MFT: Kritik an “Schmalspurhochschulen”

19. Juni 2013
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Zum Medizinischen Fakultätentag trafen sich Vertreter universitätsmedizinischer Ausbildungs- und Forschungsstätten Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und der Niederlande. Sie fordern eine unabhängige Qualitätssicherung für neue "Schmalspurhochschulen".

Die Delegierten befassten sich in einer Resolution zur unabhängigen Qualitätssicherung privater Medical Schools mit der Hochschulentwicklung in Hamburg. „Die private Fachhochschule für Gesundheit und Medizin versucht, eine staatliche Anerkennung als Medical School Hamburg zu erhalten. Der Name ‚Medical School‘ ist dabei Programm, denn es handelt sich nicht um eine Volluniversität. Die Theorie soll auf Fachhochschulniveau und die Praxis auf Lehrkrankenhausebene vermittelt werden. Ein solches Konzept führt zu einer Abkopplung des Medizinstudiums vom aktuellen Stand der Wissenschaften und der Forschung und damit zu einer Verschlechterung der Ausbildung“, erläutert Professor Heyo Kroemer, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT). „Der akademische Inhalt eines solchen Antrags bedarf daher einer unabhängigen Überprüfung. Auch private Träger dürfen die hohen Auflagen der Ärzteausbildung nicht ignorieren. Was in Hamburg passiert ist von grundsätzlicher Bedeutung, denn auch in anderen Ländern liegen ähnliche Anträge vor.“

Nach aktuellen Informationen des Medizinischen Fakultätentages hat die Medical School Hamburg (MSH) – derzeit noch Fachhochschule für Gesundheit und Medizin – beim Hamburger Senat einen Antrag auf Anerkennung als Medizinische Hochschule gestellt. Das Konzept, so der Fakultätentag, sei jedoch ausschließlich auf Lehre ausgerichtet und trenne somit – singulär in Deutschland – die Lehre von der Forschung. Während die vorklinische Ausbildung in Hamburg erfolge, solle der klinische Studienabschnitt u. a. an Lehrkrankenhäusern deutscher Medizinfakultäten durchgeführt werden.

Die Abkopplung der Lehre von der Forschung in einer Einrichtung – mit nach außen dargestelltem wissenschaftlichen Anspruch – widerspricht, so der Medizinische Fakultätentag, dem Humboldt’schen Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre als Grundlage für fundierte wissenschaftliche Ausbildung. Die MSH kehre somit zum Fachschulmodell des 19. Jahrhunderts zurück, welches allein auf das Funktionieren im Bekannten und Gegebenen vorbereite. Eine moderne Universität müsse aber davon ausgehen, dass sich ihre Absolventen typischerweise in Situationen der Ungewissheit und konkurrierender Deutungen zu bewegten. Studierende müssen, so der MFT, die Souveränität gewinnen, damit im Beruf umgehen zu können. Hierzu seien eine wissenschaftlich basierte Urteilsfähigkeit und eine explizit darauf gründende Handlungsfähigkeit erforderlich, welche die notwendige Problemlösungsexpertise auch für während des Studiums noch gar nicht absehbare Fragestellungen bereitstelle. Dies sei jedoch nur in der steten Auseinandersetzung der Lehrenden und Lernenden mit den aktuellen Fragen der Wissenschaft erreichbar und nicht mit der Anwendung bereits etablierten Fachwissens.

Ethisch fragwürdig

Ethisch nicht vertretbar und im Widerspruch zur geltenden Berufs- und Ausbildungsordnung, so die Auffassung des MFT, wäre es, Studierende in Kliniken ohne Forschungs- und Wissenschaftskompetenz auszubilden. Eine klinische Ausbildung in Lehrkrankenhäusern werde daher als kritisch angesehen, da hier der universitäre Charakter der Ausbildung fehle. Lehrkrankenhäuser seien in die Ausbildung von Studierenden im Praktischen Jahr (PJ), nicht aber in den akademischen Unterricht (Vorlesungen, Seminare, Praktika etc.) in den klinischen Fächern eingebunden. Es sei zu erwarten, dass hier nicht ausreichend qualifiziertes (habilitiertes) Lehrpersonal für alle klinischen Fächer und auch keine ausreichenden sonstigen Kapazitäten (Fächerspektrum, theoretische Fächer, etc.) vorhanden sseien.

