Disease Mongering: Pille sucht Krankheit

23. November 2016
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Es gibt Krankheiten, die sind eigentlich keine – trotzdem werden sie im großen Stil behandelt. So therapieren Ärzte plötzlich Prädiabetes und verschreiben Hormone in der Andropause. Die Pharmaindustrie erfindet Leiden, um mehr Medikamente zu vermarkten.

Immer wieder wird die Pharmaindustrie dafür kritisiert, sich ihren eigenen Markt zu schaffen, indem sie neue Leiden erfindet die eigentlich nicht therapiebedürftig sind. Disease Mongering nennt man ein solches Vorgehen in der Fachwelt. Aber woran sind erfundene Krankheiten zu erkennen, wenn die Grenzen zwischen gesund und krank ja oft genug fließend verlaufen?

Ingrid Mühlhauser ist Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Universität Hamburg und Vorsitzende des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (DNEbM). „Disease-Mongering ist seit vielen Jahren ein Problem‟, sagt sie. Mühlhauser nennt zwei Voraussetzungen für eine behandlungswürdige „echte‟ Krankheit. Erstens: Es müssen relevante pathopysiologische Veränderung oder Symptome vorliegen, denen man einen Krankheitswert beimessen kann. Zweitens, und nicht zu vergessen: Es muss genügend Evidenz dafür geben, dass eine Behandlung deutlich mehr nützt als schadet.

Willkürliches Ändern von Werten

Wenn nicht beide Voraussetzungen erfüllt sind und trotzdem im großen Stil eine Behandlung beworben und durchgeführt wird, könne man von einem Disease Mongering sprechen. Oft werde Symptomen künstlich Relevanz verliehen, indem man ihnen einen neuen Namen gibt. Ein im oberen Normalbereich liegender Blutzuckerspiegel gelte dann plötzlich als Prädiabetes: „Dabei wurden die Grenzwerte immer weiter abgesenkt. Und beweisen, dass eine frühe Senkung des Blutzuckerspiegels hilft, konnte man bis heute nicht‟, sagt Mühlhauser.

Das willkürliche Verändern von Werten, die Krankheiten definieren, sei ein typisches Beispiel für Disease Mongering. So sei auch der Grenzwert für Bluthochdruck seit den 80er Jahren mehrfach gesenkt worden – womit man jedes mal Millionen von Menschen neu als behandlungsbedürftig einstufte. Nachdem es aus der Fachwelt Kritik gehagelt hatte, wurde der Wert dann wieder leicht angehoben, auf die heute gültigen 140/90 mmHg, die mehrmals zu messen sind. Sowohl bei Bluthochdruck als auch bei den Blutzuckerwerten gebe es inzwischen Belege dafür, dass eine beständige Absenkung der Werte Patienten mehr schaden kann als sie nützt, wie Mühlhauser auch in einer Publikation von 2013 schildert.

Mangelhafte Nutzenbelege

Ein weitere Art von Disease Mongering sei das Umdeuten natürlicher Vorgänge in Krankheitsbilder. Aus normaler Trauer werde dann eine depressive Verstimmung, ein Kind das aufgeweckt sei, habe heute plötzlich ADHS und die passende Pharmakotherapie werde mit der Diagnose mitgeliefert.

In diesen Bereich fällt für Mühlhauser auch die „Pathologisierung der Wechseljahre inklusive Hormonsubstitution‟, bei der man nach den Frauen jetzt die Männer ins Visier fasse. Tatsächlich hört man nun immer öfter von den männlichen Wechseljahren oder der Andropause – obwohl das Konzept höchst umstritten ist. Parallel dazu steigt der Absatz von Testosteronpräparaten bei fraglicher Schaden-Nutzen-Lage.

Auch andere Erscheinungen des Alters würden mit Absicht zur Krankheit gemacht, um einen Absatzmarkt für Medikamente zu vergrößern. Als weiteres Beispiel nennt Mühlhauser die Bestimmung der Knochendichte. 1994 wurde eine WHO-Richtlinie erarbeitet, in der die Knochendichte als Diagnosekriterium für Osteoporose festgelegt wird, und die außerdem besagt, dass Osteoporose der Hauptrisikofaktor für Brüche bei älteren Menschen ist. Mitfinanziert war die Richtlinie von der pharmazeutischen Industrie, die ein Jahr später das erste Medikament zur Erhöhung der Knochendichte auf den Markt brachte.

