Zwicken im Rücken? Zack zum Röntgen!

24. November 2016
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85 Prozent der Rückenschmerzen gelten als medizinisch unkompliziert und bildgebende Diagnostiken sind deshalb nur selten vonnöten. Dennoch greifen viele Ärzte darauf zurück und veranlassen pro Jahr sechs Millionen Bildaufnahmen. Patienten werden dadurch eher verunsichert.

Jeder fünfte gesetzlich Versicherte geht mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt – 27 % davon suchen sogar vier Mal oder öfter einen Arzt auf. Von den jährlich mehr als 38 Millionen rückenschmerzbedingten Besuchen bei Haus- oder Fachärzten und den dabei veranlassten sechs Millionen Bildaufnahmen wären viele vermeidbar. Zu diesem Schluss kommt die Studie „Faktencheck Rücken“ der Bertelsmann Stiftung.

Wenn es um Rückenschmerzen geht, ist jeder Zweite (rund 52 %) überzeugt davon, dass man immer einen Arzt aufsuchen muss. 60 % der Bevölkerung erwarten außerdem schnellstens eine bildgebende Untersuchung. Und mehr als zwei von drei Personen, rund 69 %, sind der Meinung, dass der Arzt durch Röntgen-, Computertomografie- (CT) und Magnetresonanztomographie-Aufnahmen (MRT) die genaue Ursache des Schmerzes findet.

Unnötig viele Bildaufnahmen

Ein Trugschluss: Ärzte können gerade einmal bei höchstens 15 % der Betroffenen eine spezifische Ursache für den Schmerz feststellen. Die meisten Bilder verbessern oft also weder Diagnose noch Behandlung von Rückenschmerzen.

Die falschen Erwartungen der Patienten rücken Ärzte häufig nicht zurecht. Dadurch kommt es neben übermäßig vielen Arztbesuchen auch zu unnötig vielen Bildaufnahmen. Allein 2015 haben Ärzte über sechs Millionen Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen vom Rücken veranlasst. „Oft werden die Befunde der Bildgebung überbewertet. Dies führt zu unnötigen weiteren Untersuchungen und Behandlungen, zur Verunsicherung des Patienten und kann sogar zur Chronifizierung der Beschwerden beitragen“, so Prof. Dr. Jean-Francois Chenot von der Universität Greifswald und medizinischer Experte für den Faktencheck.

Die bildgebende Diagnostik erfolgt zudem oft vorschnell. Bei 22 % wurde eine Aufnahme vom Rücken bereits im Quartal der Erstdiagnose angeordnet. Bei jedem zweiten Betroffenen wurde ein Bild veranlasst, ohne vorher einen konservativen Therapieversuch, zum Beispiel mit Schmerzmitteln oder Physiotherapie, unternommen zu haben.

47 % wird ein „verschlissener“ Rücken vermittelt

Fakt ist: 85 % der akuten Rückenschmerzen gelten als medizinisch unkompliziert und nicht spezifisch. Ärztliche Leitlinien empfehlen bei Rückenschmerzen ohne Hinweise auf gefährliche Verläufe, beispielsweise Wirbelbrüche oder Entzündungen, körperliche Aktivitäten so weit wie möglich beizubehalten, Bettruhe zu vermeiden und keine bildgebende Diagnostik durchzuführen. Ärzte weichen von diesen wissenschaftlichen Empfehlungen jedoch häufig ab.

So wird 43 % der Betroffenen Ruhe und Schonung empfohlen. Zudem verstärken Ärzte oft das Krankheitsgefühl der Betroffenen, anstatt sie zu beruhigen. 47 % der Betroffenen wird vermittelt, dass der Rücken „kaputt“ oder „verschlissen“ sei. „Ärzte müssen falsche Kenntnisse und Erwartungen von Patienten korrigieren. Nur so werden sie ihrem eigenen Anspruch als vertrauenswürdige Experten gerecht“, so Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Betroffene mit Rückenschmerzen gehen in Berlin oder Bayern viel häufiger zum Arzt als in Hamburg, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. Die Zahl der Behandlungsfälle pro 1.000 Versicherten und Jahr variiert auf Bundeslandebene zwischen 370 in Hamburg und 509 in Berlin.

Verordnungen variieren zwischen Bundesländern

Auf Kreisebene gibt es Unterschiede um mehr als das Doppelte: So betrug die durchschnittliche Anzahl von Behandlungsfällen je 1.000 Versicherten in den Jahren 2009 bis 2015 in den Kreisen Ostprignitz-Ruppin (BB) und Rotenburg/Wümme (NI) nur 306, im Werra-Meißner-Kreis (HE) dagegen 711 und in Dingolfing-Landau (BY) sogar 730 Fälle. Auch Ärzte agieren regional sehr unterschiedlich: Zwischen den Bundesländern variieren die Verordnungen von Röntgen-, CT-, und MRT-Aufnahmen um bis zu 30 Prozent. In manchen Stadt- und Landkreisen werden sogar doppelt so viele Aufnahmen veranlasst wie anderswo.

