Chirurgie an der Fifth Avenue

19. Januar 2011
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Viele Studenten verbringen ein PJ-Tertial im Ausland. Erfahrt hier, welche Erfahrungen man in New York sammeln kann.

Bereits früh im Studium war mir eigentlich klar, dass ich mir während Famulaturen und PJ das „medizinische Ausland“ etwas näher ansehen wollte. Da mir die englische Sprache nach guter schulischer Ausbildung schon immer leicht fiel und ich auch recht firm darin war, entschloss ich mich für ein PJ-tertial ins englischsprachige Ausland zu gehen.

Die USA – genauer gesagt New York – hatten es mir angetan seit ich 2006 mit einem guten Freund für einen Kurztrip schon einmal dort gewesen war.
Über die Webseite Association of American Medical Colleges (AAMC) fand ich schnell heraus, dass der Staat New York eine sogenannte foreigner-Klausel hatte, die die maximale Aufenthaltsdauer während Famulaturen und PJ auf insgesamt 12 Wochen beschränkte. Ein komplettes Tertial besteht jedoch aus 16 Wochen. Was also tun?

Eine Möglichkeit war, den gesamten PJ-Urlaub an das Ende des Tertials zu hängen und vier Wochen lang rumzureisen. In Anbetracht des nicht unerheblichen finanziellen Faktors, aber auch aus Furcht vor einer am Ende zu kurzen Vorbereitungszeit auf das Hammerexamen, entschloss ich mich mein geplantes Auslandstertial zu splitten und jeweils acht Wochen in New York und acht Wochen in Kapstadt, Südafrika zu verbringen.

Die Bewerbung

Gesagt, getan – aber der bürokratische Aufwand ist dabei nicht zu unterschätzen.
Über die Webseite der Mount Sinai School of Medicine (MSSM) in New York konnte man alle nötigen Informationen erlangen, Formulare runterladen und bekam einen Eindruck davon, wie bürokratisch dieser Weg werden würde.

Man braucht eine ganze Reihe von Bestätigungen der eigenen Uni über absolvierte Core-classes (Kern-/Hauptfächer wie Allgemeinchirurgie, Pädiatrie, Gynäkologie, Innere Medizin) zusammen mit speziellen Formularen der MSSM samt Lebenslauf und Nachweis über Finanzen. Erst wenn man alles zusammen hat, kann man sich bewerben.

Eindrücklich warnte die Webseite mich: Unvollständige Bewerbungen werden nicht bearbeitet und man erhält keine Notiz darüber, was denn überhaupt fehlt. Na toll! Da half nur genaues Schauen und Hoffen, dass man nicht doch noch eine Kleinigkeit vergessen hatte.

Die Zeit nach der Bewerbung verging und ich bekam keine Antwort aus NY. Parallel kümmerte ich mich um ein Visum bei der amerikanischen Botschaft in Frankfurt, das auch seine Zeit dauern würde. Nach einiger Zeit kam dann endlich die Bestätigung: Ich hatte ein erfolgreiches „placement“ für je vier Wochen Cardio-Thoracic- und Liver-Transplant-Surgery.

FRA -> JFK

Also ab ins Reisebüro und Flüge gebucht: FRA-JFK! Unterkunft wollte ich eigentlich über die im amerikanischen Raum sehr hilfreiche und umfassende Webseite craiglist.com suchen, wurde dann aber spontan in einer StudiVz-Gruppe fündig. Dort wurde ein Zimmer in Brooklyn zur Miete angeboten: 900 Dollar waren zwar ein stolzer Preis aber durchaus der Rahmen, mit dem ich in New York gerechnet hatte.

Mitte Juni, nachdem ich mein erstes Tertial am Lehrkrankenhaus in Neustadt/Weinstraße absolviert hatte, war es endlich so weit. Ich trat also den Weg in den Big Apple an.
Einmal in New York angekommen klappte auch alles auf Anhieb: meine Wohnung war gut, der Weg ins Mount Sinai Hospital in Manhattan leicht gefunden und auch die Formalia im Krankenhaus waren zu bewältigen. Am ersten Tag holte ich meinen Kittel und mein ID-Tag ab, das mir jeden Tag den Weg an den Sicherheitskräften vorbei garantierte, denn kontrolliert wird hier spätestens seit September 2001 überall.

Herz-Thorax-Chirurgie

In meiner ersten Rotation in Herz-Thorax-Chirurgie war ich als deutscher Student auch gleich nicht allein sondern eine Kollegin – zufällig von der gleichen Heimat-Uni wie ich – war auch dort. Allerdings wussten wir beide nichts von der Bewerbung des jeweils anderen, bis wir uns am ersten Tag im Briefing sahen.

