Prostata-Ca: Frustfaktor Herrenbinde

21. November 2016
Teilen

Ihr PSA-Wert ist nach der erfolgreichen Entfernung der verkrebsten Prostata nicht mehr im Nachweisbereich. Trotzdem ist für einige dieser Patienten das Leben nicht mehr lebenswert. Der Grund: Tägliche Flecken in der Hose und die Windel für den gestandenen Mann.

“Viele Männer ziehen sich immer mehr zurück, manche vereinsamen regelrecht. Sie entwickeln Depressionen und in dramatischen Fällen sogar Selbstmordgedanken.“ Männer, von denen Professor Christian Stief von der Urologischen Klinik in München-Großhadern erzählt, wurden oft gerade von Krebs geheilt. Nicht selten kommt aber auch nach einer erfolgreichen Prostata-OP eine Inkontinenz. Und nicht selten sind es gerade die beruflich erfolgreichen und selbstbewussten Männer, die mit dem ungewollten Flüssigkeitsverlust nur ganz schwer umgehen können. 

Prostata-OP: Risikofaktor Belastungsinkontinenz

Stiefs Kollegin, PD Dr. Ricarda Bauer, leitet das Kontinenzzentrum an der Universität München und kann sich in die Situation dieser Männer einfühlen: „Sie gehen ihrem Empfinden nach gesund in die Klinik, denn sie spüren den Krebs ja eigentlich nicht. Nach der Operation fühlen sich einige als „Krüppel“ – mit Problemen beim Wasser halten und beim Geschlechtsverkehr.“

Dr. Bauer

PD. Dr. Bauer von der Urologischen Klinik und Poliklinik der LMU München
© R.M. Bauer

Rund 23.000 mal im Jahr entfernen Urologen in Deutschland die gesamte Prostata. Je nach Expertise werden bis zu einem Viertel der operierten Männer inkontinent, in Zentren mit großer Erfahrung liegt die Rate bei unter fünf Prozent. Wenn es beim Mann tröpfelt, unterscheidet der Urologe dabei zwischen einer Dranginkontinenz oder einer Belastungsinkontinenz. Die „überaktive Blase“ mit Dranginkontinenz ruft das Gefühl hervor, es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette zu schaffen. Sie verschwindet meist im Laufe eines Jahres nach der Operation. Dagegen kann die Belastungsinkontinenz unbehandelt zum Dauerzustand werden.

Damenbinden statt Windel für den Herrn

Die „Unbehandelt“-Quote ist bei Inkontinenten höher als bei den meisten anderen Krankheiten. Einer Befragung der deutschen Kontinenz-Gesellschaft zufolge liegt sie bei rund 60 Prozent. Männer leiden noch in weit höherem Maße still vor sich hin als Frauen. Männer seien in ihrem Leben zuvor nie direkt in Kontakt mit Binden oder Slipeinlagen gekommen, berichtet Bauer im Gespräch mit DocCheck von ihren Erfahrungen mit ihrem männlichen Klientel. Sie würden oft von der Kasse nur unzureichend mit geeigneten Einlagen unterstützt und machten sich dann eigenständig im Supermarkt oder Drogerie auf die Suche nach Damenbinden. Das Ergebnis dieser Suche geht dann aber nicht selten in die Hose.

Dazu kommt dann der Ehestress. Über die viele anfallende Wäsche wären die Partnerinnen alles andere als erfreut. Und statt des lange angekündigten schönen Lebens als Rentner mit Konzerten, Reisen und Wanderungen bleibt der schlechtgelaunte Ehemann lieber schamhaft zu Hause. Schließlich steht zuweilen auch noch der behandelnde Arzt einer effektiven Inkontinenz-Behandlung entgegen. „Seien Sie froh, dass sie nach dem Prostatakrebs noch leben! Ihr PSA-Wert ist vollkommen in Ordnung,“ so würden die Verzweifelten häufig in der Sprechstunde abgespeist, „und das gelegentliche Tröpfeln werden Sie doch wohl noch aushalten!“. Viele Ärzte sind zwar über die Möglichkeit einer operativen Behandlung informiert, aber schrecken ihre Patienten mit der Perspektive eines erneuten aufwändigen Eingriffs mit ungewissem Ausgang ab.