„Die gründliche körperliche Untersuchung und das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient müssen wieder mehr Gewicht erhalten“, fordert Mohn. Dafür bedarf es Korrekturen im ärztlichen Vergütungssystem. So müssen Gespräche im Verhältnis zu technikbasierten Untersuchungen besser bezahlt werden.

Internationale Beispiele zeigen des Weiteren, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, unnötige und im Zweifelsfall gesundheitsschädliche Aufnahmen zu reduzieren: In Teilen Kanadas erhalten Ärzte seit 2012 keine Vergütung mehr, wenn sich herausstellt, dass Bildaufnahmen veranlasst wurden, obwohl kein gefährlicher Verlauf der Rückenschmerzen erkennbar war. In den Niederlanden setzt man auf striktere Zugangsbeschränkungen zu Röntgen-, CT- und MRT-Geräten.

Originalartikel:

Volksleiden Rückenschmerzen: Patienten überschätzen Bildaufnahmen, Ärzte verstärken zu hohe Erwartungen
Bertelsmann Stiftung; Pressemitteilung; 2016

21 Wertungen (4.19 ø)

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8 Kommentare:

Gast
Gast

Vlt. Wäre es sinnvoll, erst mal den Vit-D-Spiegel zu messen?
Billiger wäre es jedenfalls.
http://www.bdn-online.de/index.php?id=118&tx_ttnews%5Btt_news%5D=184&cHash=d80c09acd38047c5da4d5524c47db8a9

#8 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Biologie/Chemie

Natürlich gibt es immer wieder Beispiele, wo das Röntgen sinnvoll war. Aber insgesamt wird m. E. zu viel geröntgt. Daran ist der Mensch nicht gewöhnt und es geht doch auch um Mutationsvermeidung für die Nachkommen.
Zumindest sollte der Strahlenschutz ernster genommen werden. Bleischürze, Hodenschutz, Bleihaube wären einfach anzuwenden !

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Bei mir wurde 2005 ein Bandscheibenvorfall übersehen. Das Ende waren Not-OP, eine zurückgebliebene Lähmung, neuropathische Schmerzen und Berentung. Mit einem rechtzeitigen MRT hätte ich rechtzeitig operiert werden können. ( Nein, ich habe damals auch nicht geklagt. Ich war viel zu geschockt und hatte anderes zu tun). Allerdings: Mir ist oft aufgefallen, dass gerade jüngere Ärzte ungern Patienten anfassen. Sie sind auf die Bildgebung angewiesen.
Ältere, erfahrene Orthopäden können auch mit einer körperlichen Untersuchung ( und ja, da muss sich der Patient vorher langsam und evtl. unbeholfen freimachen) mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Bandscheibenvorfall ausschließen, da gibt es Tests.

#6 |
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Gast
Gast

Ich bin 4 Jahre lang mit einem extrem schmerzhaften Gleitwirbel herum gelaufen, bevor endlich ein RÖ-Bild gemacht und eine Diagnose erstellt wurde. Kann ja sein, dass mancher Patient überbehandelt wird – für chronisch kranke Kassenpatienten gilt das eher nicht.

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Dr. med. Michael Steinhaus
Dr. med. Michael Steinhaus

Der Richter ist in der Verhandlung anderer Meinung ” Warum haben Sie kein Röntgenbild gemacht, Sie haben doch eine Anlage! Sie hätten dem Patienten 6 Wochen früher die richtige Diagnose stellen können! Haben Sie denn nicht daran gedacht, dass ein Tumor oder eine Entzündung dahinter stecken kann. Zur fachgerechten Diagnostik gehört der Ausschluß gefährlicher Veränderungen mit der Einleitung einer zeitigen Therapie.
Hier werden wir leider von den Juristen nicht geschützt.
Dr. med. M. Steinhaus

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BITTE ETWAS BERTELSMANN-KRITISCHER!
Wenn Brigitte Mohn als Vorstand der Bertelsmann Stiftung fordert: “Ärzte müssen falsche Kenntnisse und Erwartungen von Patienten korrigieren. Nur so werden sie ihrem eigenen Anspruch als vertrauenswürdige Experten gerecht”, wird das durch den Bertelsmann-Konzern selbst konterkariert!

Denn nicht nur der Bertelsmann Medienkonzern weckt multimedial, per EDV, TV und Print mit äußerstem Nachdruck auf allen Kanälen unerfüllbare Erwartungs- und Forderungshaltungen seitens unserer Patientinnen und Patienten: Jederzeit, Tag und Nacht müsse den schmerzgeplagten Rücken-Erkrankten sofort und immer wieder maximal geholfen werden, notfalls unter Einsatz des gesamten medizinisch-technischen und pharmazeutisch-therapeutischen Arsenals.

