Transplantationsskandal: Einer vor dem anderen

22. November 2016
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Die Hamburger Uniklinik steht im Verdacht, Patientendaten manipuliert zu haben. So sollen die Wartenden im Ranking nach oben gerutscht sein. Die Uniklinik streitet die Vorwürfe ab und betont, niemand habe Schaden genommen.

In Deutschland warten mehr als 10.000 schwer kranke Menschen auf die Transplantation eines Organs, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) berichtet. Für diese Menschen ist die Transplantation die einzige Möglichkeit, um zu überleben oder die Lebensqualität erheblich zu verbessern. Noch immer gibt es allerdings zu wenige, die bereit sind, ihre Organe nach dem Tod zu spenden.

Um den Patienten daher auf der Warteliste ein paar Plätze nach oben zu schieben, manipulieren Kliniken immer wieder die Daten ihrer Patienten. Fälle aus Göttingen, Regensburg und München wurden bekannt – nun soll es in Hamburg einen neuen Transplantationsskandal geben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt laut NDR, weil in 14 Fällen des Universitätsklinikums (UKE) und der LungenClinic Großhansdorf Unregelmäßigkeiten aufgetaucht sind.

Nach Informationen des Hamburger Abendblatts hat eine Kommission der Bundesärztekammer, der Krankenkassen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft die Befunde über die mutmaßlichen Manipulationen bereits an die Behörden übergeben. Die Kommission schreibt in ihrem Bericht von „erheblichen Dokumentationslücken und klinisch ungeklärten Fragestellungen“. Die Sauerstoffsättigung soll bei 14 Patienten zwischen 69 und 75 Prozent gelegen haben, „was über Wochen und Monate selbst bei Gesunden nicht mit dem Leben vereinbar ist“.

Klinik streitet Vorwürfe ab

Die Klinik weist die Vorwürfe von sich. In einer Stellungnahme heißt es: „Das UKE in Kooperation mit der LungenClinic Großhansdorf erkennt berechtigte Kritikpunkte aus dem Prüfungsbericht an, betont aber, dass es keinerlei Anhaltspunkte für Eingriffe in die Rangfolge von Patienten auf der Transplantationsliste gibt. […] Im Bericht der Prüfungs- und Überwachungskommission werden 14 von 25 Fällen beanstandet. Bei der genauen Prüfung der Einzelfälle zeigten sich im Bericht letztlich zwei Fälle mit möglicher Relevanz für die Warteliste. Diese Fälle wurden aktiv der Prüfungs- und Überwachungskommission bei ihrer ersten Visitation mitgeteilt.“

Das UKE macht unterschiedliche Dokumentationssysteme in den beiden Krankenhäusern dafür verantwortlich, dass der Kommission Akten fehlen – im UKE gibt es elektronische Patientenakten, in Großhansdorf wird alles auf Papier dokumentiert.

Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO kann den Vorwürfen dennoch etwas Positives abgewinnen und kommentiert in einer Stellungnahme: Die Manipulationsvorwürfe seien erschütternd. „Gleichzeitig zeigen sie jedoch auch ganz deutlich, dass die konsequente Aufarbeitung der Vorfälle und die Kontrolle der Transplantationszentren ihre Wirkung zeigen.“

Manipulationen sind keine Seltenheit

Gesetzesverstöße, wie sie wahrscheinlich in Hamburg stattgefunden haben, aber auch in Göttingen, Regensburg und München passiert sind, scheinen keine Ausnahme zu sein, wie auch Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz dem Hamburger Abendblatt berichtet:  „Manipulationen bei allen Organverteilungen waren über Jahrzehnte an der Tagesordnung. Von Nord nach Süd sind die meisten Verantwortlichen noch immer in Amt und Würden.“ Für Patienten seien die Vergabekriterien undurchsichtig und die Konkurrenz der Transplantationszentren habe sich verschärft.

11 Wertungen (3.09 ø)

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5 Kommentare:

Gast
Gast

Klärt die Leute mit einer vernünftigen Kampagne besser auf! Das sind viele Vorbehale auch ausgeräumt!

