Skalp(schn)ellschuss: Chirurgen operieren zu oft

22. November 2016
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Greifen Ärzte zu häufig zum Skalpell? Das behauptet zumindest die Kaufmännische Krankenkasse. Die Gründe dafür sind unklar. Die KKH rät allen Patienten, häufiger Zweitmeinungen einzuholen. In der Praxis ist das leichter gesagt als getan.

„Aus unseren Versicherten-Daten geht hervor, dass zum Beispiel zwischen 2012 und 2015 die Zahl der Eingriffe am Herz um 44 Prozent gestiegen ist. Das ist medizinisch nicht zu erklären“, kritisiert KKH-Vorstandschef Ingo Kailuweit. Das zeigt sich etwa bei ischämischen Herzerkrankungen. Im OECD-Vergleich nimmt Deutschland den unrühmlichen ersten Platz bei der OP-Häufigkeit ein, rangiert bei den Mortalitätsraten aber nur im Mittelfeld. Diese Tendenz zeigt sich auch bei anderen Eingriffen.

Weltmeister im Messerwetzen

So lag die Zahl an Hüft-OPs hierzulande bei 283 pro 100.000 Einwohner (OECD: 161). Bei Knie-OPs waren es 190 Eingriffe auf 100.000 Menschen (OECD: 121), bei Herzkatheter-Eingriffen 624 (OECD: 177) und bei Bypass-OPs 67 (OECD: 38). Bei Prostata-Eingriffen generell (197 versus 117) und Prostata-Entfernungen (85 versus 54) sah die Sache nicht besser aus.

Ferner könnten nach Expertenmeinung 80 Prozent aller Wirbelsäulen-Operationen vermieden werden, schreibt die KKH. Sie rät Mitgliedern, sich in spezialisierten Schmerzzentren beraten zu lassen. „Bei 81 Prozent der Teilnehmer, denen ursprünglich eine OP empfohlen worden war, war auch nach über einem Jahr keine Rückenoperation notwendig“, so Kailuweit. Auch zu Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Zweitmeinungen möglich. Jeder Dritte Patient mit malignen Erkrankungen erhielt einen Änderungsvorschlag für seine Therapie. Seit 2015 handelt es sich um eine gesetzlich festgelegte Regelleistung. Allerdings lässt eine Richtlinie zur Konkretisierung auf sich warten.

Geld oder Wissen

Trotz dieser Möglichkeit bleibt als Frage, wie es zu exorbitant hohen Fallzahlen kommen kann. Hier stellt die KKH zwei Thesen zur Diskussion:

  • Ökonomische Interessen stehen häufig dem Wohl des Patienten entgegen. Dazu gehören Vergütungsanreize, regionale Versorgungsstrukturen sowie der medizinisch-technische Fortschritt inklusive der Rentabilität teurer Apparaturen.
  • Information und Aufklärung kommen oft zu kurz. Ärzte beraten Patienten nur unzureichend hinsichtlich möglicher Alternativen. Oft fehlt ihnen einfach die Zeit. Versicherte tun sich ihrerseits schwer, medizinische Fakten zu bewerten. Häufig findet keine partizipative Entscheidungsfindung statt.

Frag nochmal, Sam

Sind Zweitmeinungen deshalb das Allheilmittel? Wohl kaum: Experten können nur Unterlagen auswerten, die tatsächlich vorliegen. Teilweise haben Versicherte Schwierigkeiten, die Informationen zu sammeln. Bleiben noch Akzeptanzprobleme, weil Ärzte Patienten zur Begutachtung nicht selbst untersuchen. Dazu eine Größenordnung: Lediglich 50 Prozent aller Krebspatienten, die einen Änderungsvorschlag bekommen hatten, besprachen die Idee mit ihrem Arzt. Das zeigen KKH-Befragungen. Oft liegt es eben auch am Patienten selbst.

16 Wertungen (4.25 ø)
Chirurgie, Medizin

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8 Kommentare:

Gretel Frohn
Gretel Frohn

Diese Zahlen besagen gar nichts. Man sollte eher schauen in welchem Alter
die Operierten sind und welchen Sport sie z.B. sie früher betrieben haben.
Eine Knieveletzung in jungen Jahren führt meist nach Jahrzehnten zur Früharthrose.
Außerdem werden Die Menschen heute älter und nutzen die Möglichkeit –
Zurecht- verschlissene Gelenke austauschen zu lassen,was die Lebensqualität
Enorm erhöht.
Gretel Frohn Ärztin für Allgemeinmedizin

#8 |
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Die Indikation zur Operation ist auch abhängig von der Zahl der leeren Betten, so ein orthopädischer Klinikleiter vor vierzig Jahren.