Bis heute wird die Knochendichte mit Medikamenten gesteigert, um Brüchen vorzubeugen – bei mangelhaftem Nutzenbeleg und unangenehmen Nebenwirkungen. Hingegen scheinen nebenwirkungsfreie Trainings zur Sturzvorbeugung das Risiko für Brüche laut einer Metastudie deutlich senken zu können. Eines der jüngsten Beispiele, das als Disease Mongering in der Kritik steht: Frauen, deren Lust auf Sex im Alltag zwischen Beruf und Familie abnimmt, sollen unter einer medikamentös zu behandelnde Sexualstörung leiden. (Männer, die nicht immer können, ja ebenso).

Auch Ärzte profitieren

„Patienten könnten selbst nicht beurteilen, ob ein Disease-Mongering vorliegt‟, sagt Mühlhauser. „Ihnen wird dann gesagt, sie sollen den Ärzten vertrauen.‟ Aber auch von den Medizinern werde es oft nicht erkannt. Einen Grund dafür sieht Mühlhauser in der Art, wie Ärzte ausgebildet werden. „Im Medizinstudium liegt der Fokus auf der Pathophysiologie: Was sehe ich auf einem Röntgenbild, was kann ich im Blut messen? Die kritische Wissenschaft hingegen kommt deutlich zu kurz.‟

Um Disease Mongering zu erkennen, müssten Ärzte im Beurteilen und Hinterfragen von Studien geschult sein. Noch dazu müssten sie bereit seien, Empfehlungen der Fachgesellschaften auch einmal zu hinterfragen – weil diese häufig von den Medikamentenherstellern mitbeeinflusst würden. Nicht zuletzt seien Ärzte ja auch selbst eine beliebte Zielgruppe für das Marketing der Pharmaindustrie. „Viele lassen sich täuschen und betrügen‟, sagt Mühlhauser.

Zudem seien zu Vermarktungszwecken konstruierte Krankheitsbilder für die Ärzte dankbar zu behandeln: „Meistens wird eine überflüssige Medikation ja überstanden. Und Symptome verschwinden – wenn überhaupt vorhanden – ohnehin praktisch von selbst wieder.‟

Interesse am Disease Mongering hat also nicht nur die Pharmaindustrie. Es kommt auch vielen Ärzten entgegen. In anderen Fällen profitierten weitere Branchen, sagt Mühlhauser. Wie zum Beispiel beim Übergewicht: Vom Diätassistenten, über Fitnessstudios bis zu den Herstellern von Light-Produkten hätten viele ein Interesse daran, es zur Krankheit zu machen. Dabei sei die gängige Definition mithilfe des BMI klassisches Disease Mongering. „Seriöse Studien zeigen immer wieder, dass ein BMI von 27 – per Definition also leichtes Übergewicht – Gesundheitsvorteile bringt, und bei vielen Krankheiten sogar widerstandsfähiger macht‟, so Mühlhauser. „Das kann man ganz einfach nicht Krankheit nennen.‟

Einfallstor Facharztversorgung

Aber wie sehen Ärzte eigentlich das Problem? Klaus-Dieter Kossow war langjähriger Bundesvorsitzender des Deutsche Hausärzteverbands und Honorarprofessor für öffentliche Gesundheit und Gesundheitsmanagement an der Universität Bremen. „Allein die Tatsache, dass sich Grenzwerte ändern ist nicht unbedingt ein Hinweis auf Disease Mongering. Schließlich ändern sich Erkenntnisse und die Forschung geht weiter‟, sagt der Allgemeinmediziner.

Seiner Meinung nach ist auch die hausärztliche Versorgung wenig anfällig dafür, die Behandlung erfolge schließlich standardisiert. Das größte Einfallstor für Mongering sieht er in der fachärztlichen Versorgung. Fachärzte mit ihren zahlreichen angebotenen Zusatzleistungen hätten „ein Interesse daran, Innovationen zu propagieren.‟ Zudem setzten deren Fachgesellschaften „Normen, die interessenpolitisch beeinflusst werden.‟

Falsch läuft hier aus Kossows Sicht auch die „immer weiter fortschreitende Subspezialisierung, um neue Märkte zu schaffen.‟ An einer Krankheit wie Typ-2-Diabetes würden heute nicht nur spezialisierte Diabetologen, sondern auch Podologen, Nerven- und Augenärzte verdienen. Dabei würden vor allem die Folgen behandelt, ohne die Krankheit an der Wurzel zu packen. Anstatt von Anfang an stärker darauf zu setzen, dass Hausärzte eine Lebensstiländerung bei den Patienten erwirken können – um Folgeschäden vorzubeugen. „Auf diese Weise aus einer Krankheit plötzlich viele zu machen und das bei einer Krankheit, die die Patienten am besten selber behandeln können – für mich ist das Disease Mongering‟, sagt Kossow. „Ich befürworte daher den Weg über den Hausarzt zum Facharzt.

