HIV-Heimtest: Deutschland unter Zugzwang

9. Dezember 2016
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Ab sofort bieten belgische Apotheken Schnelltests zur HIV-Diagnostik ohne Rezept an. Jetzt wächst der Druck auf Deutschland, gesetzliche Regelungen zu lockern. Sonst bestellen Kunden ihre Kits bei Online-Anbietern im Ausland.

Zum Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember warnte die WHO vor eklatanten Wissenslücken. Weltweit ahnt jeder zweite Betroffene nicht, dass er HIV in sich trägt – in Europa ist es schätzungsweise jeder siebte. Sie erhalten keine antiretroviralen Wirkstoffe, und schwerwiegende Erkrankungen drohen. Erneut bekräftigt die WHO ihr „90-90-90“-Ziel: Bis 2020 sollen 90 Prozent aller Patienten von ihrer HIV-Infektion wissen, 90 Prozent leitliniengerecht behandelt, und bei 90 Prozent eine Virussuppression erreicht werden. Experten setzen nicht nur auf die Pharmakotherapie. Sie fordern Selbsttests für Laien.

Die Nachbarn als Vorbild

Dazu ein Blick auf Europa. Apotheken im Vereinigten Königreich und in Frankreich bieten schon lange Diagnose-Kits ohne ärztliche Verordnung an. Französische Behörden reagierten auf die Kritik, Patienten seien im Falle eines positiven Resultats auf sich allein gestellt, mit ergänzenden Informationsmaterialien. Darin verweisen sie Patienten auf Arztbesuche, um Ergebnisse zu verifizieren und gegebenenfalls mit einer Pharmakotherapie zu beginnen. Belgische Apotheken ziehen nach und bieten ab sofort auch Diagnostik zum Hausgebrauch an.

Restriktive Regeln

In Deutschland ist das laut Verordnung zur Regelung der Abgabe von Medizinprodukten (MAPV), Paragraph 3, nicht möglich: „In-vitro-Diagnostika, die für den direkten oder indirekten Nachweis eines Krankheitserregers […] bestimmt sind, dürfen nur abgegeben werden an:

  1. Ärzte,
  2. ambulante und stationäre Einrichtungen im Gesundheitswesen, Großhandel und Apotheken,
  3. Gesundheitsbehörden des Bundes, der Länder, der Gemeinden und Gemeindeverbände,
  4. Blutspendedienste, pharmazeutische Unternehmen,
  5. Beratungs- und Testeinrichtungen für besonders gefährdete Personengruppen, in denen Tests unter ärztlicher Aufsicht angeboten werden.“

Das Bundesgesundheitsministerium sieht hier zwei Argumente, nämlich Anwendungsfehler durch Laien und die fehlende Beratung bei positiven Resultaten.

Tipps zum Hausgebrauch

Mittlerweile wächst die Kritik an derart restriktiven Regelungen. So veröffentlicht die Deutsche AIDS-Hilfe umfangreiche Informationen zum Thema: „Im Internet gibt es Anbieter, die HIV-Tests für den Hausgebrauch verkaufen“, heißt es. „In Deutschland dürfen HIV-Tests aber laut Medizinprodukte-Abgabeverordnung nicht an Privatpersonen abgegeben werden, deshalb sitzen die Anbieter in der Regel im Ausland.“ Es wäre an der Zeit, hier nachzubessern. Wer Testkits vor Ort erwirbt, kann sich gleichzeitig auch beraten lassen.

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