Die Arbeit im Krankenhaus war zumindest was die Zeiten anging gewöhnungsbedürftig im Vergleich zu Deutschland: Beginn war 6.30 mit Kurzvisite und Besprechung der Neu-Aufnahmen, anschließend OP bis oftmals in den Abend hinein. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass sich auch niemals jemand beschwerte, wenn man dann um 18Uhr oder auch einmal früher den Heimweg antrat.

Während der Rotation bekam ich praktisch das gesamte Spektrum der Herz-Thorax-Chirurgie zu sehen. Das MSSM verfügt über mehr als 25 OP-Säle von denen allein sechs von den Herzchirurgen belegt werden. So gab es also zumindest immer etwas zu sehen, wenn man nicht selbst für OPs eingeteilt war; moderne Technik ermöglichte eigentlich überall den Blick in den Situs des Patienten. Aber oft war man auch als zweite oder bei größeren Operationen als dritte Assistenz eingeteilt und durfte kleinere Tätigkeiten verrichten.

Lebertransplantationschirurgie

Die zweite 4-wöchige Rotation an der MSSM gab einem da schon eher den Eindruck ein (fast) fertiger Arzt zu sein. Am ersten Arbeitstag wurde mir gleich mal einer der Transplant-Piepser in die Hand gedrückt mit Instruktionen was genau zu tun wäre, wenn er denn losginge.
Das Team war sehr nett und kommunikativ, stets bereit zu helfen; ich hatte überwiegend indische Ärzte in der Rotation, die mehr im Krankenhaus zu leben schienen als an Freizeit interessiert zu sein, aber ehrlicherweise ist das Leben als Intern bekanntermaßen auch kein Zuckerschlecken.

Der Tagesablauf sah bei den Lebertransplantations-Chirurgen völlig anders aus als in der vorherigen Rotation. Hier lag der Schwerpunkt eindeutig beim Visitieren; ich glaube das Maximum, das ich zählte, waren fünf Mal an einem Tag. Entsprechend wenig gab es im regulären Tagesbetrieb für mich als Studenten zu tun. Ich hatte mich eher aufs Mitlaufen, Zuhören und Fragen-vom-Chef-beantworten zu beschränken.

Die wirkliche Arbeit begann abends oder nachts, wenn der berüchtigte Piepser tatsächlich losging und anzeigte, dass irgendwo in den USA jemand gestorben war, der bereit war, nach dem Tod seine Organe für andere zu spenden.
In einer kleinen Gruppe von maximal vier Personen (ein oder zwei Ärzte, ein Perfusionist und ich) trafen wir uns dann am Krankenhaus, wurden per Auto und Polizeieskorte an den Flughafen gebracht und flogen zum jeweiligen Krankenhaus.

Die Mitarbeit im OP vor Ort war wesentlich umfangreicher als gedacht, neben Haltenähten, Kanülierungen, und abschließendem Zunähen durfte ich manchmal sogar beim Präparieren der Organe auf einem Seitentisch behilflich sein während andere chirurgische Kollegen noch dabei waren, die für sie wichtigen Organe zu entnehmen (Herz-Thorax-Chirurgen dürfen wegen der heikelsten Ischämiezeit immer zuerst operieren, danach Leber-/Darmentnahme, abschließend Nierenentnahme und zuletzt evtl. Hornhaut). Anschließend war wieder Flughafentransfer und Rückflug angesagt; wenn man wollte durfte man auch bei der eigentlichen Transplantation anwesend sein, dann jedoch als reiner Zuschauer. Am nächsten Morgen war dann glücklicherweise erst einmal Ausschlafen angesagt.

Fazit

Insgesamt hat sich der Auslandsaufenthalt in meinen Augen gelohnt; ich konnte mir gut ein Bild davon machen, was es heißt als Arzt in den USA zu arbeiten aber auch das Sightseeing kam in den zwei Monaten in NY nicht zu kurz. Die Stadt hat mich neben der hochentwickelten Medizin die dort praktiziert wird ebenso fasziniert.

Ein dauerhaftes Arbeiten in den USA kommt für mich jedoch nicht in Frage. Zum Einen, weil die Formalitäten (amerikanisches Examen in drei Teilen) und die Einreisebestimmungen kompliziert sind, zum Anderen weil das Arbeitspensum gerade als Anfänger eher abschreckenden Charakter hat. Aber auch hier in Deutschland wird natürlich fabelhafte Medizin praktiziert und ich bin – angekommen in meinem Wunschberuf als Anästhesist – sehr glücklich mit meiner Tätigkeit.

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