Zuletzt gerieten sogar die Krankenkassen in den Verdacht, Disease Mongering zu betreiben. So sagte der Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, kürzlich gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die Kassen würden Ärzte mit Prämien dazu verleiten, schwerere Diagnosen zu stellen als tatsächlich vorliegen. Das Interesse der Versicherer sei hierbei, mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich zwischen den Kassen zu erhalten. Aus einem leichten Bluthochdruck, so Baas würde dann schnell ein schwerer. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hatte daraufhin Anzeigen gegen mehrere Krankenkassen erstattet.

123 Wertungen (4.25 ø)

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24 Kommentare:

O.B. (Chefarzt Psychosomatik)
O.B. (Chefarzt Psychosomatik)

Habe selten so einen schlechten, einseitigen und einfälltigen Artikel zu einem eigentlich interessanten Thema gelesen. Kein “aufgewecktes Kind” wird zu ADHS mit Medikation und wenn ein “Kollege/Hausarzt” über die bösen Fachärzte schimpft ist das armseelig. Hätte er mit seinen Patienten die gelobten Lebensstiländerungen erwirkt bräuchte es vielelicht weniger der Fachärzte für Folgeschäden :)

#24 |
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Arzt
Arzt

Kann vielen Kommentatoren nur beiplichten: der Artikel ist in vielen Punkten einfach falsch.
Beispiel Prädiabetes: inwiefern richte ich bei meinem Patienten oder der Volkswirtschaft Schaden an wenn ich Prädiabetes feststelle? Es gibt keine medikamentöse Therapie an der eine böser Pharmakonzern Geld verdienen könnte. Die Therapie lautet Lifestylechanging, Sport, ausgewogene Ernährung, regelmäßige Verlaufskontrollen…. damit schade ich nicht! damit nutze ich! und es wird Geld gespart! Eine gestörte Glucostoleranz ist ein Warnsignal das nicht ignoriert werden darf. Bei vielen fällt ein manifester Diabetes erst auf wenn die ersten Organschäden entstanden sind > Das ist zu SPÄT!! Die Schäden für den Patienten wären vermeidbar und die Therapie eines manifesten Diabetes und der Folgen (bis hin zur Dialyse) kosten ein VERMÖGEN!! Daran wird Geld verdient! Bei der rechtzeitigen Diagnose eines Prädiabetes und der entsprechenden Behandlung wird Geld gespart und Schaden abgewendet.
Es werden sogar Ernährungsberater und Fitnessstudios dämonisiert… sie würden davon profitieren… NA UND ?!? Was ist daran falsch einen angemessenen Monatsbeitrag für ein Fitnessstudio zu bezahlen und dann wenigstens 2-3mal pro Woche den Hintern von der Chouch zu heben??? Oder endlich mal für sich und die Liebsten etwas anständiges zu kochen? Will Frau Mühlhauser lieber dass die Menschen weiterhin vor der Glotze vegetieren und Chips futtern? Ich behaupte es spielt keine Rolle wer ein paar cent mehr oder weniger daran verdient die todbringenden Krankheiten “chronischer Bewegungsmangel” und “Fehlernährung” zu behandeln. Das ist immer noch besser als das hundertfache für die Folgeschäden zu bezahlen…ich wäre froh wenn mehr Patienten meinen Rat beherzigen würden mehr Sport zu betreiben, egal wie.

Und was die unsinnige Behauptung betrifft wo keine Symptome oder pathophysiologische Änderungen vorlägen bestehe auch kein Krankheitswert: es gibt dutzende Gegenbeispiele. Was ist mit Rauchern? Ist rauchen jetzt etwa gesund solange noch keine COPD oder Krebs vorliegt? Und was haben all diese Patienten in der Praxis verloren wenn die laut Definition von Frau Mühlhauser alle nicht krank sind? Warum kommen die wohl? Der Wind trägt sie uns nicht zu… und wir fangen sie auch nicht mit dem Lasso ein… Das sind diejenigen die entweder bereits Beschwerden haben oder aus purer Vernunft heraus einen Vorsorgetermin vereinbaren um ihre Gesundheit so lange wie möglich zu erhalten. Ich werde die jedenfalls nicht wegschicken nur weil sie NOCH nicht chronisch krank sind.