Die geplanten Studiengebühren der MSH von insgesamt 90.000 bis 100.000 Euro führten zu einer sozialen Abstufung beim Zugang zum Medizinstudium und zeigten im deutschlandweiten Vergleich obendrein, dass hier eine beträchtliche Unterfinanzierung des Medizinstudiums bestehe, sofern das Finanzierungsmodell nicht weitere Geldquellen vorsehe. Hier bestehe die Gefahr, dass kommerzieller Druck die Medizinerausbildung diktiere. Von den künftigen Ärzten, so der Medizinische Fakultätentag, wird aber im besonderen Maße eine hohe soziale Kompetenz und die Bereitschaft zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung erwartet.

Konzept kritisch hinterfragen

Im Interesse der Beibehaltung hoher Qualitätsstandards, so der MFT, müsse vor der Entscheidung über eine Anerkennung durch die entsprechenden staatlichen Behörden eine unabhängige Begutachtung erfolgen. Die Entscheidung solle in einem nachvollziehbaren, transparenten Verfahren getroffen werden. In jedem Fall müssten auch die ökonomischen, sozialen und strukturellen Auswirkungen von Medical Schools in privater Trägerschaft auf die Hochschullandschaft und das Gesundheitswesen betrachtet werden. Weiterhin bittet der MFT das Land Hamburg in seiner Resolution, über die Anerkennung erst zu entscheiden, nachdem der Wissenschaftsrat und der MFT das Konzept geprüft und eine Empfehlung hätten. Insbesondere solle auch die Teilung der Ausbildung auf mehrere Standorte in verschiedenen Bundesländern kritisch hinterfragt werden. Bei einer länderübergreifenden Ausbildung von Medizinstudierenden sei zu prüfen, ob hier ein entsprechender Staatsvertrag abgeschloßen werden müsse.

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6 Kommentare:

Gast aus Deutschland
Gast aus Deutschland

Wer den Frust und die Ablehnung der Ärzte im “grünen Konzern” gegenüber der erzwungenen Betreuung der A*** Medical School – Studenten mal mitbekommen hat, weiß, wo das hinführt.
Die klinische Ausbildung der AMS-Studenten gegenüber dem “Fußvolk” aus der Uni ist sicherlich teilweise hochwertiger (lange Seminare beim Oberarzt gegenüber Stationsdienst beim Uni-Studenten).
Hier stellt sich meines Erachtens aber eine ganz andere Frage:
Warum müssen wir deutschen Universitäts-Studenten der Humanmedizin uns auch nach 12 Fachsemestern und 3 Monaten Prüfungsvorbereitung auf das ZWEITE Staatsexamen (=3 Tage schriftliches Examen UND 2 Tage mündliches Examen) noch für jede Kleinigkeit mit dem LPA auseinandersetzen, um unsere Prüfungszulassung oder Approbation zu erhalten?!? Warum müssen wir teilweise abstruse IMPP-Fragen zu absoluten fachlichen Raritäten auswendig lernen und ein ganzes Jahr lang “unbezahlte Hilfsarbeiten” verrichten?!?
Wenn ich all diese Mühen rückblickend betrachte, frage ich mich, warum einige Kolleginnen und Kollegen aus Österreich (kein wirklich vergleichbares Staatsexamen und nur 8 statt 12 Monate PJ) und anderen Ländern die Approbation vor dem Hintergrund des vielgenannten “Ärztemangels” (der ja offensichtlich auch in angesagten Städten vorliegen muss, denn aufs Land wird wohl auch kein EU-Kollege gehen wollen) hinterhergeworfen bekommen.
Aber wehe, ein Universitäts-Student hat bei der Prüfungsanmeldung keine vierte Kopie der Geburtsurkunde dabei oder es fehlt ein halber Tag in 12 Monaten PJ…
Hier wird mit zweierlei Maß gemessen!

#6 |
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Ärztin

@lorenz albrecht: Ja, wo studierst du? Ganz offensichtlich auch nicht an meiner Uni…

#5 |
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Fabian Käfer
Fabian Käfer

Wollte im ersten Satz sagen das keine Angst verbreitet wird und auch nicht die Macht gegenüber den Studenten ausgelebt wird. zumindest empfinde ich das so.

