Krebsstatistik: Der Fluch des Screenings

15. Dezember 2016
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Seit 1970 hat sich die Zahl der Krebspatienten nahezu verdoppelt. Das liegt bei weitem nicht nur an demographischen Trends, wie ein aktueller Bericht zeigt. Und so manches Screeningprogramm ist vom Ziel, die Zahl aggressiver Stadien zu senken, noch weit entfernt.

Neue Zahlen vom Berliner Robert Koch-Institut. Im „Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland“ haben Epidemiologen Daten aus Registern der Bundesländer zusammengeführt und ausgewertet.

Mehr Patienten, mehr Lebenszeit

Große Trends überraschen auf den ersten Blick nicht wirklich. Verglichen mit 1970 hat sich die Zahl an Patienten nahezu verdoppelt. Für das Jahr 2013 geben Forscher 482.500 Neuerkrankungen an. Betroffene werden heute im Schnitt 74 Jahre alt – 1980 waren es vier Jahre weniger. Gleichzeitig hat sich die Zahl krebsbedingter Todesfälle von 193.000 (1980) auf 224.000 (2014) erhöht. Als Erklärung führen Wissenschaftler vor allem demographische Entwicklungen an. Die Bevölkerung altert, und damit gibt es auch mehr Krebserkrankungen. Interessant wird es aber nach Bereinigung dieses Alterseffekts:

Altersstandardisierte Neuerkrankungsraten für Krebs

Altersstandardisierte Neuerkrankungsraten für Krebs. Quelle: Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016

Steigende Erkrankungsraten

Selbst unter Berücksichtigung demographischer Effekte treten einige maligne Erkrankungen häufiger auf.

  • Prostatakrebs: Durch die Einführung umstrittener PSA-Tests kam es zu mehr Diagnosen.
  • Brustkrebs: Hier sehen Wissenschaftler vor allem den Einfluss von Mammographie-Screenings. Tumoren werden häufiger unabhängig vom Stadium und von der Malignität entdeckt. Darüber hinaus führten in der Vergangenheit Hormonersatztherapien oder ältere orale Kontrazeptiva, speziell Kombinationspräparate, zu höheren Risiken. Je mehr Kinder eine Frau bekommen hat und je länger sie stillt, desto niedriger ist ihr Brustkrebsrisiko. Diese protektiven Faktoren kommen heute immer seltener zum Tragen.
  • Leukämien und Lymphome: Auch hier finden Wissenschaftler einen altersunabhängigen Anstieg. Ob es an hormonaktiven Umweltchemikalien oder am zunehmenden westlichen Lebensstil liegt, ist Thema der Forschung.
  • Lungenkrebs: Hier zeigt sich immer noch der Effekt, dass nach Ende des zweiten Weltkriegs Frauen häufiger zum Glimmstängel gegriffen haben. Seit etwa zehn Jahren sinkt die Zahl an Raucherinnen. Um Einflüsse auf Erkrankungsraten zu sehen, ist der Zeitraum aber noch zu kurz.
  • Karzinome der Harnblase: Bei Männern steigt das Risiko, obwohl es immer weniger Raucher gibt. Möglicherweise liegt es an der besseren Diagnostik, möglichweise auch an längeren Latenzphasen zwischen Exposition und Tumor.
  • Maligne Melanome: Hier erklären Epidemiologen den Anstieg vor allem mit der vermehrten UV-Exposition im Urlaub beziehungsweise in der Freizeit. Screeningprogramme führten ebenfalls zu einem deutlichen Anstieg der Diagnosen.
  • Leberkrebs: Vor allen Männer erkranken häufiger. Ein Erklärungsansatz: Seit den 1960er-Jahren verbreiten sich Hepatitis B und C immer stärker.
  • Maligne Erkrankungen von Mundhöhle, Rachen und oberen Atemwegen: Da Männer trotz ihres niedrigen Tabakkonsums immer noch häufig erkranken, muss es weitere Gründe geben. Wissenschaftler vermuten, Karzinome stehen mit der zunehmenden Verbreitung von HPV-Viren in Zusammenhang.

Sinkende Erkrankungsraten

Andere Krebsformen treten altersbereinigt seltener auf:

  • Darmkrebs: Rückläufige Tendenzen gibt es seit 2003, was sich nur in Deutschland beobachten lässt. Deshalb liegt es wahrscheinlich an Koloskopie-Screenings.
  • Lungenkrebs: Bei Männern macht sich der deutlich nachlassende Tabakkonsum auch statistisch bemerkbar.
  • Magenkrebs: Der Zusammenhang mit Helicobacter pylori steht außer Frage. Durch mehr Hygiene und durch bessere Kühlungsmethoden hat sich die Verbreitung des Keims verringert. Letztlich ging auch die Belastung durch Nitrosamine zurück, Stichwort Pökelsalz.
  • Gebärmutterhalskrebs: Seit Einführung des Pap-Screenings Anfang der 1970er Jahre gelingt es Ärzten immer häufiger, bereits Vorstufen zu therapieren.

Früherkennung – heiß diskutiert

Gründe für die Nichtteilnahme an Krebsvorsorge-Untersuchungen am Beispiel des Melanoms. Quelle: Statista / Screenshot: DocCheck

 

Angesichts dieser Trends fragen sich Patienten, welche Früherkennungsmaßnahmen Sinn machen. Das RKI gibt keine Empfehlungen ab, interpretiert aber zumindest aktuelle Statistiken.

