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18. Januar 2011
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Bei Marathonläufern ist es vor dem Wettkampf üblich, Schmerzmittel einzunehmen. Der Griff zur Tablette birgt jedoch enorme Risiken, wie Mediziner nun feststellen konnten: Kreislaufversagen oder Erbrechen, aber auch Organversagen treten gehäuft auf.

Die Aussicht wirkt für viele Marathonläufer verlockend: Vor dem Start einfach eine Schmerztablette einwerfen und anschließend von lästigen Beschwerden verschont bleiben. Dass der vorbeugende Griff zur Tablette jedoch enorme Risiken mit sich bringen kann, haben Wissenschaftler kürzlich im Rahmen einer Studie gezeigt. Der Erlanger Pharmakologe Prof. Kay Brune und der Bonner Arzt Michael Küster untersuchten beim Bonner Marathon 2010 nicht nur, wie viele Sportler zu Schmerzmitteln griffen, sondern auch, welche gesundheitlichen Probleme dabei auftraten. Ihre Ergebnisse präsentierten sie kürzlich beim Deutschen Schmerzkongress in Mannheim.

Insgesamt nahmen rund 7500 Läufer an diesem Wettkampf teil. Alle erhielten auf elektronischem Weg die Möglichkeit, mit Hilfe eines Fragebogens Angaben zu ihrem Schmerzmittelgebrauch zu machen. Die Mediziner bekamen von 3500 Teilnehmern eine Rückmeldung, davon liefen 1000 die Marathondistanz und 2500 die Halbmarathondistanz. Von den Wettkämpfern, die eine Antwort abgaben, bekannten sich etwas mehr als 59 Prozent dazu, vor Laufbeginn Schmerzmittel eingenommen zu haben. Hauptsächlich griffen die Läufer zu Ibuprofen und Diclofenac, ein kleiner Teil vertraute auf Aspirin. Fast die Hälfe der Schmerzmittelanwender nahm mehr als die normalerweise empfohlene Standarddosierung ein.

Gewünschte Wirkung blieb aus

Schmerzen vor dem Rennen waren nur für wenige Läufer Grund für die Einnahme, die große Mehrheit hatte den Wunsch, während des Wettkampfs keine Schmerzen zu bekommen oder nach dem Lauf auftretende Muskel- oder Gelenkschmerzen verringern zu können. Dieser Wunsch blieb allerdings unerfüllt: Verglichen mit den Sportlern, die keine Schmerzmittel eingenommen hatten, gaben nicht weniger Sportler aus der Schmerzmittelgruppe den Wettkampf auf oder klagten nach dem Lauf über Schmerzen. Dennoch blieb der prophylaktische Schmerzmittelkonsum nicht ohne Folgen: Bei den Anwendern von Schmerztabletten traten während des Laufs Kreislaufversagen, Erbrechen, blutige Durchfälle, blutiger Urin zwei- bis sechsmal häufiger auf als bei denjenigen, die auf diese Tabletten verzichteten.

Für die Mediziner kamen die gesundheitlichen Probleme nicht unerwartet: „Die Medikamente hemmen das Enzym Cyclooxygenase“, erklärt Brune, der Inhaber des Doerenkamp-Lehrstuhls für Innovationen im Tier- und Verbraucherschutz an der Universität Erlangen-Nürnberg ist. „Dadurch produziert der Körper weniger entzündungsfördernde Prostaglandine.“ Das sei nicht unproblematisch, so der Pharmakologe, denn in vielen Organsystemen übten diese Hormone eine Schutzfunktion aus. Zum Beispiel fördert Prostaglandin E2 die Nierendurchblutung und schützt die Magenschleimhaut vor der eigenen Säure.

Organversagen durch Schmerzmittel

So ist auch kaum verwunderlich, dass ausschließlich in der Gruppe der Schmerzmittelanwender mehrere schwere Zwischenfälle gemeldet wurden: Bei drei Läufern wurde ein akutes Nierenversagen festgestellt, zwei weitere Läufer erlitten einen Herzinfarkt und fünf Wettkämpfer mit schweren Magen-Darm-Blutungen mussten klinisch behandelt werden. Aufgrund dieser Daten geht Brune davon aus, dass schwere Funktionsstörungen von Organen hauptsächlich bei Läufern auftreten, die vor dem Wettkampf nicht auf Schmerzmittel verzichten wollen.

„Schmerz ist ein Warnsignal, das dem Sportler mitteilt, dass er seinen Körper überlastet“, sagt Brune. Dieses Zeichen mit Schmerzmitteln zu unterdrücken, sei schon vom Ansatz falsch. Wenn überhaupt, so der Pharmakologe, solle man die Schmerzmittel nach dem Lauf und nach der Zufuhr von viel Flüssigkeit, versehen mit ausreichenden Mengen an Kochsalz, einnehmen. Die Medikamente verminderten dann die Schmerzen, ohne die Organe übermäßig zu gefährden. Der Erlanger Pharmakologe ist überzeugt davon, dass Langstreckenlauf über die Marathondistanz kaum geeignet ist, den Gesundheitszustand zu verbessern, selbst wenn Sportler auf die vorherige Einnahme von Schmerzmitteln verzichten. Brune: „Vor allem unzureichende Vorbereitung und fehlende Einsicht in Gefahren gefährden das Wohl der Läufer.“

