Die krieg ich, die mach ich.

Frühchen – Deutschland sieht alt aus

17. Januar 2011

Frühchen bringen kaum Gewicht auf die Waage, verursachen aber immense Kosten. Wem Monate der Reifung im Mutterleib fehlen, der hat nicht nur ein hohes Sterberisiko, sondern lebt auch später oft mit einem Entwicklungs-Handikap. Deutschland liegt einer Studie zufolge nicht nur bei der Versorgung der empfindlichen Wesen weit hinter anderen europäischen Staaten, sondern auch bei der Prävention von Frühgeburten.

Sie wiegen oft nicht einmal ein halbes Kilo und sind die empfindlichsten Patienten, um die sich die Medizin kümmern muss. Bei ihnen vergehen nur fünf bis sechs Monate zwischen der Teilung der befruchteten Keimzelle und dem Start ins Leben ausserhalb der geschützten mütterlichen Entwicklungshöhle. Eigentlich wären mindestens drei Monate länger nötig, um nicht gleich nach der Geburt auf der Intensivstation zu landen. Und doch nimmt die Zahl der Frühgeburten immer mehr zu. Deutschland und sein Nachbar Österreich nehmen dabei im europäischen Vergleich einen Spitzenplatz ein. Das zumindest sagt ein Bericht der „European Foundation for the Care of Newborn Infants“ (EFCNI), der vor einigen Monaten erschien.

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Nur zwei von drei überleben

Bei jeder elften Geburt in Deutschland kommt das Kind unreif zur Welt. Dabei lassen sich durch Aufklärung und Präventionsmaßnahmen viele dieser unerwünschten Ereignisse verhindern. Aber in Deutschland hapert es nicht nur bei der Früherkennung von Risikoschwangerschaften, sondern auch bei der Nachsorge: „In Deutschland benötigen wir dringend eine verbesserte psychosoziale Unterstützung der Eltern im Krankenhaus sowie ein strukturiertes und flächendeckendes Nachsorgeprogramm“, forderte Silke Mader von der EFCNI auf einer Pressekonferenz zum „Tag der Frühgeborenen“, am 17. November letzten Jahres. 

In der ZEIT beschreibt Anita Stacha, welche Konsequenzen die fehlende Zeit in der Gebärmutter haben kann: Operation wegen eines Leistenbruchs nach acht Wochen, Augenprobleme und Gehirnblutung. Danach ständige Überwachung der Atmung und mehrmalige Wiederbelebung, Lungenentzündung und Entwicklungsstörungen. Während die Sterblichkeit unter Neugeborenen bei rund drei von Tausend liegt, bewegt sie sich bei Frühchen vor der 26. Schwangerschaftswoche im Hundertfachen.

Restriktives Kinderwunsch-Programm

Jedes Kind, das vor der 37. Woche – mehr als drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin – zur Welt kommt, ist ein Frühchen. Unter 13 europäischen Ländern schwankt die Rate beträchtlich. Im Vergleichsjahr 2004 betrug sie etwa in Schweden und Frankreich sechs Prozent, in Deutschland rund neun Prozent und in Österreich elf Prozent. Wer sich die Daten genau ansieht, dem fällt auf, dass die Häufigkeit in den Ländern am niedrigsten ist, die über strukturierte Programme zur Versorgung der Schwangeren verfügen. Schweden hat etwa einen breiten Zugang zur Schwangeren-Vorsorge geschaffen. Strenge Auflagen bei der Behandlung von Frauen mit bisher unerfülltem Kinderwunsch und zentralisierte Intensivstationen für Neugeborene sorgen für den Spitzenplatz in der Statistik.

Risiko-Frühchen in Zentren mit Erfahrung

Wie kommt es zur Frühgeburt? Etwa die Hälfte aller vorzeitigen Entbindungen gehen auf Infektionen der Scheide zurück. Daneben tragen aber auch Faktoren wie Rauchen, Stress, falsche Ernährung, das Alter der Schwangeren oder auch Fruchtbarkeitsbehandlungen mit häufigen Mehrlingsgeburten zum höheren Risiko bei. Für einen großen Teil des überraschenden Sprungs der Fruchtblase haben auch Experten keine Erklärung. Umso wichtiger erscheint es den Autoren des Reports, Risiken zu erkennen und in den Griff zu bekommen. Infektionen der Scheide zeigen sich etwa im pH-Wert am Eingang an, ein Parameter, der für die Frau leicht selbst zu messen ist. Dazu soll ein Beratungsgespräch mit der werdenden Mutter anleiten. Am besten zusammen mit einem Ernährungsberater, der über die Ernährungsbedürfnisse von Mutter und ungeborenem Kind aufklärt.

