Taut mich auf, wenn die Medizin so weit ist

1. Dezember 2016
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Der Tod ist für manche nicht das Ende – das ist in diesem Fall nicht spirituell gemeint. Kryoniker lassen sich nach dem Ableben einfrieren, um eines Tages aufzutauen und weiterzuleben. Eine 14-jährige Britin setzte nun, kurz bevor sie an Krebs starb, den Antrag auf Kryonik gerichtlich durch.

Vor fast zwei Monaten erfüllte das Gericht den Wunsch einer 14-jährigen Britin, nach ihrem Tod kältekonserviert zu werden. Das Mädchen verstarb kurz darauf an Krebs, ihre Leiche befindet sich jetzt in einem Thermosbehälter in den USA.

Antrag auf Einfrieren

„I have been asked to explain why I want this unusual thing done.
I am only 14 years old and I don’t want to die but I know I am going to die.
I think being cryopreserved gives me a chance to be cured and woken up – even in hundreds of years’ time.
I don’t want to be buried underground.
I want to live and live longer and I think that in the future they may find a cure for my cancer and wake me up.
I want to have this chance.
This is my wish.“

Das ist der Brief, den ein 14-jähriges krebskrankes Mädchen aus England an das britische Gericht verfasste. Am siebten Oktober dieses Jahres wurde entschieden, diesen letzten Wunsch zu erfüllen. Zehn Tage später starb die Britin und ihre Leiche wurde direkt in die Vereinigten Staaten transportiert, um dort kältekonserviert zu werden.

Wie Kryonisten in die Zukunft blicken

Das Konzept der Kryonik: Ein toter Körper wird eingefroren und zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgetaut – dann, wenn die Medizin so weit fortgeschritten ist, dass man Krankheiten, die im Jetzt nicht therapierbar sind, heilen kann. Das ist eine Art der Zukunftsplanung, die immer mehr Anhänger findet.

Dabei wird der Körper nach dem Tod bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff konserviert. Dadurch wird die Verwesung verhindert und es besteht theoretisch die Möglichkeit, irgendwann reanimiert zu werden. Die Leichen werden in riesigen Thermosbehältern aufbewahrt. Nicht alle Kunden haben den Wunsch oder das Geld, den ganzen Körper einfrieren zu lassen. Vielen reicht auch der Kopf, denn im Idealfall ist es in der Zukunft möglich, den Körper aus den Gehirnstammzellen neu zu züchten.

Goodbye Deutschland

Auch wenn das Verfahren in Deutschland (noch) nicht zugelassen ist – Kryonisten gibt es auch hierzulande. So wie beispielweise Torsten Nahm. „Kryonik ist wie ein Krankentransport in die Zukunft,“ sagte er in einem Interview. Der 37-jährige Mathematiker ist überzeugt davon, dass man den Tod überlisten kann, indem man sich einfriert und zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Medizin so weit ist, auftaut und weiterlebt.

Weltweit gibt es ungefähr 2.000 Menschen, die das genau so sehen. Nahm investiert 60.000 Euro in die Idee, das Geld geht an die Alcor Life Extension Foundation. Sie ist eine der größten Stiftungen in den USA, die diesen Service anbietet und sich nach Nahms Tod um die Umsetzung kümmert.

Eingekühlt seit 1964

Dort ist auch James Bedford untergebracht, der erste Mann, der jemals eingefroren wurde – 1964, auf eigenen Wunsch, nachdem er an einem Nierentumor gestorben war. Der Psychologie-Professor hatte sich lange mit der Thematik beschäftigt und hinterließ der Nachwelt sein mittlerweile weltbekanntes Buch „Die Aussicht auf Unsterblichkeit“.

Konzept auf dünnem Eis

Für Eckhard Nagel ist Kryonik Science Fiction und ein Geschäft mit der Hoffnung. Der Transplantationsmediziner sitzt im Ethikrat des Bundestags und im Präsidiumsvorstand des Deutschen Evangelischen Kirchentags. „Manche Menschen denken, nur die Materie mache sie aus. Kulturhistorisch ist das eine starke Verarmung,“ äußert er am Konzept Kritik.

Sci-Fi oder ferne Realität?

Auch wenn es sich im Fall der 14-Jährigen Britin um einen Spezialfall handelt – dass ihr Antrag auf das Konservieren ihres Leichnams stattgegeben wurde, ist ein historischer Schritt in Europa. Ob der Plan der Kryoniker tatsächlich irgendwann aufgeht? Aus heutiger Sicht lässt sich die Frage weder mit einem klaren Ja noch mit einem endgültigen Nein beantworten.