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ich hatte 2004 einen Bandscheibenvorfall, der als solcher nicht erkannt wurde und der mehrere Nerven schädigte. Ergebnis: teilweise Lähmung des linken Beines und neuropathische Schmerzen, schließlich Notfall- OP. Mit einer rechtzeitigen Operation hätte ich mir die Behinderung ersparen können. Ich glaube also nicht, dass ZU VIEL operiert wird, ich habe den Verdacht, man operiert die Falschen!

#6 |
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Dr. med. Christoph Uhlmann
Dr. med. Christoph Uhlmann

Nach langjähriger Erfahrung gebe ich weiter:
Es werden zu viele Eingriffe an den Nasennebenhöhlen durchgeführt und zu viele Septumplastiken. Es gibt bestimmte HNO Abteilungen die sich durch hohe Zahl an Septumplastiken und Nebenhöhlenoperationen wirtschaftlich über Wasser halten.

#5 |
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Prof. Dr. med. Michael Gaab
Prof. Dr. med. Michael Gaab

Die KKH hat nicht unrecht. In meinem Fachgebiet werden besonders Wirbelsäulenoperation noch immer zu häufig und zu früh durchgeführt, 70 bis 80% sind wohl nicht notwendig. Auch wird zu früh mit Injektionen behandelt; diese sind zwar nicht so gefährlich, aber an der Wirbelsäule ggf. schwerwiegend, besonder bei CT-gesteuerter Injektion in das Foramen. Die Wirkung ist ohnehin nur ein Verstärkung der analgetischen und antiphlogistischen Wirkung der oralen Medikation, ohne die Injektionen nicht durchgeführt werden sollten.
Prof. Dr. Michael R. Gaab

#4 |
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dokuet
dokuet

Wenn sich ein Arzt, welchen Fachbereichs auch immer, wegen der Forderung seines Patienten nach einer Zweitmeinung verschließt oder beleidigt ist, fehlt ihm m.E. gesundes Selbstvertrauen, es mangelt ihm an Sorgfaltspflicht und er besitzt – leider heute schon zu oft- zuviel narzistisches Potential. Beim Rückblick auf meine Zeit in der Pathologie und Bezug nehmend auch auf unsere heutigen diesbezüglichen Forderungen, gibt es gerade bei der Beurteilung der Histopathologie von Tumorgewebe die Pflicht zur Kontrolle (im Blindverfahren) durch einen zweiten Histopathologen wegen der gravierenden Konsequenzen der Therapie (z.B. Ablatio mammae mit erweitereter Radikalität, oder ausgedehntes Lymphknotenstaging bei einigen TM-formen).
Also steht immer wieder das Wohl und Wehe des Patienten im Vordergrund und nicht das verletzliche Ego des Behandlers.

#3 |
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Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast
Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast

“Lediglich 50 Prozent aller Krebspatienten, die einen Änderungsvorschlag bekommen hatten, besprachen die Idee mit ihrem Arzt. Das zeigen KKH-Befragungen. Oft liegt es eben auch am Patienten selbst.”

Wenn ärzteseits das Anfordern eine Zweitmeinung als Zweifel des Patienten an der eigenen Kompetenz gesehen wird und man dies beim Gespräch auch durchaus durchblicken lässt, nimmt es wenig Wunder, wenn Patienten darauf verzichten eine Zweitmeinung mit ihren Ärzten zu diskutieren. Nicht jeder hat das Selbsbewusstsein es sich ggf. mit seinem Behandler, auf den er ja besonders bei schwerwiegenden Erkrankungen angewiesen ist, zu verderben, wenn man ihn spüren lässt, dass das der Fall sein könnte.

Es gibt allerdings gottseidank auch Ärzte, die zum Einholen einer Zweitmeinung, insbesondere bei derart ernsthaften Erkrankungen gerade ermutigen. Die dürften dann die anderen 50% als Patienten haben. Das macht auch sehr viel Sinn. Denn ein Patient, der mit dem Gefühl umfassend über alle Möglichkeiten informiert worden zu sein eine Entscheidung über eine Behandlungsoption trifft, wird in der Regel complianter sein als einer der Zweifel hat.

#2 |
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dokuet
dokuet

Das Grundanliegen des Artikels ist gut nachvollziehbar und durch die statistischen Zahlengaben (so korrekt vorliegend) auch gestützt.
Als Chirurg und FA. mult. möchte ich kritisch anmerken, dass eine Zweitmeinung nicht “nach Aktenlage!” sondern unter persönlicher Konsultation des Patienten einschließlich aller, vor allem auch technischer Voruntersuchungen, zu erfolgen hat. Außerdem darf der Patient auch erwarten, dass er von einem Fachkönner der präferierten Klinik untersucht und beurteilt wird; – dann erst macht es Sinn.

MfG dokuet

#1 |
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