#23 |
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Nichtmedizinische Berufe

Leider orientiert sich Medizin (aus Zeitmangel?) oft sklavisch an Bildgebung, Richtwerten, Goldstandards der Medikation. Was viel wichtiger wäre: Mit dem Patienten sprechen und ob er leidet. Geht es ihm gut? Treibt er Sport? Hat er ein gutes soziales Umfeld? Bewegt er sich? Wie sieht es mit dem Gewicht aus ? ( dazu brauche ich keinen BMI, sondern einen Blick in den Spiegel: WAs schwabbelt, ist zu viel.) Ich weiß nicht, in welcher Stadt das Experiment durchgeführt wurde, dass Hausärzte für jeden Patienten zur GESUNDERHALTUNG bezahlt wurden. Hier ein Artikel dazu http://www.tagesspiegel.de/politik/sachverstaendige-aerzte-sollen-fuers-gesunderhalten-bezahlt-werden/1833778.html Dann hätte Desease Mongering wenig Chancen…..

#22 |
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khamlane Yinnavong
khamlane Yinnavong

Joyeux. Anniversaire

#21 |
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Dr. med. Irmela Eckerlin-Wirths
Dr. med. Irmela Eckerlin-Wirths

Merkwürdig – bei der Autorin scheint noch nicht angekommen zu sein, dass besonders Frauen an nicht behandelter Osteoporose leiden – dabei meine ich leiden im genuinen Sinn, also Schmerzen haben. Durch Frakturen der Wirbelsäule, die vermeidbar gewesen wären, hätte man die deutlich sichtbaren Zeichen nicht standhaft ignoriert.
Und zum Thema “Wechseljahresbeschwerden” ist die Autorin wohl auch noch weit hinter dem Mond – entschuldigen Sie diese Ausdruck, aber er trifft es in einer Zeit, wo sich sogar hochrangige Professoren, deren Namen mit den über Jahrzehnte gültigen Richtlinien der Behandlung von Wechseljahresbeschwerden mit konsequenter Verteufelung der Hormonsubstitution bei den Frauen ausdrücklich entschuldigen, denen ohne Not (von den bekannnten Kontraindikationen natürlich abgesehen) die heilsame Therapie vorenthalten wurde.

#20 |
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“scheiß Artikel”- scheint ja manche hier an einem empfindlichen Nerv zu treffen.
Nennt man so was nicht heutzutage Hass-mail?

#19 |
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Student

Selten so einen scheiß Artikel gelesen.

Ist schon fast ne Frechheit von Doccheck mir dafür eine Email gesendet zu haben.