Marathonlauf nur mit ausreichendem Training

Andere Experten teilen diese Meinung: „Der Marathonlauf ist eine Übertreibung, die man ohne Probleme nur übersteht, wenn man richtig trainiert und keine Dummheiten begeht“, findet Privatdozent Fernando Dimeo, Sportmediziner an der Berliner Charité und Betreuer des 25-Kilometer-Laufs in Berlin. „Wenn man sich daran beteiligen möchte, sollte man erst nach eingehender Vorbereitung und bei voller Gesundheit tun, damit das Ganze nicht zu einem Risiko wird.“ Auch wenn Dimeo es für wichtig hält, dass noch mehr daraufhin gewiesen wird, welche Gefahren der Marathonlauf birgt, will er potenzielle Teilnehmer nicht aus deren eigenen Verantwortung entlassen: „Als Veranstalter kann man kaum was dagegen tun, wenn einem Läufer die persönliche Bestzeit wichtiger ist als die eigene Gesundheit.“

110 Wertungen (4.51 ø)

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10 Kommentare:

Das Ergebnis ist sicherlich richtig. Die Frage ist nur, wie der Confounder, daß Leute, die eher mal Schmerzen und damit Vorerkrankungen haben auch eher mal zu Medikamenten greifen kontrolliert wurde.

Denn daß Leute mit Vorerkrankungen eher Probleme bekommen ist ja offensichtlich.

#10 |
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Nicht nur allein die Marathonläufer,sondern die ganze
Unternehmer besessen vom Geld,Macht

#9 |
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Einige Anmerkungen:
Der Artikel fasst unterschwellig bekannte Tatsachen in klare faktenuntermauerte Worte.
Für mich ist die Quintessenz, dass Medikamente zur Verbesserung sportlicher Leistung (Doping) nichts zu suchen haben.
Ich bin selbst, wenn nur sehr amateurhaft, Langstreckenläufer. Die Halbmarathondistanz ist bereits eine Distanz, die viele an die Grenzen bringt. So sollte absolute Priorität der Gesundheit des Läufers ver und während des Laufens geachtet werden.
Medikamente wie NSAR, die frei verkäuflich sind, haben bekannte schwerwiegende Nebenwirkungen, gerade wenn sie im sportlichen Bereich missbraucht werden. Dies sipollte jedem, der dies versucht, bewusst sein.

Insgesamt toller Artikel, der seine warnende Wirkung nicht verfehlen soll.

#8 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

nichts neues für Dr. rer.nat. Stefan Graf, wie schön,
für mich war da doch allerhand neues dabei, danke für den artikel.
immer wieder nett zu hören, dass alle anderen es längst gewußt haben. zu dumm, wenn man wie ich hinter den sieben hügeln bei den sieben zwergen wohnt.

#7 |
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Hallo Herr Braun,
danke für die Info. War auch wirklich nicht bös gemeint. Wir sind uns ja auch in der Sache einig. Beste Grüße!

#6 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Super-Beitrag Herr Braun,
das Thema gehört einer breiten Öffentlichkeit nahegebracht!!
Vielen Dank.

#5 |
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Medizinjournalist

Sorry Herr Dr. Graf,
Im Gegensatz zur Studie aus dem Jahr 2009 untersuchten Brune und Co beim Bonner Marathon 2010 auch die gesundheitlichen Folgen der Schmerzmittelanwendung und die waren dramatisch, wie man den Ergebnissen dieser Studie entnehmen konnte.

#4 |
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Sorry, Herr Dr.Braun,
aber Ihr Artikel bringt nichts Neues zutage. Die Erlanger Studie stammt aus dem Jahr 2009 und bestätigt die Ergebnisse anderer Untersuchungen. Nichtsdestoweniger hat der Schmerzmittelmissbrauch im Breitensport nichts von seiner erschreckenden Brisanz verloren. Beängstigend sind auch die Dosen, die z.T. konsumiert werden. Bedenkenlos werden die im Beipackzettel angegebenen Maximaldosen eingeworfen: 10 bis 12! Tabletten Ibuprofen 200 pro Tag, ¿ und das nicht als einmaliges Ereignis. Intensive Aufklärung über Langzeitschäden tut dringend Not, sonst kann Sport wirklich zum Mord werden.

#3 |
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Johannes  Schumacher
Johannes Schumacher

möchte nicht wissen wie hoch die Zahl derer ist, die um der Bestzeit willen unerlaubte Mittelchen einschmeißen.
Im Grunde ist eine Schmerzmitteleinnahme vor einem Marathon nichts anderes wie Doping

#2 |
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Schön, wenn auch mal auf die NEbenwirkungen hin gewiesen wird.Da die tNSAR ja üblicherweise als harmlos aber hilfreich dargestellt werden, braucht es nicht zu verwundern, wenn die Sportler diese Präparate prophylaktisch einnehmen. Schön auch, wenn Prof. Brunde selbst auf diese Nebenwirkungen hinweist. Im Zusammenhang mit der Rücknahme von Vioxx habe ich da ganz andere Stellungsnahmen in Erinnerung

#1 |
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