#4 |
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Fabian Käfer
Fabian Käfer

@ Lorenz ich weis ja nicht wo du studierst/hast aber bei uns in Mainz ist es erwünscht mit den Profs ins Zwiegespräch zu tretten, verbreitung von angst und das zeigen von macht gegenüber Studenten. Zudem wenn du das angebot der uni Nutzt wirst du so finde ich auch auf unbekanntes oder aber auch auch wissenschaftliches arbeiten vorbereitet das heisst aber auch nicht nur zu den Pflichtveranstalltungen gehen und dann kurz vor der Klausur das nötigste rein hauen.
Hinzu kommt noch wenn du die Mediziner ausbildung privatisierst können sich das nur noch wenige leisten. Ich hätte nich so eben mal 90000€ oder mehr pro Jahr und nur weil die das in den USA so machen heisst das nich das das gut ist. Ich finde kosstenlose Hochschulausbildung ist eine extrem wichtige errungenschaft für die es sich lohnt zu kämpfen. Auch wenn du mal vergleichst was man an einer Universitätsklinik sieht sei es an Erkrankungen, Einsatz moderner Technik oder auch neuer Behandlungsmethoden wirst du an nicht Unikliniken nicht oder seltener sehen. Ausserdem was heisst Monopol es ist ja nicht verboten Private Unis bezw private Medizinische Hochschulen zu eröffnen sie müssen nur den selben ansprüchen genügen wie die staatlichen.

#3 |
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Heilpraktiker

»Wer hat von euch in seinem Medizinstudium Fähigkeiten gelernt mit bisher unbekannten Problemen umzugehen und sie zu lösen. Das Medizinstudium in Deutschland bedeutet auswendig lernen, haken und klappe halten in einem höchst hierarchischem Umfeld geprägt von überarbeiteten Lehrenden, Angst, Macht und Unterfinanzierung
Das hat mit den humboldtschen Vorstellung von Universalität nichts gemein.«

Ich möchte da meinem Vorredner nur Recht geben. Es geht hier sicher nicht oder erst sehr viel später um irgendwelche Ausbildungsfragen. Vorher dürften sehr lange finanzielle Interessen stehen: die Pfründe und Erbhöfe wollen geschützt werden.

Und wrft man einen genauen Blick auf die verschiedenen Zugänge zu humanmedizinischen Berufen, dann ist es schon spannend, was für einen Luxus wir uns leisten mit der mangelnden Durchlässigkeit, den fehlenden Ausbildungsstandards, den Fremdscham erregenden Verwaltungseskapaden (bspw. HP- und RD-Gesetz!), der Kleingartenmentalität der einzelnen Fachbereiche, etc. pp. ad nauseam. DA ist die Haltung des 19. Jahrhunderts.

Ganz sicher hat das nichts mit auch nur irgendeiner wildromatischen Idee der akademischen Vernetzung von Forschung und Lehre als immerwährendem Zustand zu tun.

Mal ganz ehrlich: welcher niedergelassene Therapeut forscht denn ernsthaft? Als wenn das vor den Verlockungen der Pharmaweiterbildung schützen würde.

Das noble Ansinnen ist ja erkennbar, aber möglicherweise mit einem antiquierten Rollenverständnis verküpft.

My two cents. Hell yeah, mein erster Doccheck-Kommentar;)

#2 |
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lorenz albrecht
lorenz albrecht

Wer hat von euch in seinem Medizinstudium Fähigkeiten gelernt mit bisher unbekannten Problemen umzugehen und sie zu lösen. Das Medizinstudium in Deutschland bedeutet auswendig lernen, haken und klappe halten in einem höchst hierarchischem Umfeld geprägt von überarbeiteten Lehrenden, Angst, Macht und Unterfinanzierung
Das hat mit den humboldtschen Vorstellung von Universalität nichts gemein.
Man kann erfolgreich Schulbildung, flächendeckende efiziente Gesundheitsversorgung und das Rentensystem privatisieren, aber nicht Medizinerausbildung?
Auf der ganzen Welt sind Medschools der Standard. Worum es in der Debatte geht ist die Angst Studenten und Geld abzugeben und so ein schönes Monopol abzugeben und einen tatsächlichen Wettkampf einzutreten.

#1 |
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