#18 |
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Wie schief Frau Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser mit ihren von DocCheck News Autorin unkritisch kolportierten Meinungen bloß liegt:
“Vom Diätassistenten, über Fitnessstudios bis zu den Herstellern von Light-Produkten hätten viele ein Interesse daran, es [das Übergewicht] zur Krankheit zu machen. Dabei sei die gängige Definition mithilfe des BMI klassisches Disease Mongering. „Seriöse Studien zeigen immer wieder, dass ein BMI von 27 – per Definition also leichtes Übergewicht – Gesundheitsvorteile bringt, und bei vielen Krankheiten sogar widerstandsfähiger macht‟, so Mühlhauser. „Das kann man ganz einfach nicht Krankheit nennen.‟ [Zitat Ende]
Doch epidemiologische Daten “Im Krankheitsfall sei es angeblich nützlich, zu viel auf den Rippen zu haben”, sind glatte Falschmeldungen! Denn sie berücksichtigen nicht die präfinale Kachexie, welche progressiv in Bezug auf Norm- bis Untergewicht die Mortalitätsstatistiken mit beeinflusst.
Zu dünne und zu dicke Menschen sterben früher. Eine neue Meta-Analyse bestätigt, dass das Körpergewicht einen deutlicheren Einfluss auf das vorzeitige Sterberisiko hat. Das Global BMI Mortality Collaboration im Lancet (2016; doi: 10.1016/S0140-6736(16)30175-1) kann kein Adipositas-Paradoxon erkennen. Schon geringes Übergewicht war mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden.
Grundsätzlicher Denkfehler bisheriger Studien und Metaanalysen ist, dass der BMI keine eigene Krankheitsentität darstellt, welche die allgemeine Mortalität direkt beeinflusst. Oder genauer ausgedrückt:
Der Body-Mass-Index (BMI) ist ein reiner Surrogat-Parameter, der weder Morbidität noch Mortalität detektieren, identifizieren, abbilden oder demaskieren kann. Den BMI im positiven wie im negativen Sinne als isoliertes Einzelsymptom zu einer nosologisch greifbaren Krankheitsentität hochstilisieren zu wollen ist schlicht und ergreifen töricht! Ganz so, als sei ausgerechnet der BMI oder der Bauchumfang die Krankheit, die man zu behandeln vorgibt?
Musterbeispiele für Denkfehler dieser Art zeigen die Autoren von “Change in Body Mass Index Associated With Lowest Mortality in Denmark, 1976-2013”
http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=2520627
welche mit naivem Empirismus unreflektiert BMI-Daten mit dem dänischen Mortalitätsregister verknüpft haben.
Man stirbt nicht a n einem BMI, sondern m i t einem abnehmenden BMI bei konsumierenden Tumorerkrankungen, kardialer, pulmonaler oder renaler Kachexie, Altersdegeneration und -exsikkose bzw. allgemeinen alterungsbedingten Organ-Abbauprozessen. Deswegen spricht ein relativ hoher BMI mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen derartige präfinale Zustände.
Das paradoxe “Obesity” Paradoxon wird in zahlreichen Studien beschrieben. Exemplarisch eine für die, welche alle demselben “bias” (Annahmefehler) unterliegen, von P. Costanzo et al.: “The Obesity Paradox in Type 2 Diabetes Mellitus: Relationship of Body Mass Index to Prognosis”, Ann Intern Med 2015;162:610-618; doi:10.7326/M14-1551
Es ist der Katabolismus, der bei schweren, konsumierenden Begleiterkrankungen mit erhöhter Mortalitätsrate z. B. bei Tumorkachexie oder pulmonaler, COPD-bedingter Kachexie sich maskiert und mit erhöhter Mortalität in der Gruppe der Norm- bis Untergewichtigen hineinträgt.
In der Mega-Metaanalysen-Studie von K. M. Flegal et al. wurden 97 prospektive Studien, vornehmlich aus den USA und Europa, mit mehr als 2,88 Millionen Menschen und über 270.000 Todesfällen ausgewertet. In “Association of All-Cause Mortality With Overweight and Obesity Using Standard Body Mass Index Categories” (JAMA. 2013;309(1):71-82) war die Mortalität bei BMI-Normalgewicht deshalb erhöht, weil der von K. M. Flegal et al. verwendete “cut-off” eines BMI von größer oder gleich 18,5 (bis 24,9) betrug.
Einem BMI von 18,5 entspricht bei einer Größe von 180 cm nur noch 59 kg Körpergewicht. Dies führt zu einer statistisch verzerrenden E r h ö h u n g der Mortalität in der Population der noch normgewichtigen Patienten und dann später katabol-krankheitsbedingt weiter Untergewichtigen gegenüber den Übergewichtigen mit ihrem noch anabolen Stoffwechsel.
Vergleichbar ist damit die Schlussfolgerung einer Diabetes-Studie: “Conclusion: Adults who were normal weight at the time of incident diabetes had higher mortality than adults who are overweight or obese” (JAMA. 2012;308(6):581-590). Denn Adipöse haben gute, therapeutisch zugängliche Gründe für ihren Typ-2-Diabetes: Bewegungsmangel, metabolisches Syndrom, Insulinmangel bei relativer Betazellinsuffizienz und zunehmende Insulinresistenz.
Normalgewichtige mit Typ-2-D. m. haben dagegen eine progrediente, absolute Betazellinsuffizienz mit dramatischerem Krankheitsverlauf und höherer Mortalität, was idiopathisch, metabolisch oder genetisch determiniert sein könnte.
Auch das ‘Adipositas-Paradoxon’ bei systolischer Herzinsuffizienz bleibt rätselhaft. Übergewicht erhöht das Herz-Kreislauf-Risiko bei Gesunden. Wer bereits erkrankt ist, profitiert eher vom Übergewicht: “The obesity paradox in men versus women with systolic heart failure” (Am J Cardiol. 2012 Jul 1;110(1):77-82). Dabei wurde auch die kardiopulmonale Kachexie übersehen.
Patienten mit fortgeschrittener, schwerer Herzinsuffizienz entwickeln in der Endstrecke NYHA IV eine katabole Energiebilanz. Dann trifft die höhere Sterblichkeit vermehrt untergewichtige Herzinsuffizienz-Patienten auch mit einem BMI ab 18,5.
Die Studie “Overweight and obesity are associated with improved survival, functional outcome, and stroke recurrence after acute stroke or transient ischaemic attack: observations from the TEMPiS trial ” (Eur Heart J 2012 online October 16) ergab, dass nach Schlaganfall die Überlebens- und Restitutionswahrscheinlichkeit von Patienten mit relativem Übergewicht und einem BMI >25 besser als bei Normgewichtigkeit mit BMI 18,5-24,9 waren.
Doch auch hierbei wurden katabole Begleiterkrankungen und mortalitätserhöhende Risikofaktoren in der Population mit niedrigem BMI nicht ausreichend diskutiert.
In der Studie “Body-mass index and all-cause mortality: individual-participant-data meta-analysis of 239 prospective studies in four continents” der “The Global BMI Mortality Collaboration”
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(16)30175-1/fulltext
wurden Normgewicht, Übergewicht und dynamische krankheitsbedingte Gewichtsveränderungen differenzierter als lediglich mit dem BMI untersucht und diskutiert.
Gesunde Dicke sind doch kränker als gesunde Schlanke – kranke Schlanke und kranke Dicke haben besonders schlechte Karten!

