Erst Niederlassung, dann Formulatur

14. Dezember 2016
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Rund 52 Millionen Stunden opfern Deutschlands niedergelassene Ärzte pro Jahr für Verwaltungsaufgaben. Nicht jeder Vorgang ist sinnvoll und notwendig. Im „Formularlabor“ suchen Mediziner und Kassen deshalb nach Lösungen.

In jeder Arztpraxis werden pro Jahr durchschnittlich 2.800 Überweisungen, 600 Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und 300 Heilmittelverordnungen ausgestellt. Behandlungspläne und weitere Informationspflichten, die durch Arzt-, Psychotherapeuten- und Zahnarztpraxen zu erfüllen sind, kommen mit hinzu. Bereits Mitte 2015 veröffentlichte der Nationale Normenkontrollrat (NKR) derart erschreckende Zahlen. „Das ist wertvolle Zeit, die den Ärzten und Zahnärzten für die Behandlung fehlt“, sagt der stellvertretende NKR-Chef Wolf-Michael Catenhusen. Bei Kollegen rennt er damit offene Türen ein.

Wie misst man Bürokratie?

Jetzt präsentieren die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) und die Fachhochschule des Mittelstandes eine Möglichkeit, um den Verwaltungsaufwand zu quantifizieren. Sie haben anhand eines Bürokratieindex gezeigt, wie viele Stunden sich niedergelassene Kollegen tatsächlich mit Verwaltungsarbeiten beschäftigen.

Ihre Resultate: Die zeitliche Belastung durch Informationspflichten im Bereich der Selbstverwaltung ist in 2016 um magere 4,72 Prozent nach unten gegangen. Als Nulllinie diente das Jahr 2013. Hatten sich Kollegen damals noch 54,96 Millionen Stunden mit administrativen Belangen gequält, waren es in 2016 genau 52,37 Millionen Stunden. Dementsprechend verringerte sich der Bürokratieindex vom Basiswert 100 auf 95,28. Im Bereich der KVWL bedeutet dies aktuell 57 Arbeitstage pro Arzt oder Psychotherapeut für rein administrative Aufgaben. Der Bürokratieindex soll regelmäßig aktualisiert werden, um Trends zu erfassen und um Druck auf Verantwortliche auszuüben.

Auf dem Siegertreppchen

Grafik1

Quelle: Bürokratieindex 2016

Einige Details aus der Untersuchung. Als Top-Belastungen schlugen Aufklärungen von Patienten bei Überschreitung der Festbetragsgrenze, Formulare zur Krankenbeförderung und AU-Bescheinigungen zu Buche. Hier ließen vor allem steigende Fallzahlen den Aufwand nach oben gehen. Dem standen Entlastungen bei Überweisungen, AU-Bescheinigungen nach Ablauf der Entgeltfortzahlung und bei Dokumentationen im Rahmen des Qualitätsmanagements gegenüber.

„Die größten Zeitfresser sind weiterhin die Anfragen der Krankenkassen, ob formlos oder in geregelter Form, sowie Kur- und Reha-Anträge“, so Dr. Prosper Rodewyk, niedergelassener Facharzt für Innere Medizin, im Report. „Ebenso die wachsende Zahl der Anfragen der Versorgungsämter und Sozialgerichte. Hier besteht noch großer Handlungsbedarf.“

Jetzt besteht dringender Handlungsbedarf. „Um den Vertragsärzten und -psychotherapeuten trotz dieser gesellschaftlichen Entwicklung auch zukünftig ausreichend Zeit für die Versorgung der Patienten zu ermöglichen, müssen dringend Maßnahmen ergriffen werden, um die am häufigsten anfallenden Prozesse zu verschlanken“, schreiben die Autoren als Fazit.

Im Labor der Träume

Große Worte. Nur wie gelingt es, diese Forderungen auch umzusetzen? Vor fünf Jahren ist in Westfalen-Lippe ein „Formularlabor“ entstanden. Jetzt liegt ein Zwischenbericht vor. Das Besondere am Projekt sind engmaschige Kontakte zwischen der Barmer GEK, dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) und der regionalen KV. Alle drei Partner arbeiten gemeinsam an der Optimierung von Verwaltungsprozessen. Während ihrer Arbeit stieß das Team auf unterschiedliche Schwächen im aktuellen Pool an Vordrucken.

