Emulgatoren: Keine Darmfloristen

6. Dezember 2016
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Emulgatoren und Stabilisatoren kommen nicht nur in Lebensmitteln vor, sondern auch in zahlreichen Arzneimitteln. Forscher zeigen jetzt, dass die Stoffe im Mausmodell Darmkrebs begünstigen. Lassen sich ihre Resultate auf Menschen übertragen?

Nicht nur Eis oder Mayonnaise haben es in sich. Pharmazeutische Hersteller setzen Hilfsstoffe wie Polysorbat-80 (P80, E 433) beziehungsweise Carboxymethylcellulose (CMC, E 466) auch bei Dermatika, Tabletten und Kapseln ein. Die Emulgatoren stehen schon länger im Verdacht, unsere Darmflora negativ zu beeinflussen.

Darm in Flammen

Bereits im Jahr 2015 hat Andrew Gewirtz aus Atlanta, Georgia, gezeigt, dass Emulgatoren bei Mäusen die Mukosa-Barriere im Darm schädigen. Der Forscher kritisiert, Tests von Herstellern würden sich vor allem auf akute Toxizitäten und Krebsrisiken beschränken. Gleichzeitig diagnostizieren Ärzte entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa seit Mitte des 20. Jahrhunderts immer häufiger. Die Erkrankungen werden mit Störungen der Schleimbarriere in Verbindung gebracht. Gewirtz sieht hier bislang unbekannte Effekte von Emulgatoren. Seine Hypothese, dass es zu Veränderungen der Mikrobiota kommt, konnte er experimentell bestätigen. Emulgatoren zeigten bei Mäusen, die keimfrei aufwuchsen, keinerlei Effekt. Übertrug Gewirtz Proben der Darmflora von normal gehaltenen Mäusen, die Emulgatoren erhalten hatten, auf keimfreie Tiere, traten niederschwellige Entzündungen im Darm auf.

Jetzt hat die gleiche Arbeitsgruppe untersucht, welchen Einfluss Polysorbat-80 und Carboxymethylcellulose auf das Wachstum von chemisch induzierten Darmtumoren haben. Ihr Fazit: Veränderungen der mikrobiellen Darmflora durch Emulgatoren reichten aus, um das Tumorwachstum im Tiermodell zu beschleunigen. Was sagen Experten zu den Studienergebnissen?

Zusammenhänge klar belegt

„Es ist bekannt, dass CMC und P80 zu den unverdaulichen Nahrungsbestandteilen gehören“, erklärt Dr. Anna Kipp vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DifE). Fremdstoffe gelangen bis in tiefere Darmabschnitte und verändern die Mikrobiota. „Die aktuelle Studie führt die vorherige logisch fort, da bekannt ist, dass eine niedriggradige Entzündung des Darmepithels das Darmkrebsrisiko erhöht. Dies konnte – wie zu erwarten – gezeigt werden“, so Kipp weiter.

Für sie ist der Einfluss chronisch-entzündlicher Prozesse auf das Tumorwachstum „klar belegt“. Auch der Zusammenhang zwischen Veränderungen der Mikrobiota und entzündlichen Prozessen im Darm sei bekannt. Diese Prozesse würden durch Emulgatoren verstärkt. „Dies führt dann folgerichtig zu vermehrten Tumoren“, schlussfolgert die Expertin.

Modell mit Manko

Anna Kipp sieht aber auch Schwachpunkte: „Die Zahl der untersuchten Mäuse ist mit einer Gruppengröße von fünf bis acht beziehungsweise zehn relativ klein für ein Krebsmodell.“ Generell seien Nagetiere für Studien der Mikrobiota keine besonders guten Modellorganismen. Die Forscherin spricht von „relevanten Unterschieden in der Zusammensetzung und Lokalisation“, verglichen mit Menschen. „Es wäre also zunächst wichtig, zu untersuchen, ob sich die in der Maus gefundenen Erkenntnisse auf den Menschen übertragen lassen“, fordert die Wissenschaftlerin.