#17 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Ich weiß heute, dass z.B. BZ, Kreatinin u.a. im oberen Normalbereich durchaus einen Krankheitswert haben. Wenn der Patient beruhigit ist, weil solche Werte noch “normal” seien, ist das gefährlich, Frau Habich.

#16 |
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‘Disease Mongering’, endlich weiß ich, wie das in der lingua franca heisst. Gustav Meyrinck hat das in seinem Roman “Der Golem” bereits 1915 vorzüglich abgehandelt.

#15 |
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@#6
bitte nicht abmelden, vieles stimmt, das Sie monieren. Man muss der Chemtrail-Szene schon gezielt und fundiert entgegen argumentieren, das ist Grinding und da wird jeder gebraucht. Leider gibt es in der Tat Disease Mongering, und ich habe AOK Mitarbeiter deswegen der Praxis verwiesen.

#14 |
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Andrea Willmann
Andrea Willmann

Dass Referenzwerte kritisch hinterfragt werden müssen ist selbstverständlich- dass Änderungen von Grenzwerten immer nur interessengesteuert sind, ist doch wohl eher sehr in den Bereich allgemeine Verschwörungstheorien einzuordnen. Und ja, viel könnten die Patienten selbst bewirken, doch dann müssten sie die Verantwortung für ihre Gesundheit wieder selbst übernehmen- das ist derzeit nicht en vogue! Und dann noch die olle Karmelle von den guten Hausärzten und den bösen geldgierigen Fachärzten- da kommt mir echt die Galle hoch!

#13 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Unsere Medizin ist pharmadominiert! Was sagen Normalwerte aus? Eigentlich beziehen sie sich auf die Gaussche Kurve. Demnach hätte früher in den Bergregionen ein Mensch ohne Kropf als krank gegolten.
Aus eigene Erfahrung entfalten natürliche Hormone und Vitaminpräparate eone positive Wirkung. Dank gut eingestellter Hormonwerte ist mein Gewicht nach unten gegangen bei gleicher Ernährung und ich fühle mich wohl damit. NAch Einnahme von Vitamin B12 hat sich meine Stimmung verbessert, die dank Dauerstress am Boden war. Dabei sind mir die Normwerte gleich. Letztlich muss ich mich wohlfühlen. Ob meine Disbalance Krankheitswert hat oder nicht ist mir ebenfalls gleichgültig. So zu tun, als sei die Adrenopause ein gottgegebens Schicksal, dessen Folgen nachlassender Vitalität einfach dazugehört finde ich nicht mehr zeitgemäß. Wir haben Erkenntnisse, die Gesundheit mit Hilfe von natürlichen Substanzen zu erhalten. Ebenso kennen wir gesundheitsförderne und -hemmende Verhaltensweisen. Leider wird es den Menschen nciht gerade einfach gemacht angefangen von Verlockungen im Supermarkt bis zur exzessiven Mediennutzung und sozialer Verarmung.
Es ist zu befürchten, dass in naher Zukunft Pflege rationiert werden muss! Da geht mein Ziel nicht in viele Lebensjahre, sondern vielmehr dahin jung zu sterben und das in hohem Alter.