Beckenbodentraining: Kurz, aber gezielt

Vielfach ist der Eingriff jedoch gar nicht nötig. Denn dem leichten Urinverlust wirkt oft schon ein starker Beckenboden- und Schließmuskel entgegen. Frauen kennen die Übungen schon aus der Rückbildungsgymnastik nach der Geburt. Den meisten Männern ist jedoch ihr Beckenboden unbekannt und lässt sich auch nicht mit Videos oder bebilderten Buchseiten erspüren oder gar kräftigen. „Ich sehe Männer, die drei oder vier Jahre permanent die Po- und Oberschenkelmuskulatur trainiert haben“, berichtet Bauer von erfolglosen harten Trainingsanstrengungen. Dennoch ist auch das Training beim ausgebildeten Beckenboden-Therapeuten nicht vom ersten Augenblick an wirksam. Zwei Monate ganz gezieltes kurzes tägliches Training sollte aber dann schon eine Besserung bewirken.

Schlinge für den Mann: Einfache Hilfe für leichtere Fälle

Der nächste Schritt ist aber dann auch nicht gleich der aufwändige künstliche Schließmuskel. Für den Mann, dessen Muskel zwar schwach ist, aber noch funktioniert, gibt es eine Lösung per Schlinge, die die Harnröhre hebt und damit den Muskel wieder besser arbeiten lässt. Kompressive verstellbare Schlingen drücken die Urethra zusammen und sind auch für bestrahlte Patienten geeignet.

Die fixierte „Advance®-Schlinge“ unterstützt das schwache Bindegewebe und hält damit den Harn zurück, der sonst dem Schließmuskel entkommt. Einmal eingesetzt, ist eine weitere Anpassung nicht mehr nötig. Auch der jetzt kontinente Mann muss nichts mehr dazu tun und spürt kaum einen Unterschied zu früheren „trockenen“ Zeiten. Studien bestätigen eine Erfolgsquote von rund 65 Prozent in Bezug auf eine komplette Heilung und rund 13 Prozent für eine spürbare Verbesserung. Auch nach drei Jahren Nachbeobachtung sind diese Zahlen noch stabil. Dennoch sollten auch diese Patienten nicht aufhören, ihren Beckenboden für die kommenden Jahre fit zu halten – meist reichen dazu fünf Minuten täglich.

AdvanceXP-Schlinge

Lage der AdVanceXP-Schlinge bei der Inkontinenz-Therapie

Künstlicher Schließmuskel: Wasserlassen per Schalter

Erst wenn der eigene Schließmuskel gar nicht mehr mitspielt, kommt der „artifizielle künstliche Sphinkter“ mit der Manschette um die Harnröhre und einem Ballon zur Druckregulierung zum Einsatz. Bei ihm muss jedoch der Patient bei jedem Wasserlassen den Schalter im Hodensack bedienen. Einige Wochen nach der Operation und der anschließenden Abheilung kann der Betrieb starten – jedoch nur bei Männern, die noch klar im Kopf und beweglich in den Fingern sind.

Eine Dranginkontinenz macht einigen Männern mit einer Prostata-Totaloperation in den allermeisten Fällen nur vorübergehend zu schaffen. Dennoch gibt es auch hier Abhilfe. Anticholinergika sorgen in der Regel für eine Beruhigung der das Blase. Manchmal so sehr, dass das Medikament gar nicht mehr abgesetzt wird, auch wenn das natürliche Urindepot wieder völlig normal funktioniert. Tut es das nicht, kommt möglicherweise auch Botox oder ein Blasenschrittmacher in Betracht. Spezialisierte Zentren versorgen ausgewählte Patienten mit der „sakralen Neuromodulation“, um mit Stromstößen die gestörte Kommunikation zwischen Gehirn und der ausführenden Muskulatur beim Harnfluss zu korrigieren.

Wiedergewonnenes Leben

„Raus aus der Tabuzone“, so lautet der Wunsch von Urologen, die vielen Patienten wirkungsvolle Hilfe anbieten könnten – wenn sie sie denn zu sehen bekämen. Noch leiden viele Männer eher still vor sich hin und schämen sich ihrer nassen Hose, als den Inkontinenz-Spezialisten um Rat zu fragen. Zuweilen vielleicht sogar schon vor der Prostata-OP. Umfragen besagen, dass die Angst vor dem Kontrollverlust der Blase zwischen den Toilettengängen noch größer ist als der vor nachlassender Potenz. Aber auch ein „Stellen Sie sich doch nicht so an.“ in der Arztpraxis bringt viele Männer zum Schweigen, für die es wirkungsvolle Abhilfe gäbe.
Aussagen wie „Sie haben mir mein Leben wiedergegeben“ und Dankschreiben auch noch Jahre nach der erfolgreichen Inkontinenz-Therapie zeigen, dass Lebensqualität nicht nur mit dem besiegten Tumor zusammenhängt.