Gift stoppt Galle

Dietrich

Professor Dr. Daniel Dietrich. Quelle: Universität Konstanz

Professor Dr. Daniel Dietrich von der Universität Konstanz weist auf eine weitere Schwachstelle hin. Mäuse, die Emulgatoren erhalten hatten, produzierten deutlich weniger Gallensäuren. Erklärungen bleiben die Autoren schuldig. „Erhöhte Mengen an Gallensäure erhöhen die Schleimschicht und vermindern so das Risiko einer Infektion mit entzündungsfördernden Bakterien“, kommentiert Dietrich.

„Da die gesamte Krebsstudie auf der Tatsache basiert, dass die Emulgatoren bei Mäusen zu einer verminderten Gallensäure-Ausscheidung im Dickdarm und somit zu einer verminderten Dickdarmschleimdicke führt, müsste zuerst verstanden werden, wie diese Verminderung der Gallensäure-Ausscheidung durch kleinste Mengen Emulgatoren zustande kommt und ob diese Mechanismen auch beim Menschen vorliegen. Erst dann kann über eine Relevanz der Befunde für den Menschen diskutiert werden.“

Ihm fehlen außerdem Informationen zum Einfluss von Ethanol. „Leider verwendeten die Autoren keine Alkohol-Kontrollgruppe, anhand derer man die Effekte geringer Mengen Alkohol in Lebensmitteln auf den Gallenfluss, die Dickdarmschleimschicht und die mikrobielle Flora hätte untersuchen können“, moniert Daniel Dietrich. „In Anbetracht der Tatsache, dass seit Jahrhunderten Alkohol zur Konservierung von Lebensmitteln verwendet wird und die tägliche Aufnahme geringer Mengen Alkohol bereits regelmäßiger Bestandteil wie zum Beispiel der mediterranen Ernährung ist, wäre dieses Kontrollexperiment unabdingbar gewesen.“

Werte an der Grenze

Damit bleiben erste Anhaltspunkte für weitere Studien. Für politische Forderungen ist die Zeit noch nicht reif. Über niedrigere Grenzwerte wollen weder Anna Kipp noch Daniel Dietrich sprechen. Bei P80 liegt das Limit derzeit 10 mg/kg Körpergewicht, während für CMC kein Grenzwert existiert.

86 Wertungen (4.3 ø)

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6 Kommentare:

Dipl.-Pharm. Christin Nitzschke
Dipl.-Pharm. Christin Nitzschke

Ich kann Herrn Fischer nur voll und ganz zustimmen. Polysorbat 80 als klassisch amphiphiler Emulgator kann nicht mit dem Pseudoemulgator CMC verglichen werden, da sie strukturell und mechanistisch in der Stabilisierung von Emulsionen nichts gemeinsam haben. Außerdem sind die verabreichten Mengen in der Studie nicht zu verachten: eine 1 %-ige Polysorbat 80-Lösung schäumt schon ordentlich.

Zudem muss ich dringend Frau Dr. Kipp widersprechen: „Es ist bekannt, dass CMC und P80 zu den unverdaulichen Nahrungsbestandteilen gehören“ – das ist zumindest für PS 80 völliger Quatsch. Dies geht zum einen aus einer von den Autoren des Artikels genutzten Quelle hervor, die diese falsch zitieren:
“5. Safety (1) Disposition (absorption, distribution, metabolism, excretion and degradation)
Following oral administration in rats, the ester bond sites of polysorbates are hydrolyzed, within the digestive tract, by pancreatic lipase.
Free fatty acids are then absorbed from the digestive tract and oxidized and excreted, mainly as carbon dioxide in exhaled breath.” (Quelle: http://www.fsc.go.jp/english/evaluationreports/foodadditive/polysorbate_report.pdf)

