Herzfehler bei Neugeborenen: Pulsoxymetrie hilft

6. Dezember 2016
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Herzfehler bei Neugeborenen werden häufig zu spät behandelt. Daher beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) nun eine Ergänzung der Kinderuntersuchung U1/U2 um ein Pulsoxymetrie-Screening. Komplexe Herzvitien können so früher erkannt werden.

Komplexe angeborene Herzfehler bei Neugeborenen können bei einer vorgeburtlichen Untersuchung unauffällig bleiben, jedoch nach der Geburt lebensbedrohliche Komplikationen hervorrufen – wenn sie denn nicht rechtzeitig diagnostiziert und behandelt werden.

Wird die Kinderuntersuchung U1/U2 durch ein Pulsoxymetrie-Screening ergänzt, kann die Lücke in der Versorgung von Neugeborenen mit angeborenen Herzfehlern künftig jedoch geschlossen werden. Deshalb ist dieses Verfahren ab sofort verpflichtend, so der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA).

Lichtsensor misst Sauerstoffgehalt

Unbehandelt führt die Transposition der großen Arterien (TGA) nach kurzer Zeit zum Tod. Die Untersuchung ermöglicht, betroffene Neugeborene frühzeitiger zu behandeln, dadurch können „das Überleben dieser Kinder gesichert und Langzeitschäden vermieden werden,“ erklärt der Sprecher des Aktionsbündnisses Angeborene Herzfehler (ABAHF), Kai Rüenbrink.

Bei der Pulsoxymetrie misst man mithilfe eines Lichtsensors den Sauerstoffgehalt im Blut des Neugeborenen. Dafür ist keine Blutabnahme nötig. Der Sensor ist mit dem Bildschirm verbunden und wird am Fuß angelegt, das Prozedere ist völlig schmerzfrei. Man erhält unmittelbar ein Ergebnis, das Rückschlüsse auf das Vorliegen kritischer und komplexer angeborener Herzfehler, beispielsweise der TGA zulässt.

Wann gemessen wird

Der optimale Zeitpunkt für das Screening ist ab der 24. bis zur 48. Lebensstunde. Bei Geburten im Krankenhaus kann man die Pulsoxymetrie bis zu vier Stunden nach der Geburt vorziehen, bei Hausgeburten kann sie spätestens im Rahmen der U2 erfolgen. Die Ergebnisse werden im Gelben Kinderuntersuchungsheft dokumentiert.

Auch für andere Erkrankungen geeignet

„Die Gefahr, dass komplexe Herzfehler nicht rechtzeitig erkannt und dadurch zu spät behandelt werden, kann das Pulsoxymetrie-Screening als fester Bestandteil der U1/U2-Untersuchung weiter reduzieren. Damit schließt sich eine diagnostische Lücke“, betont Rüenbrink.

Auch Kinder mit anderen Erkrankungen wie Sepsis, Lungenerkrankung oder Anpassungsstörung können durch das Pulsoxymetrie-Screening von einer frühzeitigeren Entdeckung ihrer Erkrankung profitieren.

Originalquelle:

Endlich Pflicht: Untersuchung zur Aufdeckung kritischer Herzfehler bei Neugeborenen
Deutsche Herzstiftung; Pressemitteilung; 2016

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4 Kommentare:

Mitarbeiter von DocCheck

Sehr geehrter Herr Tsirigiotis #2,

vielen Dank für Ihren Hinweis. Der Plural ist natürlich “Herzvitien”, wir haben das korrigiert.
Beste Grüße
Die Redaktion

#4 |
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Dr. Elmo Feil
Dr. Elmo Feil

Auch ich freue mich über die Einführung der Pulsoxymetrie als Herz-Screening Maßnahme. Angeborene Herzfehler sind die häufigste Missbildung und sind die zweithäufigsten Ursachen für die Säuglingssterblichkeit heutzutage – nach der Früh- und Mangelgeburtlichkeit.
Ich möchte jedoch auch einige kritische Dinge anmerken:
1. In großen Studien konnte gezeigt werden, dass die Pulsoxymetrie nur 70 % der schweren angeborenen Herzfehler erfasst. Die Herzfehler, die übersehen werden, decken sich leider zum großen Teil mit den Herzfehlern, die bei der pränatalen Untersuchung am häufigsten übersehen werden: Aortenisthmusstenose, unterbrochener Aortenbogen, andere Aortenbogenanomalien, kritische Aortenstenosen, hochgradige Pulmonalstenosen. Gleichzeitig sind das auch genau die Erkrankungen, bei denen ein frühes Handeln von großer Bedeutung ist. Alle Formen eines singulären Ventrikels werden heutzutage recht zuverlässig pränatal erkannt. Auch die Transposition wird oft pränatal nicht erkannt – bei der Pulsoxymetrie jedoch sehr zuverlässig. Jedoch
2. Bei einer Untersuchung zwischen der 24. und 48. Lebensstunde ist die Zyanose mit großer Sicherheit auch einer Kinderkrankenschwester aufgefallen. Dann ist der Duktus jedoch oft schon verschlossen, sodass die Kinder in eine lebensbedrohliche Situation kommen.
Diese Empfehlung der möglichst späten Untersuchung kommt daher, dass eine möglichst hohe Spezifität erzielt werden soll. D.h. unnötige Echokardiographien vermieden werden sollen. Bei einem Screening sollte aber die Sensitivität im Vordergrund stehen. D.h. eine präsymptomatische Erkennung der Herzfehler, damit ein Medikament zum Offenhalten des Duktus arteriosus gegeben werden kann und anschließende Verlegung in ein Herzzentrum. Zurecht wird hier meistens angeführt, dass die späte Untersuchung die gleiche Sensitivität hat wie die frühe Untersuchung – jedoch ist es dann zu spät für ein Offenhalten des Duktus arteriosus. Immerhin handelt es sich um eine der wenigen Erkrankungen, bei denen der Zeitpunkt genau bekannt ist: nach der Geburt, wenn sich der Duktus verschließt – und dies ist in über 90 % bereits nach 24 Stunden.
3. Die Struktur hinter dieser Screening Untersuchung muss stimmen. D.h. es muss die Möglichkeit bestehen, dass kurzfristig per Echokardiographie ein Herzfehler ausgeschlossen oder bestätigt werden kann. Denn heutzutage können alle Herzfehler operiert werden – oder zumindest palliiert werden.

Vor 50 bis 60 Jahren waren es die Infektionskrankheiten, die zu einer sehr hohen Säuglingssterblichkeit geführt haben und es wurden Antibiotika, bessere Hygienemaßnahmen und Impfungen eingeführt.
Zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit aufgrund der Frühgeburtlichkeit wurden Perinatalzentren geschaffen.
Jetzt ist es an der Zeit, dass wir Kinderkardiologen uns für eine bessere Hintergrundstruktur zur Diagnose der angeborenen Herzfehler einsetzen und uns zumindest für eine schnell verfügbare Echokardiographie und eine frühe Pulsoxymetrie einsetzen.

Dr. Elmo Feil
Kinderkardiologe

#3 |
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Sehr guter Vorschlag,
diese einfach durchzuführende und nichtinvasive Maßnahme einzusetzen. Aber Herzvitiums als Plural von Herzvitium? Ist das richtig?

#2 |
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Karin Donner
Karin Donner

Das ist ein wichtiger Beitrag, herzkrank geborenen Kindern einen guten Start zu ermöglichen. Hilfe und weitere Infiormationen: http://www.herzkind.de

#1 |
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