Strammstehen mit Stethoskop

19. Januar 2011
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Sie studieren mitten unter uns: Soldaten der Bundeswehr. Wir haben mit einer Offiziersanwärterin über ihr Medizinstudium, die Rahmenbedingungen und den möglichen Kriegseinsatz gesprochen.

Susanne* studiert über die Bundeswehr Medizin in Marburg. Ihr Studium unterscheidet sich nicht von dem der Zivilisten, jedoch stehen für sie neben der Uni unter anderem Sportprüfungen und Lehrgänge auf dem Programm. Wir haben mit ihr über ihre bisherigen Erfahrungen bei der Bundeswehr gesprochen.

Susanne, warum hast Du Dich dafür entschieden, über die Bundeswehr Medizin zu studieren? Was waren Deine Gründe für diese Entscheidung?

Susanne: Es gab für mich persönlich verschiedene Gründe, über die Bundeswehr zu studieren. Die Möglichkeit, direkt nach dem Abitur und ohne Wartesemester studieren zu können, hat mich am meisten gereizt. Es ist auch eine gute Möglichkeit, den mittlerweile sehr hohen Numerus Clausus zu umgehen. Zudem fand ich fand es immer sehr gut, dass man nach dem Studium Vorgesetzter für die Soldaten und Arzt in einem ist, also quasi eine doppelte Aufgabe übernimmt. Außerdem hat man bei der Bundeswehr mehr Karrierechancen und einige Möglichkeiten, die man über den zivilen Weg vielleicht nicht unbedingt hätte. Neben der ärztlichen Tätigkeit ist man später auch ein wichtiger Helfer in Krisengebieten und leistet so einen nützlichen Dienst. Dass man außerdem während dem Studium auch verschiedene Sportprüfungen absolvieren muss, stellt für mich eine gelungene Abwechslung dar. Dabei bleibt man fit und kann etwas für die eigene Gesundheit tun.

Für wie lange hast Du Dich nun bei der Bundeswehr verpflichtet und wie bist Du dort eingebunden?

Susanne: Ich habe mich für insgesamt 17 Jahre verpflichtet: 6 Jahre Studium plus 11 Jahre Dienst bei der Bundeswehr. Ich studieren ganz normal an einer staatlichen Uni, und bin ‘nebenbei’ Soldatin, also Sanitätsoffiziersanwärterin. Nach dem Studium bin ich dann gleich Stabsärztin und beginne meine Facharztausbildung, welche von der Bundeswehr größtenteils vorgegeben wird.

Welche Kriterien muss man erfüllen, um überhaupt über die Bundeswehr Medizin studieren zu dürfen?

Susanne: Generell ist das Abitur eine Grundvoraussetzung, um sich überhaupt bewerben zu können. Die Abiturnote selbst ist aber nicht so wichtig, denn es wird mehr Augenmerk auf andere Dinge wie die Eignung, überhaupt ein Soldat sein zu können, gelegt. Außerdem muss jeder Bewerber die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Sportlich zu sein ist auch sehr von Vorteil, denn jeder Bewerber muss mehrere sportliche Prüfungen ablegen. Am Wichtigsten ist aber immer noch, dass man sich ein Leben als Soldat vorstellen kann und auch von der Psyche her dafür geeignet ist. Vorkenntnisse im Fach Medizin sind auch hilfreich und der Bewerber muss mindestens ein medizinisches Praktikum in einem Krankenhaus gemacht haben. Jeder Bewerber muss gesund und teamfähig sein, organisatorisches Talent haben und natürlich Führungsqualitäten besitzen, um andere leiten und sich auch durchsetzen zu können.

Wie lief das Auswahlverfahren für die Bundeswehr damals ab? Welche Eindrücke und Erfahrungen konntest Du dabei sammeln?