Formulare

Der Status quo: Viel Chaos beim Inhalt und beim Layout. Quelle: Zwischenbericht Formularlabor / KVWL

Ihre Optimierungsvorschläge: 

  • Ärzte, Therapeuten, Krankenkassen und der MDK haben gemeinsam zu überlegen, an welcher Stelle welche Information wirklich zu erfassen ist.
  • Abfragen sollten sich am ärztlichen Kenntnisstand orientieren. Informationen, die nicht bei Kollegen sind, machen auf Formularen keinen Sinn.
  • Alle Vordrucke sind thematisch zu gliedern, etwa nach Verordnungen, Überweisungen, Bescheinigungen, Dokumentationen respektive Berichten, Behandlungsplänen oder Anfragen.
  • Änderungen an den bestehenden Layouts sind dringend erforderlich, um ein schlüssiges Gesamtkonzept umzusetzen.
  • Die inhaltliche und graphische Optimierung muss sich stärker am Verwendungszweck orientieren.
  • Formulare haben sich stärker an der Alltagssprache zu orientieren. Digitale Erläuterungstexte erleichtern das Ausfüllen.
  • Im Hilfsmittelbereich häufen sich bei Kassen formfreie Anfragen. Hier fehlen sowohl Richtlinien als auch geeignete Vordrucke.
  • Ärzte benötigen klare Vergütungsregeln inklusive Differenzierung zwischen Bescheinigungen, Verordnungen und Anfragen.

Relikt aus der Steinzeit

Wie es zu dieser Vielfalt an Schwachstellen kommen konnte, ist klar: Das Formularwesen stammt aus einer Zeit ohne Datenverarbeitung. Die Belege wurden lediglich auf Filmen archiviert. Heute lautet das Ziel, über die Praxis-EDV Prozesse zu synchronisieren. Laut E-Health-Gesetz sind ohnehin alle Formulare  auf  ihre  Digitalisierbarkeit hin zu überprüfen. Hoffen wir auf weitere Möglichkeiten, Zeit einzusparen. „Bürokratie ist alles, was nicht unmittelbar mit der Behandlung, Untersuchung und Beratung von Patienten zu tun hat und somit den Praxisablauf stört. Die verlorene Zeit steht dem Arzt nicht mehr für seine Patienten zur Verfügung“, erklärt Dr. Prosper Rodewyk.

33 Wertungen (4.76 ø)

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11 Kommentare:

Gast
Gast

Ein wichtiger Schritt in Richtung Bürokratiereduktion ist die radikale Verbannung von Papier. Warum etwas aufschreiben/drucken, wenn es bereits im PC steht und mit null Aufwand auf eine Speicherkarte gespeichert oder per Internet (verschlüsselt) versendet werden kann?

In der Klinik kotzt es mich tagtäglich an, dass viele Sachen (Konsile, viele Untersuchungen, irgendwelche Anträge für irgendwas) auf Papier erledigt/ausgehändigt werden. Ich muss ständig den Überblick behalten was wo liegt und muss durch die Gegend latschen um Befunde anzuschauen oder Sache auszustellen. Digital könnte ich von jedem Punkt der Klinik ohne lästiges Suchen auf alles zugreifen, ohne mich bewegen oder mit den Schwestern um die Akten streiten zu müssen. Bestehende Informationen könnten einfach automatisch vom System übernommen werden, statt dass ich den Kram nochmal per Hand schreiben müsste.

#11 |
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Gast
Gast

Natürlich kenne ich Formular 61 A und B. Ist das alles worum es geht ? Sicher und das sagte ich ja schon, sind wir alle von der Bürokratie unendlich angenervt, aber Tatsache ist doch, dass in fast allen Praxen die Verantwortung auf dem neusten Stand zu sein und diese Formulare auszufüllen bzw. vorzubereiten an den Mitarbeitern hängen bleibt. Sicher Arztanfragen muss ich schon noch selbst ausfüllen wenn ich Arzt bin, aber das das richtige Formular mit den neusten Leit und Richtlinien vorliegt ist Sache der Angestellten und wenn ich das mal so sagen darf, sind diese Formulare jetzt nicht wirklich kompliziert.

#10 |
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Gast
Gast

Es wird sich erst dann was ändern, wenn KVen und ÄKern abgeschafft sind !

#9 |
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Gast
Gast

In diesem Zusammenhang frage ich mich, wen ich eigentlich für die neuen UltraschalVereinbarungen verprügeln darf: Verdoppelung der Prüfüngen der Qualität unserer Bilder. Wird man beim Ultraschall im Laufe der Jahre mit der Erfahrung schlechter? Alle zehn Jahre reicht völlig.

#8 |
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Gast
Gast

@Silke!
Ich les wohl nicht richtig!
Nur ein(!) Beispiel:
Sie kennen das Formular 61A und 61B?
Das Formular, weswegen sich sicher tausende an Samstagen in Kursen hingesetzt haben, um das Formular-Ausfüllen zu lernen um es abrechnen zu können.
Als man einsah, wie hirnverbrannt das war, weil sich nicht genügend “Idioten” gefunden haben, wurde die Abrechnung kurzerhand für alle freiigegeben.
Man stelle sich vor.
Ein Patient, den ich bestens kenne, muss ich weiterleiten zu einem Ausfüll-Spezialisten, der wenn er es ernst nimmt, erst einmal Akten wälzen darf, und wenn er es sehr ernst nimmt, einbestellt.