Seit etwa zehn Jahren versucht dies in Deutschland das Programm „BabyCare“. Dass ein solches Konzept die Frühgeburtenrate senkt, konnten Studien bereits zeigen, in die allgemeine Schwangeren-Vorsorge sind BabyCare oder ähnliche Modelle deswegen noch lange nicht integriert. Aber auch wenn der Winzling den Bauch der Mutter verlassen hat, gibt es gerade in Deutschland noch große Defizite – trotz der Reformen bei der Frühgeburten-Versorgung seit einem halben Jahr. Der Gemeinsame Bundesausschuss beschloss im Frühsommer, dass nur spezielle Geburtszentren mit einer Fallzahl von mindestens 30 pro Jahr Frühchen mit einem Geburtsgewicht unter 1250 Gramm versorgen dürfen. „Die medizinische Betreuung von Frühgeborenen ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die ein geeignetes stationäres Umfeld mit einer spezialisierten und gut ausgebildeten Belegschaft erfordert“, begründet Christian Poets von der Uniklinik in Tübingen die neuen Bestimmungen.

Versorgungsempfehlungen bleiben in der Schublade

Dennoch bewegt sich nur langsam etwas bei der Fürsorge für ganz kleine Patienten und deren Angehörige in Deutschland. Erst seit Kurzem erstatten Kassen Nachsorgemaßnahmen wie etwa die psychische Betreuung von Eltern, langfristige Therapiemassnahmen für ihr Kind oder die Unterstützung für Geschwister. Je höher die Rate an Frühgeburten, desto mehr geht die Nachsorge ins Geld. Nach Schätzungen von BabyCare sind es etwa 500 Millionen Euro im Jahr in Deutschland, die Zusatzkosten gegenüber einer „normalen“ Geburt betragen ohne die langfristige Nachsorge allein schon 10.555 Euro.

Allzu viel Hoffnung, dass sich an der Situation schnell etwas ändert, gibt der Report nicht. Richtlinien für die Ärzte auf den Geburtsstationen gibt es: Etwa die von „NIDCAP“ (Newborn Individualized Developmental Care and Assessment Program), ein Konzept für die Frühversorgung. „Es gibt kein Krankenhaus, das nach den Richtlinien von NIDCAP arbeitet. Es fehlen dort die Kapazitäten zur Schulung des Personals und zur Umstellung der täglichen Abläufe“, schildert Silke Mader die Bedingungen in deutschen Geburtskliniken.

Weltweit sterben rund 450 neugeborene Kinder pro Stunde. In Europa etwa jedes hundertste. Die ersten Stunden nach der Geburt sind für Kinder unter fünf Jahren die riskantesten ihres Lebens. „Tausende von Todesfällen im Kindesalter, chronische Leiden und andere Beschwerden, die auf eine zu frühe Geburt zurückgehen, ließen sich durch eine verbesserte neonatale Prävention, Behandlung und Fürsorge vermeiden“, so schreiben die Autoren des Berichts „Too little, too late? – Why Europe should do more for preterm infants“. Das Thema ist zu wichtig, um im Aktenordner abgeheftet zu werden.

Das Thema wurde vorgeschlagen von unserem Leser Michael Kaiser.

103 Wertungen (4.31 ø)

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11 Kommentare:

Dr. Stefanie Benzrath
Dr. Stefanie Benzrath

Ihr Artikel hat mir gut gefallen. In der Recherche ist Ihnen wahrscheinlich aufgefallen, dass die unterschiedlichen Raten an Frühgeburtlichkeit in den verschiedenen europäischen Ländern auch mit dem Mindest-Reifealter für eine Versorgung zu tun hat. In der Schweiz zum Beispiel wird ein Frühgeborenes der 24 + 0 SSW meines Wissens palliativ betreut, in Deutschland wird “alles” gegeben. “Nicht-versorgte” Frühgeborene gehen in die Statistik als Spätabort ein, nicht als Frühgeborene.
Mit freundlichem Gruß

Anke Bluhm
Anke Bluhm

Restriktives Kinderwunsch-Programm….
Strenge Auflagen bei der Behandlung von Frauen mit bisher unerfülltem Kinderwunsch ……

Das ist mal wieder eine Pauschalaussage, die man so nicht stehen lassen sollte. Kinder von Kinderwunschpatienten kommen auch nicht früher auf die Welt wie andere. Meist wird von diesen Frauen sogar die Scheangerschaftsvorsorge ernster genommen und sie sind auf Grund der oft mehrjährigen Krankgeschichte besser informiert, als Schwangere mit herkömmlicher Entstehung der Schwangerschaft.
Den Rest des Berichtes finde ich recht gut.