Susanne: Ich war damals für 3 Tage in Köln. Dort musste ich sozusagen mehrere Stationen durchlaufen und alle Stationen plus die dazugehörigen Prüfungen mussten bestanden werden. War dies nicht der Fall, wurde man gleich nach Hause geschickt. Ist der Bewerber nach den 3 Tagen noch da und hat alle Stationen bestanden, so kommt er in die engere Auswahl. Geprüft wird in der Zeit die sportliche Tauglichkeit, ein psychologisches Gutachten wird erstellt und das Sozialverhalten wird geprüft. Außerdem werden Fragen zur Allgemeinbildung gestellt, das Vorwissen zum Fach Medizin geprüft und es werden mehrere Intelligenztests durchgeführt. Des Weiteren muss man sein sprachliches und mathematisches Wissen beweisen und diverse Aufsätze zu verschiedenen Themen schreiben. Letztendlich finden Multiple Choice-Tests statt, welche die Moral des Bewerbers hinterfragen. In diesem Test stehen dann schon zum Teil Fragen, wie man sich im Umgang mit einer Waffe verhalten und wann und in welcher Situation man diese auch benutzen würde.
Ich fand die Leute und die Atmosphäre dort sehr nett. Der Sporttest war sehr einfach und es hat mir sehr viel Spaß gemacht, diese Tests zu absolvieren. Das erste Vorstellungsgespräch war interessant und aufregend zugleich, denn vor dem Abitur war ich noch nie bei einem Vorstellungsgespräch. Es war auch spannend in der Hinsicht, als dass man von einer anderen Person eingeschätzt und der Wissensstand geprüft wurde. Deren Einschätzung und Meinung über mich zu hören, war neu, aber spannend.
So eine Prüfung bringt den Bewerber auch an die eigenen Grenzen, da man allein in einer fremden Stadt ist und nach dem Abitur die erste andere Prüfungssituation kennenlernt. Außerdem lernt man dort sehr viele neue Menschen kennen und das Zusammengehörigkeitsgefühl ist sehr stark, weil man mit den anderen Bewerbern viele neue Situationen erlebt und durchsteht.

Was unterscheidet für Dich ein Studium bei der Bundeswehr von einem Studium über den zivilen Weg?

Susanne: Man ist quasi Student und Angestellter in einem und wird auch während dem Studium finanziell unterstützt. Dadurch ist es möglich, sich komplett auf das Studium zu konzentrieren, ohne noch einen zeitraubenden Nebenjob haben zu müssen. Man lernt auch schon vor Studienbeginn einige Leute kennen, welche in der gleichne Stadt studieren werden. Dadurch ist man von Anfang an nicht auf sich alleine gestellt. Jeder Student, welcher über die Bundeswehr studiert, lernt auch sehr schnell Respekt vor den Autoritätspersonen kennen, was vielleicht im zivilen Studium nicht gleich der Fall ist, sondern erst in höheren Semestern oder noch später.
Mit Studenten aus höheren Semestern kommt man leichter in Kontakt, man kann sich mit ihnen austauschen und eventuelle Treffen organisieren. Dies ist vielleicht nicht so einfach, wenn man über den zivilen Weg Medizin studiert, da die Kontaktmöglichkeiten nicht so bestehen.

Wie läuft ein Studium über die Bundeswehr generell ab? Muss man neben dem Studium Zusatzqualifikationen erbringen? Und wie reagiert die Bundeswehr, wenn die Regelstudienzeit überschritten wird?