#12 |
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Aha. Die HausärztInnen sollen also Lebensstilveränderungen erwirken.

1. Wie macht man das in 3-5 Minuten?
2. Den Lebensstil verändern sagt sich extrem leicht. Aber warum haben den so viele einen ungünstigen Lebensstil? Sind die alle dumm, ungebildet, stur oder wie?

#11 |
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Ernährungswissenschaftler / Ökotrophologe

Gerade was ältere Menschen angeht trifft oben geschilderte Praxis ganz sicher zu… Beispiel aus dem Bekanntenkreis:

männlich, 72 Jahre alt, Gastrektomie, und in der Vergangenheit paroxysmales VHF.

“Nüchternzucker” 115 (er hatte morgens laut eigener Aussage “nur” eine Banane gegessen… :-D) , Gesamt-Cholesterin 250 (HDL / LDL-Quotient von 2,x) , Blutdruck 150/95 (unter Betablocker), nach Kryoablation keinerlei Rythmusstörungen mehr.

Verordnung: Metformin, Atorvastatin, zusätzlich zu Beloc-Zok nun noch Atacand PLUS und als Blutverdünner ASS …

Wohl bekomms! :-(

#10 |
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Maike Widera
Maike Widera

Wie Krankheiten aus dem Nichts entstehen, zeigt ein Arte-Bericht sehr deutlich:
http://www.arte.tv/sites/de/das-arte-magazin/2016/09/23/der-grosse-cholesterin-bluff/
Dieser Beitrag hat mir die Augen geöffnet.

#9 |
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@ Gast #6: Nicht verzagen! Denn Frau Kollegin Ingrid Mühlhauser, Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Universität Hamburg und Vorsitzende des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (DNEbM), ist mit ihrem medizinischen Grundverständnis offenbar im letzten Jahrhundert stecken geblieben. Was sie publiziert und scheibt, kann man m. E. nicht mehr erst nehmen. Und ich und andere DocCheckNews- bzw. Blog-Kommentatoren halten dagegen! MfG

#8 |
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Claus Peter Koenig
Claus Peter Koenig

PS an Frau Habich… lesen sie mal die aktuellen Empfehlungen… ein Prädiabetes wird nicht mit Medikamenten behandelt… Selbst einem manifesten Diabetes wird zunächst Gewichtsabnahme und Lebensstiländerung empfohlen…. Ich wollte ihnen eigentlich noch: “bleiben Sie gesund” wünschen… aber naja muss ich ja nicht … da es ja keine Krankheiten gibt…

#7 |
  12
Gast
Gast

Oh je Oh je… ich glaub den Newsletter von Doccheck kann ich abmelden… (Tierärzte die über Menschenfälle berichten… Journalisten die meinen, dass es keine kranken gibt) Ärzte sind alles Kurpfuscher die den Hals nicht zu voll kriegen. Studien die zu Lebenserwartung und Folgeschäden laufen und dementsprechend die Referenzwerte sinken lassen, sind alle erfunden und von den Krankenkassen finanziert. (damit die mehr Geld ausgeben müssen um die Geldgierigen Ärzte zu finanzieren und dann selbst mehr Geld aus dem Ris. Strukt. Ausgleich zu fordern…) Und eigentlich gibt es ja gar keine kranken Menschen… (nur kranke Journalisten)… Eigentlich dachte ich, dass es Winter ist und nicht Sommer… oder gibt es jetzt auch ein Winterloch… Ich glaub weiter lesen muss ich nicht… sonst krieg ich noch Bluthochdruck … ach nee den gibt es ja gar nicht… 200 ist sicherlich auch normal weil die Referenzbereiche zu niedrig sind… stimmt ja ! Ich dachte ich melde mich bei Doccheck an weil geprüft wird, dass ich Arzt bin… aber anscheinend habe ich mich bei der Aussenstelle der Bild angemeldet!

#6 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ja, die Pharmalobby, es ist nicht mehr zum Aushalten!