Ärztin

Ich muss Herrn Lode aus eigener leidvoller Erfahrung als Geburtshelfer in einem Haus, dass Perinatalzentrum werden will, leider bestätigen. Oft drängen Kinderärzte oder auch unser OA oder Chef, eine Schwangerschaft nicht bis zum allerletzten zu verlängern (natürlich in vertretbarem Rahmen!), damit die Neonatologen auf ihre Mindestzahlen kommen. Eigenltich müssten die Zentren Perinatalzentrum werden, die trotz vielen drohenden Frühgeburten möglichst wenig Frühgeborene produzieren.

Hans-Martin Lode
Hans-Martin Lode

Ihr Artikel ist gar nicht schlecht, insbesondere Ihre klare Stellungnahme am Schluss finde ich sehr gut.
Nur muss man bei allem gebotenem Respekt ein paar Dinge doch kritisch hinterfragen!
Gerade die Mindestmengen-Regelung geht meines Erachtens völlig am eigentlichen Ziel vorbei. sicher benötigen wir in der Versorgung von extremen Frühgeborenen sehr viel Erfahrung. Aber mit der Mindestmenge bestrafen wir doch die Geburtskliniken die erfolgreich sehr viel tun um erst gar keine so kleinen Frühchen zu bekommen.
Ein Spruch eines Geburtshilflichen Chefarztes ist mir dabei immer im Kopf: Jede Frühgeburt ist ein Versagen der Geburtshilfe und der Hebammen. Mit einer Mindestmengenregleung setzen wir Anreize nun doch öfter mal nicht bis zum letzten um den erhalt der Schwangerschaft zu kämpfen. Ich finde auch dies sollte berücksichtigt werden wenn man eine Klinik zum “Peri”-Natalzentrum macht und eben nicht nur die Versorgung des Kindes nach der Geburt.
Sie haben völlig recht das wir in der Prävention der Frühgeburt viel zu rückständig sind, dies wird aber sicher durch die Mindestmengenregelung nbicht verbessert, sondern eher verschlechtert.

Krankenpflegehelferin

Ich glaube das ist wie mit allen anderen auch, viele meinen bescheid zu wissen und wissen doch nichts.Nach der Geburt unseres 1. Sohnes hätte ich gespritzt werden müssen da mein Mann rh positiv ist. Kein Wort wurde darüber verloren.Erst als ich unsere Tochter verloren hatte,sagte man mir das ich diese Spritze hätte bekommen müssen.Vor allem war man geschockt weil man meinte, solch “Vorkommnisse” gäbe es doch nur vor 20 Jahren .Heute nicht mehr. Von Glück gibt es 1nen Arzt der an einer Uni für Pränataldiagnostig arbeitet -eine Koryphäe auf dem Gebiet; der mich bei meiner 3. Schwangerschaft begleitet hat.Ohne Ihn hätte ich heute keinen 2. Sohn und das in Deutschland.Nur wegen Rh Kompalität.Bei den Komplikationen in der 23. SSW unserer Tochter meinte die andre Uni Klinik das man das schon hin bekäme( Transfundieren). Da kann ich nur aus meiner Erfahrung sagen man wird in Notsituationen mehr als all eingelassen wenn man nicht an der richtigen Klinik ist!

Medizinjournalist

Sehr geehrte unbekannte Kinderärztin,

Sie haben recht; Die Aussetzung des Mindestmengenbeschlusses ist mir in der Tat entgangen. Danke für Ihren Hinweis.
Dennoch möchte ich Sie bitten, den Artikel genau zu lesen, bevor sie mir “miserable Recherche” vorwerfen.
Sie schreiben: “In Ihrem Artikel klingt es, als ob von allen Kindern <37 Schwangerschaftswochen (SSW) nur 66% überleben.”
Ich hatte geschrieben “Während die Sterblichkeit unter Neugeborenen bei rund drei von Tausend liegt, bewegt sie sich bei Frühchen vor der 26. Schwangerschaftswoche im Hundertfachen.” Was ist daran so missverständlich?

Sie schreiben: “”fehlendes Obst und Gemüse” spielt in der Ätiologie der Frühgeburtlichkeit sicher die geringste Rolle. Es gibt Dutzende Faktoren. …… oder die immer häufiger werdenden Mehrligsschwangerschaften.