#7 |
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Silke
Silke

Zuersteinmal ist es ja schon fast erfrischend, dass sich übehaupt jemand Gedanken über den viel zu hohen Zeitaufwand bezüglich der Bürokratie macht. Sie sind alle Ärzte und Therapeuten wärend der gesammte Aufwand doch ehrlicherweise an den MFAs und Praxismanagern hängen bleibt. Sollte dies nicht der Fall sein überdenken Sie Ihre Position. Zu häufig wird gejammert obgleich die vollkommen überlasteten Mitarbeiter in den Praxen sehr viel mehr unter der Bürokratie leiden. Ohne Frage halten Sie ihre Köpfe hin, nur erwarten Sie eben auch perfekte Kenntnisse aller administrativen Arbeiten, Richtlinien, Leitlinien, Gesetzmäßigkeiten, Änderungen von Ihren Mitarbeitern abrufen zu können. Mal ehrlich, wer von Ihnen hat denn tatsächlich die Arbeit mit der Bürokratie?

#6 |
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Der schlimmste unsinnige Zeitdieb ist Qualitätsmangement !
da sehen viele Formulare völlig harmlos aus…
und zumeist ändert sich im Alltag einer gut eingespielten Praxis dadurch nur wenig

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Dr. med. Uwe Popert
Dr. med. Uwe Popert

Bürokratie ist auch das, was nur aufgrund bürokratischer Vorgaben von Ärzten bearbeitet werden muss.
Die meisten Patienten mit Migräne, Durchfall, Menstruationsbeschwerden, Grippe gehören eigentlich ins Bett und nicht ins Wartezimmer.
Aber die politische Vorgabe der AU-Richtlinie mit Recht der Arbeitsgeber auf eine AU ab dem ersten Tag zwingt sie dazu. Und die deutschen Ärzte zu einer Bearbeitung von Patientenzahlen nötigt, die in vergleichbaren Industrieländern einmalig ist.
Wenn man das dazurechnet, ist die Bürokratie um ein Vielfaches höher!
Dr. Uwe Popert
Sprecher der DEGAM Sektion Versorgung

#4 |
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Das ist der Grund, warum ich meine Zahnarztpraxis jetzt (bin knapp 50 Jahre alt) verkauft habe und zukünftig wieder als angestellter Zaharzt arbeite.

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Psychotherapeut

Berichtswesen in psychosomatischen Kliniken und Suchtkliniken: Wir haben wie am Fließband völlig überkandidelte Abschlußberichte und Verlängerungspamphlete für Rentenversicherung und Krankenkassen produziert. Es gab in manchen Klinik-Firmen eine rote Liste von Therapeuten, die mit Berichten im Verzug waren. Geschätzte tägliche Berichtszeit: 50%. Die Patienten dienten dabei als Informationsbeschaffer für das Berichtswesen. Ich hatte ständig Druck, den Kram fertig zu kriegen und Ärger auf die nörgelnden Kontrollaffen von MdK und KK-Sachbearbeiter. Krisenpatienten, die da nicht ordentlich mitspielten stauten den Berichtsproduktionsablauf und erzeugten damit Stressdruck. Gestresste Therapeuten, die sich von ihren Patienten bei der Berichtspflicht gestört fühlen, sind schlecht für die Behandlung. Ein Patient bezeichnete mich mal enttäuscht als Seelenverwalter. Er hatte es genau erkannt und leider recht. Ich wußte genau, was die hören wollten, damit eine Verlängerung durchging oder damit der MdK Prüfer später nicht die Zahlung verweigerte. Dazu gab es Schulungen. Bestimmte Schlagwörter und Diagnosen mussten im Bericht auftauchen, z.B. suizidal, Krise, Stabilisierung kam immer gut für ‘ne Verlängerung. manchmal hatte ich Abschlußberichte schon vorgeschrieben, um dann später mehr Zeit für Patienten zu haben oder wenn ich in Urlaub wollte. Die Qualität der eigentlichen Behandlung ist den Kontrollettis völlig egal, solange der erfundene Berichtspatient und der erfundene therapeutische Verlauf und die Aufenthaltsdauer zusammenpassen. Ich bin froh, dass ich da erstmal raus bin.

#2 |
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Ärztin
Ärztin

Verordnung von Heilmitteln: ..zig Verschlüsselungen, die richtigen zu finden
kostet Zeit. Da ich in der Vergangenheit häufig falsch verschlüsselt habe, droht mir jetzt ein Regress von über 30 000 Euro. Sollte das Wahrheit werden kann
ich arbeiten bis ich 70 bin ( z. Z. noch 62 ) oder Insolvenz anmelden.
Auch ein Grund, warum sich junge Ärzte nicht gern aufs Land verirren, wo ich seit 25 Jahren praktiziere.
Sowas macht richtig Spaß!!!

#1 |
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