Fehlgeleitete Friedenstruppe

13. Januar 2011
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Spezielle Immunzellen machen es Tumoren möglich, sich ihrer Vernichtung durch die körpereigenen Abwehrtruppen zu entziehen. Forscher aus Deutschland konnten nun zeigen, wie die Zerstörung der regulatorischen T-Zellen helfen kann, Tumore besser zu bekämpfen.

Seit einigen Jahren ist bekannt, dass das menschliche Immunsystem prinzipiell in der Lage ist, Krebszellen zu erkennen und zu vernichten. Doch diese bedienen sich vieler Tricks, um den körpereigenen Abwehrtruppen zu entwischen. Unter anderem locken sie spezielle Immunzellen an, die verhindern, dass die Körperabwehr auf die Tumoren aufmerksam wird und diese bekämpft.

Forschern des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig und des Instituts für Infektionsimmunologie am TWINCORE in Hannover ist es jetzt gelungen, Tumoren in Mäusen zurückzudrängen, indem sie die unterdrückenden Immunzellen zielgenau ausschalteten. Wie die Wissenschaftler um Jochen Hühn und Tim Sparwasser im Fachmagazin Cancer Research mitteilten, verstärkte eine zusätzliche Impfung der Mäuse mit Bestandteilen der Krebszellen diesen Rückgang.

Wächter der Abwehrtruppen

Normalerweise haben die so genannten regulatorischen T-Zellen (Tregs) die Aufgabe, andere Immunzellen in Schach zu halten: „Die Tregs“, erklärt Professor Jochen Hühn, Leiter der Arbeitsgruppe „Experimentelle Immunologie“ am HZI, „wachen ähnlich wie Blauhelmsoldaten darüber, dass die Körperabwehr mit ihrem ganzen Arsenal an verschiedenen Zellen und Botenstoffen, den Kampf einstellt, sobald keine feindlichen Eindringlinge mehr vorhanden sind.“ Wenn die Kontrolle durch die Tregs ausfällt, kann es passieren, dass das Immunsystem gegen gesunde Strukturen vorgeht und Autoimmunerkrankungen die Folge sind.

Auch Tumoren machen sich die Wächterfunktion der Tregs zunutze: Sie locken diese Immunzellen mit Botenstoffen zu sich und reichern sie im Tumorgewebe an. Dadurch verhindern die Krebszellen, dass die Körperabwehr sie als fremd erkennt und abtötet. Onkologen haben die besondere Bedeutung der Tregs bei der Tumortherapie bereits vor einigen Jahren erkannt. Bisher scheiterten jedoch alle Versuche, diese Immunzellen selektiv auszuschalten oder vom Tumor wegzubewegen und so eine gewünschte Immunantwort zu erreichen.

Das Problem: Tregs ähneln jenen Zellen, die den Tumor bekämpfen. Spezifisch bindende Antikörper, die Tregs abfangen, so Hühn, beeinträchtigten demnach auch die für die Bekämpfung des Tumors notwendigen Effektor-T-Zellen. „Das CD-25-Molekül, an das die Antikörper andocken, kommt nicht nur auf der Zelloberfläche der Tregs vor, sondern auch auf Effektorzellen, die durch den Tumor aktiviert wurden“, sagt Hühn.

Neues Molekül auf der Oberfläche

Deswegen ließen er und seine Kollegen sich eine andere Strategie einfallen, um den Tumor auszutricksen. Bei Mäusen veränderten sie deren Erbgut mit gentechnischen Methoden derart, dass ausschließlich die Tregs mit einem zusätzlichen Oberflächenmolekül ausgestattet wurden. Das neue Protein macht die Immunzellen anfällig für das Diphterietoxin. Injizierten die Wissenschaftler das Toxin in die Mäuse, gingen die Tregs zugrunde. „Das war der Beweis, dass man Tregs gezielt ausschalten muss, um so der körpereigenen Abwehr eine Chance zu geben, Krebszellen zu bekämpfen“, sagt Hühn.

Anschließend überprüften die Wissenschaftler, ob sie mit dieser Methode auch tatsächlich das Wachstum von Tumoren in Mäusen aufhalten konnten. Die dafür verwendeten Versuchstiere litten an einem aggressiven Melanom und produzierten ebenfalls die veränderten Tregs. Nachdem die Forscher den Mäusen das Diphterietoxin gespritzt hatten, schrumpften die bösartigen Tumoren. Kombinierten die Forscher die Injektion mit einer Impfung gegen Tumorbestandteile, verstärkte sich der Rückgang der Krebszellen. „Bei einigen Mäusen verschwand der Tumor vollständig“, berichtet Hühn. „Das war beeindruckend, denn diese Art von Hautkrebs breitet sich normalerweise rasch aus.“

Angriffspunkt fehlt

Die Ergebnisse der Forscher lassen sich zurzeit noch nicht auf die Krebstherapie beim Menschen übertragen, da bislang kein molekularer Angriffspunkt auf humanen Tregs bekannt ist, mit dessen Hilfe man die Immunzellen gezielt abfangen könnte. „Wir sind gerade dabei, nach solchen spezifischen Molekülen zu suchen und zu testen, ob sie sich als Angriffspunkt eignen“, sagt Hühn. Falls das gelingen würde, könnte man eines Tages auch bei Krebspatienten die Tregs ins Visier nehmen und sie davon abhalten, sich im Tumor anzureichern.

Unerwünschte Nebenwirkungen einer solchen Behandlung, die am besten mit einer Impfung kombiniert wird, dürften sich Hühn zufolge in Grenzen halten: „Wir drosseln nur für einen kurzen Zeitraum die Menge an Tregs im Körper“, erklärt Hühn. Das reiche aus, um gegen den Tumor zu impfen und anschließend den tumorspezifischen Effektor-T-Zellen die Möglichkeit zu geben, das Immunsystem für die Tumorbekämpfung scharf zu schalten.

47 Wertungen (4.34 ø)
Medizin, Onkologie

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4 Kommentare:

Es ist der Weg in die richtige Richtung, es darf nicht dazukommen, daß sowohl die ” Farma” als auch Pharmaindustrie, aus Inreressensgründen( Verbrauch an Zythostatiker)Steine suf dem Weg legen. Weiter so!

#4 |
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Ein sehr bemerkenswerter Artikel.Wäre schön wenn isch so ein neuer Aspekt in der Karzinomdiagnostik un Therapie ergäbe.

#3 |
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Dr. med. Peter Auhagen
Dr. med. Peter Auhagen

ob das ein mechanismus ist mit dem der körper spontane remissionen bei tumoren produziert?

#2 |
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Dr. med. Vera-Maria Hengst
Dr. med. Vera-Maria Hengst

Sehr interessant für mich, fortbildungstechnisch und persönlich.

#1 |
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