In sensationslüsterner Berichterstattung mit fortgesetztem Ärzte-Bashing ist da kein Platz für “chosing wisely”, Medizin mit Augenmaß und Verantwortung bzw. ganzheitliche Betrachtungsweisen. Da werden lieber “red flags” geschwenkt, und der Arzt verklagt, weil er nicht mehr zum 4-wöchentlichen Komplettcheck mit Röntgen, MRT/CT und Intervention nach Patienten- und Dr. Googles Wünschen bereit ist!

Mein Beispiel aus der Praxis: Gestern kam in meine Vormittagssprechstunde noch vor den Hausbesuchen ein junger Mann, E. Z., 19. LJ, Abitur, Ausbildung zum pharmazeutisch-technischen Assistenten (PTA) begonnen, und klagte über bei längeren Sitzen zunehmende Steißbein-, Sitzbein- und Rücken-Beschwerden. Wegen der Heftigkeit seiner Schmerzen war er tags zuvor in einer Krankenhaus-Ambulanz, wo eine proktologisch-chirurgische Allgemein-Untersuchung keine Auffälligkeiten ergab. Der chirurgische Klinikkollege bat, Röntgen-, MRT- und orthopädische Untersuchungen beim Hausarzt/Orthopäden zu veranlassen, wegen Verdachts auf Kokzygodynie – Coccygodynia (M53.3+V).

Mit 5 Jahren war mein Patient jedoch an einer Akuten lymphatischen Leukämie (ALL) erkrankt. Im 8. LJ hatte er ein ALL-Rezidiv, nach onkologischer Therapie bis heute rezidiv-frei. Meine routinemäßig erst vor kurzem vorgenommenen klinischen und laborchemischen Untersuchungen ergaben bis auf eine Infekt-Anfälligkeit für virale und bakterielle Infektionskrankheiten keine Auffälligkeit. Doch wie sollte man hier verfahren? Ist das wirklich ein unkomplizierter, banaler Rückenschmerz, ein harmloser Steißbeinschmerz, durch ungewohnt langes Sitzen verursacht? M. E. darf man bei dieser hochsignifikanten Anamnese, beim Risiko einer Spätkomplikation oder gar eines ALL-Rezidivs nicht untätig bleiben!

Doch nun zurück zur Bertelmann-Studie und den DocCheckNews:

1. Die Originalfassung ist unter
https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_VV_FC_Ruecken_Behandlungsfaelle-Bildgebung.pdf
nachzulesen.

2. Die Studienautoren PD Dr. med. Frank Andersohn und Dr. med. Jochen Walker vom Institut für angewandte Gesundheitsforschung Berlin (InGef) sind m. E. rein privatwirtschaftlich für die Bertelsmann Stiftung tätig gewesen.

3. Privatdozent Dr. med. Frank Andersohn von “Frank Andersohn Consulting & Research Services” und Dr. med. Jochen Walker (InGef) sind damit selbstständige Unternehmer.

4. PD Dr. med. Frank Andersohn ist nur “Gastwissenschaftler“ am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité Universitätsmedizin Berlin.

5. Der angegebene Kontakt zur Autorenschaft ist “InGef – Institut für angewandte Gesundheitsforschung Berlin GmbH Spittelmarkt 12 10117 Berlin Telefon: +49 30 21 23 36-470 jochen.walker@ingef.de

6. © 2016 Bertelsmann Stiftung – Project Manager sind Eckhard Volbracht [ohne Angaben], und Marion Grote Westrick [Studium Volkswirtschaft (Diplom) Trier, Lissabon (1999)]

7. Der Autor vom ergänzenden “Faktencheck Rücken – Einstellungen, Erfahrungen, Informationsverhalten – Bevölkerungsumfrage zum Rückenschmerz” der Bertelsmann Stiftung ist der pensionierte Dr. phil. Gerd Marstedt, zuletzt wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen (1997 – 2011), z. B. mit Forschungen zum Thema “Musikergesundheit”.
https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_VV_FC_Ruecken_Befragung.pdf

Leserinnen und Leser von DocCheckNews können sich dazu bitte nun Ihr eigenes Urteil bilden.

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Gast
Gast

#1 Ich stimme Ihnen absolut zu. Leider wissen es die (Ärzte offenbar) selber nicht genau. Auf Anfrage erhält der Röntgenpflichtige von OPG über Thorax bis LWS eine standartantwort. “Wie oft fliegen Sie nach Malle” ?..da hamse bereits mehr getankt als auf underern hochmodernen Diggiautomaten. Was soll ein Laie dem entgegensetzen..? es ist wie es ist, leider teilweise sehr traurig und nicht ungefährlich ohne Röntgenpass und Aufklärung!

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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Es sollten die jeweiligen Belastungsdosen konkret in Sievert oder Röntgen auch dem Patienten angegeben werden müssen. Dann wäre man vielleicht vorsichtiger.

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