Polysorbat 80 ist sehr wohl durch Lipasen spaltbar (Literatur ebenfalls: DOI: 10.1016/j.ejpb.2016.08.009), wodruch die Fettsäure abgespalten wird. In diesem Schritt geht aber auch zeitgleich die Emulgatoreigenschaft verloren, da die Substanz dann nicht mehr amphiphil ist. Vorsicht also vor Experten…

#6 |
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Tierarzt
Tierarzt

“Mäuse, die Emulgatoren erhalten hatten, produzierten deutlich weniger Gallensäuren. Erklärungen bleiben die Autoren schuldig.” Vielleicht liegt es daran, dass Gallensäuren ihrerseits selbst Emulgatoren sind? Eine pH-Wertmessung wäre da vielleicht interessant gewesen.
“Gallensäure-Ausscheidung im Dickdarm”? Hab ich da was verpasst?

#5 |
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Studien und Statistikauswertungen sind sehr wertvoll. Genauso wertvoll ist es aber, sie im Kontext zu sehen und kritisch zu hinterfragen.
Stichwort “Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gemacht hast”.
In diesem Artikel finde ich es HERVORRAGEND, Fachleute ihre Kommentare dazu geben zu lassen.
GUT GEMACHT.

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Martina HI
Martina HI

:-((
LECKER,diese Zusatzstoffe kommen in Kuchen und Keksen, Fertigbackmischungen, Backzutaten, in cremigen Fertigsuppen, Dips, Dressings, Mayonnaise, Schmelzkäse, in Pasteten, Fischstäbchen, in Sahne, Jogurts, Puddings sowie in Geleefrüchten und Marmelade vor. Sie können in beliebiger Menge eingesetzt werden.
Danke für die Aufklärung,vor allen Dingen…..verminderte Gallensäuren…..!

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Hans-Jörg Schindler, Ernährungsberater und HPA
Hans-Jörg Schindler, Ernährungsberater und HPA

Ich finde es durchaus bemerkenswert, wenn Menschen sich Gedanken machen über nicht natürliche, von Menschen entwickelte Substanzen, egal welche Bezeichnung diese tragen, und über deren Aus- und Wirkungen im menschlichen Organismus. Die Kardinalfrage, die es zu stellen gilt ist m.E., was bewirken Substanzen, die unser System nicht er-/kennt. Ebenso bemerkenswert ist die Ansicht, daß eine Substanz solange als unschädlich oder unbedenklich gilt, solange das Gegenteil nicht zu 100% bewiesen ist. Dies mag ja in Gerichtsverfahren “in dubio pro reo” angebracht und ethisch korrekt sein, im biologisch-chemischen Sinne gilt für mich das Gegenteil: Solange die Unbedenklichkeit nicht zu 100% erwiesen ist, sollte eine künstliche Substanz verboten sein.

Beispiele hierfür: Asbest, Contergan, Atomkraft, Tabak, Alkohol,….. diese Liste läßt sich einer Dimension fortführen, die jedes Jahr exponentiell zunimmt! Übrigens nahezu in einem Verhältnis, in dem die Bevölkerung chronisch erkrankt.

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Klaus Fischer, Chemiker
Klaus Fischer, Chemiker

Dumm nur, dass die Zitatgeber von Chemie wenig Ahnung haben. Denn es ist zwar eine Plattitüde, wenn man leider nachtragen muss (!!) Emulgatoren sind nicht ein Emulgator, sondern sehr unterschiedliche Stoffe, so wie es die unterschiedlichsten Chemikalien auf dem Markt als Medikamente mit nutzbaren Eigenschaften und ihren bekannten oder in praxi erst merkbaren Nebenwirkungen gibt. Man sollte von einseitig aussagekräftigen Oberbegriffen endlich Abstand nehmen, um dann erst qualifiziert Stellung zu beziehen, denn die Einzelsubstanz muss beurteilt werden, um eindeutig zu werden.
6.12.2016 Klaus Fischer

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