#5 |
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Ärztin
Ärztin

… ganz zu schweigen von der ständigen Angst dass ein simpler Schreibfehler meinerseits den Patienten sein Organ und meine Klinik ihren guten Ruf kosten könnte…

#4 |
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Ärztin
Ärztin

Ehrlich gesagt ist der Bericht etwas undifferenziert und voller Halbwissen. Schnappen Sie sich doch einmal ein Pulsoxymeter und messen Sie in irgendeinem Heim oder einer Klinik die SPO2 an den Fingern vieler herz- und lungeninsuffizienter, hypotoner Patienten. Da bekommen Sie oft Werte von 75% oder weniger! Und das ist durchaus mit dem Leben vereinbar, denn die periphere SPO2 ist viel zu ungenau > dafür bräuchte es eine Blutgasanalyse! Dass solche Werte überhaupt als Kriterium verwendet werden ist ein Witz und das kann man keiner Klinik anlasten!

Letztendlich schiebt man die Schuld also nach eingehender Prüfung auf Dokumentationsprobleme und es bleiben nur 2(!) Patienten bei denen sich “möglicherweise” die Rangfolge geändert hat, was auch erst noch überprüft werden muss…
Aber bevor irgendetwas bewiesen wurde schonmal lauthals aufschreien und mit reisserischen Schlagwörtern wie “Manipulation” und “Skandal” um sich werfen, so kennen wir die Presse…

Kein Zweifel: durch die BEWIESENEN Manipulationen der Vergangenheit wurde immenser Schaden angerichtet, so etwas darf nie wieder passieren. Aber das was hier die Presse macht richtet einen weiteren nicht wiedergutzumachenden Schaden an > immer mehr Menschen entscheiden sich gegen eine Spende weil ihnen der Eindruck vermittelt wird, die behandelnden Ärzte verhielten sich unlauter und stünden einer gerechten Verteilung der Organe im Weg. Tatsächlich ist es so dass die Vergabekriterien an sich höchst fragwürdig sind und mit Gerechtigkeit nicht das geringste zu tun haben.
Ich selbst bin froh nicht in einer dieser Kliniken arbeiten zu müssen und tagtäglich in die Gesichter derjenigen blicken zu müssen die vergeblich auf ein Organ warten, weil sie die irrsinnigen Vergabekriterien und die Unwissenheit und Angst der Spendeverweigerer jahrelang auf der Liste hoch und wieder runter rutschen lassen…

#3 |
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Es ist eine Schande, was in so einem hochsensiblen Bereich für Praktiken gedeihen und welcher gesellschaftliche Schaden dadurch entsteht.

Wenn bei für einem für eine Transplantation gelisteten Patienten über lange Zeit solche eigentliche tödlichen Werte dokumentiert und auch übermittelt werden fragt man sich, wie blöd man überhaupt sein kann.

Das gilt für beide Seiten: Der Arzt, der solche Werte produziert und übermittelt und die Leute bei Eurotransplant, die solche Werte über einen längeren Zeitraum akzeptieren ohne Fragen zu stellen.

Interessant wäre der Vergleich mit ähnlich kranken Patienten der selben Station, die aber nicht für eine Transplantation geleistet sind um systematische Fehler auszuschließen.

Sowas darf an deutschen Kliniken eigentlich nicht passieren. Trotzdem sollte der Gesetzgeber doch mal die Eier in der Hose haben und eine Widerspruchslösung bei der Organtransplantation einführen.

#2 |
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dokuet
dokuet

Es ist schon längst makaber was da alles “als neue wichtige INFO.” über die Presse an die Öffentlichkeit “weitergegeben” wird, obwohl noch keine gesicherte Datenlage existiert! Selbst vor Schmutzkampagnien schreckt man nicht zurück, um den Vorteil der Erstveröffentlichung für sich zu rekrutieren, perfide!
Andererseits ertönen täglich Aufschreie wegen der “sinkenden Spenderzahlen”. Bei solch miesen Machenschafften kein Wunder. Bei hochsensiblen Themen sollten die Verantwortlichen der Kliniken, der Presse und “anderer Öffentlichkeitsarbeiter” zu höchster Sorgfalt, ggf. auch unter Strafandrohung, verpflichtet werden. Unser Organspendesystem läuft Gefahr immer mehr in den Schmutz gezogen zu werden und die Leidtragenden sind die unterversorgten Organempfänger. Viele Kliniken nehmen durch solche “Kampagnien” erheblichen Dauerschaden für die Mitarbeiter und den Ruf der Kliniken. Nicht selten kommt es auch schon zum Abwandern hochqualifizierter Operateure (s. UKL) und langen Versorgungsdefiziten.
Für alle Beteiligte ist SELBSTDISZIPLIN angezeigt!
MfG

#1 |
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