Ich habe geschrieben: “Daneben tragen aber auch Faktoren wie Rauchen, Stress, falsche Ernährung, das Alter der Schwangeren oder auch Fruchtbarkeitsbehandlungen mit häufigen Mehrlingsgeburten zum höheren Risiko bei.”

Mit Ernährung kan man sicher auch Obst und Gemüse meinen, aber auch anderes. Zitat DocCheck Flexikon: “Da bei schwangeren Frauen relativ häufig ein Folsäuremangel auftritt, wird in Deutschland die systematische Zusetzung von Folsäure zu Mehl diskutiert”…”Ein Zusammenhang zwischen Frühgeburtlichkeit und Folsäuremangel in der Schwangerschaft ist anzunehmen.”
Das meine ICH mit Ernährung und nicht (nur) Obst und Gemüse. Die von Ihnen erwähnten Mehrlingsgeburten stehen im Text. Sicher gibt es noch etliche – sehr viele andere Faktoren, die ich nicht vollständig aufgezählt habe. Danke, dass Sie den Leser noch auf zwei weitere wichtige Ursachen hingewiesen haben.

Beste Grüße
Erich Lederer

Danke für diesen schönen und gut recherchierten Artikel. Bin von der Ausbildung her auch Neonatologin, aber seit 10 J. nicht mehr auf diesem Gebiet tätig. Ich freue mich immer, wenn solche Themen, auch mit der statistischen Relevanz ins Bewzußtsein gerufen werden!

THP Sabine Schulten
THP Sabine Schulten

Bei dem Thema kann ich als Betroffene ( mein Sohn wurde viel zu früh geboren: SSW 26+4 ) nur bestätigen, dass im Vorfeld keine Aufklärung bezüglich Risiken einer Frühgeburt gemacht wurden. Warum mein Sohn zu früh kam, kann mir bis heute keiner sagen. Es lag weder eine Infektion vor, noch habe ich geraucht, mich völlig fehlernährt, etc pp.
Auch nach der Geburt ( die einen ja schon totl traumatisiert hat ) fühlt man sich auch nur alleine gelassen. Mein Sohn erlitt noch einen Pneumothorax, ICB 3+, hatte Atemnotsyndrom 3° und eine eine Meningitis ( nach Shunt-OP ). Was man dort als Mutter durchmacht, kann ich in Worten nicht beschreiben… besonderes wenn die Sättigung gen 15% sinkt…. Nach Hause entlassen kommt neben x Wiederbelebungsmassnahmen und Therapien dann auch noch der ganze bürokratischer Marathon auf einen zu ( Beantragung Schwerbehindertenausweiss, Pflegestufe, etc pp. ).
Wünschenswert wäre wirklich eine phsychologische Betreuung und Aufklärung, was auf einen zukommmt, sowie Unterstützung bei allen bürokratischen Massnahmen.
Das wünsche ich jedem, der mit dieser Thematik in seinem Leben in Berührung kommen muss.

jeder schwangeren Frau wird eine individuelle Aufklärung über Ernährung gesunde Ernährung ,C2H5OH-Abstinenz, Rauch-abstinenz zu Teil, was sinnvoll zu sich zunehmen ist, was gemieden werden sollte, auf Jod und Folsäure Supplimantation wird hingewiesen, manche Mitbürgerinnen v.a. aus südlichen Gefilden sollte beseer metafolin zu sich nehmen, über Infektionen wird aufgeklärt und bei jeder MuVo nachgesehen, zu behaupten, die -Meisten- Gynäkologen wüßten nichts davon ist schier eine Unverschämtheit, alleine Vitamine aus sonnengereiften Früchten verhindert keine Frühgeburt. Das ist ein deutlich komplexeres Geschehen, bei dem viele Dinge eine Rolle spielen.

Dr.Gernot Mörig
Dr.Gernot Mörig

Wie wenige Frauenärzte und Schwangere wissen davon, wie viel Gutes sie sich und den Kindern insbesondere in der Schwangerschaft tun können, wenn sie Obst und Gemüse in ausreichender Menge und Vielfalt essen würden und weg von der de-naturierten Nahrung kämen? Hier sollte mehr Bewusstheit geschaffen werden! Es gibt heutzutage Möglichkeiten, sich optimierend sogar mit sonnengereiftem O+G zu versorgen – mit hervorragenden wissenschaftlichen Studien dahinter.

Doktor Georg Dorn
Doktor Georg Dorn

Dieser sehr instruktive Beitrag sollte
in gestraffter Form jeder Schwangeren zugänglich
werden.

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