#5 |
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Ein weiteres manipulatives Beispiel am Ende des Abschnitts mit der Zwischenüberschrift
“Willkürliches Ändern von Werten”!
Die angegebene Publikation ist
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1865921713003048
mit dem Titel:
“Ist die Gesundheitsuntersuchung nach §25 SGB V noch zeitgemäß? – Schwerpunkt –
Zur Überschätzung des Nutzens von Prävention – On the overestimation of the benefit of prevention” von Ingrid Mühlhauser und trägt zum Thema “Disease Mongering: Pille sucht Krankheit” nicht das Geringste bei.

Weiteres Beispiel gefällig? Interview mit “brand eins” –
https://www.brandeins.de/archiv/2016/richtig-bewerten/interview-ingrid-muehlhauser-das-vertrauen-in-die-medizin-sollte-erschuettert-werden/
Frage “brand eins”: Es ist die Rede von einer globalen Diabetes-Epidemie, die die Kosten der Bankenkrise bei Weitem übersteige?
“Da wird maßlos übertrieben. Ich habe 20 Jahre lang in der klinischen Diabetologie gearbeitet. Das, was als Epidemie bezeichnet wird, kommt in erster Linie zustande, weil die Grenzwerte sinken und die Menschen älter werden. Im Alter haben mehr Menschen einen höheren Blutzuckerwert. Für über 70-Jährige ist das selten von Belang. Man lebt dadurch nicht weniger lang. Die alten Leute werden trotzdem behandelt. Oft intensiv, inklusive Selbsttesten des Blutzuckers und Insulin spritzen, um die Werte zu senken. Das ist ja nicht lustig und durchaus gefährlich. Es kann zum Schlaganfall führen, wenn der Blutzucker zu tief sinkt. Das Problem ist, dass die meisten Menschen Gesundheits-Legastheniker sind. Sie vertrauen der Medizin. Dieses Vertrauen sollte erheblich erschüttert werden.”
Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

#4 |
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Medizinjournalist

Oh nee … das mit dem ADHS musste ja kommen. “Aufgeweckte” Kinder haben nicht ADHS und umgekehrt, wer das behauptet hat keine Ahnung. Das Beispiel bitte rausstreichen. Sonst geht die alte Debatte um die “erfundene Krankheit ADHS” wieder los.

#3 |
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Dr. med. Jörg Sensse
Dr. med. Jörg Sensse

Viele Dinge im Artikel kann ich nicht beurteilen. Der kurze Exkurs in die Osteologie treibt mit allerdings den Blutdruck nach oben.
Wenn man Änderungen der Osteoporosehäufigkeit beobachten will, muß man nur einmal auf die Strasse schauen: Vor 30 Jahren gab es in nahezu jedem Häuserblock eine kleine stark gebeugte ältere Dame, die von den Kindern respektlos als “Hexe” tituliert wurde – ein Vollbild einer Osteoporose. Heute sind derartige Bilder trotz gestiegener Lebenserwartung selten geworden. Neben der besseren Ca- und Vitamin-D-Versorgung könnten da die vielen Osteoporosetherapien einen Anteil daran haben.
Eine englischsprachige Studie von 2008 als Quelle für den mangelhaften Nutzenbeleg der Osteoporosetherapie zu Nutzen, hat schon einen gewisse Frechheit – es gibt neben reichlich Studien zur Fraktursenkung gute Registerdaten, die den Nutzen der Osteoporosetherapie belegen.
Hier ist mal eine frisch deutsche Quelle, bei der man fündig werden könnte: http://www.dv-osteologie.org/uploads/register/ost_01_15_dvo_defer_print.pdf
Und selbstverständlich spielt die Sturzprophylaxe im Denken der Osteologen eine Rolle – als ein Teil der Behandlung einer komplexen Erkrankung. Die Behauptung “nebenwirkungsfreies Training zur Sturzprophylaxe” zeigt das polare Schwarz-Weiss-Denken der Autorin. Wer einmal einen Sturz beim Sturzprophylaxetraining nachbehandelt hat, denkt anders: Gut ja, sinnvoll auch. Nebenwirkungsfrei ist bisher nichts Wirksames in der Medizin.

#2 |
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Gast
Gast

Ein guter und sehr wichtiger Beitrag, der in aller Deutlichkeit zeigt was im Gesundheitswesen mit den Ärzten schief läuft.

#1 |
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