Susanne: Ich habe damals zuerst die Grundausbildung absolviert, danach beginnt auch gleich das erste Semester. Während der Vorklinik habe ich einen Offizierslehrgang von zweimal zwei Wochen absolviert, dieser muss auch definitiv bestanden werden. In den Semesterferien habe ich in der Vorklinik das Pflegepraktikum und später in der Klinik meine Famulaturen im Bundeswehrkrankenhaus absolviert. Jeder, der gerne in einem zivilen Krankenhaus ein Praktikum oder eine Famulatur machen möchte, muss dafür extra einen Antrag stellen. Das Praktische Jahr kann aber in einem zivilen Krankenhaus absolviert werden.
Neben dem Studium habe ich noch diverse Leistungsabzeichen in Sport und Schießen gemacht, außerdem noch einen Leistungsmarsch und ein Truppenpraktikum von einem Monat. Vorm zweiten Staatsexamen bekommt jeder Student mitgeteilt, welche Facharztausbildung absolviert werden muss und wo man eingesetzt wird. Dies ist aber mittlerweile in der Kritik und wird vermutlich geändert. Nach dem Studium muss jeder Arzt für mehrere Wochen nach Köln, um an diversen Kursen teilzunehmen, in denen vermittelt wird, wie Ärzte beim Bund generell arbeiten. Auch Selbstverteidigungskurse und die militärische Ausbildung stehen auf dem Plan, außerdem eine Notfallmedizin-Weiterbildung. In Planung ist auch, dass eine Kinderbetreuung und eine bessere Unterstützung bei Familienplanung eingeführt wird. Zusätzlich ist jeder Arzt und jeder Student über die Bundeswehr versichert und wird bei Verletzungen oder Krankheiten von den Bundeswehrärzten versorgt. Auch Operationen werden bei Bedarf im Bundeswehrkrankenhaus durchgeführt
Wenn ein Student ein Semester mehr braucht aufgrund von fehlenden Scheinen oder nicht bestandenem Physikum, wird ein zusätzliches Semester immer bewilligt. Werden noch mehr Semester benötigt, wird es schon kritisch. Jeder betroffene Student muss dann ein Beratungsgespräch führen, um das Studium doch noch zu meistern oder es wird oftmals ein anderes Studium empfohlen.

Welche Erfahrungen konntest Du durch die Bundeswehr schon sammeln, welche Du eventuell über ein ziviles Studium nicht hättest sammeln können?

Susanne: Vor allem die Grundausbildung hat mich sehr beeindruckt und ist mir auch in bleibender Erinnerung geblieben. Meiner Meinung nach stößt man hier an die Grenzen seiner körperlichen Fähigkeiten und dies ist einfach eine Herausforderung. Mir hat bisher auch gut gefallen, dass man durch die vielen Sportprüfungen lernt, fit zu bleiben und auf seine Gesundheit zu achten. Auch habe ich durch die Bundeswehr ein Gemeinschaftsgefühl erfahren, welches vermutlich durch ein ziviles Studium nicht unbedingt vermittelt wird. Die Hierarchie ist auch in einem Bundeswehrkrankenhaus komplett anders, es herrscht ein anderes Zusammengehörigkeitsgefühl als in einem zivilen Krankenhaus. Zum Beispiel sind die Schwestern und die Pfleger nicht dem Arzt untergeordnet und müssen nur seine Anweisungen befolgen, sondern alle Angestellte sind auf einer Augenhöhe. Da greift jeder jedem unter die Arme und selbstständiges Arbeiten ist sehr wichtig. Für mich persönlich ist es auch wichtig, dass hinter mir, meiner Tätigkeit als Soldatin und meinem Studium eine Institution steht, auf diese man sich immer verlassen kann. Für jede Studienrichtung gibt es auch Betreuer, sehr ähnlich wie Tutoren, welche immer Rat geben und auch für jede Frage ein offenes Ohr haben. Dadurch erfährt man als Student eine Unterstützung, welche vielleicht in einem zivilen Studium nicht gegeben ist.

Angenommen, die Bundeswehr würde in einem Krisengebiet eingesetzt, könntest Du schon als Ärztin dorthin geschickt werden?

Susanne: Während dem Studium wird man definitiv nicht in den Krieg geschickt, aber wenn man fertig studiert hat, kann es passieren. In der Regel kann man sich aussuchen, ob man geht oder nicht, aber wenn Personalmangel besteht oder man Einsätze mehrere Male hintereinander abgelehnt hat, kann es sein, dass man einfach geschickt wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

* Name geändert

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1 Kommentar:

Vanessa Wolf
Vanessa Wolf

Du vergisst leider zu erwähnen, dass der Bund nicht nur entscheidet, WIE man eingesetzt wird, sondern auch WO.
Dieses WO kann sich alle zwei Jahre ändern, auch wenn man die Möglichkeit hat, einen Antrag auf Beibehaltung des Standortes zu stellen.

Ein Auslandseinsatz von 3Monaten wird auch alle zwei Jahre erwartet.

MFG

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