Ziel ist, Vor- und Frühstadien maligner Erkrankungen zu finden, um rechtzeitig einzugreifen. Ob Screenings Sinn machen, hängt von mehreren Faktoren ab. Es muss wenig belastende, kostengünstige Verfahren zur Diagnostik geben.

Laut RKI haben Untersuchungen zur Früherkennung von Darm- oder Gebärmutterhalskrebs das Potenzial, Krebsrisiken zu verringern. Bei anderen Screenings werden meist frühe, aber bereits bösartige Stadien entdeckt. Dazu gehören auch langsam wachsende Tumoren, die zeitlebens vielleicht nie Probleme bereitet hätten.

Bei Brustkrebs zeigen Screeningprogramme aus Sicht der Statistiker folgenden Effekt: Es werden weniger fortgeschrittene, aber mehr frühe Stadien entdeckt. Dagegen gab es selbst fünf Jahre nach Beginn der Programme zum Hautkrebs-Screening keinen Rückgang fortgeschrittener Stadien. Es wurden lediglich mehr frühe Formen identifiziert.

Die besten wissenschaftlichen Daten bringen jedoch nichts, falls Versicherte aus unterschiedlichen Gründen der Untersuchung fernbleiben.

81 Wertungen (3.8 ø)
Medizin, Onkologie

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6 Kommentare:

Gast
Gast

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#6 |
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Twitter aktuell:
1970er Krankheitshäufigkeiten nicht abschätzbar! Reine Spekulation, dass “sich die Zahl der Krebspatienten nahezu verdoppelt” habe!?

#5 |
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Gast
Gast

@ #3: So steht es nicht im Text, auch nicht in der Quelle. Eine differnezierte Betrachtung wäre schick. Außerdem @ #2: SHGTBBAHS-BAT – Ich habe keine Lust nach Buchstabensuppe zu googlen! Sie machen einem Arzt, der Fachchinesisch spricht, direkte Konkurrenz.

#4 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

man könnte ja auch sagen , außer Spesen nichts gewesen hinsichtlich der heutigen Tumorstrategienu. u. Therapien u. deren ” Erfolg” .
Nur epigenetische Faktoren u. Verhaltensänderungen haben wesehntlichen Einfluß genommen !?

#3 |
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SHG Umwelt&Medizin
SHG Umwelt&Medizin

Das Screeningprogramm ist absurd. Noch absurder sind die Konsequenzen.

Bei Untersuchungen bleiben stoffwechselbegründete Ursachen ausgeblendet mit dem üblichen Resultat ursachenferner Bekämpfungen des Symptom Krebs mit stoffwechseltoxischen Chemotherapien und/oder Bestrahlungen.

Allein ein Stoffwechselscreening des Non-Cancer-Metabolismus dehydrierter Alkohole (TBA, HS-BAT) würde die Fallzahlen signifikant erhöhen um all jene, die sich in Krebsgefahr befinden – und gleichzeitig für alle Betroffenen gezielte Behandlungen zur Beseitigung ursächlicher Stoffwechselschäden ermöglichen.

#2 |
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Lieber Michael van den Heuvel, leider ist bereits Ihr erster Satz methodisch fragwürdig: “Seit 1970 hat sich die Zahl der Krebspatienten nahezu verdoppelt.”
Denn wir konnten 1970 auf dem Stand des damaligen Wissens nicht annähernd die Inzidenz –
http://flexikon.doccheck.com/de/Inzidenz – von malignen Neoplasien abschätzen, geschweige denn auf ihre Prävalenz – http://flexikon.doccheck.com/de/Prävalenz – schließen. Denn in meiner Studienzeit von 1968 bis 1975 in Bonn, Berlin und Sydney war der Gedanke, zum Krebs-Ausschluss einen Arzt aufzusuchen, noch völlig abwegig. Man/Frau warteten bis zu einer mehr oder weniger offenkundigen Symptomatik erstmal ab und starben u. U. an gar nicht erkannten Tumorentitäten bzw. nicht-neoplastischen Krankheiten. Zu Beginn meiner klinischen Tätigkeit gab es eigentlich nur in der Gynäkologie und Geburtshilfe erste präventive Untersuchungsansätze.
Und gestorben wurde eigentlich immer; die stetig geringer werdende Zahl von klinisch relevanten Obduktionen entzog ein ahnunsvolles bzw. ahnungslose Wissen um die tatsächliche Prävalenz onkologischer Erkrankungen bis heute jeglicher Grundlagen-Forschungen.
Mit neu aufgelegten Präventionsinitiativen steigen die Inzidenzraten bei den von Ihnen beschriebenen Tumor-Entitäten deutlich an und nähern sich asymptotisch den Prävalenzraten. Da wir historische Krankheitsprävalenzen der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts nicht abschätzen und benennen können, bleibt dass “sich die Zahl der Krebspatienten nahezu verdoppelt” haben könnten, reine Spekulation!
Soviel erstmal zur guten Nacht, nach einem 13-Stunden-Praxis-Donnerstag. MfG

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