170 Wertungen (4.57 ø)
Urologie

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

12 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Nimm ‘s leicht, nimm ‘s leicht mit Klosterfrau Melissengeist:
Da hilft kein Schütteln und kein Klopfen,
in die Hose fällt ja doch der letzte Tropfen;
das brauchen länger Sie nicht zu beklagen,
wenn Sie Hygienepents von Tena tragen.

#12 |
  4
R. Müller
R. Müller

Unser Medizinbetrieb geht wieder mal komplett am Thema vorbei. Auch Männer, die ihre Hemmschwelle überwinden und Ärzte um Rat fragen, bekommen nicht die Hinweise, auf die sie im günstigsten Fall selbst kommen:

a) der bei Männern eher vegetativ angesteuerte (verbliebene) Schließ-muskel muss per Training in die bewusste Beeinflussung gebracht werden (per kompetenter Physiotherapie und eigener neuroplastischer Anstren-gung).
b) Der bis dato eher unterentwickelte Schließmuskel muss per Krafttraining auf das Niveau wie bei Frauen gebracht werden.
Nach meiner Kenntnis gibt es eine einzige Übungsmaschine bei einem einzigen Krafttrainings-Anbieter, die dies leisten kann.
Dies natürlich abseits jeder Unterstützung durch die Kasse, ohne jeden Hin-
weis von einem Urologen; und, wie ich vermute, in den Reha- bzw. AHB-Klini-
niken nicht angekommen.
Bin nachträglich froh, dass ich auf die “Reha” verzichtet habe.

#11 |
  3
Gast
Gast

Warum wurde mein Beitrag gelöscht?
Sie können mir schreiben.
FWZ.mitte@gmail.com

#10 |
  0
Dr. med. Rainer Müller
Dr. med. Rainer Müller

Das eigentliche Problem ist doch, dass den Männern erst der PSA-Test und dann die Prostatektomie verkauft wird.
Dabei gibt es keinen Nachweis, dass die Sterblichkeit an Prostatakrebs durch eine Behandlung sinkt. (Cochrane-Institute)
Es gilt die bekannte Regel: Man(n) stirbt nicht an, sondern mit dem Prostatakrebs.

#9 |
  6
Ute Schmuck, Praxis Uro-Physio
Ute Schmuck, Praxis Uro-Physio

Ein prima Artikel der zeigt wie wichtig das präoperative Training ist.
Ein Gespür für die Harnröhre und eine Vorstellung mit wie wenig Anstrengung
der Schließmuskel anzusteuern ist hilft enorm. Am allerwichtigsten ist die Differenzierung zwischen Po, Bauch, Beinen und Schließmuskel. Je früher der Patient das lernt, um so schneller bekommt er das Problem in den Griff.In der Reha klappt das nicht unbedingt. Da fehlt die individuelle Kontrolle. Schade, dass die Patienten über die Krankenkassen unbegrenzt Vorlagen bekommen, aber um jede Heilmittelverornung kämpfen müssen. Da wird ins Defizit investiert.

#8 |
  0
Medizinjournalistin

Dr.Ch.Kraus-Rauch
Für Betroffene beginnt das Problem schon vor der OP:ungenügende Aufklärung durch den Urologen über Komplikationen, die meist heruntergespielt werden.
Vor allem in kleineren Häusern auf dem Land werden moderne Techniken zur Inkontinenzbehebung gar nicht durchgeführt und die meisten Patienten haben oft keine Möglichkeiten sich in eine Uniklinik überweisen zu lassen.Ich kenne Fälle, wo dann auch bei noch voll aktiven Männern dann nur die Windel bleibt, bzw.bei gesellschaftlichen Ereignissen auf Getränke verzichtet wird!