27 Wertungen (4.22 ø)

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7 Kommentare:

Gast
Gast

#5: Niveau ist keine Creme…

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Gast
Gast

Hey,

es gibt kein Wissen, aber Wahrscheinlichkeit, und nach der richten wir uns auch jetzt schon. Alles andere wäre naiv. Vielleicht solltet ihr euch ein bisschen rein lesen?

https://www.bookrix.de/_ebook-kristjan-knall-transhumanismus-on-ice/

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Jens Rabis @Jens_Rabis
Jens Rabis @Jens_Rabis

Seelen-Gläubige und Kryonik-Gläubige sollten es tunlichst vermeiden mit Glauben über Glauben zu diskutieren. Es gibt keinen BESSEREN Glauben. So nach dem Motto man glaubt es besser zu „wissen“. Nein den gibt es nicht, denn Glauben heißt Glauben, weil es KEIN Wissen ist.

Niemand hat ein größeres Interesse an nachhaltigen Frieden, Welt-Wohlstand, Wiederauferstehungstechnologien und der Besiedlung des Weltraums als ein Kryoniker.

Kryoniker bezahlen es selbst, es ist ihr freier Wille. Dass diese es als im Idealfall schnell gekühlt mit Totenschein tun müssen, anstatt schon im unumkehrbaren Sterbeprozess, haben diese anderen Gläubigen zu verdanken…

Kinder können sich nicht aussuchen in welche Welt, mit welchem Aussehen und zu wem sie geboren werden. Eventuell technologische wiederauferstandene Kryoniker können das sehr wohl.

Warum?

Wäre die zukünftige Welt dem Individuum feindlich gesinnt, würde man sie bestatten und deren Privateigentum stehlen. Tut man es nicht, und holt sie gesund und fast-unsterblich gemacht wieder heraus, haben sie den Jackpot!

Wie viele von Ihnen – liebe Leser – zahlen Kirchensteuer an eine ZUSÄTZLICH staatlich subventionierte Einrichtung, spielen Lotto oder rennen dem Neu-NEU-Konsum hinterher?

Wie verzweifelt sind Sie manchmal in dem Wissen das derzeitige Flucht und Opfer dem Energie-Krieg geschuldet sind?

Was konsumieren Kryoniker? Im Idealfall selbst bezahlten Ökostrom für die Herstellung von Flüssigstickstoff und sonst nicht mal Toilettenpapier, geschweige denn Erdöl und Erdgas.

Last Kryonik-Gläubige in Frieden ziehen. Ich zolle denen meinen Respekt…
die Hoffnung stirbt zuletzt!

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M. E. Geschäftemacherei und “böses Spiel” mit den Gefühlen, Emotionen und Trauerreaktionen von Betroffenen, Angehörigen und sozialem Umfeld. Denn nicht nur der Verlust einer geliebten Person ist mit ihrem Tod entscheidend besiegelt, sondern schmerzhaft sind ganz besonders die Lücken, die dadurch in unserer Gesellschaft aufreißen und die Narben, die er/sie hinterlassen.
An eine realistische, aufgeklärte und ehrliche Kryonik glaube ich erst, wenn eingefrorene Hühnchen aufgetaut werden können, und wieder ihre Körner picken??? Doch dazu gibt es nicht mal ansatzweise wegweisende Grundlagenforschungen, sondern nur SciFi.
Ich kann Prof. Dr. med. Eckhard Nagel, dem Transplantationsmediziner im Deutschen Ethikrat und Präsidiumsvorstand des Deutschen Evangelischen Kirchentags nur zustimmen.
Und Torsten Nahm, dem 37-jährige Mathematiker, kann ich nur empfehlen, die 60.000 Euro seinen Kindern zu schenken, sofern er welche haben möchte. Alternativ sollte er das Geld “Médicines sans Frontières” spenden, statt sich zu erkälten!

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Ärztin

Ein “schöner” Traum, für das 14jährige Mädchen und vielleicht ein Trost für die Eltern…aber wirklich zum Guten machbar?
Wer schon Menschen hat sterben sehen, weiß oder ahnt es zumindest, dass es kurz nach dem physischen Tod noch eine weitere , elementare Veränderung an dem toten Körper zu erkennen ist…..als würde ein nichtphysisches Medium den Leichnam verlassen.Der tote Körper sieht ganz plötzlich aus, wie eine leere Hülle, als wäre etwas beseelendes entwichen.
Es gibt den altbekannten Brauch, nun im Sterbezimmer die Fenster weit zu öffnen….damit die Seele hinaus kann?
Wo ist in einem toten eingefrorenem Körper das Beseelende?
Oder kann man von dem tatsächlich umsetzbaren Einfrieren und Wiederbeleben befruchteter Eizellen auf ein ebeso wiederbelebendes Prozedere bei einem verstorbenen Menschen schliessen?

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S. Pfaue
S. Pfaue

“Das Konzept der Kryonik: Ein toter Körper wird eingefroren und zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgetaut – dann, wenn die Medizin so weit fortgeschritten ist, dass man Krankheiten, die im Jetzt nicht therapierbar sind, heilen kann.”

Eine bisher nicht heilbare Krankheit in der Zukunft heilen zu können ist etwas anderes, als Tote wieder zu erwecken.
Klingt für mich danach, die eigene Endlichkeit nicht akzeptieren zu können.

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