist nicht nur ein Gefäßdilatator, sondern auch ein Radikalfänger. Es bindet an Acrolein und neutralisiert das Gift. Bei den an MS erkrankten Tieren verzögerte Hydralazin den Erkrankungsbeginn und reduzierte die Symptomschwere. Nebenwirkungen blieben aus, auch aufgrund der Tatsache, dass bereits sehr geringe Dosierungen ausreichten, um Acrolein zu binden.

Dies steigert bei den Forschern die Hoffnung, bald neue neuroprotektive Behandlungen entwickeln zu können, die schnell in die Klinik Eingang finden. Nach der Therapie mit oralem Hydralazin konnten die Forscher eine Halbierung der Acroleinwerte bei den MS-kranken Mäusen beobachten. Hydralazin wäre möglicherweise auch für eine Langzeittherapie von MS-Patienten geeignet.

Weitere Untersuchungen geplant

Dass Hydralazin ein effektiver Radikalfänger ist und Acrolein bindet, ist bekannt und bereits vor Jahren beispielsweise Gegenstand einer Untersuchung australischer Wissenschaftler. Eine andere Forschergruppe hatte unlängst bewiesen, dass Acrolein auch Leberzellen schädigt. Auch hier war Hydralazin wirksam.

Weitere Untersuchungen sollen nun der Identifikation weiterer Substanzen dienen, die an Acrolein binden, sowie der Verbesserung der Sensitivität von Untersuchungsmethoden zur Messung des Toxins bei Patienten mit MS.

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Medizin

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8 Kommentare:

Möchte mich nochmal zu Wort melden. Acrolein entsteht als einfaches Aldehyd bei der Oxidation von Fettsäuren. Das ZNS besteht ja vorrangig aus Lipidstrukturen, insofern ist das bei Vorliegen autoimm bedingter inflammatorischer Peroxidationsprozesse in diesem Bereich erklärbar.
Stärkster Scavenger in der fettigen Phase ist Ubiquinone Q10, stärkster first-line Scavenger von Nitrostress ist B12.
Hydralazin kann als NW u.a. Depressionen, Hepatitis, Parästhesien , Ödeme und Veränderungen des Blutbildes hervorrufen – warum also nicht orthomolekular arbeiten?
Ubiquinone ist bei unbehandelten MS-Patienten statistisch signifikant erniedrigt (z.B. de Bustos 2000) und zeigt deutliche neuroprotektive Effekte (z.B. Flint Beal 2002). Nebnwirkungen sind auch bei hohen Dosen selten und im Vergleich zu Hydralazin milde. Bei B12 habe ich u.a. in der aktuellen Ausgabe der PDR – wie immer – ausser einem möglichen allergischen Effekt bei der Injektionstherapie nichts gefunden. Die letzten 5 Jahre habe ich ca. 450-500 MS-Patienten orthomolekular behandelt. Es lohnt sich in jedem Fall, die initiative zu ergreifen, ein wenig Zeit in Research zu invstieren (PubMed, MedLine etc.) und dann den Betroffenen zu helfen.

#8 |
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Es wäre zu schön wenn sich Hydralazin als MS- Therapeütikum beim Menschen wirksam erweisen würde.

#7 |
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Michael Putschkow
Michael Putschkow

Weiß jemand, warum Hydralazin nicht mehr im Handel ist ?

#6 |
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Dr. Rudolf Wolter
Dr. Rudolf Wolter

Das klingt in jedem Falle spannend. Insdbesondere weil Hydralazin eine lang bekannte und billige Substanz ist.
Der wiederholte Einwand “wer kann sich das noch leisten” irritiert mich deshalb. Kaum wahrscheinlich, dass Hydralazin nochmal Preiskategorien erreichen wird wie die derzeit “üblichen” Interferonpräparate oder noch moderneres Zeug.
Hoffentlich kommen da zügig noch weitere Daten nach. Bisher fehlt mir in meinem “schulmedizinischen” Portfolio noch eine gut belegte, kostengünstige, verträgliche, orale Dauermedikation gegen MS. Wenn die als Nebeneffekt auch noch Blutdrucksenkend wirkt – schön. Das wäre schon was.

#5 |
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Medizinjournalist

Ergänzend zum Kommentar von Dr.W. Skorczyk möchte ich auf die Forschungsbefunde der Orthomolekularmedizin hinweisen.
Aber auch für dieses Medizinfeld dürfte gelten: Wer kann sich das noch leisten? Etwa nur noch Privatversicherte, welche zudem im kommenden Jahr mit zweistelligen Erhöhungen bedacht werden??
Wohl kaum, da der Leistungsumfang der PKV eher gekürzt als erweitert wird. Also bleibt nur der eigene Geldbeutel, sofern in ihm noch etwas d´rin ist . . .

#4 |
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Spannender Artikel, der bereits bekannte Aspekte der MS-Genese von einer neuen Sicht beleuchtet.
Das Radikalenfänger therapeutische Effekte bei MS zeigen – eine fachgerechte orthmolekulare Dosierung vorausgesetzt – kann man immer wieder feststellen.
Nach meiner langjährigen Praxiserfahrung sind vor allem Vitamin D, Vitamin B12 und Alpha-Liponsäure am wirksamsten. U.a. sieht man eine Verlängerung schubfreier Intervalle und verstärkte Aktivität reparativer Systeme, was sich vor allem in der Verbesserung neuronaler Funktionen zeigt.
Vitamin D gehört zu den Substanzen, die im hier geschilderten Tierversuch (experimentell erzeugte autoimmune Encephalitis) vor dem Ausbruch von MS schützt.
Vorteil: Vitmin D und Vitamin B12 können nicht patentiert werden, sind daher sehr preiswert und in der Anwendung sicher, sofern eine entsprechende Kontrolle (hier: Vitamin D und Calcium im Serum bzw. Methylmalonsäure im Urin) erfolgt.

#3 |
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interessant und aufschlußreich!
Hoffentlich ergibt sich daraus ein neues MS.Medikament

#2 |
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Dr. med.Dr.rer.nat. Wolfgang Skorczyk
Dr. med.Dr.rer.nat. Wolfgang Skorczyk

ausgezeichnet.
Alles stimmt. Nur was lernen die Betroffenen und die es werden daraus? Selbst kann man fast alles tun. Nur wie?
Das Einfachste und billigste die “FX Mayr Kur” oder “Moderne Mayr-Medizin” Das Problem: Wo kann man sich das noch leisten??

#1 |
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