#7 |
  1
Dipl.-Psych. Wolfgang Gaida
Dipl.-Psych. Wolfgang Gaida

Vielen Dank für diesen Artikel. Als Betroffener kann ich den Inhalt voll unterstützen. Sicher ist der PSA-Wert sehr wichtig, aber nur auf den PSA-Wert zu schauen, sollte heute so nicht mehr erfolgen. Inkontinenz ist “ein Thema” nach der Op. Hier ist Aufklärung, Mann – und Partnergerecht, unerlässlich! Gerade das Thema “Beckenbodentraining” wird den Männern oft nicht sachgerecht rübergebracht. Man kann es nicht erlesen, sondern man muss es erfahren! Besonders hat mir das Biofeedback zur Stärkung des Beckenbodens geholfen. Auch hier gilt, informiere Dich mit sach- und fachgerechten Informationen! Eine wesentliche Quelle für meine Informationen war mein Operateur und die anschließende Reha in einer Fachklink. Ich hatte mich zwar erst gesträubt, aber mit dem jetzigen Abstand kann ich sagen, dass der dortige Aufenthalt mir sehr geholfen hat, im Umgang mit meiner eigenen Problematik.

#6 |
  0
Medizinjournalist

#4 Ich bin Ihnen keineswegs böse, dass Sie misstrauisch sind. Wär ich – insbesondere als Journalist – auch. Es ist wahr, dass die Idee zu diesem Beitrag aus einem Gespräch mit Dr. Bauer entstand. Wenn ich es richtig verstanden habe, werden dort in der urologischen Abteilung Schlingen von mehreren Herstellern verwendet – ja nach Situation des Patienten. Ergebnisse aus größeren Studien gibt es jedoch wenige – wohl deshalb, weil sich die Technik schnell weiterentwickelt und ständig neue Produkte auf den Markt kommen. Zu der oben angesprochenen Schlinge gibt es jedoch handfeste sehr gute Studiendaten – nicht nur aus Großhadern, sondern auch von amerikanischen Zentren. Das KANN an einem großzügigen Studiensponsoring des Herstellers liegen, aber ebenso gut an der besseren Qualität dieser Produkte gegenüber der Konkurrenz. In einem längeren Überblicksartikel müsste man viele verschiedene urologische Abteilungen in Deutschland nach dem Gebrauch von verschiedenen Produkten befragen. Das war hier nicht der Fall und auch nicht Absicht. Aber genausowenig Absicht, war es, ein einzelnes Produkt hervorzuheben. Ich habe hier den Produktnamen verwendet, der auch in der wissenschaftlichen Literatur im Paper-Titel verwendet wird.

#5 |
  0
Gast
Gast

Dieser Artikel hinterlässt bei mir ein wenig den Nachgeschmack eines “gesponserten” Beitrags. Verzeihen Sie mir den Verdacht wenn ich falsch liege, aber das gesonderte Hervorheben eines einzigen Medizinprodukts -wie hier im Rahmen der operativen Lösung – sollte argwöhnisch machen. Bestehen Interessenskonflikte?

#4 |
  1

Es ist vertrauenserweckend, ehrliche (?) Zahlen zu lesen… Zumindest ehrlichere, als die unkritisch (?) hochgelobte Zahlen nach da Vinci OP`s.
Unverständlich, warum – trotz hoher Komplikationsmöglichkeiten – bei BPH immer noch eine (sub)totale Prostatektomie durchgeführt wird.
Ich habe meinem Urologen gesagt :”Du, ich unterschreibe 2 “i”-s nicht: Inkontinenz und Impotenz”. Er schnitze mir eine “Pissrinne” – und fügte hinzu: “es ist möglich, sogar wahrscheinlich, dass Du in den nächsten Jahren nochmals operiert werden musst”.
Amputiert ist amputiert – das wissen und sehen(!) wir an den Extremitäten.
Eine vorsichtigere und zurückhaltendere Prozedere (bei BPH!) wäre m.M. nach angebracht. Gegenargument: 2. OP? Und? Nachdem der Pat. zum “Inkontinenten” operiert wurde, muss er dann nochmals – mit höherem (Kosten)Aufwand und schlechteren Heilungschancen.

#3 |
  1

Danke für den guten Artikel!
Kann bei einem 95-jährigem Patienten bei Z. n. austherapiertem Prostatakarzimom eine Therapie mit Vesikur versucht werden?

#2 |
  0
Peter Klein
Peter Klein

…gut, danke…

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: